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wir haben es gut mit diesem hummer

Eine Enzyklopädie der Verschrobenheiten


Nora Gomringer & Michael Stauffer: Kleine Menschen

Luzern: Der gesunde Menschen­versand 2010

Rezensiert von: stefan abermann


Für die Hör-CD Kleine Menschen haben sich zwei Ausnahmetalente der (gesprochenen) Literaturszene zu einem schweizerisch-deutschen Joint Venture vereint: Nora Gomringer und Michael Stauffer. Eines vorweg: Das Experiment ist geglückt, und das liegt nicht nur am virtuosen Vortrag der Texte durch die Autoren. Gomringer und Stauffer schleichen sich wie ein Expeditionsteam an die kleinen Menschen an und dokumentieren mit scharfem Blick den Lebenslauf dieser possierlichen Spezies. Die 17 Tracks der Platte lassen den Lebenslauf eines solchen Tierchens gut mitverfolgen: Man fängt beim Sex an, hört beim Tod auf und ärgert sich in der Zeit dazwischen darüber, dass die Nachbarn das eigene Haus nicht schön finden („Es hat ein Dach, ja, das schon. Und sonst?“) oder erfolgreicher sind als man selbst („Der hat doch nichts dafür gemacht, dass der da hingekommen ist!“). Und dass man einen Verstorbenen nicht mehr fragen kann, wo er denn bitte das Sparbuch versteckt hat, das nagt auch an den Eingeweiden so eines kleinen Menschen, wenn er sich auf den Weg zum Jahrestreffen seines Pudelzüchterclubs macht. Kurzum: Nichts ist einfach, alles ist schwer. Dabei will so ein kleiner Mensch ja nichts anderes als ein kleines Stück vom großen Glück. Oder, wie das ein kleiner Mensch sagen würde: „Ich will doch das auch! Ich will doch diese Hummer-Schweine-Steaks auch!“

Mit der Trendgruppe der „neuen Spießer“ stellen Gomringer und Stauffer hier einen Menschentyp bloß, der sonst gern andere bloßstellt. Wobei das Allerschlimmste eigentlich die Tatsache ist, dass diese kleinen Menschen so unfassbar „normal“ und ihre kleinen Menschlichkeiten schon massentauglich erscheinen. Unausweichlich zieht man den Schluss, dass eigentlich in uns allen ein solcher kleiner Mensch steckt, bzw. lauert, nur darauf erpicht, endlich selbst das Hummer-Schweine-Steak bezahlen zu können, von dem jeder glaubt, dass es ihm zusteht.

Gomringer und Stauffer zeigen die Lächerlichkeit der scheinbaren Alltäglichkeiten und die Hässlichkeit der Fassaden. Und sie tun dies mit einer Unmenge an Wortwitz, Liebe zum (sprachlichen) Detail und entblößender Beobachtungsgabe. Immer wieder entlarven sie die zahllosen „Notwendigkeiten“ des kleinmenschlichen Lebens als bloße Posen und hebeln die zahllosen kleinbürgerlichen Worthülsen mit Humor aus. Dabei changiert man mühelos zwischen unterschiedlichen Textsorten – mal bedient man sich des lieblichen Erzählwerkzeugs der Märchen, mal donnert Stauffer cholerisch durch einen Ereiferungsmonolog, mal zelebriert man enzyklopädische Sachlichkeit. Und am Ende bleibt ein Porträt des kleinen Menschen: ein zynisches, übertriebenes und verzerrtes, das jedoch gerade deshalb so treffend ist.

In allem Spott schwingt jedoch auch ein wenig Mitleid mit. Denn irgendwie hat es auch eine tragische Komponente, wenn der Tod im Flugzeug das Höchste ist, was so ein kleiner Mensch erreichen kann. Das bewahrt die CD gleichzeitig davor, Opfer der eigenen Kritik zu werden und nicht beim Karikieren der Spießer spießig zu wirken. Man muss eben auch etwas Verständnis für das Menschliche im Kleinen haben. Denn kleine Menschen haben es schwer. Dafür ist es umso leichter, diese CD zu genießen.