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den leerräumen vertrauen

Über Ewigkeitsabschnittspartner und durchbuchstabierten Beziehungsstoff


Eva Scala: Schmetterlinge jagen. Roman

den leerräumen vertrauen

Sisyphos: Klagenfurt 2011

Rezensiert von: elisabeth wimmer


So stellt man sich ein freundliches Entree vor: Regen und Wind im Gesicht, Lehmgatsch an den Schuhen. Willkommen auf dem Friedhof! In Prato wird ein erfolgreicher Textilunternehmer begraben. Der Tod des Familienpatriarchen weckt Unruhe im Leben seiner Lieben. Ein Sohn wird die Firma weiterführen. Der Roman folgt ihm, seinen Geschwistern und den Partnern und Partnerinnen auf ihrer Jagd nach Liebesglück. Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Ereignisse in Italien am Beginn der Neunzigerjahre suchen die Personen verzweifelt Nähe, mitunter wie nebenbei. Um ihre Einsamkeit zu überwinden und glücklichen Momenten Dauer zu verleihen, entwickeln sie skurrile Strategien. Beziehungen entstehen, werden aufgegeben oder über unverrückbare Grenzen hinweg weitergeführt. 

Eva Scalas Roman Schmetterlinge jagen erzählt in Form vieler Dialoge und teils verkappter Monologe. Sie sind durch Erzählpassagen verbunden und wirken manchmal wie Szenen auf einer Theaterbühne, die durch Spots kurz beleuchtet werden, bevor der Lichtwechsel die Aufmerksamkeit umlenkt.
Die Figuren reden viel, manchmal österreichisch gesprenkelt. Umgangssprachliches wie „schmeißen“, „klauben“, „zu Fleiß tun“ taucht jedoch zu selten auf, als dass es den Text prägte oder als individuell gefärbte Sprache von Figuren verstanden werden könnte.
Dem Text fehlt ein Lektorat, es gibt in ihm Unstimmigkeiten und viele Fehler. Beides irritiert beim Lesen und vermittelt den Eindruck von Nachlässigkeit. Solcherlei Ablenkung hätte die Geschichte nicht verdient.

Die Grazer Autorin Eva Scala ist Pädagogin und Psychotherapeutin und hat viel Erfahrung und Fachwissen in die Dialoge und Monologe gelegt. Sie ist sehr nah dran, manchmal so nah, dass es peinlich ist, mit dabei zu sein. Sie weiß genau, was ihre Figuren suchen und warum sie scheitern werden. Und die Figuren kennen den ihnen zugedachten Text. 

Vielleicht ist dieses komprimierte Wissen mit ein Grund für das Gefühl, nur neben der Geschichte hergegangen zu sein. Dem Buch ist die Frage vorangestellt: „Wie ist es möglich, eine große Leidenschaft in aller Intensität zu bewahren?“ Unfremder kann uns Lesern und Leserinnen ein Thema kaum sein. Viele Identifikationsmomente bieten sich an. Theoretisch.

Denn es bieten sich kaum Einstiegsschneisen an. In diesem Text sagt fast immer jede/r alles. Es gibt so wenig Platz darin, so wenig Leerstellen, in denen man sich einfinden könnte. Der Text vermisst, was auch seinen Figuren auf ihrer Suche nach Dauer fehlt: Vertrauen in die Leerräume. Ein Zutrauen zu dem, was nicht gesagt wird und was die Figuren tun, während man ihnen nicht über die Schulter schaut.

Manche Handlungsideen aber wecken Resonanz. In Gesprächen wird etwa von der Orakel-Wanderung eines Paares oder vom Sterbetagebuch eines schwerkranken Geliebten – in Form von Fotos und geschriebenem Wort – erzählt. In der Darstellung dieser „Passagen“ entdichtet sich auch die Sprache ein wenig, die Autorin erzählt ein bisschen tastender. Hier gibt es Worte, die nicht alles alles alles ausbuchstabieren. Oder immerhin von den Bildern im Zaum gehalten werden. 

Wofür man dieses Buch mögen kann? Fürs Wandern und Sterben. Und für die Vorstellung blasser Poträtfotos auf weißem Papier.