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the beat goes on

Ein paar Takte zu Stefan Schmitzers neuem Gedichtband


Stefan Schmitzer: scheiß sozialer frieden. gedichte.

the beat goes on

Droschl Verlag: Graz 2011

Rezensiert von: werner schandor


scheiß stimmiges bild das sich ergibt mit weinbau-kulturland und
betonguss-kanalbau, mit grüntönen grautönen rapsgelb
auch

Wie kommt es, dass die arabischen Länder am Mittelmeer ihre Diktatoren trotz heftiger Unterdrückung abgesetzt haben, und wir hier in Mitteleuropa machen vor der Diktatur des Geldes Männchen wie die Zirkushunde? Wir schimpfen zwar hin und wieder über die Politikerkaste, die im Bann der Finanz und Industrie steht und nichts dagegen unternimmt, dass der globale Temperaturregler auf vollem Anschlag steht, aber das ist es auch schon. Gesättigt, selbstzufrieden, vielleicht auch in dialektischen Erklärungen zur Lage der Menschheit verstrickt, blasen wir den Feinstaub in die Luft und machen Tyrannen aller Himmelsrichtungen bei Staatsbesuchen stets freundliche Nasenlöcher. Schließlich brauchen wir sie als Handelspartner.

scheiße, wie so versöhnlich und zutraulich man war bis hierher.

Und immer wieder findet man auch das hiesige Sozialpartnergewäsch unerträglich, das verhindert, dass sich politisch und gesellschaftlich etwas bewegt. Man möchte aus der Haut fahren, aber dann merkt man, wie man in der ökonomischen Zwangsjacke steckt, umgeben von einer Mehrheit, die der Krone glaubt, Strache wählen würde und auf Musikantenstadl abfährt. Kein Wunder, dass die meisten psychisch verkrüppeln und sich dann in die Frührente verziehen.

scheiß moment, wenn die systemischen faktoren greifen, also
scheiß träume mit urgroß- und vätern. scheiß alter,
scheiß reifung, scheiß anschein des organischen hervor-
tretens.

 

Ob Frührentner Gedichte lesen? –
Einen angerissenen Satz, der
am Zeilenende in
den Weißraum stol
pert in
der Hoffnung, dass dem Leser
dort was aufgeht?

 

scheiß kunst. scheiß sozialer frieden. scheiß bedürfnisstruktur, 
noch einmal scheiß kunst. was ist aus uns geworden? […]

Wenn man Stefan Schmitzers Gedichte liest, kann einem zwischendurch das Geimpfte aufgehen: Der Ärger über die Verhältnisse kommt hoch und der Ärger über die eigene Bequemlichkeit. Schmitzers systemkritische Lyrik ist denkbar weit entfernt von jeglicher Einlullungsbehaglichkeit, wie sie landläufig unter dem Begriff „Gedicht“ firmiert. Schmitzer hat den Beat, er ist ein subtiler Beobachter des Politischen wie des Privaten, und er hat auch die Pose, das stille Gewisper der Lyrik in einen Rocksong zu verwandeln. Und: Schmitzer ist Poet genug, um in seinen groovenden Texten Platz für die Leerstelle zu lassen, die man als Leser mit seiner – ja sagen wir einfach – Seele füllen kann.

scheiß voraussetzungen für die scheiß voraussetzungslosigkeit.
sag neuer mensch, sag es anders,  sag am besten gar nichts
mehr.

Das wäre natürlich ein schönes Schlusszitat, aber der Vollständigkeit halber sei erwähnt: scheiß sozialer frieden ist noch einmal vielschichtiger als Schmitzers viel gelobter Erstling moonlight on clichy. der Grazer Dichter, Jahrgang 1979, erweitert in seinem neuen Lyrikband sein Formenrepertoire, spielt öfter ins Assoziativ-Prosaische, lässt auch Privates anklingen. Das Ergebnis: Post-Punk-Beat-Lyrik, bei der die Post abgeht. Brinkmann, Ginsberg und Ferlenghetti würden das sicher auch cool finden.