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brigitte theißl | zahlen.studium

Von der Überlegenheit der Elektrotechnik

5.526 Studierende der Publizistik stehen an der Universität Wien 1.632 Mathematikern gegenüber. Setzt man das Wort „Technische“ vor die Mathematik, so schrumpft diese Zahl, 1.253 (junge) Menschen haben sich an der TU Wien für das erfolgversprechende Fach entschieden. 404 Verfahrenstechniker stehen 3.738 Anglisten gegenüber, auf jeden technischen Chemiker kommen in etwa vier Philosophen, und das Institut für Theaterwissenschaft zählt zumindest doppelt so viele Inskribierte wie jenes für Elektrotechnik. Die Problemlösungskompetenzen betreffend Oberflächenspannung und Diskurstheorie sind in Österreich also recht ungleich verteilt. Und das trotz Anweisung von oben. Denn Technik ist Zukunft, das wissen die Zeitungsleser und die Staatsdiener: Es mangelt an hoch qualifizierten Facharbeitern, (Diplom)-Ingenieuren und Frauen in der Technik. Die Wirtschaft verlangt nach Schweißern, Fräsern, technischen Chemikerinnen, Maschinenbauern, Materialwissenschafterinnen und Wirtschaftsinformatikern. Wir aber wollen Fernsehjournalisten, Schauspieler, Schriftsteller, Videokünstler und Grafikdesigner werden; auf FM4 moderieren, Platten auflegen, Gags für Harald Schmidt schreiben und Soundinstallationen auf der ars electronica präsentieren. Wir wollen mittags mit unserem MacBook Pro in der Kantine des Burgtheaters und spät nachts in einer Talkshow zwischen Charlotte Roche und Sascha Lobo sitzen.

Zigtausende Euro werden jährlich in ministerielle Werbekampagnen gesteckt, die uns die Vorzüge technischer Ausbildungen näherbringen sollen – bisher ohne Erfolg. Gelangweilt wenden wir unsere Blicke ab, wenn Naturwissenschafter und Techniker Glaubenssätze der Industriellenvereinigung rezitieren und Landesrätinnen mit 14-jährigen Mädchen posieren, denen ein Lötkolben in die Hand gedrückt wurde. Unser Traum wird weder subventioniert noch mit Erfolg belohnt, aber er speist sich aus den Erzählungen der Medienmacher, die uns großgezogen haben. Auch wenn einzelne Physiker mittlerweile – öffentlichkeitswirksam in Workshops und wissenschaftlichen Castingshows geschult – Aggregatzustände unterhaltsam erklären können und sich dabei auf Kleinkunstbühnen wie Popstars gebärden, so haben die Naturwissenschaften doch noch keinen Stuckrad-Barre hervorgebracht, keine Lady Gaga und keine Peaches.

Die Überlegenheit der Natur- und Technikwissenschaften drückt sich für uns allein in Zahlen aus: in Form von Zahlenreihen auf den Bankkonten der Absolventen, von gegen Null gehenden Arbeitslosenquoten und vor allem in Form von berechenbaren Forschungsergebnissen. Das Ergebnis der Masterthesis eines Elektrotechnikers ist 17, der Master of Arts hingegen blickt beschämt zur Seite, wenn nach den wissenschaftlichen Schlussfolgerungen aus seiner Abhandlung über Geräuschkulissen im Ersten Weltkrieg gefragt wird. Einem Fakten produzierenden Wissenschaftskomplex stehen hier die Schreiber gegenüber, die kritischen Analysten und die Hinterfrager – wenig ökonomisch also, ein Umstand, der die Wissenschaftsminister der Republik zusehends in Erklärungsnot bringt. Brauchen wir Sinologie und Gender Studies, tausende Publizistik-Absolventen, die einen konzentrierten Markt überschwemmen?

Für eine Debatte über Bildung, Ausbildung und den Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen bleibt weder Zeit noch Raum, schlichtweg unökonomisch wäre ein solches politisches Vorgehen, und die Reden wären zu schwammig. Nicht zuletzt daran scheiterte auch die „Uni brennt“-Bewegung, die sich im vergangenen Jahr an der Universität Wien formierte. Da sei zu viel herumgeredet und gefordert worden, charismatische Führungsfiguren, Strukturen hätten gefehlt – keine Zahlen, keine Fakten. Ohne diese kann die (Kampagnen-)Politik aber nicht arbeiten. Unzählige Studien werden in Auftrag gegeben, um Zahlenmaterial zu produzieren, das in Arbeitsberichten vorgelegt und in handliche Broschüren verpackt werden kann. Politik für das neue Jahrtausend.

346 Euro Lehrlingsentschädigung erhält eine Friseurin monatlich, 496 Euro sind es für eine Automechanikerin. Wer den falschen Weg wählt, wird also mit 150 Euro vom Arbeitsmarkt bestraft, bestraft werden die schlecht Informierten. Diejenigen, die es geschafft haben, den vielen Aufklärungsversuchen zu entgehen oder aber den Anweisungen des Verwaltungsapparats zuwidergehandelt haben. So stellt sich auch die Lohnschere zwischen gut verdienenden Männern und schlecht verdienenden Frauen als Effekt einer nicht wahrgenommenen Eigenverantwortung heraus – diesen Beigeschmack hinterlässt zumindest die Rezeption der Kampagneninhalte. Auch an den Universitäten greift das Prinzip Eigenverantwortung nicht, was bei einigen Betriebswirten bereits medial in Szene gesetzte Panikattacken ausgelöst hat. Angesichts von gut ausgebildeten indischen Informatikern, die für einen Bruchteil heimischer Gehälter täglich elf Stunden lang auf ihre Bildschirme starren, und österreichischen Studienabsolventen, die ihre unbezahlten Praktika am Theater von ihren Eltern finanzieren lassen, sei das Abendland dem Untergang geweiht. Die digitale Bohème erfreut sich einstweilen am Wohlstand der Kreisky-Generation, um deren Studienwahl sich noch niemand außer den Hütern der Familientradition gekümmert hat. Ärzte, Frühpensionisten und Lehrer finanzieren das künstlerische Schaffen ihrer Kinder, die ihrem eigenen Nachwuchs nichts mehr zu vererben haben werden. Aber dafür sind sie auch nicht angetreten.