schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 22 - zahlen bitte beschwerdebesuch wegen der apokalypse
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/22-zahlen-bitte/beschwerdebesuch-wegen-der-apokalypse

beschwerdebesuch wegen der apokalypse

dominika meindl | beschwerdebesuch wegen der apokalypse

Zivilcourage gehört gezeigt

Mir ist ja für die Rettung der Welt nichts zu mühsam. Soeben komme ich zurück von einer Recherchereise in Sachen Apokalypse: 2012 endet die Zählung des 5125 Jahre dauernden 13-Baktun-Zyklus und damit vielleicht auch die Existenz der Welt. Aber ich greife vor. Nur eines: Sollte die Menschheit wirklich am 21. Dezember 2012 entkörperlicht werden, muss ich wohl eine kleine Teilschuld meinem jähen Gemüt anlasten. Ich möchte mich dafür jetzt schon ganz herzlich entschuldigen.

„Möchtest du zu dem Maiers mitkommen?“, frug mein Vater und ich sagte artig ja, denn ich bin zwar ein altes Mädchen, aber immer noch ein gutes Kind. Es wunderte mich zwar schon, dass dem Vatern eine nach­barschaftliche Visitation solche Vor­freude zu bereiten schien. Und es wunderte mich auch, dass er mich am vereinbarten Besuchstag zum Flughafen brachte. Erst beim Check-in dämmerte mir mein episches Missverständnis: Er meinte die Maya – weder das befreundete Physiotherapeutenpaar in Schönering, noch Karel Gotts Biene, sondern die indigene mittelamerikanische Bevölkerung.

Herrjemine! Ich hatte nur Hausschlapfen und ein nicht mehr ganz frisches Taschentuch dabei. Üble Erinnerungen stiegen hoch, denn ich neige seit jeher zum Reisemissverständnis. Vor zwei Jahren hatte ich nach Neapel wollen, wegen der im Reisebüro angebotenen und meinerseits eifrig konsumierten Erd­nüsse nuschelte ich aber dermaßen, dass ich mich schließlich in Flipflops in Nepal wiederfand. Meine Mali/Bali-Verbuchselung vor vier Jahren versuche ich immer noch erfolglos zu verdrängen.

So kam es, dass ich in eilends zusammengekaufter Kleidung durch Guatemala und Belize reiste. Die Einheimischen schienen meine mit Bierhuldigungen oder schreibunten Papageien und Quetzalkoateln bedruckten T-Shirts zu mögen. Meinen Augen schmeichelten wiederum ihre Schildkrötenpanzer-Orff-Instrumente und ihre pittoreske Kleinwüchsigkeit außerordentlich.

Bis zum Tag, als mir zu Ohren kam, dass diese kleinen, braunen Menschen demnächst unsere schöne Welt unter­gehen lassen würden. Die Apokalypse dräut uns allen aus purer Faulheit, und zwar nur, weil diese Schlaumayas damals vor 5000 Jahren zu faul gewesen waren, ihren Kalender weiter auszurechnen. Die Natur nimmt so ein Versäumnis allem Anschein nach persönlich. Am 21. Dezember 2012 wird deswegen die gefederte Riesenschlange kommen, einen Hurrikan entfachen und mit einer gigantischen Riesenwelle alles Leben von der Erdkruste spülen. Gemäß meinen flugs unternommenen Internetrecherchen in der Hotellobby wird davon nicht einmal die Kulturhauptstadt Linz verschont bleiben. Tststs! Noch schlimmer: Ich erinnerte mich an den dramaturgisch grässlichen Katastrophenfilm 2012, der uns Dialoge wie diesen bescherte:

„Ich weiß, ich war ein schlechter Ehemann, aber ich muss jetzt die Füße des tibetischen Mönchs aus dem Getriebe des Andockmechanismus ziehen, sonst stirbt unser Genpool aus.“
„Ich liebe dich!“
„Ich liebe dich!“

Ein schauriges Ende der Filmkultur.

Es war mir also ein Anliegen, mich vor Ort zu beschweren. Am Fuße der Stufenpyramide von Tikal sprach ich einen limonadenverkaufenden Mayavertreter an. Ich möchte an dieser Stelle in das dramatische Präsens verfallen.
„Oye! Su Calendro! No bueno!“ zürne ich. Der Mayaschlingel gibt vor, nichts zu verstehen und hält mir grinsend sein Limosortiment unter die Nase. Ich: „No bueno! El Apokalypso no me gusta!“ Und „Say this to your peoples!“, da ich nun keine weiteren Spanischvokabel mehr zur Verfügung habe. Der Maya hat gar keine Worte zur Verfügung, nur immer weiter dieses provokant freundliche Lächeln. Offensichtlich versteht er, dass ich ihn zum Tanz eines Calypsos aufzufor­dern gedenke, und wiegt neckisch seine Hüften. Ich wiederhole meine Anklagen lauter und deutlicher, vielleicht hat er ja meinen Dialekt nicht verstanden. „No bueno! Comprende?“ Lächeln. Er hat Schuld am Weltuntergang oder zu­mindest an einem Emmerich-Film, und dann lacht er noch! Ich packe den In­dianer am Kragen. „Don’t make fun of me, you Lazybag, you!“ Uniformierte Mayakollegen nähern sich dem Schau­platz meines Anliegens. „Ah, good, you listen to! Stop the Apocalypse now and make your calendar ready, but prontissimo!“ Die Uniformierten grinsen nicht. „No me gusta!“, bekräftige ich noch, als mich einer am Handgelenk packt und aus dem Ruinengelände zerrt. So ein verstocktes, uneinsichtiges Volk! Kein Wunder, dass sie leichte Beute der Spanier wurden.

Nachher fuhren wir noch in die Karibik baden, denn dort gibt’s auch Maya. Das war sehr schön. Ich hatte aber keine Lust mehr, die Welt zu retten. Jetzt sollen künftige Generationen die Welt retten, ich habe meinen Beitrag geleistet.