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Erinnerungen und Visionen

„Murat“, fragte ich den 6-jährigen Schüler, der im Hochsommer mit einer dicken Wollmütze dasaß, weil man ihm die Haare geschoren hatte, „wie viel ist eins plus eins?“ Murat überlegte und überlegte. Ich konnte bildlich sehen, wie sein Gehirn arbeitete. „Du darfst auch deine Finger verwenden!“ Murat überlegte und rechnete. Sein kleines Gesicht begann sich zu verzerren vor Anstrengung, er rechnete weiter, und dann sagte er mit strahlendem Lächeln: „Drei is ned!“ Murat hat recht, mathematisch gesehen ist es nicht drei, es ist zwei, wie man weiß, doch in vielen Fällen ergibt eins plus eins doch drei. Frau + Mann = Baby

Mit drei Jahren kommt das Kind in den Kindergarten, mit sechs in die Schule, mit neun in den Ballettunterricht, mit zwölf ins Gymnasium, mit fünfzehn in die Pubertät, mit achtzehn auf die Uni und mit 21 macht es aus zwei drei. Oder auch nicht. In Wahrheit ist alles ganz anders, und wenn ich bedenke, durch wie viele Zahlen ich schon gegangen bin, bis ich 40 geworden bin, wird mir ganz schwindelig!

Bis zu meinem dritten Lebensjahr habe ich zum Beispiel in der Öffentlichkeit nichts gesprochen, mit sechs Jahren bin ich tatsächlich in die Schule gekommen, zur Frau Lehrerin Altmüller, die mich damals schon auf der Kunstuni gesehen hat (womit sie recht behielt), zu meinem neunten Geburtstag hatte ich meine erste existenzielle Krise. Ich wollte einfach nicht älter werden.

Mit zwölf bin ich zwar nicht in den Ballettunterricht gegangen, aber Leistungsturnen, mit fünfzehn bekam ich meinen ersten Kuss, und mit 18 wurde ich von Interpol gesucht, weil ich angeblich in einem Sexclub in Italien gelandet war. In Wahrheit war ich Aerobiclehrerin bei Neckermann. Mit 21 studierte ich Kunst und lernte den Mann kennen, mit dem ich 10 Jahre meines Lebens verbringen sollte. Mit 31 Jahren zerbrach mir dann das Herz in tausend Stücke, und ich hatte Angst es nicht mehr kleben zu können. Ich schaffte es doch, irgendwie, und das sogar ohne ärztliche Hilfe. Obwohl ich ja sehr versucht war Hilfe heranzuziehen, vor allem, als ich in New York war und sogar der Hund eines Freundes zum Psychiater ging und die Eltern eines gerade Neugeborenen einen zweiwöchigen Kurs absolvierten, um zu lernen, wie sie mit ihrem Kind umzugehen hatten, damit es keinen Schaden nehmen würde, wenn es mit 6 Jahren in die Schule kommt. Dafür brauchten sie einen Babysitter. Der Babysitter war ich, und ich bekam dafür 2.000 Dollar.

Damals wurde mir nicht nur das Herz gebrochen, sondern auch der Kiefer, und zwar im Krankenhaus, beim Versuch mir einen Weisheitszahn zu ziehen. Der Versuch war eindeutig missglückt. Unterkieferfraktur im Kieferwinkelbereich links bei Z.n. operativer Entfernung 38. Als man mich dann im Rollstuhl – der riesengroß wirkte und mich wie ein Kleinkind erscheinen ließ – hinausschob, um mich zu röntgen, und ich meinen Vater sah, überkam mich ein so starkes Gefühl der Liebe für ihn, dass ich zu weinen begann. Er war immer zur Stelle, am Flughafen, am Bahnhof, im Krankenhaus. Er holte mich zu jeder Tages- und Nachtzeit, mit einem roten T-Shirt bekleidet, von wo auch immer mit seinem uralten Audi ab. Jetzt stand er wieder hier, und als er mich kreidebleich im Rollstuhl sah, nahm er meine Hand und sagte: Du armer Hund! Ich wusste nicht, wie sich ein armer Hund fühlt, ich aber fühlte mich eindeutig hundeelend.

Und einfach so zwischen New York und Wien war ich auch schon 38 und nein, was sage ich, 40 Jahre alt, mit mehrmals gebrochenem Herzen. Einmal hatte ich gelesen, dass man nur drei Mal im Leben wirklich lieben kann. Das macht mir ein wenig Angst, weil ich um meine Kapazität an Liebesfähigkeit bange. Im Geheimen hoffe ich natürlich, dass das nicht stimmt. Und noch geheimer denke ich darüber nach, ob ich denn schon dreimal wirklich geliebt habe. So richtig, ohne wenn und aber. „Was ist denn Liebe?“, schreit mir meine leicht betrunkene Freundin entgegen. „Was? Sag es mir! Du mit deinen romantischen Vorstellungen! So etwas gibt es doch gar nicht, was du suchst!“

Als mir mein Vater zu meinem 40. Geburtstag gratulierte, sagte er: „Herzlichen Glückwunsch. In 30 Jahren bist du 70“. In 40 Jahren bin ich 80 und in 54 Jahren 94. „Ich hatte eine Vision von dir“, sagte neulich eine Freundin zu mir. „Ich habe dich klar und deutlich gesehen, 94-jährig, so wie Louise Bourgeoise, verschmitzt, mit 1.000 Falten im Gesicht und immer noch künstlerisch tätig.“ Was für eine schöne Vision! Inschallah!