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kopf oder bauch

irina kilimnik | kopf oder bauch

Der schnelle Weg zum Lotto-Jackpot

„Spielen kann süchtig machen! Teilnahme erst ab 18 Jahren“, steht in roter Schrift auf jedem Lottoschein. Und unten ist noch eine Telefonnummer angegeben für diejenigen, die bereits süchtig sind. Ich spiele jeden Samstag, bin aber nicht süchtig, da ich immer nur zwei Felder ankreuze. Manchmal drei, wenn ich ein besonders gutes Gefühl habe. Gewonnen habe ich kaum was, zweimal um die zehn Euro, aber das hindert mich nicht an meiner Samstagsgewohnheit. Ich habe keine festen Zahlen, die angekreuzt werden müssen, ich variiere und versuche vorauszuahnen, in welchen Reihen die Glückszahlen stehen werden. Ich gehöre nicht zu denen, die alle Ziehungen protokollieren und dann stundenlang die Möglichkeiten ausrechnen. Solche Menschen kommen in den Kiosk mit fertig ausgefüllten Lottoscheinen, manchmal auch mit mehreren. Viele richten sich ein Dauerkonto ein. Ich kreuze meine Zahlen direkt im Geschäft an und denke nicht lange darüber nach. Ich nehme auch an keinen Sonderverlosungen teil und ich spiele nie das Spiel 77 oder die Super 6. Bloß meine zwei Felder.

An der Uni haben wir mal in der Physikvorlesung ausgerechnet, dass es wahrscheinlicher ist, mit einem aus dem fahrenden Auto geworfenen Stein einen Becher auf der gegenüberliegenden Fahrbahn zu treffen als im Lotto zu gewinnen. Der Pessimist in mir sagt: Lass es, kaufe dir lieber ein Eis. Der Optimist sagt dagegen: Na ja, aber es gibt sie doch, diese kleine Chance. Just do it. Und da die Optimisten die Welt in Gang halten, spiele ich weiter. Aber nur zwei Felder, damit der Pessimist auch seinen Spaß hat.

Manchmal geht die Phantasie mit mir durch und ich stelle mir vor, was ich alles mit den gewonnenen Millionen anstellen könnte: ein Penthouse in der Stadt, ein Haus am Meer, ein Auto, Weltreisen, Spenden, Partys, Kindern in Indien eine Schule bauen, Aktien kaufen, um noch mehr Geld zu gewinnen … Und dann denke ich, dass ich einen Knall habe, und höre auf, über das Unmögliche nachzudenken.

Vor einiger Zeit traf ich in meinem Lottoladen auf einen Typ, der nach System spielte. Er schaute mir zu, wie ich offenbar etwas fahrig meine Felder ausfüllte, und griff mit der Bemerkung ein, dass ich so nie etwas gewinnen würde. Ich fragte: warum denn nicht? Er meinte, dass Intuition beim Lotto fehl am Platz sei, es sei reine Mathematik und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Man müsse mit dem Kopf spielen und nicht mit dem Bauch. Beim Wort „Bauch“ schielte er in mein Dekolleté.

Ich widersprach ihm: Intuition sei etwas Natürliches, man müsse sie nur einzusetzen wissen, dann klappe alles. Er lächelte und fragte, wie viel ich denn bis jetzt gewonnen habe mit meiner Intuition. Ich lächelte zurück. Er war groß, hatte dunkle Haare und sah nicht schlecht aus. Nicht viel, sagte ich und er? Er tüftle noch an seinen Zahlen, meinte er, aber bald werde er soweit sein. Und dann? fragte ich. Dann mache er erst mal eine Weltreise, sagte er. Und wenn ich nach seinem System spiele, könnte ich ihn vielleicht begleiten. Die letzte Bemerkung hätte nicht sein müssen, aber ich fand ihn trotzdem ganz niedlich. Gut, sagte ich, wir könnten doch eine kleine Wette eingehen: Ich spiele mit dem Bauch, er mit dem Kopf. Wer als erster mehr als 10.000 Euro gewinnt, hat gewonnen. Der Verlierer zahlt eine Flasche Moet & Chandon. Einverstanden, sagte er, wir sehen uns dann nächsten Samstag um die gleiche Zeit. Nach meiner Telefonnummer fragte er nicht.

In den nächsten Wochen spielten wir leidenschaftlich, immer samstags um 14:30. Und wir gewannen: mal ich, mal er. Es waren zwar nur kleine Beträge, nicht mehr als 30 Euro, aber immerhin. Er schielte immer noch auf mein Dekolleté, fragte aber nicht nach einer Verabredung. Er investierte seine Gewinne in immer mehr Felder, ich blieb bei meinen zwei. Nach einigen Wochen betrug der Jackpot 12 Millionen Euro. Eine schöne Summe. Ich wurde immer nervöser und der Spaß ging mir bei der ganzen Sache langsam verloren. Was will der Typ eigentlich, fragte ich mich? Ich fand immer mehr Macken an ihm. Die Zähne waren ein wenig gelb, die Fingernagelform war nicht schön und das eine Hemd hatte er mindestens drei Mal angehabt. Und dann diese endlosen Theorien, er quasselte wie eine Tratschtante auf einem Wochenmarkt über Zahlen, Fibonacci und was weiß ich was alles. Er lächelte auch immer weniger und wurde verbissener. Er wollte unbedingt gewinnen. Ob er die Weltreise immer noch mit mir machen wollte, bezweifelte ich langsam.

In den Morgenstunden des folgenden Samstags hatte ich ein gutes Gefühl, so als ob ich bereit wäre, all diese Millionen zu gewinnen. Es war ein Samstag für drei Felder. Er war schon im Laden, als ich ankam. Neues Hemd und ein Lächeln. Er schien wohl auch gut gelaunt zu sein. Ich kreuzte meine drei Felder und er schrieb die Zahlen von einem Stück Papier ab. Und dann lud er mich auf einen Kaffee ein, welch ein Wunder.

Am Abend meditierte ich. Die ruhige Musik war mit Anweisungen unterlegt und zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass man aus der Trance mithilfe einer Zahlenreiheinfolge hinausgeleitet wurde. Später kam die Lottoziehung. Ich gewann nichts, schlimmer noch, ich hatte keine einzige richtige Zahl gehabt. So viel zum Thema Intuition. Ich wartete ungeduldig auf den nächsten Samstag. Ist es ihm gelungen, den Jackpot zu knacken? Ist er reich geworden? Früher als sonst war ich dann am besagten Tag vor Ort und wartete auf ihn. Doch er kam nicht. Auch am drauffolgenden Samstag stand ich allein im Laden. Was hatte das zu bedeuten? Ich wusste, dass der Jackpot nicht geknackt wurde, aber dass jemand 5 Richtige und Zusatzzahl hatte. War er das gewesen?

Noch tagelang fragte ich mich, was dies wohl zu bedeuten hatte, diese Begegnung zur gleichen Zeit am gleichen Ort mit demselben Ziel. Ging es dabei ums Gewinnen oder wollte mir das Schicksal etwas über meinen Zugang zum Leben klarmachen? Mein Bauch gibt mir zwar ein gutes Gefühl, macht mich aber noch lange nicht zum Gewinner. Und dieser schwarzhaarige, gelbzahnige Zahlenmensch: War er im Kern ein Geizhals, der von seinem Gewinn nichts mit mir teilen wollte? Oder ein Weichling, der glaubte, ich hätte den Jackpot geknackt, und mir gegenüber die Niederlage seines Systemdenkens nicht eingestehen konnte? Jedenfalls gehe ich nächsten Samstag wieder spielen.