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zärtliches pingpong

Über die Liebeslyrik von Maria Seisenbacher und Hermann Niklas


Maria Seisenbacher, Hermann Niklas: Konfrontationen. Gedichte 2005-2008. Artwork von Goto

St. Pölten: Literaturedition Niederösterreich 2009

Rezensiert von: andrea stift, andreas unterweger


Warum arbeiten Andrea Stift und Andreas Unterweger in ihrer ersten gemeinsamen Rezension mit kommunizierender Kritik in Form von abwechselnden Wortmeldungen, die sich als spezielle kritische Dialogform verstehen?

Wie bitte?

Andrea, meine Frage ist eine Variation auf den ersten Satz des Buchs, das wir besprechen. Du sollst sagen: Weil auch „Hermann Niklas und Maria Seisenbacher [...] in ihrem ersten gemeinsamen Gedichtband Konfrontationen mit kommunizierender Lyrik in Form von Antworten [arbeiten], die sich als spezielle lyrische Dialogform verstehen“. Verstehst du?

Aber das stimmt ja nicht.

Wie bitte?

Wir machen diese Rezension ja nicht deshalb gemeinsam, sondern weil wir immer wieder einmal Sachen zusammen machen. Und weil wir schon beim Viertelfestival 2008 „kommunizierende“ Prosatexte der beiden vortragen durften, die uns gut gefallen haben.

Na, ich habe eben gedacht, wenn wir so anfangen, wie ich gedacht habe, dann kommt die Rede gleich auf das Konzept des Gedichtbands – das ja sehr ungewöhnlich ist.

Allerdings. Niklas und Seisenbacher gehen so vor: ausgehend von einem gemeinsamen Erlebnis, schreibt einer der beiden ein Gedicht – auf das der andere, wieder in Form eines Gedichts, antwortet. Was dann wiederum eine lyrische Antwort zur Folge hat. Niklas´ Texte im Buch sind regulär gesetzt, Seisenbachers kursiv. Das Schöne daran ist, dass die beiden, ganz anders als wir zwei, ein Liebespaar sind.

Genau. Es handelt sich um kommunizierende Liebeslyrik. Etwas sehr Seltenes – in der Regel ist es ja so, dass einer (meist ein Mann) für den anderen (meist: die andere) schreibt. Dante für Beatrice. Petrarca für Laura. Klaus Theweleit hat herausgearbeitet, welch grausame Tendenzen einem solchen Verfahren zugrunde liegen können: der eine spricht/schreibt (lebt), weil die andere schweigt (wie ein Grab). Dinge, über die man sich im Klaren sein sollte, wenn man sich an etwas Ähnlichem versucht. Für Liebeslyrik, in der beide Partner gleichberechtigt zu Wort kommen, fallen mir ad hoc jedoch kaum Beispiele ein. Vielleicht der Briefwechsel von Goethe und Marianne von Willemer – deren Gedichte dann freilich als „echte Goethes“ in den West-östlichen Divan eingegangen sind. Auch bei anderen schreibenden Paaren, etwa Celan und Bachmann oder auch Rimbaud und Verlaine, dürfte es vergleichbare Ansätze gegeben haben. Aber als Konzept für ein ganzes Buch ist diese Idee – für mich zumindest – neu.

Und es ist eine wunderbare Idee! Wenn sich zwei für das Gleiche begeistern, das gemeinsam ausleben können und damit dann auch noch ihre Beziehung abbilden, das muss doch ein sehr schöner Prozess sein. Um dieses Hin und Her, dieses zärtliche Pingpongspiel, habe ich die beiden beim Lesen richtig beneidet.

Pingpongspiel trifft es gut. Tatsächlich spielen sich Niklas und Seisenbacher Bilder und Motive wie einen Ball zu. Während der eine den Ball als Topspinn-Vorhand übers Netz kracht, spielt ihn die andere als Slice-Ballonball zurück. So wird etwa das zerbrechliche Straußenei aus dem einen Gedicht im nächsten zum aufschlagenden Kopf, dann zum Kopfloch, zum Krater, Spaltkopf usw. Ein beeindruckend dichtes Motivgeflecht – oder, um beim Bild zu bleiben: ein Match mit zahlreichen packenden Ballwechseln ...

... oder Konfrontationen. Trotzdem ist mir der Titel etwas zu sehr auf Kontrast bedacht. Ich hätte dem Buch einen etwas liebevolleren Namen gegeben.

Die Betonung des „Gegeneinander“ fällt schon in den poetologischen Statements zu Beginn auf. Ich habe diese Art des Aufeinanderprallens jedoch nicht nur als lieblos empfunden – in den Gedichten scheint es auch erotisch konnotiert zu sein.

Und es handelt sich auch um das Aufeinanderprallen zweier Sprachen – seine: konkret im Benennen, sehr körperlich, fast pushy ...

... ihre: filigraner, unbestimmter, „lyrischer“ ...

... – bis tatsächlich, wie anfangs als Ziel vorgegeben, „eine gemeinsam fremde Sprache“ entsteht. Tatsächlich werden die „Stimmen“ der beiden gegen Ende des Buchs einander immer ähnlicher – und die Texte immer kürzer: als ob es dann nicht mehr so vieler Worte und Erklärungen bedürfe, weil der andere mittlerweile beinahe schon dieselbe Sprache spricht. Dieser Prozess macht die Besonderheit dieses Gedichtbands aus. Wenn man aber in das Buch hineinblättert, einmal hier und einmal dort ein Gedicht liest, wie man das mit Gedichtbänden eben so macht, erschließt sich diese Qualität nicht. Da habe ich mich eher über den unzugänglichen Charakter einzelner Texte gewundert – oder mich von der stellenweise gekünstelten Ausdrucksweise abgewiesen gefühlt. „Manchmal wünsche ich mir etwas mehr Einfachheit“, habe ich mir notiert.

Ich verstehe, was du meinst. Aber: das „verschlüsselt oder geheimnisvoll“ Wirkende der gemeinsamen Sprache, die stellenweise an eine Art „Privatsprache“ erinnert, scheint mir eine fast notwendige Gegenbewegung zur Textform darzustellen: Die Kommunikation zweier Liebender ist ja per se etwas sehr Intimes. Und diese Intimität ist auch ganz deutlich spürbar – manchmal fast zu deutlich.

Mir ist es auch so gegangen! Das hab ich mir auch notiert!

Man fühlt sich wie ein Voyeur, ohne aber etwas sehen zu können. Während die Gedichte mich Leser vor das Fenster drängen, zieht die Sprache, in der sie gehalten sind, den Vorhang zu. Die Form enthüllt, der Ausdruck verschleiert. In diesem Schwebezustand scheinen mir diese Texte zu verharren – und das ist auch gut so.

Mag sein. Es ist ja auch jedes der Gedichte, für sich genommen, gut.

Widerspricht das nicht dem, was du vorher gesagt hast?

Nein. Ich habe gesagt, die Gedichte sind gut, ich habe nicht gesagt, dass sie schön sind.

Kannst du mir das bitte erklären?!

Ein gutes Gedicht ist eines, an dem ich nichts auszusetzen habe. Bei einem schönen Gedicht bleibt mir die Luft weg.

Und wenn du nun die einzelnen „guten“ Gedichte dieses Buchs im Kontext der „lyrischen Dialogform“, in der sie stehen, im Wissen um ihre Suche nach einer „gemeinsam fremden Sprache“ liest, werden sie dann für dich nicht „schön“?

Leider nein. Ich finde die Idee des Buchs zwar bezaubernd – doch mir fehlt eben der gewisse Zauber ... Natürlich ist das ein rein subjektiver Eindruck.

Hm. Das heißt: Wir verbleiben diesem Buch gegenüber ...

... etwas ratlos ...

... aber mit großer Sympathie.