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das jubiläums-paradox

harald a. friedl | das jubiläums-paradox

Geschichte jenseits von mythenumrankten Gedenkjahren

2011

Was bedeutet dieses Jahr?

Es ist …

• das Jahr von Arabiens Revolution, Japans Super-GAU, Osama bin Ladens Tötung und Prinz Williams „Traumhochzeit“ mit Catherine Middleton

• der 5. Jahrestag der Flucht Natascha Kampuschs sowie des Todes der Ex-Diktatoren Stroessner (Paraguay), Pinochet (Chile), Saddam Hussein (Irak), Botha (Südafrika Apartheidsregime) und Miloševic´ (Serbien)

• der 10. Jahrestag von „9/11“ und des Todes der Sex-Shop-Gründerin Beate Uhse

• der 15. Jahrestag der Atombombentests Chiracs auf Mururoa und der Geburt „Dollys“, des ersten Klon-Schafes

• der 20. Jahrestag der Befreiung Kuweits, der Auflösung des Warschauer Paktes und des Absturzes einer Lauda-Air-Maschine, sowie des Todes der Schauspieler Klaus Kinski und Roy Black

• der 25. Jahrestag von Kurt Waldheims Wahl zum Bundespräsidenten, Reinhold Messners Besteigung des letzten aller 14 Achttausender, der Explosion der Raumfähre Challenger und des AKW Tschernobyl, des Todes von Helmut Qualtinger und Heinz Conrads (Schauspieler) sowie Simone de Beauvoir (Philosophin)

• der 50. Jahrestag des Amtsantritts John F. Kennedys, der Anti-Baby-Pille und des Zweiten Vatikanischen Konzils sowie des Todes der Nobelpreisträger Schrödinger (Physik), Hemingway (Literatur) und Hammarskjöld (Frieden)

• der 75. Jahrestag des Besetzung des Rheinlandes durch die Wehrmacht sowie der Ermordung des jüdischen Wissenschaftsphilosophen Moritz Schlick

• der 100. Jahrestag der Okkupation Libyens durch Italien, der Revolution in Mexiko, des Untergangs des Kaiserreiches China, der Krönung Georges V. zum Kaiser von Indien, der „Eroberung“ des Südpols durch Amundsen sowie des Geburtsjahrs von Bruno Kreisky, Ronald Reagan und Josef Mengele

• der 125. Jahrestag der Erfindung von Coca-Cola, Maggi und des Automobils mit Verbrennungsmotor

• der 150. Jahrestag des US-amerikanischen Bürgerkriegs, des Parlaments im Kaiserreich Österreich, der Ausrufung des Königreichs Italien, des Endes des 150-jährigen Bambara-Reiches im heutigen Mali, der Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland sowie der ersten organisiert Pauschalreise

• der 200. Jahrestag der Einführung des bis heute gültigen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches in Österreich

• der 300. Geburtstag des schottischen Philosophen David Hume

• der 400. Jahrestag der Entwicklung des Fernrohres durch Kepler

• der 500. Jahrestag der Eröffnung der ersten Kaffeehäuser in Mekka

• der 750. Todesstag von Papst Alexander IV., Fürsprecher der wegen Hexerei Verfolgten

• der 1500. Todestag des Frankenkönigs Chlodwig I., Wegbereiter der Christianisierung Westeuropas

• der 2500. Jahrestag der Schlacht bei Marathon der Spartaner gegen die persische Übermacht …

Melancholie, heißt es, sei die Berufskrankheit der Historiker. Wer seine Brötchen damit verdiene, sich ein Leben lang mit Kriegen, politischen Wirren und menschlichen Katastrophen herumzuschlagen, kommt um gröbere Magengeschwüre kaum herum. Der vorangegangene Auszug aus den historischen „Jubiläen“ verdeutlicht, dass „Geschichte“ überwiegend –
oder vielleicht sogar in letzter Konsequenz immer – eine Kette von Auswüchsen und Niedergängen jenes ewigen Nullsummenspiels um das menschliche Haben oder Sein zu sein scheint.

Wer aber hat heute, da Wägen immer schneller, Staus immer langsamer und Handys immer kleiner werden, überhaupt noch Zeit für Geschichte? Geschichte: ein unendlich großes Universum. Wohl darum erringen die wenigen Plätze im gestressten öffentlichen Geschichtsbewusstsein gerade eben die Schlaglichter eines runden Gedenktages –
siehe oben. Gäbe es solche tragischen „Highlights“ oder seltenen „Sternstunden der Menschheit“ nicht, kein (arbeitender) Mensch würde sich mehr an Kreisky halten und „Geschichte lernen“, geschweige denn sie als vernetztes Gesamtes verstehen.

Wieviel allerdings haben solche grellen Schlaglichter im Dunkel der Vergangenheit überhaupt noch mit Geschichte zu tun? What is History?, fragte vor vierzig Jahren der Engländer Edward H. Carr in seinem gleichnamigen Bändchen, dessen Antwort gleichermaßen nüchtern wie einfach ist: Geschichte ist das Sichten, Interpretieren und Zusammenfügen von Dokumenten, den verbliebenen Spuren der Vergangenheit, zu einem Bedeutungspuzzle, dessen vielschichtiges Gesamtbild sich zuweilen wie ein Sprungbild verändern kann. So wurde etwa die Verantwortung für die Massaker an Tausenden polnischen Offizieren in Katyn im Jahr 1940, die während des Kalten Krieges der Deutschen Wehrmacht angelastet worden waren, erst mit der Öffnung der sowjetischen Archive im Jahr 1990 offiziell von der sowjetischen Regierung übernommen.

Auswirkungen auf populäre Geschichtsmythen im Medienzeitalter des Showbiz zeitigen solche neuen historischen Forschungserkenntnisse allerdings selten. Darum glänzt auch die öster-reichische Neutralität, von den Sowjets aus taktischem Kalkül dem Staatsvertrag-willigen Alpenland aufgezwungen, weiterhin als großzügiges Freiheits- und Friedensgeschenk. Doch was soll’s, denn was zählt, ist das Medienereignis: ein Festakt, eine Mahnmahlenthüllung, ein Gedenktag. It’s showtime! Als vor 16 Jahren das „1000-jährige Bestehen von Ostarrichi“ zelebriert wurde, sinnierte so mancher Historiker, was die zufällige urkundliche Nennung jenes von Bayern abhängigen Lehensfleckchen denn mit Österreichs „Geburtstag“ zu tun habe. Aber immerhin: 996 steht geschrieben!

Etwas – im Gegensatz zum geistigen Konstrukt „Staat“ – doch Substanzielleres deklarierte vor einigen Jahren sein 250-jähriges Bestehen: das altehrwürdige Naturhistorische Museum, seines Zeichens eine der Top-Attraktionen unter jungen Wienern wie älteren Touristen! Vor einem Vierteljahrtausend also seien die Habsburger der Sammelleidenschaft verfallen und hätten mit dem Ankauf der umfangreichen Kollektion Jean de Baillous den Startschuss für eine Entwicklung gegeben, die zu einem der „wunder-vollsten“ Museen Wiens geführt habe.

So heißt es. Geschrieben steht es auch, nämlich in einem Fortsetzungsroman über jenes Haus am Ring, den der österreichische Zoologe und Praktikant am Naturhistorischen Museum, Leopold Joseph Franz Johann Fitzinger, letztes Jahrhundert verfasst hatte und der seither als DIE Quelle für das Gründungsjahr des Naturhistorischen Museums, 1748, gilt. Nach Alfons Lhotsky, Archiv-Koryphäe der 1970er-Jahre, sei jenes Datum bislang durch keine historischen Dokumente belegbar.

Was also ist dann Geschichte? Die nüchterne Antwort Carrs in eine neue, farbige Form zu gießen versuchte die Direktorin des Archivs für Wissenschaftsgeschichte am Naturhistorischen Museum, Christa Riedl-Dorn, in ihrem Buch Das Haus der Wunder: Zur Geschichte des Naturhistorischen Museums in Wien.Mit sicherer Hand spinnt sie darin den Faden der Vergangenheit jenes „musealen Welttheaters“ am Wiener Ring bis hin zum gegenwärtigen „Gesamtkunstwerk“ nach, eine Geschichte, die ihrer Ansicht nach vor allem durch einen wesentlichen Anstrich glänzt: Diese Geschichte beruht auf einem Schatz von über zwei Millionen naturhistorischen Schrift- und Bilddokumenten – nach London und St. Petersburg die weltweit wichtigste Sammlung.

Zu den Kostbarkeiten zählen etwa über zweitausend Bilder von Ferdinand Bauer, den Goethe als den bedeutendsten lebenden Blumenmaler seiner Zeit bezeichnet hatte. Bauers herausragende Bedeutung am Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich dieser als wissenschaftlicher Maler auf der englischen Expedition von Matthew Flinders nach Australien (1801/02) verdient, im Zuge derer er an die 700 Zeichnungen von australischen Pflanzen und Tieren angefertigt hatte. Zahlreiche Pflanzen, Vögel und sogar Landstriche des 5. Kontinents sind heute nach Bauer benannt, der zu jener tragischen Spezies von Österreichern zählt, die in der Welt gefeiert, daheim aber völlig unbekannt sind.

Bauers Werk ist nur ein Beispiel jener Spur, die der Habsburger Forscherdrang in der Geschichte der Naturwissenschaft hinterlassen und in Gestalt zahlloser Sammelstücke dem Naturhistorischen Museum vermacht hatte. Bauers „Entdecker“ und Lehrer, Nikolaus Joseph Freiherr von Jacquin, war eine weitere schillernde Wiener Persönlichkeit, die auf der ersten Expedition des Kaiserhauses zu den Antillen (1755-1759) mitgereist war. Rund sechzig Jahre später, 1817-1835, finanzierten Fürst von Metternich und Kaiser Franz eine Forschungsreise nach Brasilien aus Anlass einer gewissen „Übersee-Euphorie“ Europas, insbesondere aber ausgelöst durch die Vermählung von Kaiser Franz’ Tochter Leopoldine mit dem zukünftigen brasilianischen Kaiser, dem portugiesischen Thronerbens Dom Pedro. Die damals erstaunlichste „wissenschaftliche Ausbeute“ jener Expedition waren zwei „Botocudos“: Ein Indianerpaar, das schließlich in Schönbrunn als Gärtner sein Dasein fristete.

Die „Grüne Welt der Habsburger“, wie eine aufsehenerregende Ausstellung des Naturhistorischen Museums im Jahre 1989 jene Forschungsära genannt hatte, gipfelte Mitte des 19. Jahrhunderts im Einsatzes der habsburgischen Fregatte „Novara“, die nach Routenvorschlägen des Expeditionsdoyens Alexander von Humboldt von 1857 bis 1859 rund um die Erde segelte. Auf ihrer letzten Fahrt im Jahr 1867 brachte die Novara auch den Leichnam des exekutierten Kaisers Maximilian von Mexico nach Europa zurück.

Über viele Jahre hinweg öffnete das Archiv für Wissenschaftsgeschichte einmal im Monat sein Schatzkästchen auch der Öffentlichkeit, um der Geschichte der österreichischen Naturforschung für wenige Stunden Leben einzuhauchen. Am damals frei zugänglichen „Jour fixe“ wurden wertvolle Dokumente mitsamt ihren sagenhaften Hintergründe über herausragende Ereignisse präsentiert. Dabei hatten die Besucher sogar die Möglichkeit, die Exponate – etwa einen Brief von Humboldt – zu berühren. Geschichte zum Angreifen! Eine Erfahrung, die schließlich Budget-Einsparungen zum Opfer fiel.

Was also ist nun Geschichte? Ist es tatsächlich jenes vergilbte Papier, das unsere Vergangenheit vor ihrer Entrückung in den Mythos der isolierten Jubiläen und Gedenkjahre bewahrt? Eine Frage, die sich im Fall des Archivs des Naturhistorischen Museums bis vor wenigen Jahren beinahe von selbst erledigt hätte. Denn die Bilder von Bauer und Co. waren am besten Weg von Pilzen verunstaltet und die historischen Handschriften durch Tintenfraß zersetzt zu werden, weil es an Geld für die nötigen Restaurierungsarbeiten fehlte. Die chronische Unterbesetzung des Archivs – jahrelang kämpfen eine akademische Direktorin und eine „halbe“ Sekretärin gegen den Zahn der Zeit – war dem Rechnungshof zwar schon Ende der 1980er-Jahre wiederholt eine Rüge wert. Der daraufhin vom Ministerium geschaffene Planposten für eine akademische Papierrestauratorin war jedoch vorerst in eine Stelle für Öffentlichkeitsarbeit umgeändert worden. Denn damals galt die Maxime: It’s showtime! Schlussendlich setzte sich doch noch das Bedürfnis nach der Rettung von unwiederbringlichen Schätzen der Wissenschaft durch: Heute wird der Kampf gegen den Zahn der Zeit durch zwei Restauratorinnen unterstützt.

Das Vergessen ihrer Lieder bedeutete für die Aborigines – eine weitgehend orale Hirtenkultur mit nur wenigen, bildhaften schriftlichen Aufzeichnungen –
den Verlust ihrer Ahnen, ihres Kosmos, ihrer gesamten Welt. Wir haben zwar die Schrift erfunden, aber die Vergangenheit mit dem Schwinden der Zeit verloren. Denn die Zeit liegt morgen in der digitalisierten Zukunft des Cyberspace. Und was dort nicht existiert, existiert gar nicht. Außer vielleicht in den brüchigen Regalen verstaubter Archive, die ihre Schatten auf melancholische Historiker werfen.