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abstürzende bardamen

Der erste Harald-Kriminalroman entzaubert das Wiener Rotlicht-Milieu


Andreas Plammer: Fauler Zauber

abstürzende bardamen

Wien: Milena 2011

Rezensiert von: karl mellacher


Harald hat die Liebe passé, seitdem ihn Maria „wie ein vergessenes Möbelstück“ in der Wohnung im Säuferhaus zurückgelassen hat. Im Abrakadabra, einer Wiener Innenstadtbar, hört er wie die Kellnerinnen von Nadine reden, die in Jürgens Wohnung aus dem Fenster gefallen ist. Weil ihn das an einen ähnlichen Fenstersturz erinnert, den seine Ex in ihrem Haus miterlebt hat, hört er interessiert zu und beginnt bald, eigene Recherchen anzustellen.

Der Detektiv aus Langeweile ist ein exzessiver Trinker und immer auf der Suche nach dem nächsten One-Night-Stand, ansonsten aber langsam wie eine Schnecke. So verwundert es auch nicht, dass er seine Nachforschungen auf dem Barhocker, entweder im Abrakadabra oder im rückseitig angrenzenden Simsalabim, anstellt.

Nach und nach wird das bizarre Bestiarium des Romans vorgestellt: Da sind die Kellnerinnen Marlene, Pauline, Diana, Verena und die blasenschwache Flo, die meisten mit einem osteuropäischen Nachnamen, die auch gerne bei der Abrechnung betrügen und am Ende des Abends sturzbetrunken bei irgendjemandem, häufig auch bei Harald, im Bett landen. Der pensionierte Detektiv Angelo hört als leidenschaftlicher Automatenspieler so manches mit, bevor er nach Hause zu seiner polnischen Scheinehe geht. Die Besitzer der beiden Bars, Billy und Gottfried, versteuern auch nur die Hälfte, was schließlich zu einem Finanzstrafverfahren und am Ende des Romans zu einer Umbenennung von Abrakadabra in Hokuspokus führt. Verkrachte Künstler bieten in den Bars gegen Drinks und Zigaretten Gedichte feil oder monologisieren in ihr Rotweinglas über ihre nächsten Kunstprojekte mit Gummipuppen und Punkbands. Dem gschupften Ferdl (ist der Qualtinger-Song noch bekannt?) geht leicht der Feitl im Sack auf, während sich der Serbe Vlatko als stummer Holzindianer vor dem Abrakadabra die Raten für sein Haus in Niederösterreich verdient.

Die ermittelnden Polizisten Willi Prawda und Inge Kaspercak, optisch Don Quijote und Sancho Pansa nachempfunden, sind auch mehr an amourösen Gelegenheiten interessiert als an der Lösung des Falls. Und dann gibt es noch den Dealer und Hausbesitzer Jürgen Cerny, einen richtig schweren Jungen, der irgendwie immer in der Nähe zu sein scheint, wenn wieder einmal eine Bardame in den Lichthof stürzt. Denn Frauen, so sagt die Statistik der Gerichtsmedizin, fallen häufiger in den Innenhof, während Männer die Straßenseite bevorzugen.

Der erste Roman des 1966 geborenen Poetry-Slammers Andreas Plammer reiht sich nahezu nahtlos in eine Tradition des österreichischen Kriminalromans ein: Brödls Kunstfigur Ostbahn Kurti flüchtet ebenfalls zu gerne aus seiner Substandard-Wohnung auf einen Barhocker, Zenkers Detektive Minnie Mann und Kottan sind fast noch skurriler. Stilistisch sind Nähen zu Wolf Haas unverkennbar. Trotzdem bleibt uns Plammer die Antwort auf einige wesentliche Fragen schuldig: Womit finanziert Harald sein beneidenswertes dolce far niente? Wie hält das seine Leber aus? Und wie soll man 368 Seiten an einem Badetag durchlesen?