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stimmenzeugen, zeitversetzt

Mit Reinhard Wegerth durch drei Jahrzehnte österreichischer Zeitgeschichte


Reinhard Wegerth: Damals und dort. Stimmenroman.

Klagenfurt: Sisyphus Verlag 2010

Rezensiert von: klaus ebner


Drei Jahrzehnte, die Zeit von 1970 bis 2000, das ist der Rahmen, den sich Reinhard Wegerth für sein Buch Damals und dort steckte. Ein „Stimmenroman“, heißt es auf dem Buchumschlag, und spätestens nach ein paar Seiten weiß der Leser, was damit gemeint ist: Im Stimmenroman kommen zahlreiche Personen, aber auch Gegenstände und sogar abstrakte Begriffe zu Wort. Zwar verraten die Kapiteltitel, dass es sich im Folgenden um persönliche Erlebnisse oder Erfahrungen des Autors handelt, doch war dieser so klug, quasi andere für sich sprechen zu lassen, was eine ganz besondere Würze dieses Buches ausmacht. Wo die Gedanken einer Schriftführerin, der Freundin, eines Geheimagenten, Mediensekretärs oder eines griechischen Kleinunternehmens im Bereich des Erwartbaren bleiben, machen den Anfang sogleich ein Dornbusch und eine Bouzouki, ein griechisches Instrument:

Da zeigt heute Abend einer auf mich, Strandschläfer und täglicher Gast, fragt meinen Herrn, den Wirt, ob er auf mir etwas spielt. Früher spielte er gerne auf mir, kenn seine Finger auf meinem Hals und am Bauch, hätte nichts dagegen, dass er mir wieder einmal in die Saiten greift, ist aber derzeit ein Risiko. Die Hippies haben selber Gitarren, sanft deren Saiten verglichen mit meinen, wenn sie abends Donovan spielen, draußen vor der Taverne.

Es wird witzig, wenn das Gangklo über seine Ausstattung mit Klopapier und seine unterschiedlichen Sitzgäste philosophiert oder die gesprungene Küchentür mit Bedauern ihren Tausch registriert. Geradezu bizarr schließlich, wenn eine Talgzyste ihre Rachegelüste nach der Operation erklärt oder die Kondome der Versicherung widersprechen, die nach Verlust des Koffers behauptet hatte, sie seien nicht notwendig. „Kondome, nicht nötig?“, sagen sie, „Da hat die Versicherung aber keine Ahnung!“

Die Lektüre ruft Erinnerungen wach. Ereignisse, die damals bestimmend waren und jene, die es miterlebt haben, für kurze Zeit zurückversetzen. Da war etwa die Diskussion um das Atomkraftwerk in Zwentendorf. Zuerst gebaut, erst dann gefragt. Die Stimmung der Abstimmenden gibt Reinhard Wegerth sehr gut wieder, die oft gehörte Meinung, was viel Geld gekostet hat, müsse auch in Betrieb genommen werden, und den Widerstand der Jungen und der kritisch Denkenden. Wegerth war damals, in seinen literarischen und beruflichen Anfängen, für die Kulturzeitschrift Frischfleisch tätig. Und, wie im Buch beschrieben, traf er offensichtlich mit Bruno Kreisky zusammen, der erst aufgrund der ausbrechenden Diskussionen die Volksabstimmung über die Atomkraft in Österreich anberaumte. Das Ergebnis ist allen bekannt.

Vielen Mitbürgern leider weniger bekannte Ereignisse spinnen sich um den Ortstafelstreit in Kärnten. Was der verstorbene Kärntner Landeshauptmann und seine Mannen jahrzehntelang auf just unverständliche Weise betreiben, nahm in den frühen Siebzigern einen gewaltsamen Anfang. Wieder war es Kreisky, der – selbst in dieser Sache wohl viel zu zögerlich – eine Volksgruppenerhebung in ganz Österreich durchführte. Bei Wegerth spricht die Muttersprache selbst, die slowenische nämlich, die von vielen Nicht-Slowenischsprachigen aus lobenswerter Solidarität angekreuzt wurde. Laut der damaligen Erhebung gab es nämlich in Wien plötzlich viel mehr österreichische Slowenen als in Kärnten.

Natürlich darf auch die Waldheim-Affäre aus den Achtzigern nicht fehlen oder, im selben Jahr, die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Überhaupt passierte 1986 eine ganze Menge, und das riesige Kreuz im Donaupark erinnert nach wie vor an die Papstmesse vor Zehntausenden Menschen: „Bin sehenswert, doch keiner sieht her: Die Ballspieler, Läufer halten die Blicke gesenkt, nur ein Radfahrer, der alle paar Tage durch den Donaupark fährt, sieht her mit einem Grinsen.“ Die Anfänge der Grünbewegung werden wachgerufen. Der Autor hatte an dieser politischen Bewegung seinen Anteil, machte aber auch einen Schritt zurück, als sich die Grünen plötzlich gegen den EU-Beitritt aussprachen.

Vielleicht ist es nicht ganz legitim, die Erzählungen eines Buches so stark in Verbindung mit der Biografie des Autors zu bringen. Doch die Kapiteltitel, die da jeweils mit den Worten „Wie der Autor ...“ beginnen, lassen einem kaum eine andere Möglichkeit. Damals und dort verbindet die historischen Ereignisse stets mit Autobiografischem, mit humorigen und mitunter äußerst privaten Details, die aus diesem Buch ein sehr persönliches machen. Wegerths Vorliebe für „klimatisch begünstigte Inseln“ verrät bereits der Klappentext. Und die Geschichten, vielstimmig erzählt von Gegenständen und Personen, führen uns in der ersten Hälfte des Buches vor allem nach Griechenland, in der zweiten dann eher nach Spanien und Mexiko. Wir denken zwangsläufig an Urlaub und an gutes Essen, doch ist der Blick des Schriftstellers stets auch ein kritischer. Die Verbauungen der griechischen Inseln zugunsten des Massentourismus fallen dem ehemaligen Rucksackreisenden natürlich auf. Und selbstverständlich darf nachgehakt werden, wenn schon die Einheimischen so offenherzig von der Herkunft der mexikanischen Mestizen sprechen.

Reinhard Wegerths Stimmenroman lässt andere sprechen. Sozusagen. Innerhalb der kurzen Kapitel arbeitet der Autor häufig mit Wiederholungen, die nicht nur Satzteile, sondern mitunter ganze Absätze betreffen. Sie verstärken Eindrücke, Empörung oder Verwunderung. Obwohl es sich um keinen Roman im herkömmlichen Sinn handelt, ist dieses Buch erfrischend leicht zu lesen, und wohl jeder, der diese drei Jahrzehnte oder zumindest einen Teil davon miterlebt hat, findet sich in gewisser Weise wieder.