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der thron gottes

bernhard horwatitsch | der thron gottes

oder Warum uns der Bau des Universums heute nicht mehr interessiert

Ein Typ, der öffnet, dass niemand mehr schließen kann, und der schließt, dass niemand mehr öffnen kann. (Offenbarung 3,7)

Leonhard Euler, ein Schweizer Mathematiker des 18. Jahrhunderts hat einmal – vermutlich nur aus Spaß – die Existenz Gottes berechnet. Er tat dies wohl auch, um die russische Zarin Katharina die Große, Anhängerin des Aufklärers Voltaire zu verwirren.

Die Formel, auf die er kam:

(x+y)²=x²+2xy+y²

Deshalb gibt es Gott.

Niemand am russischen Hof traute sich, zu widersprechen. Alle nickten (auch Eulers Feinde) voller Zustimmung. Und in der Tat! Eulers Formel ist wirklich von berückender Klarheit und an der Existenz Gottes dürfte seither wirklich kein Zweifel mehr bestehen.

Wenn ich ehrlich bin. Ich habe keine Ahnung, was diese Formel bedeutet. Ich bin froh, dass es Mathematiker gibt, die mir erklären können, dass dies kein mathematischer Gottesbeweis ist. Ich vertraue eher denen, die sagen, dies sei kein Gottesbeweis als denen, die behaupten, es sei ein Gottesbeweis. Wissen aus eigener Anschauung kann ich es nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dies kein Gottesbeweis ist, ist ungleich größer denn mein gesamtes enzyklopädisches Wissen deutet darauf hin, dass es den Gottesbeweis nicht gibt. Also kann ich – dank all meiner intellektuellen Erfahrungen – mit einer gewissen inneren Ruhe diese Formel als Kuriosität ablegen.

Zahlen als Symbole für die Wirklichkeit oder für etwas Transzendentes an der Wirklichkeit. Dieser Glaube ist tief in uns verankert. Vielleicht liegt das daran, dass wir der Symbolik der Schriftsprache wegen ihrer hohen Ambiguität nicht so recht trauen, dass wir eher den Zahlen vertrauen. Der gesamte Verkehr der Waren auf dem Markt wird in Zahlen ausgedrückt. Aber was hat ein Stück Butter mit einem Kugelschreiber gemein, außer dem Warenwert?

Im Altertum war die symbolische Bedeutung der Dinge noch viel natürlicher, man war – um mit Hugo von Hofmannsthal zu reden – noch viel näher am Traum und damit gewissermaßen näher an der Poesie.

Vor etwa zweitausend Jahren saß ein Mann in einer Höhle in Griechenland –
auf der Insel Patmos. Er sitzt in seiner Höhle und grübelt. Plötzlich wird er von hinten angesprochen, dreht sich um und sieht: Sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der wie ein Mensch aussah.

Es stellt sich heraus, dass die sieben goldenen Leuchter die sieben Gemeinden darstellen, an die er ein Sendschreiben schicken soll, das ihm nun diktiert wird von einem Wesen dessen „Haare weiß wie Wolle waren, leuchtend weiß wie Schnee, und seine Augen wie Feuerflammen, seine Beine glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht, und seine Stimme war wie das Rauschen von Wassermassen.“

Zu den sieben Leuchtern hält diese Naturerscheinung auch noch „sieben Sterne in seiner Rechten, und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Gesicht leuchtete wie die machtvoll strahlende Sonne.“

Die Zahl 7 hat auch heute noch eine mächtige Bedeutung. Sieben Tage hat die Woche immer noch, trotz der vielen Schichtdienst Leistenden, die auch am Sonntag arbeiten. Am Montag beginnt wieder die Woche.

Die 7 ist die niedrigste Generatorzahl in der Menge der natürlichen Zahlen. Die zugehörige zyklische Zahl lautet 142857. Man kann diese Eigenschaft dazu nutzen, das Ergebnis der Division natürlicher Zahlen durch 7 ohne Taschenrechner schnell zu berechnen.

1:7=0,142857142857…

2:7=0,285714285714…

3:7=0,428571428571…

Die Zahlen 142857 kommen in unterschiedlicher Folge immer wieder im Ergebnis vor. Eine merkwürdige Zahl ist die Sieben also schon. Aber damit noch nicht genug. In der Verhaltensforschung gibt es das „Blue-Seven-Phänomen“. Was nicht bedeutet, dass Verhaltensforscher alle Blue-Seven-Cargohosen tragen. Nein, es bedeutet, dass die meisten Menschen die Zahl 7 als ihre Lieblingszahl bezeichnen und Blau als ihre Lieblingsfarbe. Die Sieben bildet die Summe aus Quadrat und Dreieck, aus den vier Elementen und aus den drei „Vater Gott, Sohn und Heiliger Geist“.

Wir kennen sieben Weise, sieben Tugenden, sieben Todsünden, sieben Sakramente, sieben Gaben des Heiligen Geistes, der Nil hat alle sieben Jahre Hochwasser, und in Ägypten gibt es dann sieben fette und sieben magere Jahre. Und Prosieben sendet die besten Spielfilme.

Da hat sich mit der Sieben also eine Zahl recht ordentlich in unser kulturelles Gedächtnis gefressen.

Aber der Mann in der Höhle auf der Insel Patmos hat noch mehr Zahlen auf Lager. Denn es tut sich für ihn eine Tür auf und er darf mit in den Himmel kommen. Und dort sieht er einen Thron, über den sich ein Regenbogen wölbt, der wie ein Smaragd aussieht. Und um diesen Thron herum sind weitere vierundzwanzig Throne, auf denen sitzen dann vierundzwanzig Älteste in weißen Gewändern und mit goldenen Kränzen auf dem Haupt.

Vierundzwanzig, das ist in der Mythologie die Zahl der Vollkommenheit. Die Babylonier teilten den Tag in 24 Stunden, zwei mal 12 Stunden ein. Und wir machen das heute noch so und das entspricht tatsächlich auch ziemlich genau einem circadianen Rhythmus, den unser Gehirn vorgibt.

Nebenbei ist 24 die Kusszahl der vierten Dimension. „In der Geometrie ist die n-te Kusszahl (auch Kontaktzahl) die maximale Anzahl an n-dimensionalen Einheitskugeln, also Kugeln mit Radius 1, die gleichzeitig eine weitere solche Einheitskugel im euklidischen Raum berühren können, ohne dass Überschneidungen auftreten.“ Was auch immer das zu bedeuten hat. Bei Wikipedia lässt es sich nachlesen. Aber unser Höhlenbewohner, der sich jetzt im Himmel befindet, sieht noch mehr tolle Dinge. Vor dem Thron sieht er eine Art „gläsernes Meer, gleich Kristall“. In meiner Bibeleinheitsübersetzung wird dazu angemerkt, dass das „gläserne Meer“ das Firmament des Himmels symbolisiert. Rings um diesen Thron waren vier Lebewesen voller Augen vorn und hinten. Und die haben auch noch sechs Flügel voller Augen vorne und hinten, und sie ruhen nicht, bei Tag nicht und bei Nacht nicht. Und immerzu rufen sie: „Heilig, heilig, heilig, der Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung; / er war, und er ist, und er kommt.“

Also himmlische Propaganda vom Feinsten, Tag und Nacht und mit so vielen Augen ausgestattet, dass man schon von einer totalen Überwachung sprechen kann. Insofern haben wir bald den Himmel auf Erden.

Vier symbolische Lebewesen (Löwe, Stier, Mensch, Adler) dürften unschwer als die vier Elemente zu erkennen sein, und sie haben sechs Flügel. Eine Schneeflocke ist hexagonal und auch noch weiß, wie die Gewänder die von vierundzwanzig alten Männern auf den vierundzwanzig Thronen getragen werden. Hexagonal ist auch sehr häufig das Kristall, also das „gläserne Meer“. Und hexagonal ist auch die Bienenwabe, was ein optimales Verhältnis von Wandmaterial zu Raumvolumen schafft. Der Himmel ist eine geometrische Vollkommenheit mit Totalüberwachung und ununterbrochener Propaganda. Ein Grund, darüber nachzudenken, ob man nicht lieber in die Hölle will.

Sicher haben Sie schon bemerkt, dass es sich bei dem Höhlenmenschen auf der Insel Patmos um den Evangelisten Johannes handelt und um die Offenbarung des Johannes. Es kommen in dieser Offenbarung noch viele Zahlen, die alle etwas bedeuten, aber ich bin weder Astronom noch Mathematiker und nicht einmal Theologe. Von der Wirklichkeit habe ich keine Ahnung. Was sind wir? Was ist das, was wir als Nicht-Ich bezeichnen und von dem wir umgeben sind? Was ist diese empirische Welt der Erscheinungen?

(x+y)²=x²+2xy+y²?

Ich weiß es nicht und ich werde es wohl nie wissen. Der
Science-Fiction-Autor Philip K. Dick gab in einem herrlichen Essay mit dem Titel Wie man eine Welt erbaut, die nicht nach zwei Tagen wieder auseinanderfällt eine hübsche Antwort auf die Frage, was die Wirklichkeit ist. Eine Studentin der Philosophie wollte von dem berühmten Autor des Romans Do Androids Dream of Electric Sheep? einmal eine einfache und klare Antwort auf diese Frage.

„Die Wirklichkeit ist das, was übrig bleibt, wenn man aufgehört hat, daran zu glauben.“

Nun ja. Wir sind sehr angewiesen auf eine möglichst kongruente, empirische Welt. Alles andere muss dann leider medikamentös behandelt werden. Wir würden den Lieblingsjünger Jesu, Johannes den Bartlosen, heute sicher medikamentös behandeln. Aber er wäre trotzdem der Star einer geheimen, esoterischen Clique.

Leider ist das alles nicht nur eine intellektuelle Spielerei, sondern unser Leben und der ganze Rest. Wir können nichts damit anfangen und machen das Beste daraus. Manchmal sprengen wir einfach alles in die Luft. Wir halten es nicht mehr aus. Dann wieder ist es uns ganz egal, denn der Bau des Universums interessiert uns nicht, wenn wir dabei sind, unser kleines Eigenheim zu basteln. Wir haben es dann mit faulen und schlampigen Maurern, hinterhältigen Immobilienhändlern, neidisch lästernde Nachbarn und bürokratischen Schikanen zu tun. Das Universum ist nur das Universum. Und Gott kann mir da auch nicht helfen.

Wenn das Eigenheim fertig ist, die Nachbarn besiegt und der Gemeindevorstand befriedigend geschmiert, dann sitze ich auf meiner Terrasse, schaue in den Sternenhimmel, ein Emirate-Himmelsstürmer leuchtet fliegend vorbei, und meine Faszination für all diese Wunder steigt mir gemeinsam mit dem Glas Merlot ins Gehirn. Aber was die Wirklichkeit ist, das weiß ich immer noch nicht. Aber ich bin geneigt zu sagen, dass es irgendwie wirklicher ist, wenn es mir gut geht. Ansonsten sage ich voller Entsetzen: „Das gibt’s doch nicht.“