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das gewicht der feder

Essays, wunderbar schwerelos geschrieben


Gerald Schmickl: Lob der Leichtigkeit. Essays zum Zeitvertreib.

das gewicht der feder

Edition Atelier: Wien 2011

Rezensiert von: werner schandor


Eigentlich wollte er einen Catcher-Roman schreiben: die Geschichte eines Helden vom Heumarkt, der im Ring den Berserker gibt, aber in Wahrheit, was ihm keiner zutrauen würde, ein feinsinniger Mensch ist. Gerald Schmickl hatte seinen zwiespältigen Romanhelden schon genau vor seinem inneren Auge skizziert, da kam 2008 der Film The Wrestler mit Mickey Rourke in der Hauptrolle in die Kinos und erzählte nichts weniger als die Geschichte, die dem Wiener Journalisten und Autor vorgeschwebt war. Daraufhin legte Schmickl seine Romanpläne ad acta und wandte sich dem Essayschreiben zu. Ein Glück eigentlich, denn so entstanden die 15 feinen Essays von Lob der Leichtigkeit, die im Frühjahr 2011 in der Edition Atelier als Buch erschienen und den Essay-Newcomer als einen Könner seines Faches ausweisen.

Genaues Hinschauen
Gerald Schmickl ist verantwortlicher Redakteur der Wochenendbeilage „extra“ der Wiener Zeitung. Er hat bisher zwei Romane und ein Sachbuch geschrieben. In Lob der Leichtigkeit schlägt nicht nur der Catcherfreund durch, sondern auch Schmickls Soziologiestudium, denn in seinen Essays huldigt er wiederholt der „Tugend des zweiten Blicks“, will heißen: dem genauen Hinschauen, ohne sofort mit einer Wertung zur Hand zu sein. „In einer Kultur, die sich mitunter in Handeln und Agieren manisch auslebt, gilt das Beiseitestehen schon fast als ein Akt von Subversion, und das Beobachten als ein lediglich steckengebliebener Handlungsimpuls“, stellt Schmickl in seinem Text Am Rand stehen fest. Ein zweites bestimmendes Element von Schmickls Aufsätzen sind Zitate, die manchmal auch etwas ausführlich geraten. „Warum nicht auf die schriftlichen Erfahrungen jener zurückgreifen, die bereits eine Formel – oder wenigstens eine passende Formulierung – für das gefunden haben, was einen selbst beschäftigt und was man selbst nicht derart konzise auf den Punkt zu bringen vermag?“, erklärt er im einleitenden Text Mit vielen Augen sehen.

Gepflegtes Understatement
Thematisch bewegt sich Gerald Schmickl vorwiegend zwischen kulturellen und soziologischen Themen. Ein paar Beispiele: In Urschrei und Komantschen hält er ein Plädoyer für den Berufsstand des Sportreporters, in Schreiben als Abenteuer denkt er über literarische Kreativität nach, Teutone der Alpen behandelt seine für einen Wiener eher untypische Sympathie für die Mentalität der Deutschen, Märchen für Erwachsene beschäftigt sich mit dem Unerklärlichen, dass manchmal Zufälle tiefen Sinn ergeben, und in Wir Post-Heroiker erklärt Schmickl seine quasi stoische Lebenseinstellung zur typischen Erscheinung von Leuten, die in den 1970er-/80er-Jahren in Mitteleuropa aufgewachsen sind. Heroische Posen, das zeigen auch die Essays, sind Schmickls Sache nicht. Viel eher schlägt gepflegtes Understatement durch, und das hebt ihn wohltuend von jenen Essayisten ab, die sich sich selbst an der Originalität ihres Denkens und der Pointiertheit ihrer Sprache berauschen. Letztere – die Sprache – kommt bei Schmickl ohne semantische Spielerei und dialektische Spannungsbögen aus. Seine Sätze sind glasklar, und so ist es ein großes Vergnügen, ihm dabei zu folgen, wie er aus seinen Beobachtungen und den aufgelesenen Erkenntnissen seine eigenen Schlüsse zieht.