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kopf oder zahl?

andreas r. peternell | kopf oder zahl?

Die Billion ist die neue Milliarde! Zumindest für den so genannten Euro-Rettungsschirm scheint aus der einen binnen kürzester Zeit die andere „gehebelt“ werden zu können. Real verfügbar werden die Summen, das ist wohl allen Beteiligten klar, niemals sein. Doch was schon den Kaiser in Goethes Faust beeindruckte, nämlich beliebige Ziffern ohne Gegenwert auf Papier drucken zu können („Der Zettel hier ist tausend Kronen wert?“), beruhigt offenbar auch heute noch „die Finanzmärkte“. Nicht die Zahl selbst also ist es, die letztendlich entscheidend ist, sondern Symbolik und Interpretation derselben.

Zahlen sind Ausdruck „einer mehr oder weniger willkürlichen Ordnung“, hält auch Michael Helming fest (wie sonst ist zu erklären, dass der Grenzwert für Cäsium kurz nach dem Reaktorunfall von Fukushima von 620 einfach auf 1.250 Becquerel verdoppelt wurde?). Und doch wird unsere real existierende Lebenswelt allein mit ihrer Hilfe streng nach Regeln und Erkenntnissen neuzeitlicher Wissenschaftsideen vermessen, normiert und organisiert: die Vergangenheit geordnet, die Gegenwart erklärt, die Zukunft behauptet. „Und mitten in diesem Zahlengewirr hockt der Mensch, der nicht mal bis drei zählen kann“, so Helming weiter, und schlägt vor, diese unüberschaubaren durch leichter fassliche Einheiten wie „viel“, „sehr viel“ und „sehr, sehr viel“ zu ersetzen.

Doch auch dort, wo sich die Ratio längst verabschiedet hat, sind Zahlen ein beliebtes Mittel zur Erklärung der Welt: „Wenn man eigene Widersprüche nicht auflösen kann, werden diese Verbindungen durch Zahlen hergestellt“, stellt Matthias Rauch fest und meint damit Astrologen, Zahlenmystiker und Verschwörungstheoretiker, die ihre wahnwitzigen Erkenntnisse gerne mit fantastischen Zahlenreihen illustrieren.

Sehr konkret hingegen ist der 21. Dezember 2012. Da wird die „gefederte Riesenschlange kommen, einen Hurrikan entfachen und mit einer gigantischen Riesenwelle alles Leben von der Erdkruste spülen“. Kurz: Es ist wieder einmal Weltuntergang angesagt. Um diesen zu verhindern, reiste Dominika Meindl nach Mexiko und trug dort ein entschiedenes „El apokalypso no me gusta!“ vor. Ob‘s genützt hat, werden wir in einem guten Jahr wissen. Bis dahin bleibt noch ausreichend Zeit, etwa um ein idyllisches Einfamilienhaus in die Landschaft zu stellen und sowohl die Verhüttelung der Welt als auch den Verkehrskollaps energisch voranzutreiben. Vergebene Liebesmüh angesichts des Untergangs? Mitnichten, meint Bernhard Horwatitsch und rückt die Relationen zurecht: „Der Bau des Universums interessiert uns nicht, wenn wir dabei sind, unser kleines Eigenheim zu basteln.“

Wem der Bau, egal ob Universum oder Reihenhaus, zu aufwändig erscheint, kann sich aber auch gemütlich zurücklehnen und sich den weiteren Beiträgen dieses Hefts widmen: Laura Freudenthalers atemloser wie assoziativer Tour de Force durch Zeit und Raum etwa oder Alice Le Trionnaire-Bolterauers Kulturgeschichte des „mathematischen Menschen“, der auszog, um ein „bedeutender Mann“ zu werden, und schließlich doch als Mathematiker endete. Er kann aber auch mit Brigitte Theißl über die „Überlegenheit der Elektrotechnik“ nachdenken, Irina Kilimnik auf ihrem Weg zur Lotto-Millionärin folgen oder Wolfgang Pollanz` recht einseitige Korrespondenz mit einem gewissen Prinz Charles nachlesen.