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zwang und tao

Horst liegt im Krankenhaus – und das Internet zu weit weg


Harald Gsaller: Zwang.

zwang und tao

Verlag Der Pudel: Wien 2010

Rezensiert von: max höfler


Direkt hinter dem römischen Senat, in dem Silvio im November 2011 seine immerwährend scheinende Mehrheit verlor und der von mit Maschinengewehren bewehrten Matrosen bewacht wird, liegt eine Kirche, deren Namen ich nicht nur vergessen, sondern auch nie wirklich ganz gewusst habe. Ich könnte zwar meinen Reiseführer aufschlagen, meinen temporären Mitbewohner Horst fragen oder die Wahrheitsmaschine Google anwerfen. Will ich aber nicht. Horst liegt im Krankenhaus, mein Reiseführer unter irgendwelchen Kleiderhaufen und das Internet zu weit weg. Das macht nichts, sondern befreit sogar. Ich habe diese Kirche bei mir „die Franzosenkirche“ genannt und werde sie weiterhin „die Franzosenkirche“ nennen. Da fährt die Eisenbahn oder zumindest der gepanzerte Polizeiwagen drüber, der hinter dem Senat und somit vor der Franzosenkirche parkt, und darauf wartet, in einen aufgebrachten Mob zu rasen oder von diesem angezündet zu werden. Also: In dieser Franzosenkirche hängt ein äußerst bekanntes Frühwerk Caravaggios. Es zeigt das Leben und Martyrium Matthäus’ in Form eines Triptychons. Den genauen Namen des Werks habe ich natürlich ebenso vergessen wie die Bezeichnung der von Caravaggio entwickelten und zur Perfektion gebrachten Hell-Dunkel-Maltechnik. Man müsste nur „Caravaggio“ wikipedieren und schon fände man diesen – irgendwas mit cira- oder chiro- zumindest irgendwas mit vielen Cs – für Kunstgeschichtler so unerlässlichen Terminus. Also: In dieser Franzosenkirche befindet sich dieses Caravaggio-Triptychon. Das mittlere Bild, das sicher auch einen Namen hat und mich und meine Ausführungen langsam auf den Punkt kommen lassen wird, zeigt Matthäus und einen Engel. Also: Matthäus ist hierbei nur notdürftig mit einem Tuch bekleidet, der Engel hat ihn wahrscheinlich in gewohnt gebieterischer Manier aus der Hapfe geholt, und er – der Matthäus – muss nun zwangstechnisch als Schreibknecht Gottes herhalten und mittels Schreibfeder all die Aufzählungen des Engels festhalten. Dass ihm diese metaphysische Auf- und Abschreibaufgabe übermäßig Freude bereiten würde, wäre eine hoffnungslose Übertreibung. Vielmehr scheint Matthäus darauf zu warten, dass dieser Spuk endlich vorbeiginge, er sich endlich wieder seinem Schlaf widmen könnte und hierbei womöglich – so will ich zumindest hoffen – von der heißen, da barfüßigen und ihren Hals sowie Schultern unzüchtig wohlfeilbietenden Madonna, die Caravaggio ebenso mit diesem C-Lichteffekt malte, die damals für einen Skandal sorgte und die heute noch in einer Kirche – namens Irgendwas-San-Angelo – ganz in der Nähe der Franzosenkirche hängt, träumen dürfte. „Gib die Hand weg, Fotze! Wir wollen Fut sehen! // Nein, beug dich so nach vor, dass ich deine Brüste sehen kann“, könnte Matthäus – sofern wir den Zwang-Beschreibungen Harald Gsallers folgen und herbeizitieren wollen – hierbei heimlich denken. Das Zwänglerische, so können wir weiters in Gsallers 2010 im Verlag Der Pudel erschienenen und knapp 100-seitigen Publikation Zwang erfahren, rutsche beim Zwängler – sofern es nicht in das Metaphysische hinaufgleite – immer auch ins Sexuelle hinunter: „Nur Frauen, die der Mann begehrt – das ist ihm klar – können das Prädikat ‚Fotze‘ (verliehen) bekommen.“ Ich gehe davon aus, dass Silvio dieser Vorstellung nicht ganz zustimmen würde, weiß aber nicht, ob jetzt „Bunga-Bunga“ – man bräuchte sicher nur schnell auf leo.org nachsehen – kurzerhand als „Fotze“ übersetzt werden kann. Ich gehe einfach davon aus, dass Silvio nicht nur die von ihm begehrten, sondern schlichtweg alle Frauen, die nicht seine Mutter sind, „Fotze“ nennt. Schlussendlich gehe ich davon aus, dass es sich bei diesem Phänomen nicht um ein Einzelpsychendingsbums – nennt man es nun Zwang, Neurose oder was auch immer –, sondern einfach um einen Aspekt eines allzu verbreiteten Nötigungssystems handelt: das Patriarchale. Das ist politisch. Das könnte ein Ansatz sein. Das Eigenpsychische als Ausdruck, Resultat und (bestimmender) Teil einer politischen, gesellschaftlichen etc. Lage zu sehen, ja, das wäre politisch. Das würde mir vielleicht auch erklären können, warum ich mich immer so komisch fühle, wenn ich hinter dem römischen Senat in den Lauf der Matrosen blicke und mir nur durch das Verlachen ihrer absurden Gewehrhaltungen zu helfen weiß. 

Und weil dies eine Rezension und kein Reisebericht werden muss, muss ich mich nun fragen, wie sich denn Harald Gsallers Zwang zu solchen metaphysischen und weltlichen Zwangsstrukturen verhält. Wittgenstein ist zweifelsohne ein Dreh- und Angelpunkt dieses Textes. Die Kapitel sind ganz in der Manier des Wittgenstein’schen Frühwerks nummeriert: 1, dann 1.1, dann 1.2, dann 1.3, dann 2, dann 2.1, dann 2.2 etc. Der Verdacht, dass dieser Text eine große Affinität zur Philosophie Wittgensteins hegt, erhärtet sich in Anbetracht dessen, dass nicht nur Kapitel 1.1 mit „Wittgenstein“ übertitelt wird, sondern dass auch der Protagonist, der kurzerhand „Zwang“ genannt wird, in einer Buchhandlung über Wittgensteins Spätwerk Über Gewissheit stolpert. In einem späteren Kapitel wird Zwang von seiner Lebensgefährtin, die er in einer Zwang- und Angstselbsthilfegruppe kennenlernt, dann sogar Wittgenstein genannt.

Was könnte nun Wittgenstein mit diesem Text zu tun haben? Zwar litt Wittgenstein tatsächlich unter einer Zwangsstörung, die sich als Denkzwang ausnahm, und die er Zeit seines Lebens mithilfe des Zuendebringens des Philosophierens bezwingen wollte, aber von einem ausgeprägten Denk- und Beruhigungszwang – wie dies z. B. die Geistesmenschen bei Thomas Bernhard aufweisen –  ist bei der Figur Zwang nicht viel zu bemerken. Dann vielleicht so rum: Bei all den Brüchen, die das Wittgenstein’sche Werk aufweist, gibt es ein thematisches Kontinuum: Das Verhältnis von Regeln und deren Anwendungen. Die Regel sind hierbei aber – vor allem im Spätwerk – alles andere als metaphysisch oder logisch zwingend, sie sind lediglich eine Beschreibung eines regelmäßigen Verhaltens. Der Zwang der Regel und somit auch der Zwang der Systeme löst sich auf. Da braucht man weder Metaphysik noch Psychologie. Gsaller probiert es bei seinem Zwang mit beiden: mit dem Taoismus und der psychologischen Mechanik einer Zweierbeziehung in Hietzing. Dem Aufkeimen des Politischen – „Es gibt Menschen mit Zwang, aber gibt es auch Menschen ohne?“ – wird sofort mit Sinnsprüchen entgegengekommen: „Wenn dich also jemand reizt, so wisse, dass es deine eigene Vorstellung ist, die dich gereizt hat.“ Was sich auf den ersten 30 Seiten als nicht unspannende Annäherung an Zwänge zeigt, verläuft sich dann leider auch sprachlich in triviale Beziehungsliteratur, die im Tod der Lebensgefährtin durch eine Raubkatze gipfeln muss. Wittgenstein würde vielleicht sagen: „Wenn dich also jemand reizt, dann reizt er dich.“