schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 22 - zahlen bitte cayenne turbo
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/22-zahlen-bitte/cayenne-turbo

cayenne turbo

christoph d. weiermair | cayenne turbo

Mit 170 Sachen von Padova nach Bologna

Bei der Bezeichnung von Automodellen gibt es grundsätzlich zwei Philosophien. Der eine Hersteller bevorzugt Namen, der andere Zahlen. Manche kombinieren auch Namen mit Zahlen, andere wieder Buchstaben mit Zahlen. Von der A-Klasse bis zum Z4, vom 320d touring bis zum Zafira, vom Beetle bis zum X6, von der DS3 über den Mazda6 bis hin zum Qashqai. Und überhaupt von Alfa Romeo bis Volkswagen, von Aston Martin bis Volvo und von Bentley bis Zastava. Die Serben kooperieren derzeit mit Fiat und stellen übrigens auch Waffen her. Wahrscheinlich weil die Autos keine wirklichen Geschosse sind.

Über die ganzen Autonamen und Modellbezeichnungen und ihre Bedeutung und übrigens auch über ihre Erfinder könnte man eine Doktorarbeit verfassen. Aber teilweise ist dieses Forschungsgebiet doch einfacher gestrickt, als man glaubt und man muss nicht einmal besonders autointeressiert sein, um zu wissen, dass ein Audi A1 kleiner ist als ein Audi A6, wobei bei den Papierformaten ist es ja eigentlich umgekehrt. Aber gut, Audi kann sich so etwas erlauben, weil Vorsprung durch Technik. BMW macht das nachvollziehbarer, da geht es vom 1er über 3er und 5er bis hinauf zum 7er. Der 6er ist ein Sonderfall, die X-Modelle folgen der selben Logik, auch die Z-Modelle. Und M sowieso besonders super, da ist Freude am Fahren kein Ausdruck dafür. Mercedes geht von A bis C, lässt das D aus, verwendet das E und das S. CL, CLS, SL, SLK und SLS AMG, R, M, G, GL und GLK gibt es obendrein. A ist bei Mercedes-Benz nicht die automobile Erleuchtung, sondern nur der Einstieg. Die Oberliga, das sind die Autos mit dem S im Namen. Alle Mercedes-Fahrer wissen aber, dass Sie das Beste oder Nichts fahren. Das muss sehr beruhigend sein. Volkswagen schwört bei seiner Modellbenennung auf Winde und auf das Spiel mit kleinen Bällen, verhunzt nordafrikanische Berbervölker, inspiriert sich bei Insekten und beim Sohn des Helios (siehe auch Jörg Haider). Oder erschafft Kunstwörter wie beim „Tiguan“, der angeblich eine Kombination von Tiger und Leguan ist. Der Name, nicht das Auto. Suzuki präsentierte vor ein paar Monaten den KizashI –
was so viel heißt, wie „etwas Großes wird kommen“. Und der koreanische Autobauer Hyundai nennt sein neues Sportcoupé ganz schöpferisch „Genesis“ und rüstet es mit einem 3,8-Liter-Sechszylinder mit 303 Pferden. Aber Namen hin oder her: Die Hauptrolle spielen im Endeffekt die Zahlen. Hubraum, Leistung, Kofferraumvolumen, Verbrauch, Preis. Ja, vor allem der Preis.

Denn dass Autos immer mit Zahlen zusammenhängen, bekommen schon die Kinder zu spüren. Etwa dann, wenn der Papa über die hohe Leasingrate für den Familien-SUV flucht, den er sich eigentlich eh nicht leisten kann. Egal ob es nun ein Sportage, ein Kuga oder ein Captiva ist. Von mir aus auch ein Duster, aber der Rumäne soll ja wirklich günstig sein. Die männlichen Nachfahren von reicheren Vätern wissen dafür, dass der Herr Papa mit den 500 PS im Porsche Cayenne V8 Turbo schneller unterwegs sein kann als die ganzen unterbelichteten Opel-Meriva-, Nissan-Micra-, Dacia-Logan- und VW-Polo-Fahrer, die regelmäßig die Stadtautobahn verstopfen.

Dass der Porsche Cayenne V8 Turbo laut Werksangaben in 4,7 Sekunden von null auf hundert Stundenkilometer beschleunigt und gewaltige 700 Newtonmeter Drehmoment schon bei 2250 Umdrehungen in der Minute bereitstellt, wissen die Burschen vielleicht noch nicht, aber naja, das wissen auch die Mütter nicht, die sich mit dem Porsche Cayenne beim Einparken vor dem Supermarkt so schwer tun. Sofern sie der Ehemann überhaupt damit fahren lässt und ihnen nicht lieber doch einen Mini oder einen Audi A1 oder überhaupt nur einen Suzuki Swift kauft. Wobei Cayenne Turbo und Swift – da liegen beim Preis um die 100.000 Euro dazwischen und wer weiß, ob sich das die Frau überhaupt gefallen lässt, weil Gleichberechtigung auch bei den Autos immer wichtiger.

Ach, dieser Porsche Cayenne: Wer im August knapp vor dem Ferragosto nach Italien aufbricht, sieht wahrscheinlich so viele Porsche Cayenne auf den italienischen Autobahnen wie überhaupt noch nie in seinem Leben. Das könnte auch eine subjektive Wahrnehmung sein, aber es ist schon auffällig, wie viele Bulgaren und Rumänen in ihren gepfeffert teuren Porsches in den Süden aufbrechen oder von dort wieder zurückfahren. Die Rumänen und die Bulgaren schämen sich nämlich nicht, neureich zu sein. Die fahren schon in ihrem Porsche Cayenne zwischen Padova und Bologna mit 170 Sachen und wissen wahrscheinlich nicht einmal etwas von der Polizia Stradale in ihren azurblauben Renault-Laguna-Dschunken und ihren schönen Uniformen, da überlegt so mancher Österreicher noch, ob er jetzt von einem Golf Kombi vielleicht doch auf einen Audi A4 Avant umsteigen soll. Und das, obwohl er vielleicht gerade ein paar hunderttausend Euro geerbt hat.

Angesichts der vielen Porsche Cayenne auf den italienischen Autobahnen und angesichts der zumeist relativ überhöhten Geschwindigkeit dieser Luxuspanzer aus Stuttgart-Zuffenhausen fragt man sich auf der Autostrada schon manchmal, ob den Rumänen die ganzen Radarstrafen nicht einfach egal – ungeachtet dessen, dass die Italiener einen relativ schlechten Durchgriff haben werden bis nach Rumänien oder Bulgarien. Aber trotzdem: In Italien steht alle paar Kilometer ein Schild, auf dem „controllo elettronico della velocità“ zu lesen ist. Das schüchtert die meisten Urlauber schon ein bisschen ein und sie bremsen ihren voll beladenen Mazda6 ab oder ihren Peugeot 307SW oder von mir aus auch ihren VW Golf Variant. Die Strafen in Italien sind nämlich, wie der ÖAMTC vor der Urlaubszeit immer so schön warnt – drakonisch. Und da schaut man dann schon schön, wenn die Woche in Bibione billiger war als die Radarstrafe, die einem ein halbes Jahr später ins Haus flattert. Weil die Italiener lassen sich beim Zustellen Zeit. Nicht nur bei den Postkarten, auch bei den Strafmandaten.

Das Schöne an Radarstrafen ist, dass niemand davor gefeit ist, egal ob er in einem Zweier-Golf mit 50 PS unterwegs ist oder in einem nagelneuen BMW 6er Cabrio. Oder ob er Politiker ist. Sollen manche schon ihren Führerschein abgegeben haben. Da macht der Gesetzgeber keinen Unterschied. Mittlerweile sind die Radarstrafen in Österreich auch schon fast drakonisch, es kostet beispielsweise 35 Euro, in einem Lufthunderter-Bereich einen Stundenkilometer zu schnell unterwegs ist. Natürlich nach Abzug der Messtoleranz, so fair ist der Gesetzgeber schon. Aber ein Stundenkilometer zu viel, Messtoleranz hin oder her, und dafür 35 Euro Strafe, das tut schon weh. Womöglich auch, wenn man hinter dem Steuer eines Porsche Cayenne sitzt.