schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 22 - zahlen bitte irgendwie
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/22-zahlen-bitte/irgendwie

irgendwie

hans durrer | irgendwie

Zahlenmagie für Esoterik-Unschlüssige

Als Henri seinen Laptop einschaltete, zeigte die Uhr 05.55. Das musste eine besondere Bedeutung haben, dachte er so bei sich, denn zum einen saß er um diese Uhrzeit so recht eigentlich nie am Laptop und zum andern schien ihm die Zahlenkombination eigenartig verheißungsvoll, denn Henri hatte beschlossen (das war am Abend zuvor, um 23 Uhr 23, als er wie zufällig auf die Uhr blickte – eindeutig ein Zeichen!), seinem Leben eine neue Richtung zu geben.

Das war nichts Neues. Schon als Jüngling hatte Henri ständig sein Leben ändern wollen. „Montag, neu anfangen“, schrieb er als 14-jähriger in sein Tagebuch. Ein Freitag kam dafür nicht in Frage, denn da lag ja noch das ganze Wochenende vor ihm. Allerdings musste er im Laufe der Jahre erkennen, dass ein Montag für sich genommen noch keine Lösung war. Doch dann gab er an einem Montag das Rauchen auf.

Er war selber überrascht, denn das hatte er nicht geplant. Dass er an diesem Tag nicht rauchte, hatte allein damit zu tun, dass ihm grottenschlecht war, weil er drei Tage lang ununterbrochen gesoffen und geraucht hatte. Auch während der folgenden Tage hielt er sich von Zigaretten fern, schon beim Gedanken daran wurde ihm übel. Als er dann drei Wochen lang kein Nikotin in seine Lungen gezogen hatte, entschloss er sich, endgültig mit dem Rauchen Schluss zu machen.

Henri war überzeugt, dass die Zahl 3 den Ausschlag gegeben hatte. Drei Tage hatte er gesoffen und geraucht, dann drei Wochen nicht geraucht und in genau drei Wochen später hatte er seinen nächsten Arzttermin, eine Routineuntersuchung, Prostata. Wenn das kein Omen war! Doch damit nicht genug, denn rückblickend wurde ihm plötzlich bewusst, dass der Tag vor genau drei Wochen ein Montag gewesen war. Und zwar nicht irgendein Montag, sondern der erste Januar 1990. Soll da noch einer sagen, die Zahlen hätten keine Bedeutung!!

Die 9 hatte für Henri immer schon eine ganz besondere Bedeutung gehabt. Viele Jahre, ja so recht eigentlich sein ganzes Leben lang, glaubte er, dass dies damit zu tun habe, dass er im September, dem neunten Monat, geboren wurde. Als ihm dann jedoch eine brasilianische Masseurin, die er wegen Rückenschmerzen aufgesucht hatte, sagte, dass Angst und Depressionen charakteristisch seien für seine Zahl, die 9, war er dermaßen verblüfft (Angst und Depressionen waren ihm in der Tat nicht fremd), dass er ganz vergaß, sie zu fragen, wie sie darauf komme, dass die 9 seine Zahl sei.

Obwohl er so recht eigentlich keinerlei Zweifel hatte, dass die 9 seine Zahl sei, so war ihm doch auch die 11 teuer. Trotz intensiven Nachdenkens war ihm jedoch nie richtig klar geworden, weshalb dem so war; die einzige ihm einleuchtende Erklärung war, dass ihm, als er als Bub bei seiner Großmutter in Zürich in den Ferien weilte, die Trambahn Nummer 11, die Verbindung vom Hauptbahnhof zur Wohnung seiner Großmutter, von allen Trambahnen die liebste war.

Dass er sich diese Zahlen vielleicht auch ganz einfach aus einer Laune heraus zu eigen gemacht haben könnte, das zog Henri zwar durchaus in Betracht, doch, so sagte er sich, auch wenn dem so gewesen wäre, musste das ja einen Grund gehabt haben, dass es gerade die 9 und die 11 und nicht etwa die 2 oder gar die 0 waren, die ihm eingefallen und für die er sich entschieden hatte. Überhaupt kam die 0 auf gar keinen Fall in Frage, denn Henri erinnerte sich bei dieser Zahl immer an ein ehemaliges Mitglied der Schweizer Regierung, dessen Name mit einem O (und damit der Zahl 0 zum Verwechseln ähnlich) begann – und diese Zahl beschrieb die Fähigkeiten dieses Mannes derart überzeugend, dass diese Koinzidenz schlicht nicht zufällig sein konnte.

Von Zeit zu Zeit streifte Henri der Gedanke, dass sein Lebensschicksal möglicherweise nicht so sehr von einer einzelnen Zahl, sondern von einer Zahlenkombination abhängig sein könnte. Wäre es vielleicht möglich, dass in seinem Falle die 9 und die 11 zusammengehörten? Dafür sprach, dass er am 9.11., am Tag, als die Berliner Mauer fiel, in Berlin war, obwohl, das war 1989 und da störte ganz eindeutig die 8. Und überhaupt denkt man ja bei der Kombination von 9 und 11 schnell einmal an 9/11, wie die Amerikaner den 11. September 2001 nennen. Dass die immer eine Extrawurst haben müssen! Es ist doch weltweit gängig, dass zuerst der Tag, dann der Monat und dann das Jahr kommt. Nur bei den Amis nicht, bei denen kommt der Monat zuerst. Man kann sich schon fragen, ob man Leuten, die so willkürlich mit Daten umgehen, eigentlich trauen kann.

Henri war nicht der einzige, dem es Zahlenkombinationen angetan hatten. So schrieb etwa Eva Gabrielsson, die Frau, die 32 Jahre mit Stieg Larsson zusammen war, dass letzterer sein Leben lang der Kristallnacht vom 9. November 1938 gedachte … und dann am 9. November 2004 starb. Wieder ein 9.11., dachte Henri, ob es da vielleicht eine Verbindung zwischen ihm und Larsson gab? Er doch gerade selber angefangen hatte, einen Krimi zu schreiben …

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Henri war kein Esoteriker, der in allem und jedem Bedeutungsvolles zu sehen imstande war. Überhaupt nicht. Und Zahlenrätsel waren schon gar nicht sein Ding. Zahlen gibt es in der Natur ja gar nicht, sie sind erfunden worden. Wenn wir ihnen also spezielle Bedeutung zumessen, so ist dies vor allem Ausdruck unseres Bedürfnisses nach Orientierung und Sinn. Und daran ist ja nichts verwerflich, auch wenn dieses Bedürfnis manchmal etwas gar eigenartige Blüten treibt.

Im Grunde, und davon war Henri überzeugt, finden wir nur, was wir selbst versteckt haben.

Oder etwa doch nicht? Gott, war das schwierig!

Als Henri vor Jahren für eine Hilfsorganisation (die Hilfe bestand hauptsächlich darin, Leuten wie ihm, die keine vernünftige Anstellung finden konnten, ein Auskommen zu sichern) im südlichen Afrika arbeitete, sah er sich eines Tages, großer Überschwemmungen wegen, zur Verteilung von Hilfsgütern abkommandiert. Zusammen mit seinem „Field Officer“, einem Zulu, der den Vorteil hatte, die Einheimischen zu verstehen, saß er in einem großen Büro an einem Tisch und ließ sich übersetzen, weshalb die Schlange stehenden Menschen glaubten, sie seien der humanitären Hilfe bedürftig, für die es Henris Organisation immer mal wieder in die Medien schaffte. Eine uralte Frau, mit gebücktem Gang, unzähligen Runzeln und von einer Zähheit, von der Henri selber gerne etwas gehabt hätte, antwortete auf die Frage nach ihrem Geburtsdatum mit „Uuhhii, das war zur Zeit des großen Durchfalls“. Da weder Henri noch sein Field Officer wussten, wie man mit dieser Information das Formular ausfüllen sollte, entschlossen sie sich, ein fiktives Datum einzutragen. Der Frau war es egal, Hauptsache sie bekam ihren Sack Reis und ein paar Decken.

Das Datum, das Henri eingetragen hatte, war der 28. September 1935 und alles andere als beliebig ausgewählt. Ganz im Gegenteil, es war mit Bedeutung gerade zu aufgeladen. Zum einen war Henri an einem 28. September geboren (wie übrigens auch Brigitte Bardot) zum anderen hatte er die letzten beiden Ziffern seines Geburtsjahres – 53 – ganz intuitiv (und darauf legte er Wert, da ihm Intuitives schon an sich bedeutungsvoll war) umgedreht und so hatte sich ihm das Geburtsjahr 1935 für die alte Frau offenbart. Seither fühlte sich Henri ihr ganz speziell verbunden. Und irgendwie, dachte es in ihm manchmal, musste es der alten Frau doch bestimmt auch so ergehen. Irgendwie.