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Literarische Texte der Ausgabe 22 - zahlen bitte

daniel wisser | Zum letzten Groschen

Im Dorfgasthaus Zum letzten Groschen in Zils tauchte jeden Tag ein Mann mit einem auffälligen Schnurrbart auf, der zuerst erspähte, ob der Platz ganz links an der Schank frei war. Stand bereits jemand an diesem Platz, so verließ der Mann das Gasthaus wieder; war der Platz frei, so stellte er sich an die Schank und bestellte zuerst ein Viertel Sandhügler, dann ein Achterl Sandhügler und schließlich einen großen Birnernen. Bald kannte di... lesen


jan giffhorn | Abzurechnen

Diversity-Training. Pffft! Lohnt doch nicht, bei den paar Leuten davon, finde ich. Genau das habe ich auch zum Chef gesagt. Und, ehrlich, ich bin eh auch unter der Woche ein toleranter Mensch und mich stören diese Leute eigentlich überhaupt nicht. Man bemerkt sie meistens (glücklicherweise) eh kaum, und das ist auch gut so, – schließlich sind wir ja alle gleich, warum sollte man für die da dann eine Ausnahme machen? Und, me... lesen


christian baier | Prognosen, die Vergangenheit betreffend (Auszug)

Eine SMS verirrt sich auf mein Handy. So etwas passierte früher. Die Zeit der Irrtümer ist vorbei. Ich kenne die Nummer des Absenders nicht. Ihre Quersumme ist neun. Die Nachricht lautet: „Was ist los?“ Es gibt Fragen, die ihre Antwort in sich tragen wie Ungeborenes. In letzter Zeit kann ich keine Zeitung aufschlagen, ohne auf das Bild eines Fötus zu stoßen. Ich hebe die Augen und sehe eine Frau, die zur selben Zeit ihr Handy in der H... lesen


stefanie lehrner | Meilensteinschleuder

Bitte nur laut und bergauf lesen, am besten auf einem Fahrrad ohne Gangschaltung, wahlweise auch Dreirad, wenn es sehr heiß oder wahlweise auch staubig ist, auf einer steinigen Schotterstraße, wahlweise auch uneben. Über den Berg. Über den Berg. Über den Berg. Ein Entwurf nur einen Steinwurf vom anderen entfernt. Mit Meilenstiefeln irrst du zwischen den Meilensteinen. Zwischen dem einen und dem anderen Leben. Stein 1. Stei... lesen


michael pelitz | Die Ziehung

9.878 Tage hätte er noch am Leben sein müssen, um im exakt selben Alter wie seine geliebte Mutter zu sterben. Sie wurde 90, war bis zuletzt äußerst agil und fiel einfach um, als sie den Herrgottswinkel abstaubte. Ihr Kreuz zerbrach an der Tischkante. Der Tod trat augenblicklich ein. Auch wenn der Tisch ihren Fall nicht gebremst hätte, wäre sie vermutlich gestorben, meinte der Amtsarzt. „Und außerdem hätten’s danoch eh nur a G’sc... lesen


christof huemer | Sterne zählen

Es lässt mich diese folgende Geschichte gleich mehrfach in schlechtem Licht erscheinen: Die Pointe basiert darauf, dass ihre Protagonistin mangelhaft Deutsch spricht, für einen Beitrag in diesem Umfeld vielleicht etwas heikel. Des Weiteren gebe ich darin die etwas jämmerliche Figur eines aufs Bezirzen französischer Au-pair-Mädchen spezialisierten Gigolos ab, dabei entspricht genau das Gegenteil der Wahrheit. Und dann kommt auch noch dies... lesen


markus kopcsandi | Nulleier, Kurt Nulleier …

„Ein Verlängerter – das macht 1.80 Euro.“ Kurt kramt in seinen Taschen. Die viel zu langen Ärmel seines Diskont-Anzugs von der Stange machen ihm zu schaffen. Ebenso der Inhalt. Die hageren Finger zaubern ein Euro-Stück aus der linken Tasche hervor, drei 20-Cent-Münzen aus der rechten. „Lassen Sie nur.“ Die Kellnerin seufzt, langt genervt nach dem Schotter und wendet sich ab. Kurt sieht scheiße aus. Und riecht auch so. Ein Ba... lesen