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skeptisch von zärtlichkeit

The good, the bad, and the ugly aktueller deutscher Lyrik


Ulf Großmann, Axel Helbig (Hg.): Skeptische Zärtlichkeit. Junge deutschsprachige Lyrik.

Leipzig: Leipziger Literaturverlag 2009

Rezensiert von: stefan schmitzer


Wäre das Subsegment des Literaturbetriebs, das „aktuelle Lyrik“ heißt, eine Live-Musiksendung: Niemand, aber auch wirklich niemand würde sich die anschauen. Mainstream-Gitarrenrockbands, Ensembles für hoch anstrengende Kompositionen der neuen Musik (für drei Rasenmäher und Bratsche), volkstümliche Humptatakapellen und Renaissancechöre würden ohne erkennbares Ordnungsprinzip hintereinander über eine leere Bühne getrieben, und ob die Moderation von Florian Silbereisen oder Alexander Kluge besorgt würde (wobei Thomas Gottschalk, Nina Hagen und Johannes Grenzfurthner genauso in Frage kommen), entschiede sich direkt vor Sendebeginn per Münzwurf.

Case in point: Die Anthologie Skeptische Zärtlichkeit. Junge deutschsprachige Lyrik aus dem Leipziger Literaturverlag, die 2009 in der Reihe neue lyrik erschienen ist. Das Buch ist insofern verdienstvoll, als in jeder Hinsicht genau das drin ist, was draufsteht: Um die „junge deutschsprachige Lyrik“ ist es genau so und nicht anders bestellt, wie die Lektüre der Anthologie es nahelegt (vgl. hiezu die einleitende Wackelmetapher); was bedeutet, dass auch der Titel Skeptische Zärtlichkeit selbst, dieses (durchaus in gekonnter Weise) poetisch aufgeblasene Einbekenntnis von Mutlosigkeit und/oder Unbestimmtheit, passender nicht sein könnte.

Einen Pluspunkt gibt es für das Darreichungsformat, das von dem Versuch geprägt scheint, aus dem „Diskurs-ist-doof“-Fahrwasser bzw. dem „Wir-sind-ja-alle-sooo-sensibel“-Fahrwasser rauszukommen. Den Gedichtkonvoluten der einzelnen Autorinnen und Autoren sind poetologische Selbstauskünfte von eher wechselnder Qualität sowie, vor allem, kollegenseitige Einführungen beigestellt, von denen viele überraschenderweise sogar mehr und anderes leisten als gegenseitiges Geschleime. Dieses Format, das manches, was da zu retten war, durchaus rettete, verdankt sich der Entstehung des Bandes: Er bündelt die Beiträge, die genau so in den letzten Jahren in der Dresdner Literaturzeitschrift Ostragehege unter dem Titel der wiederkehrenden Rubrik Lagebesprechung zu finden waren. Und da war allerhand zu finden: The good, the bad, and the ugly.

Vom geradezu paradigmatischen Unfug eines reaktionär raunenden Zauberspruchrevivals, komplett mit „seelenleben alle kretur“ etc. pp. (Dorothea Grünzweig) übers mehr oder weniger hermetische Gedicht aus dem Naturmetaphern-und-Paradoxa-Baukasten, mal eher am „Eigentlichen“, an der gesuchten Metapher und/oder am ephemeren Kleinstempfinden interessiert (z. B. Christian Lehnert, Sepp Mall, Anja Utler, Christian Teissl), mal doch eher, erfreulicherweise, an den Bruchstellen der eigenen Tradition und Sprache (z. B. Steffen Popp, Uljana Wolf, Tom Schulz) übers inhaltlich dominierte Repertoire der lyrischen Familienaufstellung, der Beziehungsarbeit als Arbeit-am-Subjekt (z. B. Beatrix Haustein, Nora Bossong), dessen Ergebnisse frappant zwischen „schmerzhaft relevant“ und „gähnend langweilig“ oszillieren, weil stärker als sonstwo in der aktuellen Lyrik „form follows function“ gilt, bis hin zu den Fortschreibungen ehemals dominanter, inzwischen randständiger Paradigmen, sagen wir „Psychedelik“, sagen wir „Beat“ – mit oder ohne „social“ davor – sagen wir andererseits auch, „Experiment“ (z. B. Crauss, Dan Falbeil, Ulf Stolterfoht): Alles dieses umfasst die Anthologie sowie natürlich noch einiges, das zwischen diesen ganzen Stühlen rumsitzt.

Auffällig ist, dass fast alle Autoren, so unterschiedlich ihre dargebotenen Arbeiten in Herschreibungslinie und Qualität auch sein mögen, in ihren Poetik-Beiträgen (s. o.) unerwartete Einmütigkeit demonstrieren – und das gerade in einem Zusammenhang, in dem man (d. h. ich) eigentlich Potenzial zum ernstlichen Dissens erwartet hätte. In der „jungen deutschsprachigen Lyrik“, soweit sie in Skeptische Zärtlichkeit versammelt ist, scheint nämlich ziemlich flächendeckend darüber Einigkeit zu bestehen, dass die Bedingungen des Lyrikschreibens im Letzten eh nicht verstehbar sind.

Das wird auch schon mal mit Rückgriff auf diverse Mythologien expliziert, z. B. von der erwähnten Doro­thea Grünzweig, die unter Einbeziehung von Elfen [!] und isländischen Huldras das Konzept einer „heiligen Sprache“ entwirft; oder auch, erheblich reflektierter, von Monika Rinck, die bei Hermes, Gott der Lüge, ansetzt, um der notwendig paradoxen Selbstsetzung des lyrischen Ich beizukommen (mit der Scham, die den unaufgegangenen Rest, das „schlechte Gedicht“, begleitet, als zentralem Moment ihrer Überlegungen).

Häufiger aber bleibt die Behauptung letztlicher Unverstehbarkeit des Sprachkunst-Geschehens implizit. Sie zeigt sich (mir) dann als Aspekt eines gewissermaßen gekränkten Gestus, der viele der Selbstauskünfte durchwirkt: Als wäre es bereits eine Zumutung, sich mit so was beschäftigen zu sollen wie dem Umfeld und den Basics, in Bezug auf welche sich das eigene Schreiben abspielt. Das Subjekt arbeite doch bitteschön eh schon schwer genug dran, irgendwas zu empfinden, und dieses Empfundene dann möglichst getreu vermittels der Sprache abzubilden, was wolle man denn noch – mehr sei nicht drin ...

Vermutlich ist es zu weit gegriffen, wenn ich so ein unausgesprochenes Postulat der „impliziten Unverstehbarkeit“ vermute. Worum es geht, ist vielleicht mehr der Konsens, dass „Verstehen“ irrelevant sei, und dass man also in Poetologiebeiträgen Besseres zu tun habe, als sich mit ihm zu befassen – etwa die relativen Meriten der verschiedenen poetischen Register daraufhin zu vergleichen, wie weit sich mit ihnen das evokative Potenzial lyrischer Rede ausreizen lasse (wobei natürlich gegen das Prinzip des Evokativen selbst hier erst mal nix gesagt sein soll).

Und ggf. muss ich sogar noch weiter zurückrudern in meiner Einschätzung. Was mir da aufgefallen ist, kann auch was anderes sein als ein gemeinsames Set poetologischer Grundannahmen („Unverstehbarkeit“ hin, „Evokation“ her). Etwa: Der Umstand, dass die Vertreter der verschiedenen, einander „eigentlich“ ausschließenden Schreib- und Denkweisen sich möglichst nicht mit irgendwelchen allzu definitiven Äußerungen auf die Zehen steigen wollen – mutmaßlich, um die gemeinsame Bühne und Arbeitsumgebung „Lyrikbetrieb“ in ihrem gegenwärtigen Zustand selbst möglichst nicht anzutasten. Denn wer weiß, welche Positionen sich am Ende der Bühne verwiesen fänden.

Dass solche Bühnenverweise nebst anschließender Neugründung alternativer Bühnen durch die Verwiesenen u. U. ein probates Mittel darstellten, um dem eingangs in der Fernsehshow-Metapher karikierten Hauptproblem der „jungen deutschsprachigen Lyrik“ abzuhelfen, denkt sich bloß der Schelm, der eh nicht eingeladen war (= ich).

Um zusammenzufassen: Die Anthologie Skeptische Zärtlichkeit lehrt mich vieles über den Zustand der „jungen deutschsprachigen Lyrik“. Dass sie mich durchaus nicht lehrt, warum das alles irgendwer lesen soll, mag sich genauso gut einem Defekt meiner Wahrnehmung verdanken wie einem Defekt dieser Lyrik oder dieses Lyrikbetriebs als ihrem Kontext. Skeptische Zärtlichkeit richtet sich an dasselbe Publikum wie die Jahrbücher der Lyrik und jüngst Lyrik von Jetzt II, und es wird diesem Publikum kraft seiner Begleittextlastigkeit einige Präzisierungen bieten – richtig Neues wohl nicht, aber was wäre das schon?