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Nulleier, Kurt Nulleier …

markus kopcsandi | Nulleier, Kurt Nulleier …

„Ein Verlängerter – das macht 1.80 Euro.“ Kurt kramt in seinen Taschen. Die viel zu langen Ärmel seines Diskont-Anzugs von der Stange machen ihm zu schaffen. Ebenso der Inhalt. Die hageren Finger zaubern ein Euro-Stück aus der linken Tasche hervor, drei 20-Cent-Münzen aus der rechten.

„Lassen Sie nur.“ Die Kellnerin seufzt, langt genervt nach dem Schotter und wendet sich ab. Kurt sieht scheiße aus. Und riecht auch so. Ein Bad zu nehmen, hieße die Wasserrechnung zu begleichen. 80 Euro im Quartal waren einfach nicht drin. Die 400 Mücken für die 45 Quadrat-meter Müll, auf denen er dahinvegetierte, schon lange nicht mehr. Noch 15 Minuten bis zum Vorstellungsgespräch. Nur wenige Meter bis zu einem neuen Leben –
falls alles gut läuft, wovon schon lange nicht mehr auszugehen war.

Auf dem Weg zum Ausgang erntet Kurt hämische Blicke. Ein Rudel von Schulschwänzern hat sich in der Sofa-Ecke des Cafés, das seit zwei Wochen geöffnet hat, breit gemacht. „Na, du kastrierter Vogel, wohl schon lange nichts mehr gepeckt, kein Wunder bei deinen Stelzen.“ Gelächter bricht aus. Ein Großmaul zeigt auf Kurts weiße Socken, die durch die schlampig platzierte Stulpe herausragen, um unmittelbar danach seiner Schnalle provokant die Zunge in den doppelt gepiercten Mund zu stecken. „Reißt euch am Riemen, sonst seid ihr schneller draußen, als ihr bis drei zählen könnt, falls ihr dazu überhaupt fähig seid.“ Sergio, der Besitzer, fummelt nervös an seinem ergrauten Zopf. Zum 50er hat er sich seinen Lebenstraum erfüllt. 20 Jahre hat er fürs Ménage à trois gespart, sich die Finger als Türsteher im Milieu blutig geschlagen. Zu lange, um sich die Stimmung von pubertierenden Ratten vermiesen zu lassen. Das Geschehene zieht an Kurt vorbei – wie auch sonst fast alles. Die fettigen Strähnen seines Mittelscheitels, der seit dem fünften Lebensjahr seinen von den frühen Schlägen des Säufervaters zerbeulten Schädel ziert, kleben an den faltigen, pickeligen Schläfen wie deutsche Sextouristen an den Stränden Thailands. Die kleinen, ungewöhnlich weit hinten liegenden Augen wirken leer und glasig.

Es ist 10.55 Uhr. 30 Sekunden würde es dauern, bis die Fußgängerampel auf Grün schaltet. „Ich bewerbe mich fürs Lager, weil ich kräftig anpacken kann und mich schon immer sehr für Glühbirnen interessiert habe“, geht Kurt seinen auswendig gelernten Text fürs anstehende, alles entscheidende Gespräch durch. Noch zwei Sekunden. Grün, die Menschenmassen wälzen sich über die Straße. Eine schlanke, blonde Frau, etwa Anfang dreißig, schlängelt sich an Kurt, der gedankenverloren den Farbwechsel verpennt hat, vorbei und stößt ihn mit ihrem pompösen Regenschirm, der ihr im Notfall die aufwendig geföhnte Frisur retten soll, in die Seite. „Pardon.“ Sie dreht sich kurz um und wirft Kurt ein entschuldigendes Lächeln zu. Ungewohnt für Kurt. Findet er doch ansonsten wenig Beachtung. Dritter Stock, Birnen Koschovski.

„Bitte?“

„Nulleier, Kurt Nulleier, ich komme wegen der freien Stelle.“

Der Buzzer ertönt. Die Tür klemmt, doch beim zweiten Versuch öffnet sich die Pforte des Altbaus. Lift Fehlanzeige. Kurt tritt auf den staubigen Stiegen in einen Haufen Hundekot – auch das noch. Der Mief steigt unverdrossen hoch. Eine Fußmatte im zweiten Stock muss herhalten – Speichel erledigt den Rest.

„Sie sind zu spät.“ Koschovski persönlich öffnet die Tür.

„Es tut mir sehr leid – ansonsten bin ich immer pünktlich.“

„Egal, setzen sie sich einfach, um mir nicht noch mehr Zeit zu stehlen“, faucht Koschovski und ignoriert Kurts zum Gruß ausgestreckte Hand. „Sie haben ja keine 50 Kilo auf den Rippen – wie wollen Sie eigentlich 8 Stunden malochen? Noch dazu mit null Eiern“, grinst der untersetzte Mitfünfziger mit peinlich penibel gezupftem Schnauzer und reibt sich die beachtliche Wampe.

„Ich habe schon mal zwei Monate in einem Lager für Bademäntel gearbeitet –
leider musste ich wegen einer Frottee-Allergie das Handtuch werfen“, stammelt Kurt ohne eine Miene zu verziehen und sich seines rhetorischen Eigentors bewusst zu sein.

„So, so. Frottee-Allergie. Eine Wasserallergie haben Sie wohl auch, wie mir scheint – verschwinden Sie, bevor ich noch Läuse bekomme!“ Die Tür knallt hinter Kurt zu. Vor ihm liegen Hunderte Stiegen. „Wie es wohl wäre einfach runterzurollen und am Ende zu zerschellen …“ Das lange Elend, vom Leben von 1.90 auf 1.85 Meter gekrümmt, schleppt sich ins Erdgeschoss. Ein missglückter Suizidversuch würde Kurt aufgrund der aufgelösten Krankenversicherung den Rest geben. Strömender Regen. Auch das noch. Der letzte Bus der Linie 40 ist nur mehr von hinten zu sehen. Kurt starrt apathisch nach vorne. Die flatternden Hosenbeine des Nadelstreifmodells saugen sich rasch voll und ziehen runter, wie der Tag, die letzten Wochen, die Existenz an sich. Zwanzig Cent blitzen im Scheinwerferlicht der vorbeirauschenden Autos neben dem Rinnsal auf. Kurt bückt sich langsam. Mit der Münze macht er sich auf den Weg zurück ins Café. „Unser Ficker ist wieder da – seht, er hat ein Stück Hundescheiße abgeschleppt.“ Die Schulschwänzer, mittlerweile in der angebrochenen Happy-Hour hoffnungslos besoffen, klatschen sich grölend ab. Kurt stapft zurück zum Tisch, an dem er vorher gesessen hat. Durchnässt. Der Restkot, der noch immer an seinen Hacken klebt, löst sich Schritt für Schritt und zieht seine braune Spur übers Parkett. Kurt setzt sich. „Zahlen bitte!“ „Nicht der schon wieder“, murmelt die Kellnerin hinterm Tresen und müht sich zum Tisch. „Sie haben doch noch gar nichts bestellt?“ Kurt schweigt und greift bestimmt nach ihrer Hand. „Stimmt so.“ Kurt steckt ihr das eben aufgefundene 20-Cent-Stück zu und erhebt sich ungewohnt zackig. Noch bevor die Jugendlichen zur erneuten Verbalattacke ausholen können, ist der Schatten seiner selbst verschwunden. Er steht wieder an der Ampel. Auf der anderen Straßenseite die Blondine von vorhin. In einer Hand der Schirm, in der anderen ein Einkaufskorb, aus dem eine Flasche Wein und frisches Baguette herausragen. Die junge Frau lächelt. Noch 10 Sekunden bis es Grün wird. Noch 8 Sekunden, sie lächelt noch immer. 2 Sekunden denkt Kurt darüber nach, wie es wäre, wenn das Lächeln, ihr Abend, ihm gehörte. Kurt geht los. Als Erster. Noch eine Sekunde, bis es Grün wird …