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Prognosen, die Vergangenheit betreffend (Auszug)

christian baier | Prognosen, die Vergangenheit betreffend (Auszug)

Eine SMS verirrt sich auf mein Handy. So etwas passierte früher. Die Zeit der Irrtümer ist vorbei. Ich kenne die Nummer des Absenders nicht. Ihre Quersumme ist neun. Die Nachricht lautet: „Was ist los?“ Es gibt Fragen, die ihre Antwort in sich tragen wie Ungeborenes. In letzter Zeit kann ich keine Zeitung aufschlagen, ohne auf das Bild eines Fötus zu stoßen. Ich hebe die Augen und sehe eine Frau, die zur selben Zeit ihr Handy in der Hand hält wie eine Fernbedienung, mit der sie die Welt ausschalten kann. Das kann Fügung sein.

Alte Irrtümer setzen die Patina der Hoffnung an. An drei aufeinanderfolgenden Tagen kommt mein Kot in der Muschel in Form eines Kreuzes zu liegen, zweimal braucht es Phantasie dazu, ein Kreuz darin zu erkennen, einmal ist es eindeutig.

Ich schlafe schlecht und träume von einsamen Hütten auf Waldlichtungen, die jenseits der Vernunft liegen. „Träumst du noch immer diese komischen Sachen?“ Ihre Stimme klingt weit weg, arabeske Störgeräusche umspielen sie, färben sie ein, trüben sie. Sie telefoniert von einem Handy. Die Rufnummer ist unterdrückt. Der Wind ist ihrer Stimme auf den Fersen. Weil ich nicht gleich antworte, meint sie: „Na gut, dann eben nicht“ und beendet bald darauf das Gespräch. Träume sind das Zubehör der Ohnmacht.

Viele werfen Münzen. Es gibt eine alte Sitte, Toten Münzen auf die Augen zu legen oder in den Mund. Ich würde gerne erzählen, im Traum einem Toten die Münze aus dem Mund gestohlen zu haben. Sie werfen das Geldstück hoch, fangen es auf, klatschen es mit der rechten Hand auf den linken Handrücken oder mit der linken Hand auf den rechten Handrücken, je nachdem ob sie Rechts- oder Linkshänder sind. Ich frage mich, woher sie die Sicherheit nehmen. Ich zähle die Bäume in der Allee.

Es ist eine lange Allee. Ich verzähle mich oft. Es sind viele Leute unterwegs in der Allee, Jogger, Walker, Skater. Die Allee ist sehr beliebt. Am Wochenende ist viel los dort. Auch Pferde gibt es und Reiter. Wenn es regnet, ist die Allee leer. Die Anzahl der Bäume ist beeindruckend. Jeder Baum hat sein Alter. Manche sind schon sehr alt. Sicherlich gibt es Aufzeichnungen darüber in irgendeinem Archiv.

Die glühenden Jahresringe in meinem Kopf beginnen sich gegen den Uhrzeigersinn zu drehen, immer rascher, Feuerräder, die auf steilen Abhänge ihre Funkenspur talwärts in der Dunkelheit hinterlassen, sie rollen auf die dicht besiedelten Niederungen zu, wie einem Ruf folgend. Bei einem tieferen Atemzug am Stadtrand steigt mir Brandgeruch in die Nase, ohne dass irgendwo ein Feuer zu sehen wäre. So könnte sich Betroffenheit bemerkbar machen wie ein Dieb, der die Hintertreppe zum Knarren bringt aus lauter Freude am Selbstverrat.

Wenn die Quersumme der Bäume durch drei und sieben teilbar ist. Vielleicht ist noch alles offen. Niemand kann es sagen. Das ist es ja: Niemand kann es sagen. Die Ungewissheit reißt die Hoffnung fortwährend herum wie an Zügeln.

Die Zeit vergeht anders. Sie hat etwas von einem Menschen, der versucht, einem etwas klar zu machen, und damit man es auch wirklich versteht, wiederholt er ganze Satzhälften, so in der Art: „Ich will dir damit sagen … also, was ich dir damit sagen will …“ Die Zeit hält in ihrem Verstreichen inne, springt um zwei, drei Sekunden zurück, lässt sich noch einmal verstreichen, wie um eindringlicher zu werden. Was zweimal vergeht, lebt in der Erinnerung länger.

[…] 

Den vollständigen Text können Sie in der Printausgabe der "schreibkraft", Heft 22, lesen.