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jan giffhorn | Abzurechnen

Diversity-Training.

Pffft!

Lohnt doch nicht, bei den paar Leuten davon, finde ich.

Genau das habe ich auch zum Chef gesagt. Und, ehrlich, ich bin eh auch unter der Woche ein toleranter Mensch und mich stören diese Leute eigentlich überhaupt nicht. Man bemerkt sie meistens (glücklicherweise) eh kaum, und das ist auch gut so, – schließlich sind wir ja alle gleich, warum sollte man für die da dann eine Ausnahme machen?

Und, meinetwegen, soll so sein, dass es die unvermeidlich in gewisser Anzahl und Ausprägung auch in unserer Firma gibt, ob nun z. B. Migranten, andere oder auch Frauen – aber deswegen allein schon direkt Diversity-Training? Bei uns schätzt man doch Vielfalt und Multi-Was-auchimmer, ich begrüße alles, ich mag jeden, aufs Entschiedenste, und bin zu allen und den meisten freundlich, und ohne dass man mich dazu zwingt sogar zu der bleichen Dicken aus der Kantine mit den Schweißachseln.

Denn, um das einmal ausdrücklich klarzustellen: Wir vom Controlling – vornweg Dolphi und ich – wir sind eines: objektiv.

Dieses ganze Gerede von der großen Toleranz, die man braucht, ist für uns daher schlicht irrelevant, denn objektiv heißt: Wir sehen klar, wir sehen deutlich, wir sehen die Dinge, wie sie sind und nicht anders; uns interessieren nicht Begleitumstände. Und selbst wenn sich bei einem fraglichen Mitarbeiter zum wiederholten Male Defizite nachweisen lassen, selbst dann wird das unabhängig von seinen sekundären Makeln, unabhängig also von fehlerhafter Orientierung, Religion, Behinderung oder auch Geschlecht bewertet. Hier gilt die Zahl und nicht die Maske. Wir beschweren uns nicht über Mitarbeiter und ihr Privatleben, denn das geht uns erstens nichts an, zweitens interessiert es nicht und drittens auch nicht wenn es mir zuwider ist. Selbst in eindeutigen Fällen, in Fällen, in denen ein suspekter Mitarbeiter eindeutigst bilanziell versagt, selbst da prüfen wir noch einmal und noch zweimal dann mit aller gebotenen Gründlichkeit, Offenheit und leichter Neigung, ob und wie genau der verdächtige Schuldige tatsächlich aus dem Betrieb zu schieben ist. Und erst dann sprechen wir der Leitung gegenüber eine Empfehlung aus, alles stets entsprechend Satzung, Recht und Gewohnheit.

Man rennt doch nicht sofort zum Chef und petzt, nur weil einem etwas nicht gefällt! Wir spielen fair.

Aber diese gewissen Anderen da, die sind da anders: Subversiv. Durchtrieben. Verschworen bis ins Mark, und die haben jede Gelegenheit zu nutzen gelernt, ja, die legen sogar die Fettnäpfchen aus, in die der Arglose dann hineingerissen wird.

In diesem Fall: Man bringt einen humorigen Spruch in der Kantine, eine lustige Anmerkung zu einer heitereren Situation –  und schon ist es aus, und jemand rennt – heulend wie ein strumpfhosiges Schulmädchen – zum Chef, der sich von diesem bisschen Opferparfum betören lässt.

Und dabei hatte ich recht mit jedem Wort, das ich da zu Pinky gesagt habe!

Wenn Miss Pinky – Geburtstag hin oder her! – wenn Miss Pinky seinen Banana-Split auf diese Weise isst, mit derartig viel Schlagobers geradezu verschlingt, trotz seiner Dicklichkeit, dann darf man doch wohl als aufgeklärter Mensch mal eine Anmerkung machen? Und warum sofort eingeschnappt sein, nur wegen einem bisschen Frankie Goes To Hollywood Zitat? (Ich kenne die nur von den Platten meines Bruders. Der ist Fußballprofi.)

Fakt: Pinky – den richtigen Namen weiß ich gar nicht – ist einfach eine Heulsuse, der sich das mal zu Herzen nehmen sollte: Einfach mal entspannen!

Aber nein: Beschwert sich beim Chef.

Und die bleiche Dicke, zu der ich immer so nett bin, auch.

Und Mazda (der serbische Rollstuhlfahrer von der Kopierstelle) auch.

Und alle machten das schriftlich und formal absolut korrekt, als ob ihnen jemand in der Rechtsabteilung geholfen hätte – und ich konnte nicht einmal Widerspruch einlegen.

Eine Verschwörung.

Und auf einmal wird man unschuldig verdonnert, den kompletten Freitag und den totalen Samstag auf einem Diversity-Training zu verbringen, vorne steht ein krummer Altachtundsechziger, klein und grau mit Osteuropa-Diplom, und singt da sein Eiapopeia vom Miteinander, Weltfrieden und so weiter. Er hat ein Flip-Chart mit langen Ausdrücken drauf und Kreisen, die einander umschließen („umschließen, nicht ausschließen!“).

In den Gesichtern manch weicher Kollegen sieht man tatsächlich – ja, was ist das wohl? – Rührung, denke ich. Und während die Vollpfosten dem Sektierer aus der Hand fressen, ist es so langweilig, dass man die Zeit in Scheiben schneiden könnte.

Und nach zwei Tagen (gefühlten zehn) gibt es dann am Samstagabend noch ein gemeinsames Abschiedsessen (dabei sieht man sie doch alle sowieso am Montag wieder) – auch das wieder zulasten der Firma. Wir sind angehalten, einander dabei feierlich zu mögen und frohgemut lachend zuzugehen auf den Anderen und der inneren Bezogenheit unserer Gruppe als Gruppe insbesondere aber auch der Gruppe als Konstellation von Individublablabla „zu erfühlen und erspüren“ – ich bin so froh, dass er nicht „ertasten“ gesagt hat.

Gegen 23 Uhr sind wir nur noch zu viert: Ich, Pinky und zwei seiner Spezialkollegen, da fällt es leicht, sich etwas gehen zu lassen. Die drei sitzen mir gegenüber wie drei verstimmte Orgelpfeifen. Die kleine Pfeife bestellt sogar noch eine weitere Flasche Prosecco fürs Kollektiv. (Ich muss es mal sagen: Meiner Meinung nach gibt es Klischees aus einem einfachen Grund: Weil sie stimmen! Das hat die Politik – gottseidank – auch endlich verstanden und ergreift vielerorts Konsequenzen, vielleicht auch bald in Europa.)

Ich bestellte noch einen doppelten Korn.

Als wir da so sitzen, gebe ich klärend zu verstehen, ich hielte jene Angelegenheit insgesamt doch für hoch überbewertet, den Kantinenvorfall ja eh, den Weihnachtsvorfall aber eigentlich auch – im Ernst: Seinen Freund hätte Pinky zur Weihnachtsfirmenfeier nicht mitbringen müssen. Schließlich: Ich habe den Hund ja auch zuhause gelassen, eben weil ich wusste, dass er nun mal herumsabbert, den Leuten gerne in der Intimsphäre schnüffelt und mit seinem Wedelschwanz am Ende noch etwas umwirft.

Die Pfeifen schauen sich an, dann sagt die mittlere, dass die Aktion mit der pinken Tinte im letzten März aber auch nicht die beste gewesen sei, ich hätte dadurch eine ganze Präsentation aufs Spiel gesetzt.

Und Pinky – der richtige Name, er liegt mir auf der Zunge! – in einer Rundmail als „biologischen Leerverkauf mit einer Leidenschaft fürs Spekulationsblasen“ zu bezeichnen, sei schlichtweg unverschämt gewesen. Pinky nickt wie der klassische Versager in einem katastrophalen Vorstellungsgespräch.

Und das macht mich noch wütender, denn ich kann es berechtigterweise nicht ausstehen, wenn gelegentliche Späße hinterrücks als Sticheleien empfunden werden – ich empfinde das als Indiskretion sondergleichen! Und ich bin nicht bereit, das zu meinem Problem zu machen, nur weil andere es haben!

Und so bestelle ich noch einen doppelten Korn.

Schweigen und verschränkte Arme.

Und dann kommt’s: Dann sagt doch die kleine Pfeife, also der, von dem ich weiß, dass er noch in der Probezeit ist, ich sei – Achtung. Jetzt! – ich sei: „Verkopft“, einen „verkopften Zugang“ hätte ich zu solchen Dingen.

Verkopft. Ich. Pffft!

Ich lache schallend, klar und leidenschaftlich: „Hahahaha!“ und beginne sofort mich gekonnt zu verteidigen: Wenn ich verkopft wäre, könnte ich in einer solchen Situation wohl kaum so solide argumentieren, ohne mich in Verlegenheit zu bringen, womit erwiesen ist, dass ich nicht verkopft sein kann, sage ich und richte mich auf. Mein Rücken knackst schmerzhaft bei L5, und ich leere erbost mein Glas.

Und nach einer stillen Weile mahne ich, dass meine Toleranz durch diese Wochenenderfahrung durchaus kritischer geworden ist, und ich werde sie – also diese meine Toleranz 2.0 – bei der nächsten Evaluation zu einem Termin meiner Wahl mit einfließen lassen.

Sie schauen sich an, und ich bestellte mir zum Ausnüchtern noch ein Bier, eh mir von alldem schlecht wird. Dann zahlt man und geht.

Ich sage: „Tirilaulu, meine kleinen Honeybunnypumpkins“ und winke mit dem kleinen Finger, als ich an den Pfeifen an der Kreuzung vorbeifahre.

Zu uniformierten Exekutivbeamten, die einen an der nächsten Ecke abpassen, sollte man so etwas jedoch nicht sagen. Die Tatsache, dass man ein anstrengendes Wochenende hatte reicht als Entschuldigung für Trunkenheit nicht mehr. Und vor dem Alkoholtest laut und lustig darüber zu spekulieren, der Knüppel welches Uniformierten nun größer sei, ist einem ebenso wenig zuträglich wie die geäußerte Vermutung, bei den beiden Beamten mache es wohl auch eher Tirilaulu als Tatütata – selbst wenn man betont, man empfinde das als Frage der nationalen Sicherheit. Beim Eintreffen der zweiten Funkstreife gilt genau dasselbe, auch wenn man das fälschlicherweise anders einzuschätzen geneigt ist, weil zwei Beamtinnen aus dem Blaulichtwagen steigen, die beide zudem erheblich schlecht geschminkt sind. Mein Hinweis, die beiden Exkutivbeamtinnen könnten von beiden anwesenden männlichen Kollegen mit den fleischig-rosigen Wangen dahingehend durchaus noch etwas lernen, wird nicht gut aufgenommen. Und wenn man dann erklärt – in Handschellen, auf der Rückbank, den Tränen nahe und entrechtet – dass man immer noch empört und ein stückweit auch gekränkt sei, weil impertinente, renitente Untergebene einen leichtfertig als „verkopft“ bezeichnet haben, dann lachen alle, alle lachen laut und lang, während mein Porsche von einem Vladi oder Sladko grinsend auf den Abschleppwagen gezogen wird.

Ist das nicht alles Willkür, ist es nicht widerlich, und dass man so einen Wagen bei 1,8 Promille bereits nicht mehr fahren darf – ist das fair? Und überhaupt: Trunkenheit am Steuer, Beleidigung, Behinderung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und noch zwei, drei weitere Punkte, die ich verdrängen konnte seit heute früh, plus noch Anwalt und Gerichtskosten – also, ich bin nicht sicher, ob ich mir das Lachsfischen in Canada wirklich werde leisten können dieses Jahr.

Vorausgesetzt überhaupt, ich kriege meinen Pass wieder.

Für mich rechnet sich Diversity nicht, das hat mich nur in Schwierigkeiten gebracht.

Aber das Schlimmste kommt ja erst am Montag früh: Wie erklärt man den Kollegen, dass man auf einmal – wie so ein Grüner – mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt?

„Mir ham’s des Auto g’fladert.“

„Schon wieder?“

Arschloch.

 

jan giffhorn