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graz zwischen grusel und soziologie

Ein Gespräch über Krimiliteratur und kollaboratives Schreiben


Elisabeth Hödl, Ralf B. Korte: Galatea. Kriminalroman

graz zwischen grusel und soziologie

Leykam Verlag: Graz 2011

Rezensiert von: stefan schmitzer


Die Grazer Juristin Elisabeth Hödl und der Berliner Autor Ralf B. Korte haben mit Galatea gemeinsam einen Krimi geschrieben, der sich durch seine Formbewusstheit und unerwartete Materialfülle auszeichnet. Über die Krimiform als Ersatzrealität, einen eitlen Sozialdemokraten, der tot an einer aufgelassenen Tankstelle liegt, und über die Wahl der Provinzstadt Graz als Hauptschauplatz des Romans sprach die schreibkraft mit einer Hälfte des Autorenduos.

Schmitzer: Du bist ja der Leseöffentlichkeit vor allem als Herausgeber der Zeitschrift perspektive bekannt, die in der Vergangenheit unter anderem das Genre des „Kontrollverfahrens“ geprägt hat: ein literarisch/theoretisches Kollaborationsmodell, bei dem mehrere AutorInnen aufeinander reagierten, was lange, vielstimmige Texte ergab. Der Roman Galatea funktioniert ähnlich: Elisabeth Hödl und du treiben die Handlung aus unterschiedlichen Blickwinkeln voran und haben mit Henze und Pi jeweils ein Alter Ego, das durch die Textwelt stolpert. Ist Galatea sowas wie die Reinkarnation des perspektive-„Kontrollverfahrens“ als Krimi?

Korte: Nicht ganz. Ermittlung und Kontrollverfahren sind funktional different. Einerseits werden Daten erhoben, die zur Feststellung eines Sachverhaltes Voraussetzung sind, im anderen Fall werden Arbeitsabläufe überprüft und justiert, das wäre dann eher interne Ermittlung … „Kontrollverfahren“ als perspektive-work-in-progress war eine offene Debatte innerhalb der Literatur über ihre Grenzen und unsere Sichtweisen von dort zurück und weiter. Der Krimi bedient sich dagegen entwickelter literarischer Verfahren, um Sachverhalte jenseits dieser Grenzen klären zu können. Und: Das „Kontrollverfahren“ war im Ansatz zwar kooperativ, von Kollaboration würde ich dagegen erst bei Galatea sprechen.

Ob nicht das „Klären“ der außerliterarischen Sachverhalte, die in Galatea eine Rolle spielen, ein bisschen mehr und ein bisschen etwas Anderes ist, als die Krimi-Form leisten kann oder auch nur soll?

„Klären“ naturgemäß nur, insofern es um Ansätze der Aufklärung geht. Poe etablierte das Genre zwischen Grusel und Soziologie, eine Sprachverdichtung als poetisches Mittel der Wahl in der Unwirtlichkeit der Städte. Der Kriminalroman hat sich seither zur großen Suspense-Maschine der U-Literatur entwickelt, zum vereinenden Begleittext und -ritual zersplitterter bürgerlicher Gesellschaften. Gäbe es in der aktuellen Forschung noch so etwas wie Kultursoziologie, könnte die wissen, was sich da konstituiert: eine Ersatz-Realität, ähnlich den Ersatzprodukten zu sonstigen Kriegszeiten, in denen bestimmte Stoffe nicht mehr verfügbar sind. Wenn an deutschen Sonntagabenden die TV-Gemeinde dem Tatort folgt und in der nachfolgenden Talkshow das Thema des Krimis den Diskussionsstoff fürs Politikersatzgeplauder liefert, übererfüllt das die Erfolgsvorstellungen der Vertreter des sozialistischen Realismus auf dessen verflossenen Staatsgebieten. Was also Krimis – ob nun verfilmt oder als Buch – „leisten“ können und sollen, wäre auf breiterer Ebene zu betrachten. Uns genügte für Galatea, die handelnden Figuren nicht nur durch ihre Textwelt stolpern, sondern sie beim „walking and falling“ was einfangen zu lassen – relativ unbemerkt für flinke Leser vielleicht, wahrscheinlich auch unbefriedigend für Leute, die klare Horizonte brauchen, um sich orientieren zu können. Mich beispielsweise freut, in einer Rezension zu lesen, dass der Ermittler Henze im vorliegenden Buch „pretty lebensunfähig“ rüberkomme – hinter solchen Fassaden lässt sich doch bestens ermitteln, oder nicht?


Dass es gerade die – z. B. „lebensunfähigen“ – Sonderlinge sind, die mit ihrem detektivischen Blick die Spuren des je Abwesenden zu deuten wissen, ist ja auch so eine alte Genrekonvention. Derjenige, der außerhalb der (Produktions-)Ordnungen steht, wird gebraucht, um sie immer wieder neu zu (re-)konstruieren. Irgendwer sagte in diesem Sinne mal, Detektive seit Conan Doyle seien die Schamanen der Aufklärung …

Das hat noch andere Gründe, aber richtig, der Kriminalpolizist beobachtet idealtypisch soziale Dynamiken ohne ökonomisches Verwertungsinteresse, das macht ihn zum ereignisnahen Betrachter gesellschaftlicher Veränderungen, mit einem Schwerpunkt auf die damit einhergehenden Verwerfungsprozesse. Der Arbeitsalltag von Polizisten ist allerdings weder sonderlich spannend, noch hat die Mehrzahl der Krimi-Schreiber allzu viel Ahnung davon. Es ist diese Unkenntnis und das mangelnde Interesse des Publikums an seriellen Bürosequenzen, die den Typus des Sonderlings in die Literatur implementieren, als eine Parodie des Künstlers als Staatsbeamter. Gebraucht werden beide vor allem aus repräsentativen oder dekorativen Gründen, der eine um die Farce bürgerlicher Ordnung, der andere um den faden Schein entsprechender Kultürlichkeit aufrechtzuerhalten. Etwelche Ordnungen werden schließlich nicht von Sonderlingen rekonstruiert, sondern von reproduktionsfixierten Mittelschichtlern am Leben erhalten …

 

Der wichtigste Schauplatz von Galatea ist Graz, und der Klappentext erwähnt eigens, es ginge um die „provinzielle Enge“ hier, den „Wunsch zu entkommen“. Doch ist gerade das Mordopfer, der großmannsüchtige Psychiater Yuri Ozelot, die einzige der vielen Figuren in Galatea, die auch diesem Wunsch gemäß handelt …

… und immerhin in Wiener Businesshotels nach Kongressen mit Patientinnen herumgemacht zu haben scheint, das ist ja auch ein nicht untypischer Weg des Glaubens, der Grazer Enge entkommen zu können. Habe dort vor ein paar Wochen zufälligerweise selbst übernachtet. Hatte einen Anschlussflug verpasst, landete dort und wusste dank der Recherche von Elisabeth Hödl für das entsprechende Krimikapitel, wie man in gehobenen Hotelketten den Aufzug bewegt oder das Licht anschaltet: mit einer Chipkarte …


… womit wir bei diesen unsichtbaren Gängelbändern, Hundeleinen und Rettungsseilen wären, um die es in Galatea so zentral geht: Eines der aufzudeckenden Geheimnisse betrifft ein Chipimplantat zur Verhaltensoptimierung; die beiden Hauptfiguren finden (auch) wegen der Tücken des Handynetzes nie zueinander; die verschiedenen Identitäten, die man in Bezug auf verschiedene Netze einnimmt, werden zum Thema. Ist Galatea ein Kommentar zum Cyberpunk-Genre und den mit ihm verbundene Hoffnungen und (medizinischen) Utopien?

Weniger zum Genre als zu den Realitäten des „ubiquitous computing“ in der Lebenswelt, Elisabeths juristischem Spezialgebiet. Bioadapter sind phänomenologisch allerdings schon mit Oswald Wieners verbesserung von mitteleuropa in der österreichischen Nachkriegsliteratur präsent, oder könnten es seither sein. Da ist eine Linie, die sich von Marinettis Mafarka zu aktuelleren Cyborgs ziehen lässt, Henze bekommt das Buch im Buch ja geschenkt. Das Mordopfer, der Psychiater Ozelot, hoffte auf Heilung durch Technologie und kooperierte mit Leuten, denen es um Kontrolle und Optimierung geht. Wer bei solchen Pakten draufzahlt, liegt nicht nur außerliterarisch auf der Hand: Global operierende Konzerne haben immer ein paar Angebote mehr im Köcher, die sich nicht ablehnen lassen. Statt mit Schamanen der Aufklärung hat man es unter der Hand mit den Aladins der Hedgefonds & dem Aladin von Blackrock zu tun, dessen 5.000 Großrechner weltweite Investmentaussichten in Echtzeit bewerten und steuern – längst keine Utopie mehr, sondern Realitäten, denen suboptimale Leistungswasserträger hinterherstolpern in der Hoffnung, noch was mitentscheiden zu können, aber der verfluchte Besen hört nicht mehr zu. Mit Ozelot, diesem attraktiven Kerlchen in seinen besten Jahren, liegt im Buch eben mehr nackt und tot an der aufgelassenen Tankstelle als der Leichnam eines eitlen, verunsicherten Sozialdemokraten. Was die Ermittlung des Falles allerdings nicht unwesentlich erschwert.


Du erwähnst als Buch, das im Buch vorkommt, Marinettis Mafarka. Doch auch Bücher von Alfred Adler und Goethe treiben in Galatea die Handlung voran und markieren Positionen. Bezeichnen diese, als Vignetten dreier historischer Forderungen an den Menschen (das „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ der deutschen Klassik, der futuristisch-asoziale Kraftprotz und das verletzte, therapiebedürftige, aber vor allem prinzipiell therapierbare Individuum der Individualpsychologie), gerade jenes „mehr“, das da mit Yuri Ozelot tot an der Tankstelle liegt?

Das Amulett mit dem Geburtsdatum Goethes ist ein Schmuckstück, das Elisabeth mal von einer Freundin geschenkt bekommen hat und das sie am Tatort fallen ließ, ohne dessen Bedeutung zu kennen. War Henzes Job, das aufzuklären, bzw. Goethe hat sich so in den Text selbst reingeschmuggelt, passt da aber ganz gut hinein, weil er ja – mit den Worten Avital Ronells – der Psychoanalyse als optimales und unerreichbares Vorbild sein Leben diktiert. Nach Goethe gibt es nur das Trauma des Misslingens, eine Parabel die Ronell im „Goethe-Effekt“ bis hin zum Sitz der todbringenden Krebserkrankung Freuds verfolgt, zu einem Knöchelchen, das der Geheime Rat entdeckte, da helfen wohl auch keine Implantate. Mafarka wiederum spiegelt die postnietzscheanische Überkompensation der von Freud diagnostizierten Triebsteuerung in die koloniale Dimension, eine Fieberfantasie voller afrikanischer Lustmaschinen aus Prä-Frontex-Zeiten: Ausgerechnet der treusorgende Familienvater Marinetti hat sich aus seinen Kairoer Kindheitstagen diese literarischen Ergüsse destilliert, um die norditalienische Bourgeoisie damit zu erschrecken. Ob Sarrazin sowas gelesen hat, ehe er seine akribische Selbstabschaffung schreiben ließ, wüsste ich gern, wäre gutes Dope, aber promovierte Volkswirte lesen vielleicht andere Sachen. Die Asche des Individualpsychologen Alfred Adler wurde übrigens kürzlich erst in Aberdeen wiedergefunden und letzte Woche (12. Juli 2011) in Wien beigesetzt, in Anwesenheit seiner Enkelin, der Wicca-Hohepriesterin Margot Adler, die schamanistische Rituale als eine Methode betrachtet, Individuen oder Gruppen mit dem Kosmos wiederzuvereinen und damit Opa Adlers Auffassung variiert, das „Bezugssystem Mensch-Kosmos“ müsse bei der Frage nach dem Sinn des Lebens notwendig im Auge behalten werden. Da hast du sie dann wieder, deine Schamaninnen der Aufklärung, deren Mütter freilich auf dem Schoss Trotzkijs russische Kinderlieder lernten … andere Geschichte. Könnte schon sein, dass das Opfer Yuri, im Krimi benannt nach Gagarin, auch deshalb so heißt, aber wir greifen da den noch unpublizierten Recherchen Henzes vor …


Gern höre ich an dieser Stelle, es gebe „noch unpublizierten Recherchen“ Henzes. In Galatea habt ihr ja eine ganze Reihe von möglichen Erzähl- bzw. Ermittlungs-Fronten eröffnet und dann stehen gelassen (wie auch demjenigen, der nur das vorliegende Gespräch überfliegt, schon aufgefallen sein dürfte) – Theorie-Fronten, emotionale Fronten, Plot-Fronten …

… jaja, ein Kriegs-Theater der Unabschließbarkeit, aber Henzes Mantra im Buch sind „Daten und ihre Verknüpfung“, also kein Herum-, sondern Entstehenlassen, von Netzknoten vielleicht. Mustererkennung ist übrigens sowohl von der Korrelation von Überflughöhe und Geschwindigkeit der Datenerfassung als auch von der Fähigkeit abhängig, überhaupt definieren zu können was erkannt werden soll. Vielleicht ein entscheidender Punkt bei der Frage nach den Adaptern und dem Subjekt, wer dabei von wem identifiziert werden wird, oder wie Jaron Lanier jüngst im Vorwort zu seinem Manifest you are not a gadget fordert, „you have to be somebody before you can share yourself.“ Schon deshalb bleibt einem wie Henze nur, an der Sache dranzubleiben. Aber dranbleiben heißt nicht unbedingt, einfach so weiterzumachen. Das wird, gerade in Graz, gern verwechselt.