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drittklassig von moskau bis peking

evelyn peternel | drittklassig von moskau bis peking

Eine der besondersten Reisen überhaupt

162 Millionen Schweißdrüsen, versammelt auf einer Fläche von etwa 70 Quadratmetern. Und das über eine Strecke von 9.302 Kilometern. Das klingt nicht nur nach einer Zumutung, sondern ist es auch. Warum ich mich dem trotzdem aussetze? Weil es ja heißt, die Fahrt mit der Transsib sei eine der besondersten Reisen überhaupt. Der Versuch, herauszufinden, wieso.

„Platzkartnyj?“, fragt die herbe Dame am Bahnhof in Moskau, ohne mich anzusehen – und hebt den Kopf erst, als sie merkt, dass sie keine Russin vor sich hat. Ich nicke, in Erwartung einer demütigenden Reaktion: Die Schaffnerin lächelt, aber lacht mich eigentlich aus. Europäische Touristen in der russischen Normalbürger-Klasse, das kann nicht gutgehen. Ich bin bereit, das Gegenteil zu beweisen. Vorerst.
Im Waggon angekommen, beginne ich sofort, das Moskauer Hostel zu vermissen. Duschen zur halbwegs periodischen Körperpflege sind nämlich in der 3. Klasse der russischen Eisenbahn nicht vorgesehen. (Ja, ich habe das gewusst. Aber ignoriert!). Auch das Wort Privatsphäre verdient es, hier neu definiert zu werden: Ich teile mir meinen Lebens- und Schlafraum mit 53 anderen. Und das zumindest sieben Tage und sechs Nächte lang. (53 Menschen macht 106 Füße macht 106 Achseln macht durchschnittlich 1484 ungeputzte Zähne … ich beschließe, meine Rechenkünste zu vergessen.)

Die Megapolis Moskau hinter mir lassend, beginne ich, es den Russen im Zug gleichzutun und mich häuslich einzurichten: Schließlich will man nicht auffallen im Zug voller Einheimischer. Schritt eins: Man mache sein Bett (die Minimundus-Variante einer Schlafstätte: Ich passe mit 1,75 Metern Körpergröße exakt auf das etwa 60 Zentimeter breite Ding). Wie meine Mitreisenden – teils Kolosse in Armeeuniform – sich darauf zwängen, bleibt mir ein Rätsel. Das Bettzeug, attraktiv gelöchert, wird mir von der Schaffnerin ausgehändigt. Sie ist auch diejenige, mit der man die Reise über auskommen sollte: Heißes Wasser oder einen anderen Polster, weil der eigene zu sehr nach dem Haarschweiß des Vorbenutzers müffelt, gibt’s nur bei ihr. Schritt zwei: Schaffnerin angrinsen und ihr in bestem Russisch symbolisch die Freundschaft anbieten.

Nach dem Drapieren des Bettzeugs auf der matratzenähnlichen Auflage (mit der ansehnlichen Dicke von zwei Zentimetern) merke ich, dass ich mich kaum zur Häuslichkeit eigne. Ich habe keine Hausschuhe, meine Mitreisenden stiefeln jedoch in herzerwärmenden Pantoffeln umher; meine Essensvorräte: Instant-Suppen, während die anderen mit dem Traditionellsten aus Omas Küche beeindrucken. Dementsprechend mischt sich im Zug auch langsam der Geruch von Fußschweiß mit jenem von Kohl, eingelegtem Fisch und Erdäpfel-Piroggen. Eine äußerst eigenwillige Begleitung. Vom Fensteröffnen ist man nach meinem Dafürhalten – ob vor meiner Ankunft ein basisdemokratischer Beschluss gefasst wurde, entzieht sich meiner Kenntnis – abgerückt.

Zwischen meinen Mitfahrern stapelt sich Gepäck, soweit das Auge reicht. Daneben lagern Räder, kunstvoll auseinander geschraubt und in Müllsäcke verpackt (und die liegen just dort, wo ich mein Gepäck abstellen wollte). Käfige, die nach genauerer Untersuchung lebendige Tiere enthalten – im besten Fall die Hauskatze, im (geruchlich) schlechtesten ein Huhn, das, so hoffe ich, nicht als Proviant dient. Ich stelle fest: Das europäische Reiseverhalten unterscheidet sich grundlegend vom russischen. Mag möglicherweise daran liegen, dass man bei uns eher selten zwei (oder mehr) volle Tage im Zug verbringt, um irgendwohin zu gelangen.
Mein Vorhaben bis zur Ankunft: Primär liegen. Da ich die obere der beiden Schlafmöglichkeiten des Stockbett-Konstrukts belege, wird mir das Sitzen unmöglich gemacht: Mein Mitreisender unter mir hat sich entschieden, auch tagsüber sein Schlafpensum aufzustocken; meine Bitte, sein Bett ein- und so zwei Sitze samt Tisch auszuklappen, wird umgehend mit einem kräftigen Schnarcher quittiert. Nach dem Erklimmen des oberen Liegeplatzes (Gott sei Dank habe ich mit 14 mal Klimmzüge gemacht – Leitern sind Luxusware und nicht vorhanden) stelle ich bestürzt fest, dass aufrechtes Sitzen nur im 45-Grad-Winkel möglich ist. Über mir nimmt die Gepäckablage jenen Platz ein, der eigentlich für meinen Kopf gedacht war. Und die wird von einem auseinander geschraubten Rad belegt. 

Die passendste Ablenkung von der eigentümlichen Halb-Liege-Position ist meiner Ansicht nach das, wovon alle Reiseführer schwärmen: der Blick aus dem Fenster. Um einen Eindruck von der weiten Landschaft des heiligen Russlands, den mythischen Birkenwäldern und den Datschen der ehemaligen Sowjet-Funktionäre zu erhalten. Mein erster Eindruck: Es handelt sich um Bäume. Nach zwei Stunden intensivsten Aus-dem-Fenster-Starrens die Erkenntnis: Es sind immer noch Bäume. Endlich verstehe ich meinen Kollegen unter mir und beginne ebenso zu schnarchen. 

48 Stunden später – Morpheus und die fehlende Frischluft im Waggon haben ganze Arbeit geleistet – sind zwar Regionsbenennung und Zeitzone eine andere, die Landschaft vor dem Fenster sieht allerdings noch immer ziemlich gleich aus. Ich hingegen habe meine Optik durchaus verändert: Mein Haarwuchs erinnert entfernt an ein Dachsfell, meine Kleidung ist zwar dieselbe wie zwei Tage zuvor (Umziehen vor 53 anderen Menschen ist eine Herausforderung, der ich mich im nächsten Leben stelle), sieht aber völlig ramponiert aus. Einzig zum Zähneputzen habe ich mich gezwungen; weitere kosmetische Maßnahmen habe ich angesichts der herb riechenden Pfützen im Zugklo unterlassen. (In diesem Zusammenhang sei die Aussage der Schaffnerin erwähnt, die, auf die Frage, wie denn die Duschen in der ersten Klasse so ankämen, geantwortet hat: „Ich hab' mich gefragt, ob die Duschen fürs Zugpersonal sind. Denn die Russen im Zug waschen sich ja nicht.“)

Mein Zwischenstopp: Eine Stadt namens Omsk, die so charmant aussieht, wie Einöd klingt. Als Sehenswürdigkeiten werden das Musiktheater in Form einer Sprungschanze, 83 Bibliotheken und das Völkerkundemuseum angegeben. Die Bibliotheksbesuche unterlasse ich aufgrund überbordenden Angebots, das Sprungschanzen-Theater kann ich aufgrund mangelnden Angebots – sprich es hat zu – nicht nutzen. Das Völkerkundemuseum jedoch nehme ich in Augenschein. Begrüßt von einem ausgestopften Mammut, das einst den Einwohnern Sibiriens Angst eingejagt haben dürfte und es bei mir genauso tut, und einer Vigilantin jenseits der 70, die den selben Eindruck bei mir erweckt, führe ich mir die Geschichte Omsks zu Gemüte. Ein kurzes Vergnügen: Die Historie spannt sich von der ur-sibirischen Besiedelung (dargestellt von lebensgroßen, grimmig aussehenden Hominiden) über mittelalterliches Überlebenstraining (dargestellt von lebensgroßen, grimmig aussehenden Hominiden in seltsamem Gewand) bis hin zu den leicht verklärten Ereignissen Anfang des 20. Jahrhunderts (dargestellt von lebensgroßen, grimmig aussehenden Sowjet-Funktionären). Mein Besuch wäre zudem eigentlich binnen zehn Minuten erledigt, wäre da nicht die Mammut-ähnliche Wachtfrau, die mich bei jeder einzelnen Figur grimmig beäugt und das Interesse an ihrer Heimatstadt an meiner Verweildauer zu messen scheint. Unter fünf Minuten pro Jahrhundert scheint da nichts zu gehen; andernfalls fürchte ich, mit einem Stoßzahn erschlagen zu werden.

Weitere Höhepunkte der 1,2-Millionen-Einwohner-Stadt erspare ich mir. Die Reise geht weiter, wiederum 48 Stunden im Zug Richtung Osten – die nächsten Stationen: Irkutsk, liebevoll auch Paris Sibiriens genannt, und der Baikalsee, das größte Trinkwasserreservoir der Welt. 

Die Erlebnisse der ersten Zugfahrt wiederholen sich. Ich bin umgeben vom Odeur der mitreisenden Menschen und Tiere (tot oder lebendig). Neuerdings wird der Geruch passend untermalt vom Gesang und den Gitarrenklängen der einzigen Nicht-Russen neben mir in der dritten Klasse, zwei französische Alternativ-Touristinnen, die sich zwar kleiden wie 18, aber trotzdem aussehen wie 55. Ich erobere in Reckturner-Manier mein Hochbett, an Schlaf ist aber nicht zu denken. Die Beschallung, die ich plötzlich auch im Magen spüre, endet erst, nachdem ich den Waggon Richtung Speisewagen verlassen habe. Und sie beginnt pünktlich im Morgengrauen von neuem (es scheint, als wollten die beiden dem Wort eine neue Bedeutung verleihen). 

Die Exkursion in den Speisewagen entpuppt sich indes als ethnologisches Experiment. Meine Mit-Speiser sind nicht, wie angenommen, verweichlichte Sonntags-Touristen aus der ersten Klasse, sondern zünftige Esser und Trinker aus Russland. Die durchwegs männlichen Gäste scheinen alle bereits jenseits der 1,5-Promille-Grenze zu liegen; beispielhaft bestätigt sich dies auch umgehend, als mein Tischnachbar fragt, ob ich denn jemals Omul gegessen hätte. Auf meine verwunderte Frage, wer oder was ein Omul sei (ich habe etwas Esel-Artiges im Kopf), greift der 160-Kilo-Mann nach einem ihm an Größe kaum nachstehenden schwarzen Plastiksack und knallt einen Fisch auf meinen Tisch. Hoffentlich geräuchert, so mein Gedanke (ob der körperlichen Ausmaße meines Nachbarn habe ich das Gefühl, plötzlich unfassbar klein zu sein). Bevor ich meine Frage nach Besteck stellen kann, wird der Fischbauch aufgerissen, ein Stück Fleisch herausgefieselt und mir vor die Nase gehalten. Ich lasse mich kleinlaut füttern. Freundschaften schließen auf sibirisch, so meine Erkenntnis, bevor ich am Fisch würge (der nach anfänglichem Ekel überraschend gut schmeckt).

Irkutsk schließlich. Welcher Sprachjongleur auch immer den Vergleich mit Paris gezogen hat, er ist einer optischen Täuschung erlegen. Die niedrigen Häuser im Zentrum erinnern mehr an eine schlecht gemachte Kulisse als an St. Germain oder Marais. Schön auch die „einzige Fußgängerzone Sibiriens“: Ein kleiner Straßenzug, in dem, wie im Führer perfekt erkannt nachzulesen ist, zwar keine Autos fahren, der Flanierwille aber auch noch nicht erkennbar ist; die Mehrheit der Fuzo-Besucher rennt schneller durch die Gasse, als man andernorts mit dem Auto unterwegs ist. 

Angesichts des Regens – er macht die Stadt auch nicht schöner – beschließe ich, den Ausflug zum Baikalsee auf den nächsten Tag zu verschieben und abends in eine Bar zu gehen. Mit Mitbewohnern meines Hostels betrete ich das Lokal, das zwar um die Ecke unserer Unterkunft, aber am äußersten Ende Irkutsks liegt. Das Ergebnis: Nach einer eindrucksvollen Karaoke-Darbietung einer Kleingruppe junger Russen – sie selbst geben sich als Mitte 20 aus, verraten sich aber umgehend, als sie von ihrer hübschesten Klassenkollegin schwärmen – umringen uns dieselben und suchen das Gespräch; halsbrecherisches Russisch unsererseits und grottiges Englisch ihrerseits führen zu wilden Fuchteleien. Nach Bier und Wodka mündet das Gespräch aber ohnehin in einer Welle aus Grunzlauten; schließlich führen uns die Burschen ihren aufgemotzten VW vor.

Mit dem Kleinbus – Marschrutka genannt; ein Transportsystem, das europäische Städte durchaus als Taxi-Alternative kopieren könnten, doch dazu später mehr – versuche ich deshalb, tags darauf aus der Stadt zu fliehen. Zum Baikalsee, immerhin einer der sehenswertesten Flecken der Welt, wie es heißt – und ja, endlich, so ist es auch! Vermutlich habe ich es mit dem saubersten Teil der Russischen Föderation zu tun. In Listvjanka, einer unheimlich kleinen Ortschaft am Südende des Riesen-Sees, wird man von frisch asphaltierten Straßen, einer deutlich zu erkennenden Touristen-Info und einer wunderhübsch gestalteten Uferpromenade empfangen. Der sonst in Russland allgegenwärtige Müll türmt sich nur in Hinterhöfen. Die durch die westliche „Ich trenne-auch-Plastik-von-Kunststoff-“Mentalität gelernte Überheblichkeit der flanierenden Baikal-Touristen äußert sich umgehend – Zitat: „Schau! Das ist ja fast so sauber wie zu Hause!“ Die Fahrt ans Nordende ist aus Zeitmangel leider nicht drin, wenngleich meine Hoffnung, den berühmten Baikalrobben entgegenzuklatschen, damit zunichtegemacht wird – die possierlichen Tiere leben 600 Kilometer entfernt vom Touristenort. Auch den Besuch im Robben-Aqualand erspare ich mir aus Tierliebe; das Ding hat zudem auch geschlossen.

Danach die Rückfahrt mit der Marschrutka (so: ein unmodischer Kleinbus mit zehn bis ob geschickter Stapelung unbegrenzten Sitzmöglichkeiten, der zwar theoretisch einen Anfangs- als auch Endort hat, dies aber nirgends schriftlich zu erkennen gibt; Ein- und Aussteigen ist demzufolge überall möglich, vorausgesetzt, man hat ein Organ, das alle anderen im Bus übertönt, und genügend Russischkenntnisse, um dem Fahrer „Bitte bleiben Sie doch stehen!“ zuzuschreien.)

Etappe drei – von Irkutsk in die mongolische Hauptstadt Ulan Bataar; lächerliche 1.113 Kilometer sind es diesmal nur. Zu früh gefreut: Auch auf dieser Teilstrecke ist man zwei Tage unterwegs, schuld sind die russisch-mongolischen Grenzkontrollen. Knappe sechs Stunden Wartezeit muss man am Grenzbahnhof überbrücken. Die Gespräche mit den bundesdeutschen Mitreisenden („Ach, Sie haben die Robben gar nicht gesehen? So süüüß!“) erschöpfen sich schnell. Ein zaghafter Gesprächsversuch einer Russin, die mich in radebrechendem Englisch anspricht, wird von mir als feindliche Übernahme gedeutet: Was will sie? Geld? Nahrung? Organe? Nichts von alldem, wie sich herausstellt. Sie macht einen Fernkurs und versucht ihr neu erworbenes Englisch mit meinem Touristensprech aufzubessern. 

In Ulan Bataar erfüllt sich dann endlich ein Traum meiner Kindheit – ich sehe: Jurten! Übergroße Kindertipis mit Heizung, so war zumindest meine Vorstellung. Und ja, so sehen diese Zelte auch aus – rund und riesig, für übernormgroße Familien gedacht. Und sie sind überall: Kaum bewegt man sich aus dem Stadtzentrum – das, ganz kommunistisches Erbe, frappierende Ähnlichkeit mit den Stadtzentren des Ex-Sowjetreichs ausweist, die sich durch übergroße, rechteckige, unbebaute Plätze auszeichnen – tummeln sich überall Jurten. Speziell hübsch dabei das „Khan Bräu“, in diesem Fall keine ungeschickte Mongolisch-Übersetzung meinerseits, sondern ein deutsches Touristenlokal, das ob seiner Bauweise an eine Jurte erinnert. Ansonsten erweist sich die Hauptstadt der Mongolei traurigerweise als unspannend. Auch hier muss ich feststellen: Mehr Zeit wäre doch brauchbar – das Umland (auch hier: Jurten!) ist deutlich spannender als die Stadt selbst.

Das letzte Teilstück der Reise bis nach Peking, wiederum eine Zwei-Tages-Fahrt trotz nur etwa 1.500 Kilometern; Gott weiß, warum. Optisch ist das aber durchaus ansprechend, vor dem Zugfenster wuchern Pflanzen, die ich bisher nur in Naturkundemuseen oder TCM-Ratgebern gesehen habe. Peking selbst entpuppt sich dann als Gegenteil meiner Erwartungen: keine asiatische Großstadt mit großem Verirr-Potenzial, sondern eine straff durchorganisierte, zweisprachig beschilderte, beinah klinisch saubere Riesenstadt. Ich habe Hemmungen, meine Zigarettenstummel am Boden zu entsorgen (wenngleich es dafür eigens abgestellte Damen in Putzkluft gibt, die die Gehsteige von diversen Hinterlassenschaften befreien). Die klassische Ess-Erfahrung hinter mir (meine Tischnachbarn haben Schweinefüße in Sauce gegessen, ich nicht), versuche ich, den einbalsamierten Leichnam Maos zu besichtigen – um 5 nach 12 ist es dafür allerdings zu spät: Das Mausoleum schließt zu Mittag. Die Verbotene Stadt schließlich verschafft mir neben Fußschmerzen auch einen bleibenden Eindruck bei den Chinesen: Als mich ein junges chinesisches Paar per „Können Sie uns fotografieren?“-Geste anspricht, nicke ich bereitwillig – nur um mich Sekunden später neben dem männlichen Teil des Paares wieder zu finden, der heftig in die Kamera grinst, um sich von seiner Freundin mit mir blonden Hünin ablichten zu lassen. Willkommen im Touristenstereotyp. 

Die kommunistische Straffheit macht in Peking übrigens auch vor den städtischen Grünanlagen nicht Halt. Nicht nur in der U-Bahn gilt es, sich entlang einer leuchtend gelben Linie anzustellen (eine Dame mit Mini-Megaphon macht Gehör schädigend darauf aufmerksam, das man neben statt auf der Linie steht), auch in den Parks muss man sich anstellen, um reinzukommen. Und zahlen. Und sich an die Verbotshinweise halten: Spucken (ja! Das tun sie! Alle!), Zündeln, Trompete spielen und Schießen sind verboten. Sinnvoll wäre auch ein Flatulier-Verbot, an das sich der vor mir gehende, eindeutig darmgeplagte Herr halten sollte. 

Nach zwei Wochen in- und außerhalb des Zuges bin ich am Ende meiner Reise vom ex-kommunistischen Moskau bis ins (post-)kommunistische Peking. Das Fazit: Meine Schweißdrüsen haben währenddessen mit jenen der anderen im Großraumabteil kollaboriert, womit ich nicht gerechnet habe (ich misse die Gesellschaft der anderen Absonderlinge allerdings nicht besonders). Essen, Schlafen und Leben an sich sind im Zug eine Herausforderung, vor allem, wenn man kein Russisch spricht. Und wenn doch, ist das Ganze noch immer herausfordernd, aber weit lustiger (immerhin kann man unbemerkt den Gesprächen anderer zuhören). Die Transsib-Fahrt ist und bleibt also eine Zugfahrt von A nach B. Eine eindrückliche, allerdings. Und eine lehrreiche: Denn die Reiseführer dafür kann man getrost in die Ecke werfen (außer man braucht die Karten darin); jene Mythen, die sich darin um die Fahrt ranken, sind heillos übertrieben, romantisierend und verklärend (nun ja, wie Mythen nun mal so sind). Der eigentliche Charme der Zugfahrt besteht darin, anderen Lebensumständen ausgeliefert zu sein. Und daran zerschellen Erwartungshaltungen – meine natürlich auch – ordentlich: Russische Züge sind nicht wie aus einer anderen Epoche, sondern wie aus einem anderen Leben. Mongolische Jurten sind kein großräumiger Kinderspielplatz, sondern enger Lebensraum für Riesen-Familien. Und chinesisches Essen ist zwar grauslich, aber offenbar eine Delikatesse (zumindest für Chinesen). Die Stereotypen kann man also getrost umwerfen – dementsprechend bin ich ziemlich froh, diese Reise gemacht zu haben. (Und: Ein wenig heldenhaft fühle ich mich auch).