schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 23 - gute reise den unglauben im rucksack
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/23-gute-reise/den-unglauben-im-rucksack

den unglauben im rucksack

Ilse Helbichs tröstliches Buch über das Altsein


Ilse Helbich: Grenzland Zwischenland. Erkundungen.

den unglauben im rucksack

Droschl Verlag: Graz 2012

Rezensiert von: andrea stift


Auf dem Klappentext steht: Berichte einer furchtlosen und stilsicheren Reisenden aus dem unbekannten Land des hohen Alters. Und gleich mit dem ersten Satz wird dieses Motto bestätigt: „Mit einem Schlag bin ich sehr alt geworden, in einer Verfassung, die meinen Lebensjahren – ich war 87 – entspricht.“ Ilse Helbich ist also alt und beschäftigt sich in Grenzland Zwischenland damit. Und wie sie sich damit beschäftigt: nämlich so, dass wir Nichtalten es auch verstehen. Und das plötzlich gar nicht so traurig finden, das Altwerden, wie wir das normalerweise tun. Dieses Buch ist ein trostspendendes. Diese Qualität greift auch dann, wenn man vermeint, gar keinen Trost zu brauchen. Dieses Buch macht keine Angst. Es besteht aus tagebuchartigen Beobachtungen und Selbsteinschätzungen. Jeder Eintrag ein kleines Wunder wie jeder Tag eines Lebens. 

„Wie soll einer diesen Splittertext lesen? Wohl so wenig konsekutiv, wie er geschrieben wurde.“
Die Erkenntnis, nicht mehr jung zu sein. Und die Freiheit, die einem das gewährt: Man muss sich, auch geliebten Menschen gegenüber, nicht mehr rechtfertigen. Zum Beispiel dafür, dass man auch im hohen Alter nicht alles weiß.

Überhaupt der Umgang mit einem Tabubegriff – Ilse Helbich bezeichnet sich als alt, sogar als sehr alt. Der Leser, von einer gewissen Scheu befreit, hinterfragt Alltägliches: Zum Beispiel, dass man dieses Wort (alt) so in der Öffentlichkeit gar nicht mehr ausspricht oder aussprechen darf, aus Höflichkeitsgründen. Menschen sind nicht mehr alt, sie sind „älter“. Wenn eine alte Frau in die Straßenbahn einsteigt, wird eine Mutter ihr Kind auffordern, der „älteren“ Dame den Sitzplatz zu räumen. Wer alt ist, ist fast tot, und deshalb wird nicht darüber gesprochen –
wird ein ziemlich relevanter weil unausweichlicher Teil unseres Lebens (nämlich die Aussicht auf ein Nicht-mehr-Leben) nicht angesprochen. Man lernt mit Ilse Helbich, wie man das (wieder) tun kann. 

Mit fast strenger Klarheit spricht sie Dinge aus wie das Nachlassen oder Verschwinden körperlicher Funktionen. Das Gehen. Das Sehen. Mit dem Verschwimmen der Objekte vor den Augen verschwimmt auch die Nähe zum Leben: Eine Distanz schleicht sich ein. Ilse Helbich, sie schreibt zuerst in der Ich-Form, später in der 3. Person, spürt diesem Nahverlust zu ihr wichtigen Menschen („die Fremden und die Nächsten, die sie noch immer liebt“) unsentimental nach. Und beobachtet auch die eigene Arroganz gegenüber denen, die Erfahrungen erst machen müssen. Die erst aus Fehlern lernen müssen.
Das Schreiben hat Ilse Helbich erst spät für sich entdeckt. Das „Dichten“ war ihr nicht ganz geheuer, in jüngeren Jahren, gibt sie zu, betrachtete sie es fast verächtlich. Diese Einstellung hat sich spät, aber ordentlich geändert. Jetzt gilt „der Schreibtrieb als Movens“. „Ich kann mir nicht vorstellen, anders als aus dieser Kraft zu leben.“ Die Schriftstellerin scheint sich wie ein Kind an jedem Satz zu erfreuen.

Der Lesende freut sich mit. Das entstandene Gespinst aus (scheinbar) zeitlosen Beobachtungen macht einem das leicht und schwer zugleich, in seiner Unmittelbarkeit. „Ich glaube noch immer nicht an meinen Tod“, schreibt Ilse Helbich, und der Lesende fühlt sich sogleich ertappt. Denn wer tut das schon.