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das wehe verlangen nach mehr

Anmerkungen zu den wieder zugänglichen Gedichten von Christian Loidl


Christian Loidl: Gesammelte Gedichte. Hg. Eva Lavric unter Mitwirkung v. Jaan Karl Klasmann.

das wehe verlangen nach mehr

Wien: Klever Verlag 2011

Rezensiert von: lisa spalt


Christian Loidl, das war einer, der es – um ein Wort von H.C. Artmann abzuwandeln – verstand, Dichter zu sein, auch wenn er gar nicht schrieb. Stets schien seine Erscheinung von seltsamem Getier umschwebt. Immer war er bereit, noch dem ödesten Umfeld einen sinnlichen Zauber abzugewinnen, ja, notfalls ein wenig dazu zu halluzinieren. In einer bunten Verschachtelung von buddhistischer Achtsamkeit respektive Selbstaufgabe und schamanischer Mächtigkeit hat er der avantgardistisch geforderten Verschmelzung von Leben und Kunst eine ganz eigene Ausformung geschaffen. Und auf diesem Hintergrund verwundert es nun nicht, dass in den von Eva Lavric im Klever Verlag neu versammelten Gedichten Menschen, Natur und Objekten eine seltsam liebevolle Gleichrangigkeit erschrieben wird: „ALLES war aus EINEM gemacht.“ Von der Rose über die übervolle Leerstelle dessen, „was immer sich zeigt“, bis zum Blattweiß scheint hier alles hierarchiefrei in derselben Ebene zu flottieren, scheint auf dieselbe Weise begrüßt zu werden. Quasi abbildend werden die Bezeichnungen auf dem Blatt verteilt – und die Bezeichnung des Blattweißen, das den Malgrund bildet, gleich mit, sodass wie ein schöner Sog die Schrift es in sich selbst hineinzieht. Allgemeiner immer wieder spürbar der Wunsch, jene Unmittelbarkeit wiederzufinden, die von einer nicht als wegweisend erfahrenen Schulbildung verstellt wird – eine Art von anarchischem Humor, der gegen die Aufpasser und Schaffner dieser Welt ausgeübt wird; dies auch und vor allem im Haiku oder in haikuähnlichen Formen, die bei Loidl oft tatsächlich zu „lustigen Versen“ geraten. Artmanns spielerischer Umgang dagegen mit den Ingredienzien eines sehr theatralischen, in Anführungszeichen gesetzten Kultischen erhält in freieren und längeren Formen seine spezielle schamanische Färbung, die Loidl selbst zuweilen als kindliche Allmachtsphantasie entlarvt. Elfen und Zwerge, seltenes Gestein, glitzerndes Geflatter … ein Lichtfleck zu sein auf dem Boden vor dir – die Welt scheint erotisch, weil der Dichter sie liebt. Klar, man glaubt ihm jederzeit dieses „wehe Verlangen nach mehr“, das selbst schon den Fokus verrückt. Christian Loidl hat dieses Verlangen bis zur leider tödlichen Konsequenz gelebt. Schön, dass es zumindest seine Gedichte (wieder) gibt.