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Zum letzten Groschen

daniel wisser | Zum letzten Groschen

Im Dorfgasthaus Zum letzten Groschen in Zils tauchte jeden Tag ein Mann mit einem auffälligen Schnurrbart auf, der zuerst erspähte, ob der Platz ganz links an der Schank frei war. Stand bereits jemand an diesem Platz, so verließ der Mann das Gasthaus wieder; war der Platz frei, so stellte er sich an die Schank und bestellte zuerst ein Viertel Sandhügler, dann ein Achterl Sandhügler und schließlich einen großen Birnernen. Bald kannte die Wirtin diese Abfolge und der Mann musste nur noch mit einer kleinen Geste mit dem Zeigefinger bedeuten, dass er das nächste Getränk wollte. Auch hatte er die bereits exakt abgezählte Zeche mit sich und legte sie auf den Tisch, nachdem er den Birnernen geleert hatte. Die Wirtin musste nur noch nach Teuerungen und Währungsumstellungen auf den neuen Preis aufmerksam machen. Dann griff der Mann in die Brusttasche seines ledernen Gilets und zählte die Münzen ab. Gesprochen wurde nicht.

Manchmal, wenn der Mann das Gasthaus betrat und jemand an seinem Platz ganz links an der Schank stand, wollte die Wirtin ihn überreden, sich doch auf die rechte Seite der Schank zu stellen oder sich überhaupt an einen Tisch zu setzen, aber der Mann schüttelte nur den Kopf und verließ schweigend das Gasthaus.

Als eines Tages die vierzehnjährige Tochter der Wirtin aushalf und den Mann fragte, woher er komme, zeigte sich dieser durchaus gesprächig. Er sagte, sein Name wäre Josef Bratfisch, und er käme täglich zu Fuß nach Zils. Auf dem Heimweg begegne er immer wieder den Pretzlern (einer Art von Kobolden), die meisten von ihnen harmlos, sogar sehr freundlich. Er sei aber trotzdem vorsichtig und erzähle ihnen nichts von der Existenz des Dorfgasthauses, denn er habe es nicht gerne, wenn er die Tür öffne und sehe, dass sich ein Pretzler an seinen Stammplatz ganz links an der Schank gestellt habe.

Die Wirtstochter überredete ihre Mutter, ganz links an der Schank ein Messingschild anzubringen, in das der Name Josef Bratfisch eingraviert war. Ab diesem Zeitpunkt tauchte Josef Bratfisch nicht mehr im letzten Groschen auf. Das war nichts Besonderes und fiel zu dieser Zeit nicht auf. Die Tochter hinderte aber die Mutter daran, das Messingschild wieder zu entfernen und jeder Gast, der auch nur versuchte, sich ganz links an die Schank zu stellen, wurde zurechtgewiesen, er könne sich überall hinstellen, aber nicht an den Platz von Herrn Bratfisch.

Die Wirtstochter erzählte der Mutter von Bratfischs Erzählung von den Pretzlern und fragte sie, ob vielleicht die Pretzler für das Verschwinden so vieler Männer verantwortlich seien. Die Wirtin wurde wütend und sagte, das könne die Tochter noch nicht verstehen; dazu wäre sie zu jung. Es gebe keine Pretzler. Das Gerede von den Pretzlern wäre reiner Unfug. Und die Tochter solle sich unterstehen, mit irgendjemand im Gasthaus oder im Dorf über die Pretzler oder das Verschwinden der Männer zu sprechen.

Erst zwölf Jahre später (die Wirtin war bereits alt und durch Krankheit an das Bett gefesselt und die Wirtstochter war nun zur Wirtin geworden) betrat Josef Bratfisch wieder das Dorfgasthaus Zum letzten Groschen. Er überprüfte, ob sein Stammplatz frei war, und musste weinen, als er das Messingschild mit seinem Namen sah. Er bestellte zuerst ein Viertel Sandhügler, dann ein Achterl Sandhügler und schließlich einen großen Birnernen. Als er zahlen wollte und ihm die Wirtin den aktuellen Preis in der aktuellen Währung nannte, fragte Bratfisch schüchtern, ob er die Zeche am darauffolgenden Tag begleichen könne. Die Wirtin lächelte und sagte, ihr sei nur wichtig, dass er morgen wieder komme und nicht wieder zwölf Jahre wegbleibe. Bratfisch kam nun jeden Tag, hatte aber nie Geld dabei und redete nicht.

Nach zwei Wochen erzählte die Tochter der Mutter, die inzwischen erblindet war (wahrscheinlich von der Zuckerkrankheit, wie der Arzt vermutete), von der Rückkehr des Herrn Bratfisch. Die Mutter wurde sehr unruhig und fragte die Tochter, ob er sich auch verändert habe oder genauso aussehe, wie vor zwölf Jahren. Die Tochter beruhigte die Mutter und erzählte ihr nicht, dass Bratfisch seit zwei Wochen nicht bezahlt hatte. Die Mutter murmelte immer nur einen Satz: „Nur Pretzler können Pretzler sehen“.

Die Wirtstochter gab Herrn Bratfisch täglich sein Viertel Sandhügler, dann ein Achterl Sandhügler und schließlich einen großen Birnernen, ohne dass er dafür bezahlen konnte. Sie glaubte, dass Bratfisch nun in ihrer Schuld stünde und sie ihn fragen könne, ob er im Wald auf dem Weg nach Zils noch Pretzlern begegne. Bratfisch schwieg zuerst und sagte dann nur, es habe sich alles verändert. Ob es wahr sei, dass nur Pretzler Pretzler sehen könnten. Bratfisch nickte. So habe man früher gesagt. Wie es dann sein könne, dass Bratfisch die Pretzler sehen könne, wo er doch selbst kein Pretzler sei. Und wenn er, Bratfisch, ein Pretzler sei, wie es dann sein könne, dass sie, die Wirtin, ihn sehen könne, da sie doch keine Pretzlerin sei. Bratfisch schüttelte nur den Kopf und sagte, es gäbe keine weiblichen Pretzler, es habe sie nie gegeben, und er trank den großen Birnernen und konnte ihn danach nicht bezahlen.

Am Ruhetag durchstreifte die Wirtin die Wälder rund um Zils und versuchte, einen Pretzler zu entdecken. Sie setzte sich stundenlang auf Hochstände und atmete langsam und lautlos, sie suchte entlegene Wälder auf, vor denen die Mutter sie immer gewarnt hatte, aber sie begegnete keinem Pretzler, sie sah keinen Pretzler.

Über fünf Jahre kam Josef Bratfisch nun täglich außer am Ruhetag und trank und konnte nicht bezahlen. Eines Tages kam er mit einem kleinen Rucksack in den letzten Groschen. Er bestellte und trank wie immer. Als sich die Wirtin bereits verabschiedet hatte, nahm er aus seinem Rucksack ein großes Bündel Geldscheine. Bratfisch sagte, er habe noch 1789 Viertel Sandhügler, 1789 Achtel Sandhügler und 1789 große Birnerne zu bezahlen. Er legte die Geldscheine auf die Schank und sagte: „Stimmt so“!

Josef Bratfisch kehrte nicht wieder in das Gasthaus Zum letzten Groschen zurück. An seinem Stammplatz ganz links an der Schank darf bis zum heutigen Tag niemand stehen.