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Sterne zählen

christof huemer | Sterne zählen

Es lässt mich diese folgende Geschichte gleich mehrfach in schlechtem Licht erscheinen: Die Pointe basiert darauf, dass ihre Protagonistin mangelhaft Deutsch spricht, für einen Beitrag in diesem Umfeld vielleicht etwas heikel. Des Weiteren gebe ich darin die etwas jämmerliche Figur eines aufs Bezirzen französischer Au-pair-Mädchen spezialisierten Gigolos ab, dabei entspricht genau das Gegenteil der Wahrheit. Und dann kommt auch noch dieser Anfang dazu, in dem ich durch Bekenntnisse oder Selbstbezichtigungen um Sympathie heische. Da will sich einer gemein machen, oder?

Tja.

Die Geschichte, jedenfalls, geht so, dass sie, die Barceloneserin, auf einmal in Graz auftauchte. Die zwei vorangegangenen Semester hatte ich in Barcelona verbracht; wir kannten uns flüchtig, vom einander kaum verstehen, maximal, und auf einmal stand sie da, in Graz, mitten zwischen Hauptbibliothek und Hygiene-Institut und beschwerte sich: Es sei so unheimlich schwer, hier etwas zu rauchen zu kaufen.

Die Barceloneserin war, auf relativ typisch katalanische Art, hübsch. Wir sprachen Englisch, der Einfachheit halber, und da ich wusste, dass die Erfahrung fremd zu sein, hässlich macht, beschloss ich, ihr bei ihrem Problem zu helfen. Zwei Tage später legte ich ihr ein Filmdöschen in ihr WG-Zimmer, drei Tage später bedankte sie sich mit einem Essen, vegetarisch, aber keine Ahnung mehr, was genau; das Essen endete amourös, das Leben war schön.

Ich verabredete mich mit ihr, ein Rendezvous, zwei, drei Tage später, in einem Lokal, das damals noch den albernen Namen Saitensprung trug. Sie kam, war immer noch hübsch, ihr Akzent noch immer hinreißend gurgelig, und so legte ich mich ins Zeug.

Ich war witzig. Ich war zuvorkommend. Souverän. Aber auch tiefgründig und romantisch, und so erzählte ich ihr, bei französischen Zigaretten und warmem Bier, von einem Ritual, das mir einst eine Kanadierin am Strand von Barcelona beibrachte; ihre hatte es ein Schweizer Turnlehrer bei Vollmond in Goa beigebracht, und ihm wahrscheinlich eine Fotografin aus Bielefeld; oder so.

Das Ganze, jedenfalls, ginge so, sagte ich mit leicht tiefer gelegter Stimme, bettete sie Blick zum Himmel auf meine Jacke und kitzelte beim Sprechen mit meinem Kinnbart ihr Ohr: Man müsse an sieben aufeinanderfolgenden Tagen jeweils sieben Sterne zählen.

Sieben Sterne zählen?

Sieben Sterne zählen.

Ich sagte nicht dazu, dass dies in unseren Breiten aufgrund meteorologischer Unstetigkeiten ein aussichtsloses Unterfangen war. Ich sagte:

Eins.

Ich deutete auf einen Punkt über uns. Zwei. Und so weiter. Bis sieben. Dann dürfe man sich etwas wünschen. Und: Das Universum sorge dafür, dass es in Erfüllung gehe.

Ich kann mir das heute selbst schwer vorstellen. Aber: Die Barceloneserin reagierte nicht beleidigt, in ihrer Intelligenz gekränkt, abgeschreckt oder ähnliches. Sie schmiegte sich an mich, tat Kund, ich solle in Zukunft öfter Deutsch mit ihr sprechen. Zukunft, also; meinetwegen. Später wurde es amourös. Das Leben war schön.

Zwei Wochen später – wir hatten keine Sterne mehr gezählt, uns aber öfter getroffen, vielleicht zu oft – fand ich für mich, dass sie als Privatmensch gar nicht so dem Bild entsprach, das man mir von ihr gezeichnet hatte: Emanzipiert; selbständig; einzelgängerisch; mit großem Herz versehen und an einer festen Beziehung auf gar keinen Fall interessiert. Das Gegenteil schien mir der Fall, und so erschien ich zwiespältig gestimmt zu unserer nächsten Verabredung.

Es war wieder eine laue Nacht, die Barceloneserin immer noch hübsch, und ich haderte ein wenig. Wir kuschelten, auf einer Bank, sprachen Deutsch, die Unterhaltung schleppte sich, wir wechselten zu Englisch, trotzdem lange Pausen, in denen sie mich mit ihren tiefen Lakritze-Augen ansah und ich nicht und nicht sagen konnte, was sie dabei dachte, außer etwas Nettes.

Gehen wir rein, sagte ich, jetzt wieder auf Deutsch, und stand auf. Drinnen war Musik. „Komm, gehen wir rein.“

„Nein“, sagte sie mit diesem leichten Gurgeln, lächelte mich süß an, wirklich süß und zog mich an der Hand wieder zu sich auf die Bank. „Noch nicht. Wir müssen ja noch – Steuern zahlen.“

Sterne zählen, Steuern zahlen. Steuern zählen, Sterne zahlen. Ich lachte, klärte den Irrtum auf. Später wurde es amourös. Irgendwann war Schluss.

Heute ist sie, glaube ich, Chef von irgendeinem multinationalen Konzern, Apple oder so. Ich habe nie wieder Sterne gezählt oder davon auch nur erzählt.

Und das mit den Steuern ist so eine Sache.