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strickliesel und faule susanne

markus krajewski | strickliesel und faule susanne

Der Weg in die Selbstbedienungsgesellschaft

Kurz vor dem Kollaps der alten Weltordnung, in den letzten Monaten der mitteleuropäischen Monarchien, mit deren Untergang ganze Hofstaaten und die dort angestellten Diener von einem Tag auf den anderen in die Beschäftigungslosigkeit abgleiten, erscheint in einer amerikanischen Zeitschrift eine Werbeanzeige. In der Dezemberausgabe jenes populären Magazins, das sich überaus treffend nach William Thackerays Roman Vanity Fair benennt, bewirbt das New Yorker Warenhaus Lewis & Conger ein neues Haushaltsgerät, einen „Revolving Server or Lazy Susan“. Bei diesem Gerät handelt es sich um einen runden, drehbaren Tischaufsatz aus Mahagoniholz, der bereitwillig verschiedenste Speisen und Getränke aufnimmt, um ganz ohne Interventionen eines menschlichen Aufwärters die Tischgesellschaft mit den unterschiedlichen Gerichten während einer (mehrgängigen) Mahlzeit zu versorgen. Vorderhand könnte die „Lazy Susan“ als ingeniöse Verkaufsbezeichnung für einen simplen hölzernen Tischaufsatz des Kaufhauses Lewis & Conger durchgehen, das neben dem „Revolving Server“ noch allerhand andere dienstbare Geräte als Weihnachtsgeschenkempfehlung anbietet. Allerdings verrät nach einigem Durchblättern des Magazins eine viel unscheinbarere Anzeige wenige Seiten zuvor, dass dieses Objekt keineswegs dem besagten Kaufhaus seine eigentümliche Bezeichnung verdankt. In der Vorweihnachtszeit des vorletzten Kriegsjahres 1917 scheint man zumindest in Midtown Manhattan allerorten auf diese anspruchslosen Bedienten zu treffen. Einige Blocks weiter, auf der Fifth Avenue, stellt eine Anzeige von Ovington’s Kaufhaus mit Blick auf Artikel Nr. 365 die (finanziellen) Vorteile dieses eigenartigen Dings unverblümt heraus:

$ 8.50 forever seems an impossibly low wage for a good servant; and yet here you are; Lazy Susan, the cleverest waitress in the world, at your service! The mahogany tray (16“ in diameter) mounted upon base, revolves on ball bearings – to help you serve things easily.

So schlicht diese „Erfindung“ auf den ersten Blick wirkt, so paradigmatisch steht sie dennoch für jenen Ersetzungsprozess, dem die Organisation der domestikalen Aufgaben in den Haushalten nach der Jahrhundertwende 1900 unterliegt. (Männliche) Bediente wie der Butler sind infolge des Krieges äußerst knapp geworden. Aufgrund des eingeschränkten Angebots, für den eigenen Komfort überhaupt noch Domestiken „halten“ zu können, sucht man daher nach neuen Mitteln, die gewohnt bequeme Versorgung der Herrschaften durch geeignete mechanische Gerätschaften zu ersetzen.

Die Namen der Geräte, die man anstelle der im Verschwinden begriffenen Dienstboten zu positionieren sucht, orientieren sich gleichwohl an den Bezeichnungen dieser Agenten, auf deren tatkräftige Hilfe man alsbald nicht mehr zurückgreifen kann. Die vormals auch als „Server“ bezeichneten humanoiden Aufwärter bei Tisch etwa erscheinen daher in erstarrter Form, als hölzerne Konstrukte, die ihren Dienst so bescheiden, stumm und ungehört versehen wie es ihren Widerparts aus Fleisch und Blut nur im Idealfall gelingt. Was liegt also näher, als einen rotierenden Tischaufsatz in Reminiszenz an widerwillig aufwartende Bediente kurzerhand „Lazy Susan“ zu taufen? Beide Worte jener eigentümlichen Bezeichnung verweisen jedes für sich auf die lange Problemgeschichte der Diener im Haushalt. Während „lazy“ ohne Zweifel eine notorische Beschwerde referenziert, der sich Bedienstete immer schon ausgesetzt sehen, spielt der Name „Susan“ auf eine für das 18. Jahrhundert in England typische Sammelbezeichnung an. Analog zu der Praxis in Goethes Haus am Frauenplan, wo die über die Jahre wechselnden Diener konstant „Carl“ genannt werden, leugnet diese Anrufungsform auch anderswo die Subjektivität der Subalternen, um ihnen stets gleich gehaltene Rufnamen wie „Susan“, „Lisette“, „Picard“, „Mary“, „Johann“ oder „James“ aufzuerlegen. Das in Vanity Fair nicht ohne einen despektierlichen Beigeschmack als „Lazy Susan“ bezeichnete Ding ist freilich alles andere als eine neue Erfindung. Bis zu den Anzeigen von 1917 firmiert ein solches Tischobjekt jedoch unter dem ungleich älteren Begriff „dumb-waiter“ oder „stummer Diener“, wobei es seinen Platz nicht nur neben so verschiedenen Gegenständen wie Garderobenständerkonstruktionen und dreh-, schwenk- oder fahrbaren Beistelltischchen oder Lastenaufzügen für Speisen und Getränke behauptet. Zusammen mit diesen anderen Utensilien reiht es sich vielmehr noch ein in jene lange Tradition in Sachen Haushaltshilfen, die – so weiß es das Oxford English Dictionary – spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts für dieses Ensemble an Dingen die Bezeichnung „dumb-waiter“ gebraucht.

Der Grund, warum auf den ersten Blick so disparate Dinge wie ein Kleiderständer, ein Tischaufsatz, eine mobile Regalanordnung oder ein kleiner Lastenaufzug allesamt unter der Sammelbezeichnung stummer Diener rubriziert werden können, scheint offenkundig. Bieten all diese Objekte doch in ihrer geduldigen, starren Art den Benutzern die Möglichkeit einer willfährigen Handhabung, die zumindest vordergründig frei von den vielfältigen Störungen oder Widrigkeiten bleibt, die im Umgang mit menschlichen Dienern stets zu erwarten sind. Die eingängige Bezeichnung funktioniert dabei als ein Überbegriff für allerhand klassische Tätigkeiten von Subalternen, deren Ausführung, beispielsweise den Mantel in Empfang zu nehmen, Mahlzeiten zu servieren oder ohne Umstand oben und unten in Verbindung zu bringen, man nunmehr unbeseelten Objekten überantwortet.

Auch wenn der Grund allzu leicht ersichtlich erscheint, die technischen Statthalter in unmittelbarer Analogie zu ihren schwindenden humanoiden Vorbildern als „stumme“ Diener zu bezeichnen, wirft ein genauerer Blick auf diese seltsamen Objekte sogleich eine Reihe von Problemen auf. So ließe sich zum einen fragen, ob die zeitliche Abfolge innerhalb der Kausalkette, nach der technische Objekte die immer knapper werdenden menschlichen Dienst-Subjekte ersetzen, nicht ebenso umgekehrt gilt. Das heißt, inwieweit trägt die fortschreitende Mechanisierung der Haushalte dazu bei, die angestammten Aufgaben von Domestiken allmählich zu verdrängen? Und inwieweit bleibt dann die suggestive Ursache-Wirkungs-Relation noch plausibel, die in der Bezeichnung „stummer Diener“ für ein Objekt zur Anwendung gelangt? Zum anderen ließe sich fragen, mit welchem Recht das Epitheton „stumm“ auf das eigenartige Ding zutrifft und in welchem Verhältnis dienstbare Agenten, und zwar unabhängig von ihrem Status als Subjekte oder Objekte, seit jeher zur Stummheit stehen. Träfe das Attribut „taub“ nicht eher zu auf jene Unzulänglichkeit, die willige Dinge im Gegensatz zu ihren humanoiden Widerparts zu verbessern versprechen?

Klassischerweise bleibt der menschliche Diener stumm. Sein Handlungsideal ist die geflissentliche Schweigsamkeit, die er von seinen antiken Vorbildern, den Aufwärtern bei den Trinkgelagen in Athen und den Festschmausen in Rom, erbt. Nur folgerichtig haben die dienenden Sklaven in der griechischen Tragödie nahezu ausnahmslos eine randständige Funktion inne. Ihre Aktionen folgen dabei einer typischen Grammatik der dramatischen Technik: Sobald ihnen ein Befehl erteilt worden ist, gilt es, dieser Anweisung unverzüglich oder allenfalls mit geringer Verzögerung nachzukommen. Keine Zeit für Diskussionen. Worte sieht das Skript für sie nicht vor. Mögliche Reaktionen können die namenlosen Bedienten in ihren schweigsamen Rollen nur gestisch artikulieren, die wiederum von anderen Akteuren kommentiert und somit reflektiert werden. Ihr Spiel erschließt sich demnach nur indirekt, sprachlich bleiben sie unwahrnehmbar.

Stummheit ist eine Tugend, Taubheit ein Problem. Sie müssen hören, um zu gehorchen. Jedes zufällige Räuspern, jedes Hüsteln, jedes unbeabsichtigte Schniefen, das den sklavischen Aufwärtern entweicht, droht mit einer rigiden Strafe belegt zu werden, wie Seneca in einem Brief, Ep., 47., 2-3, vermerkt:

Mit der Rute wird jedes Flüstern unterdrückt. Und nicht einmal Unwillkürliches bleibt von Schlägen verschont, Husten zum Beispiel, Niesen oder Schluckauf. Mit einer gewaltigen Tracht Prügel muß einer büßen, wenn die Stille durch irgendeinen Laut unterbrochen wurde. Die ganze Nacht über stehen sie da, nüchtern und stumm.

Nicht nur in der antiken Literatur oder Malerei sind solche Szenen festgehalten, die jene helfenden Hände diverser Ausschweifungen zeigen, sondern auch in der bildenden Kunst, die damit gleichsam eo ipso den Übergang von Repräsentationen im Imaginären (also in bildlicher Darstellung) oder im Symbolischen (das heißt von Literatur und Texten) zum „stummen Diener“ im Realen, also den Weg zum materiellen Objekt einleitet. In seiner kunstgeschichtlichen Einordnung von vier unbekleideten Jünglingsstatuen, die auf die mittlere bis späte Kaiserzeit zu datieren sind, weist Norbert Franken 2004 in einem Aufsatz in der Zeitschrift Antike Kunst auf diese bisher kaum beachtete Gerätegattung hin: „Tischdiener“. Jeder der Jünglinge trug in seiner „dienenden Haltung“ auf ausgestreckten Armen vermutlich eine Schale oder ein Tablett, das zur Aufnahme von Speisen oder als Lampenständer hergehalten hat. Neben verschiedenen Formen der Erleuchtung dienen also bereits im 1. Jahrhundert anthropomorphisierte Skulpturen klein skalierter Subalterner dazu, das Aufwarten bei Tisch zu erleichtern und mithin die Behaglichkeit zu steigern. Diesen Dingen wohnt, Eduard von Keyserlings Psychologie des Komforts von 1904 zufolge, nichts weniger als ein spezifisches Moment des Trosts inne, das den antiken Herrn jenseits aller Schwierigkeiten in der Konfrontation mit allzu redseligen Bedienten zu besänftigen weiß: „die stummen Sachen mußten ihn unterhalten. Viele Geräte beengten ihn, aber die[,] welche ihn umgaben, mußten unterhaltend sein, daher die starke Belebtheit in den Formen der antiken Möbel und Geräte.“ Ob diesen Dingen nun jedoch eher das Attribut „taub“ als „stumm“ zukommen mag, bleibt schwierig zu entscheiden. Einerseits besteht einer ihrer Vorzüge darin, dass die Gefahr für die Herrschaften, von ihren Objekten verraten oder diskreditiert zu werden, gering bleibt. Während man beispielsweise im vorrevolutionären Frankreich noch sicher sein konnte, dass sich unter der eigenen Dienerschaft mindestens eine Person befindet, die mit der Polizei kooperiert, plaudern diese Dinge nicht. Andererseits, wenn „stumme Diener“ als Skulpturen „unterhalten“ können, sollten sie vielleicht doch eher „taube Untergebene“ heißen. Denn zu den Eigenheiten dieser Dinge zählt, auch auf noch so deutlich artikulierte Kommandos für gewöhnlich nicht zu reagieren. In manchen herrschaftlichen Haushalten, die zu ihrer Bequemlichkeit selbstverständlich Dienstboten beschäftigen, geht das vorrangige Interesse dahin, die Subalternen vor allem „auf Abstand zu halten“. Einer der berühmtesten Vertreter dieser Spezies, die im Bedienten eine beständige Quelle für Störungen aller Art sehen, ist der dritte Präsident der Vereinigten Staaten und der maßgebliche Autor der Unabhängigkeitserklärung, die unter diesem Gesichtspunkt mithin in einem anderen Licht erscheinen mag. Für Thomas Jefferson, der als Erfinder und Verbesserer diverser technischer Gerätschaften wie beispielsweise einer Makkaronipresse, einer Kopiermaschine oder einer Pflugschar nicht zuletzt eine besondere Passion für seine eigene Unabhängigkeit von menschlichen Medien wie den Dienern entwickelt, misstraut seinen schweigenden Domestiken derart, dass er sie im Nahbereich vollständig – abgesehen von den weiblichen, die ihm zu anderen Dingen gereichen – durch nicht-menschliche Akteure zu ersetzen sucht. „Nothing is a greater restraint on the freedom of conversation, which, to me, is the chief pleasure of the social board, than the attendance of a number of servants“, bemerkt Jefferson gegenüber seiner Zeitgenossin Margaret Bayard Smith. Die Freiheit der Unterhaltung darf tunlichst nicht durch politisch liberalisierte, stille, nichtsdestoweniger höchst aufmerksame Individuen gestört werden. Smith erinnert sich:

When he had any persons dining with him, with whom he wished to enjoy a free and unrestricted flow of conversation, the number of persons at table never exceeded four, and by each individual was placed a dumb-waiter, containing every­thing necessary for the progress of the dinner from beginning to end, so as to make the attendance of servants entirely unnecessary, believing as he did, that much of the domestic and even public discord was produced by the mutilated and misconstructed repetition of free conversation at dinner tables, by these mute but not inattentive listeners.

Ein Besuch auf dem Landsitz des Präsidenten in Monticello in Virginia macht es augenscheinlich: Um ein bequemes Abendessen mit Gästen, jedoch ohne Bediente absolvieren zu können, befinden sich neben den vier Beistelltischen verschiedene weitere Vorrichtungen im Speisezimmer installiert, die dazu dienen, die Domestiken auf Distanz zu halten und das Aufwarten telematisch zu erledigen. So gelangt der Nachschub an geistigen Getränken über einen anderen Subtyp des „stummen Dieners“, den Lastenaufzug, direkt aus dem Weinkeller nach oben ins Zimmer der Abendgesellschaft, während die einzelnen Gänge des Menüs mit Hilfe einer Spezialkonstruktion in den Raum befördert werden, die verhindert, dass überhaupt ein Subalterner das Zimmer je betreten muss. Auf der Rückseite einer vorderhand konventionellen Tür verbirgt sich ein Regalsystem, das die nunmehr entfernten Aufwärter von der anderen Seite befüllen oder leeren, um sodann diese zentral aufgehängte sogenannte „revolving serving door“ zu schwenken und das Speisezimmer auf diese Art wahlweise mit einem neuen Gang oder dem Anschein einer geschlossenen Tür zu versorgen, an der sie zudem wegen des Regals nicht mehr so leicht lauschen können.

Ähnlich wie bei der Tapetentür in den barocken Schlossanlagen erschließt sich der Doppelcharakter dieser Wandschleuse erst auf den zweiten Blick. Im Gegensatz zu einer gewöhnlichen Tür kennt dieses sonderbare Bauelement jedoch drei Zustände. Zum einen handelt es sich selbstredend um eine herkömmliche Tür, die man im geschlossenen Zustand von ihren konventionellen Geschwistern nicht zu unterscheiden vermag. Passieren lässt sie sich jedoch lediglich im halb geöffneten Zustand, einen hinreichend schmalen Körperbau vorausgesetzt, in dem man zwischen der mittig aufgehängten Drehachse und dem Rahmen hindurchschlüpfen kann. Und schließlich verwandelt sie sich vollends in ein Regal, das zum Tischlein-Deck-Dich-Spiel im Speisezimmer beiträgt, sobald sie von hinten angefüllt und reichlich mit Speisen versehen in ihren dritten Zustand einrastet. Diese Tür funktioniert als eine semipermeable Durchreiche, die trennt und zugleich eröffnet, die verbirgt und serviert, wenn sie nicht gerade in ihrem hybriden Zwischenzustand, der sie zu drei Dingen gleichzeitig macht – halb Durchgang, halb Verschluss und vollständiges Regal – die Blockung beider Seiten aufgibt und einen Zugang gestattet.

Zugleich implementiert Jeffersons „revolving serving door“ dabei den abwesenden Aufwärter in dinglicher Gestalt; ein nicht-menschliches Wesen wird an den Platz des sprechenden und (vermeintlich be-)lauschenden Domestiken gesetzt. An die Stelle des humanoiden Dieners ist ein technisches Gerät getreten, stumm und sperrig, hochspezialisiert und doch flexibel genug, um zur Freude seines Herrn allerhand Speisen zu servieren oder unmerklich abzuräumen. Bruno Latours Antwort in seiner Soziologie eines Türschließers auf die Frage, woraus eine Gesellschaft besteht, findet in der Anordnung von Jeffersons Tischgesellschaft und ihrer Umgebung, mit dem Ensemble aus Gastgeber, Gästen und allerhand „stummen Dienern“ eine beispielhafte Umsetzung. „Wir haben es mit Figuren, Delegierten, Repräsentanten oder – schöner ausgedrückt – mit „Leutnants“ (aus dem Französischen „lieu“ und „tenant“, d.h. jemand, der den Platz für jemanden frei oder von jemandem besetzt hält) zu tun, einige figurativ, andere nichtfigurativ, einige menschlich, andere nicht-menschlich, einige kompetent, andere inkompetent.“ Freilich heißt das nicht, dass die menschlichen Domestiken aus Jeffersons Tischgesellschaft ganz verschwunden wären. Nur aus dem Wahrnehmungsbereich der Tafelnden sind sie verbannt, weil ihre exklusive Tätigkeit des Aufwartens mit dem Misstrauen einer zusätzlichen Dienstleistung, dem Abhören für einen Dritten, nicht vereinbar ist. Das Defizit dieser Zusatzleistung kennt die maschinisierte Variante des Aufwärters nicht. Der „stumme Diener“ verfügt im Gegenteil über eine spezifische Qualifizierung, die ihn gegenüber den menschlichen Medien aufwertet: Durch seine Spezialisierung auf einige rein mechanische Tätigkeiten, verbunden mit einer Ausblendung sensorischer Kanäle – welcher nicht-menschliche Domestike könnte jenseits der Robotik tatsächlich hören, sehen, riechen, schmecken, fühlen –, gerät der „dumb-waiter“ zur Erlösung aus einer Zwangslage, die Diskretion an starre Mechanismen delegiert. Nochmal Latour: „Maschinen sind Lieutenants; sie halten Plätze und die ihnen delegierten Rollen“. Mit dieser Delegation der Handlungsmacht von Menschen an die Dinge geht jedoch zugleich eine Beförderung der Dinge in eine privilegiertere Position einher.

So wie dem in seinen Rechten beschränkten Subalternen vor der Aufklärung, bevor er zum Dienstsubjekt und das Domestikentum zur Profession erhoben wird, eher ein Objektstatus zukommt, so verlagert sich dieser Dienstobjektstatus vom menschlichen Bedienten auf die Dinge. Beistelltische oder Lastenaufzüge, „dienende Drehtüren“ oder Kleiderständer ersetzen die Handlungen vormals menschlicher Wesen und werden zu Delegierten, die permanent, mit der unablässigen Geduld von Aufwärtern im Abwarten, erstarrt zu hölzernen oder mechanischen Konstruktionen die Positionen jener Menschen besetzen, die in die fernere Umgebung wie Küchenkeller oder Korridore verbannt sind.

Für die Befehlenden macht dieser epistemische Wechsel allerdings kaum einen Unterschied. Für den Gebieter ist der Effekt seiner Bedienung, sieht man von minimalen Veränderungen in der Bedienbarkeit seiner Helfer ab, stets derselbe. Aus der Herrenperspektive, im kalten Blickwinkel des Benutzers, ist die fragliche Differenz zwischen Subjekt und Objekt, ob der Diener nun eine Maschine sei, oder aber ein Dienst immer schon maschinell erfolgt, ohnehin längst kollabiert. Für Eduard von Keyserling ist der Unterschied längst einerlei: „Alles, was bedient, Mensch und Sache, nimmt wieder die stumme Präzision des Mechanismus an. [...] Das Instrument wird gleichgültig, nur auf den Effekt kommt es an.“ Vom Kellner wird nicht etwa verlangt, dass er eine schillernde Persönlichkeit sei.

Der „dumb-waiter“ steht sowohl symbolisch als auch ganz praktisch ein für jenen weitreichenden Übersetzungsprozess, im Zuge dessen die störenden Domestiken zu Geräten werden. So wie dem „humble servant“, also dem „unterthänigsten Diener“ gleichermaßen wie dem linkischen, ungelenken, unbeholfenen Subalternen zu einer weiteren Stufe seiner Sinnestrübung verholfen wird, indem er zum Mechanismus verstummt, so hält in die mechanisch wie elektrisch allmählich aufgerüsteten Zimmer langsam ein neues Paradigma seinen Einzug, das die (Tisch-)Gesellschaft zu einer soziotechnisch vermittelten Gemeinschaft verbindet.
Das Bestreben des amerikanischen Präsidenten, seine Untergebenen mit Hilfe zahlreicher „dumb-waiter“ aus dem unmittelbaren Gesichtsfeld zu verbannen, stellt trotz der sonderbaren Invention Jeffersons keineswegs eine Ausnahme dar. Das Störungspotential durch Subalterne scheint sich aufseiten der Herrschaften im viktorianischen Zeitalter zu einer regelrechten Paranoia auszuwachsen. „Die Speisen werden schnell auf- und abgetragen, man kann den Wein nicht genießen, der beste Bissen bekommt Flügel, sowie man nur einen Augenblick wegschaut oder mit dem Nachbar spricht“, beklagt sich ein ungarischer Diplomat, dem die Ehre eines habsburgischen Galadinners mit Kaiser Franz Joseph zuteil wird. So nimmt es nicht wunder, dass die Klage über Dienstboten zum Topos der höheren Gesellschaft gerät und sich in die Unmittelbarkeit von Bedienungen nunmehr verschiedene Zwischenstationen in Form technischer Medien einschalten.

Mit der Ersetzung menschlicher Dienstagenturen durch ihre technischen Pendants, die mit der Terminologie des „stummen Dieners“, der „Strickliesel“ oder der „Lazy Susan“ eine unzweideutige Erinnerung an ihre humanoiden Ursprünge weitertragen, bleibt ein doppeltes Versprechen verbunden. Einerseits scheint die unirritierbare Dienstfertigkeit, die man von seinen zuverlässigen Aufwärtern gewohnt ist, beim Betrieb der neuen Gerätschaften ebenso gewährleistet zu bleiben wie andererseits ein ungeschmälerter Komfort, dessen mögliche Einbuße den Innovationsbestrebungen des modernen Haushalts zuwider liefe. Dieses zweifache Versprechen trägt derweil zu nicht geringen Teilen dazu bei, dass die (einstigen) Herren weniger ihre Subalternen selbst als lediglich die Referenten ihrer Bedienung auswechseln. Ein Butler oder „valet“ mag entlassen werden, die Abhängigkeit von Agenturen der Bedienung aller Art bleibt dabei jedoch ungebrochen bestehen; sie verschärft sich sogar, weil die Freiheitsgrade der Bedienbarkeit, wie sie im gesprochenen Wort gegen den humanoiden Untergebenen noch wirksam sind, durch die limitierten Handlungsprogramme, die in den Gerätschaften implementiert sind, entsprechend stark beschränkt werden. Während ein Aufwärter bei Tisch gelegentlich ebenso als Briefträger einzusetzen ist, fällt es schon schwerer, die eigene Post durch einen „stummen Diener“ zustellen zu lassen.

Das Angewiesensein auf Zuarbeit oder eine vermeintliche Arbeitserleichterung in Form technischer Gerätschaften täuscht daher nur allzu leicht darüber hinweg, dass mit der Durchsetzung dienstbarer Dinge im domestikalen Kontext die tatsächliche Bedienung durch die Geräte keineswegs so allumfassend oder vollständig vonstatten geht wie zu Zeiten eines „full service“ mit Hilfe humanoider Subalterner. Sei es durch diverse Unvollkommenheiten in ihrer Handhabung oder durch allenthalbe Störungen während des Betriebs, oder sei es durch eine ungenügende Arbeitsersparnis, die mit den technischen Neuerungen einhergeht, die Geräte fordern den Benutzern gleichsam ihrerseits eine Verbeugung vor dem Apparat ab. Mit dem verstärkten Einzug der Technik in die Haushalte um 1900 ist für die Bürger nolens volens ein neues Paradigma der Selbstbedienung verknüpft, deren Unausweichlichkeit die verheißungsvollen Innovationen einer Herrschaft der Mechanisierung allenfalls zu Beginn noch überspielen können. Weitestgehend unbemerkt – zumindest werden etwaige kritische Stimmen vom Diskurs einer überwiegend wohlmeinenden bis euphorischen Technikaffirmation überlagert – etabliert sich das neue Paradigma einer Selbstbedienungsmentalität, die von der fröhlichen Freiwilligkeit bestimmt ist, sich den Handlungsprogrammen der mechanischen Dienstagenturen unterzuordnen, die deren Entwickler wiederum in die Geräte eingeschrieben haben. Im routinierten Gebrauch von Haushaltsgeräten wie der „Lazy Susan“ oder einer Universalküchenmaschine namens „Kitchen (M)Aid®“, einer „revolving serving door“ oder einer Modelleisenbahn zu Tisch wie in Buster Keatons Electric House von 1922 wird offenkundig, dass man statt wie zuvor den Dienern nunmehr den Dingen unterworfen ist. Alles hängt von der richtigen Bedienung der „stummen Diener“ ab, die nun allerdings von den Damen und Herren selbst erwartet wird. Die Abhängigkeit bleibt damit konstant, an Widerstand ist kaum zu denken. Denn der Weg zurück in einen status quo ante erweist sich dabei als zunehmend verbaut durch die feinmaschigen Netze der Elektrizität (und später: der Elektronik), die sich immer weiter entspinnen und sich längst schon in den von humanoiden Gehilfen entvölkerten Gemächern ausgebreitet haben.