schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 22 - zahlen bitte kaffee wirkt wunder
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/22-zahlen-bitte/kaffee-wirkt-wunder

kaffee wirkt wunder

Vom Kippen in den Minusbereich


Andrea Grill: Das Schöne und das Notwendige. Roman.

kaffee wirkt wunder

Salzburg: Otto Müller Verlag 2010

Rezensiert von: mario karl hladicz


Die beiden Protagonisten Fiat und Finzens sind von der Zahlungsunfähigkeit, sprich, dem finanziellen Ruin bedroht. Finzens, der gemäßigtere der beiden (Über-)Lebenskünstler, kommt als Ruhestifter in einer Kathedrale ja noch halbwegs über die Runden. Schlimmer ergeht es da schon seinem WG-Kumpanen Fiat, der sich in jungen Jahren als Teilhaber einer maroden Schuhfabrik schwer verschuldet hat und mittlerweile, als rumänisches Überschwemmungsopfer getarnt, auf Zugfahrten um Almosen bettelt. Als der Unglücksvogel in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auch noch die bescheidenen Ersparnisse seines Freundes im Casino verspielt und bald darauf der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, herrscht endgültig Handlungsbedarf, und Finzens macht sich daran, einen Plan zur finanziellen Rettung auszuhecken. Eine zündende Geschäftsidee muss her, idealerweise „etwas, das das Schöne mit dem Notwendigen verbindet.“ Sein Lieblingsroman Max Havelaar oder die Kaffeversteigerungen der Niederländischen Handels-Gesellschaft sowie ein wenig Recherche im Internet bringen ihn auch rasch auf die Lösung: eine asiatische Schleichkatze. Dieses Tier ist nicht nur mit dem wunderbaren wissenschaftlichen Namen „Paradoxurus hermaphroditus“ ausgestattet, sondern zudem in der Lage, gefressene Kaffeebohnen mittels eines speziellen Enzyms in seinem Verdauungstrakt dermaßen zu veredeln, dass ein Kilogramm dieses „Katzenkaffees“ am Markt beträchtliche Summen einbringt. „Ein Goldscheißer!“, bringt es Finzens auf den Punkt und überzeugt damit auch den Freund von seiner Idee, ins Kaffeebusiness der etwas anderen Art einzusteigen.

Es braucht nur ein paar der insgesamt vierzig kurzweiligen Kapitel von Andreas Grills Das Schöne und das Notwendige, um den Leser in eine wundersame Romanwelt zu entführen, in der es vor unerhörten Ereignissen und extravaganten Figuren nur so wimmelt. Da wären etwa ein sprechendes Pony in Handtaschenformat, ein mysteriöser Wachsjesusfigurenhersteller oder ein Laternen-steigen-lassender Anwalt, welche dafür sorgen, dass der Anregungszustand des Lesers wie bei starkem Kaffeekonsum permanent hoch gehalten wird. Nebenbei wird auch der Bildungsauftrag erfüllt, und man erfährt so manches über exotische Kaffeesorten mit klingenden Namen wie „lemblinii“,  „heterocalyx“ oder „muindiensis“. Im Vordergrund bleibt jedoch stets die wundersame, wendungsreiche Handlung, die in einer souveränen, dialogreichen Sprache vorangetrieben wird. Der (komische) Höhepunkt des Romans erwartet den Leser bereits im Mittelteil; nachdem Fiat sich als Praktikant in den städtischen Zoo eingeschlichen und kurzerhand ein Exemplar der scheuen Schleichkatzen entwendet hat, gerät das WG-Leben mit Wildtier im fünften Stock eines Wohnhauses zur Tour de Force mit reichlich Situationskomik. Die Nachtaktivität der Katze wird ebenso unterschätzt wie deren Gestank, und zu allem Überdruss scheint das verschreckte Tier auch noch an Verstopfung zu leiden. Jedoch kommt der Verdauungstrakt der Katze irgendwann doch noch in Schwung, und die Endprodukte werden von den beiden Jungunternehmern sogleich probiert und als vortrefflich befunden. Der Einstieg ins Kaffeebusiness gelingt, Finzens kann sogar einige Stammkunden an Land ziehen, und bald schon schreiben die frischgebackenen Kaffeehändler erstmals Schwarze Zahlen. Da trifft es die beiden natürlich wie ein Schlag, als eines Morgens die Katze tot im eigens gebauten Glasgehege liegt. Wahrscheinlichste Todesursache: Überfütterung.

Wie die beiden mit ihrem Goldscheißer schießt mit Fortdauer des Romans auch die Autorin mit ihrem literarischen Vorhaben ein wenig über das Ziel hinaus. Denn was nach der Katzenkatastrophe folgt, liest sich wie im Kafferausch; so läuft den beiden F’s nicht nur unverhofft ein weiteres Exemplar der seltenen Schleichkatzen über den Weg, sodass sie ihren Traum vom Durchbruch im Kaffeehandel doch nicht zu Grabe tragen müssen, sondern auch noch eine renommierte Kaffeetesterin, die ihnen Ruhm und Ehr verspricht; eine nachbarliche Python und ein hysterisch plärrendes Kleinkind übernehmen tragende Nebenrollen und allerhand Liebeswirren drohen das Geschehen endgültig auf den Kopf zu stellen. Da wird ziemlich viel in das letzte Drittel des 260-Seiten Romans gepackt, und manches bleibt unfertig zurück. Am Ende entführt uns Grill in den indischen Regenwald, wo in unvermuteten Konstellationen ein dann doch zu abruptes Happy End zusammengefasst wird. Fest steht: Für Freunde moderner Märchen ist Das Schöne und das Notwendige stets unterhaltsame Lektüre. Alle anderen nehmen als Erkenntnisgewinn mit: Es muss nicht immer „arabica“ sein.