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Die Ziehung

michael pelitz | Die Ziehung

9.878 Tage hätte er noch am Leben sein müssen, um im exakt selben Alter wie seine geliebte Mutter zu sterben. Sie wurde 90, war bis zuletzt äußerst agil und fiel einfach um, als sie den Herrgottswinkel abstaubte. Ihr Kreuz zerbrach an der Tischkante. Der Tod trat augenblicklich ein. Auch wenn der Tisch ihren Fall nicht gebremst hätte, wäre sie vermutlich gestorben, meinte der Amtsarzt. „Und außerdem hätten’s danoch eh nur a G’scher g’hobt,“ fügte er hinzu. Seinen Vater hatte er jedoch um 16.990 Stunden überlebt. Dieser starb an Krebs. Bauchspeicheldrüse. Nach der Diagnose blieben ihm noch knapp zwei Monate. Es war bitter ihn so abblühen zu sehen. In ein Krankenhaus wollte er nicht mehr. „Wauns mit mir z’End geht, bestimm immer no i,“ glaubte er zu wissen. Doch zum Schluss war er zu schwach um etwas zu bestimmen, zu verwirrt um etwas zu wissen. Außerdem lebte er zu gerne. Er wog nur noch 42 Kilogramm, als er starb.  

War es die doppelte Portion Spare Ribs die ihn beim Bestellen lediglich zum obligatorischen „Amoi schod’s net“ motivierte, oder die regelmäßige Suche nach zu jungen, zu hübschen Dingern im Internet. Der jetzt dann doch wieder zu regelmäßige Camel-Missbrauch nach den vielen Jahren der Abstinenz, in denen er meinte, noch einmal ganz der Alte, der Begehrenswerte, werden zu können. Oder die zu blinde und durch und durch zu rückgratlose Gottesfurcht, die ihm bisher in allen Lebenslagen die zu richtige, die zu einzige Antwort verschaffte? Sein von Gott gehütetes Herz hielt mit den Fehlern seines Lebenswandels nicht mehr Schritt. Gepeinigt vom wahren Leben, versuchte es die letzten paar Meter, mehr schlecht als recht, herunterzuspulen. Wie ein außer Atem geratener Marathonläufer nach vierzig Kilometern. Am Ende hat es sich zu Tode gepumpt, indem es, im Stile der Erdölindustrie, verschiedenste Schadstoffe verschiedenster Art in verschiedenste Richtungen des organischen Röhrensystems transportierte und am Weg das ein oder andere düstere Bröckerl ablagerte. Das dafür mit großer Vehemenz und eiserner Disziplin.

Jetzt liegt er also da. Das Daliegen hat ihm nie große Schwierigkeiten bereitet. Seine jährlichen Sommerurlaube verbrachte er in den letzten drei Jahren in Pula, weil ihm Jesolo zu teuer geworden war. Da wie dort ist er immer einfach nur dagelegen. Dass jetzt auch in Kroatien ordentliche Gebühren für die Sonnenliegen eingehoben werden, an dem ist die EU Schuld, sagte er. Saftige Sonnenliegengebühren schmerzten nämlich beim Daliegen. Keine Sonnenliegen schmerzten das Kreuz. Dass Kroatien jedoch gar kein Mitglied dieses „Sauvereines“ ist, entgegnete er mit einer ablehnenden Handbewegung. Er könne 1+1 zusammenrechnen. Bis zu seiner Pensionierung hat er nämlich Zählerstände abgelesen. Bei der städtischen Stromgesellschaft war er beschäftigt. Sein liebster Freund war seither der Fernseher, auch wenn ihn das Programm des gebührenpflichtigen Staatsfernsehens rasend machte: „Kan Pfennig kriegen de link’n Bandit’n vo mir.“ 

Auch bei seinem Ableben lag er einfach nur so da. Vor dem Fernsehapparat. 9.876 Tage müsste er hier noch liegen, dann hätte er dieselbe Zeit über der Erde verweilt wie seine geliebte Mutter. Sein Vater, der mehr als 17.000 Stunden vor ihm starb, wurde, entgegen dem Wunsch der Mutter, verbrannt. Er hasste den Gedanken, dass sich seine Familie 365 Tage im Jahr um sein Grab kümmern müsste. Mit Blumen konnte er ohnehin nicht besonders viel anfangen, auch nicht mit Erde. Kerzenlicht liebte er jedoch. In einer Urnenwand wollte er beigesetzt werden – nicht zu weit unten und alle heiligen Zeiten soll ein Kerzerl brennen. Mehr nicht.

Sehr gerne hätte er die Ziehung noch miterlebt. Doch aus dem Herzenswunsch wurde der Herzenstod. Gewonnen hätte er sowieso nichts. Für die Lotterie hatte er aber immer Geld. Und für Uhren. Andererseits war er bereit weiteste Strecken auf sich zu nehmen, um die billigste Tankstelle zu finden. Er konnte sich minutenlang darüber freuen 44 Cent bei einer Tankfüllung gespart zu haben. Fünfmal billig tanken = eine Autowäsche. Eine Autowäsche = ein Verlängerter. Ein Verlängerter = einmal Zeitvertreib. Und Zeitvertreib ist schon die Autofahrt dorthin und darf schon was kosten. 44 Cent oder auch etwas mehr.

Die Uhren, die er sich leistete, waren selten teuer, aber sie mussten in seine knapp 300 Stück fassende Sammlung passen. Und sie mussten funktionieren. Deshalb entwickelte er im Laufe der Jahre eine präzise Prüfroutine: Er kaufte die Uhr, stellte sie nach der Cäsium-Atomuhr CS2 in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig, wartete exakt 96 Stunden und verglich wieder. Bei einer Abweichung von mehr als vier Sekunden retournierte er das Stück und verlangte den vollen Kaufpreis zurück. Mehr als eine Sekunde Ungenauigkeit pro Tag war inakzeptabel. Nach nur einem Tag konnte man außerdem die Abweichung kaum ablesen, deswegen hatten sich 96 Stunden als probatestes Zeitintervall herausgestellt. Vier Sekunden Zeitverschiebung kann man mit freiem Auge und scharfem Verstand immer erkennen. Außerdem bieten 96 Stunden zuwarten immer die Möglichkeit, die Uhr noch in derselben Kalenderwoche zurückzutragen. Uhrenkauftag war nämlich immer und ausschließlich der Montag.

Noch 9.843 Tage hätte er hier liegen müssen um denselben, von der Gemeinde finanzierten, Geschenkkorb zu erhalten wie seine geliebte Mutter. Mehr als 17.800 Stunden waren die Aschenreste seines Vaters bereits in der Urnenwand. Vorletzte Reihe von oben. Drittletztes Fach. Die letzte Kerze ist schon vor über einem Monat abgebrannt. Was werden sich die nachbarschaftlichen Urnenfachpfleger gedacht haben? Blumen wollte er sowieso keine. Das Klingeln an der Tür blieb seit Tagen unbeantwortet. Das Morgenlicht flutete das Wohnzimmer vom Gang aus, als die Herren die Zimmertür aufstemmten und ruckartig den Raum betraten. Der Fernseher lief: der staatliche Bezahlsender. Sehr gerne hätte er die Ziehung noch miterlebt. Gewonnen hätte er aber sowieso nichts.