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drift durchs leben

Vor 100 Jahren stellte Alfred Wegener erstmals seine Theorie der Kontinentaldrift vor – und wurde von der Fachwelt ausgelacht.


Jo Lendle: Alles Land. Roman.

drift durchs leben

DVA: Frankfurt/Main 2011

Rezensiert von: werner schandor


Dass er mit seiner Theorie der Kontinentalverschiebung gegen eine Mauer lief, kränkte Alfred Wegener zeitlebens. Daran änderte auch die Genugtuung nichts, dass der Meteorologe anno 1924 als ordentlicher Professor an die Universität Graz berufen wurde. Wegener wohnte mit seiner Frau, seinen drei Töchtern und den norddeutschen Schwiegereltern in der Blumengasse am Fuße des Ruckerlberges – dort, wo heute die Wegenergasse ihre Biedermeieridylle verbreitet. 

Als der deutsche Meteorologe und Grönlandforscher Alfred Wegener seine Theorie der Kontinentaldrift 1912 erstmals bei einem Vortrag vorstellte, war man der festen Überzeugung, dass die Erdteile unveränderliche Landmassen seien, die in grauer Vorzeit durch Landbrücken miteinander verbunden gewesen sein mussten. So erklärte man sich die Ähnlichkeiten in der Geologie und Fauna und Flora von Westafrika und Südamerika. Aber was sollte mit den Brücken geschehen sein? Und warum ignorierte man, dass der Meeresspiegel mit diesen Brücken mindestens sechs Meter höher gewesen sein musste, als er war? Wegener entwickelte eine andere Theorie: die des Urkontinents „Pangaea“ (Alles Land), dessen Teile sich seit Jahrmillionen kontinuierlich voneinander entfernen. Der junge Forscher war der Überzeugung, dass die Vernunft siegen und sich seine Einsicht durchsetzen musste. Doch er sollte irren: Die Zeit, in die er geboren war, hatte mit ihrem großen Krieg und all den daraus folgenden politischen Umwälzungen kein Interesse daran, sich auch noch in der Geologie den festen Boden unter den Füßen wegziehen zu lassen.

Alles Land betitelt auch der Kölner Autor Jo Lendle seinen biografischen Roman, in dem er Leben und Einsichten des Alfred Wegener nachzeichnet. Lendle tut dies akribisch von mutmaßlichen Kindheitserlebnissen über Wegeners erfolgreiche Forschungsexpeditionen nach Grönland, wo er in Klausur einen Winter in Eis und Schnee überlebte, bis hin zu seinen zahlreichen akademischen Fehden, in denen er meist den Kürzeren zog. Wegener war ein naturwissenschaftlicher Pionier durch und durch. Dank seiner Positionsbestimmungen, die er mit den Positionsdaten frühester Grönlandforscher des 19. Jahrhunderts verglich, konnte er errechnen, dass sich Grönland kontinuierlich nach Westen bewegt, und zwar um elf bis 21 Meter pro Jahr. Die Geologen der Zeit dankten ihm diese Erkenntnis mit dem Hinweis, der Meteorologe möge ihnen, den Geologen, nicht ins Handwerk pfuschen, denn da könne ja jeder daherkommen.

Wegeners Leben als Forscher bleibt bis zum Schluss vom Konflikt geprägt, dass einer eine Wahrheit erkannt hat, die zuerst abgelehnt wird und schließlich im Tumult der Zeiten schlichtweg untergeht, bevor sie sich schließlich doch durchsetzt. Da erstaunt es fast, dass Autor Jo Lendle trotz dieses starken Spannungsmomentes den strikt chronologischen Ansatz wählt und auf kühl-distanziertes Erzählen setzt, was dem Roman ein etwas sprödes, aufzählungshaftes Gepräge verleiht. Erst am Schluss, wenn Wegener ein letztes Mal ins ewige Eis Grönlands zurückkehrt, gewinnt der Roman an Anschaulichkeit. Da peitscht der Schnee horizontal übers Land, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sieht, da spürt man die elementare Kraft, die dem Forscher in den Grenzregionen zwischen Leben und Tod entgegenschlägt, da erst zeigt Alles Land, woher der Wind in Wegeners Leben eigentlich wehte.