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ist das nicht bestechung?

martin amanshauser | ist das nicht bestechung?

Über die Ästhetik der Pressereise – mit einigen erklärenden Worten zu einem Berufsbild

Seit 12 Jahren absolviere ich Pressereisen. Früher fuhr ich für den Standard, heute mache ich die meisten für die Presse und die eine oder andere für die Süddeutsche Zeitung. Ich war in Neuseeland und auf den Malediven, im Oman, in Monte Carlo, der Emilia-Romagna, am Klopeinersee und an 150 anderen Orten. Dort, wo Fluglinien, Tourism-Boards, Hotels und Reiseveranstalter uns Journalisten in der Hoffnung hinschicken, dass wir über ihre Destinationen berichten. Ein für sie lohnendes System. Eine Anzeigenseite in einer großen Tageszeitung kostet, sagen wir, 20.000 Euro. Die gleiche Seite Reiseartikel – mit unvergleichlich höherer Credibility als nackte Werbung – kostet beinahe nichts. Denn Journalisten reisen antizyklisch: Karibik möglichst im Mai und Juni, Skiwelt Amadé im Frühdezember, Barcelona im Februar. Sie blockieren kein Übernachtungsbett, nehmen keinem Touristen die Strandliege weg, fliegen in Zeiträumen der vakanten Sitzplätze. Man gibt Journalisten Essen und Trinken, überreicht ihnen T-Shirts, Schokolade, eine Flasche Schnaps oder Olivenöl, sie freuen sich über das Gratiszeug und geraten in jene schwärmerische Stimmung, in der sie, so das Kalkül der Einladenden, ihre Artikel schreiben sollen. Hier sind wir beim ersten Missverständnis. „Ist das nicht Bestechung?“, werde ich gerne gefragt. Nein, antworte ich, es ist nur Olivenöl.

Natürlich gibt es Begehrlichkeiten. Veranstalter und Tourism-Boards sind geneigt, ihren Wunsch in unbeholfene Worte zu kleiden, dass über die Destination ausschließlich positiv berichtet werden soll. Ihr Berufszweig atmet Werbung und Promotion, in denen apodiktische, aber letztlich recht naive Maßstäbe herrschen. Die Marktforschung, ihre scheinbar objektive Leitwissenschaft, ist eine opportunistische, unseriöse Branche, in der notorisch gelogen wird, und wo die Dummen und Frechen sich ohne nennenswerten Kraftaufwand einen zumindest vorläufigen Siegesglanz zulegen. Allerdings nur zunächst! Leser eines Reiseartikels (zumindest in einer „Qualitätszeitung“) möchten nun gar keine Werbung, sondern suchen nach Information oder Unterhaltung. Stoßen sie in einem redaktionellen Beitrag auf einen zu hohen Prozentsatz werblicher Phrasen, reagieren sie mit massiver Ablehnung. Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, Veranstaltern und Tourism-Boards, die sich darüber noch keine Gedanken gemacht haben, diese Sachverhalte darzulegen.

Hier stellt sich die prinzipielle Frage, welche Menschen denn überhaupt Reisetexte lesen. Es handelt sich nur in seltenen Fällen um jene, die sich beim Zeitunglesen plötzlich „dafür interessieren“. (Die meisten Menschen überblättern die Reise.) In Werbesprache würde man fragen: Wer ist die Zielgruppe? Meist sind es Betroffene und Freaks. Die erste Lesergruppe – meiner Erfahrung nach mehr als die Hälfte der Leser – sehen sich meine Texte an, weil sie die Destination, von der ich schreibe, selbst besucht haben. Es interessiert sie, zu erfahren, ob die Erinnerung, das eigene Erleben, mit dem Geschriebenen eines Fremden übereinstimmt, oder ob es etwa in Gegensatz dazu steht. Anders ausgedrückt: Diese Leser wollen draufkommen, ob sie damals „richtig“ gereist sind, die „richtigen“ Dinge gesehen und erlebt haben. Oder umgekehrt: Sie denken mit der Freude des Besserwissers. Hat die Verfasserin oder der Verfasser überhaupt die geringste Ahnung von dem Ort, den ich persönlich wie meine Westentasche kenne? Nichts befriedigt Leser mehr, als einen „Fehler“ zu entdecken.

Mir geht es in einem Teilbereich selbst so. Ich habe in Portugal gelebt, spreche die Sprache, kenne die Kultur. Daher nehme ich mir mit einer Art perversen Freude Artikel von Kollegen über Portugal vor. Sie strotzen vor Fehlern! Meist sind portugiesische Worte falsch geschrieben, immer die Akzente ungenau gesetzt, falsches Wikipedia-Zeug wird wiedergekäut, aus Reiseführern plagiierte Geschichten und Irrtümer blitzen regelmäßig auf wie die Knochenmänner in der Geisterbahn. (Am tiefsten empfand ich den vor Ignoranz strotzenden Wim-Wenders-Film über Lissabon, u. a. wird der Dichter Pessoa immer „P. Schoa“ genannt, wohl weil irgendjemand behauptete, dass S in Portugal als Sch ausgesprochen wird.) Kurz und gut, die Missgriffe der anderen gruseln mich ebenso sehr, wie sie mich insgeheim maßlos freuen.

Aus dieser Erfahrung heraus konnte ich nicht anders, als für die eigene Produktion zu lernen. Denn eines steht fest: Der Job des Reisejournalisten hat viel mit Oberfläche zu tun. Ich bin kein Rucksacktourist, der sich treiben lässt, und kein Auslandskorrespondent, der sich einarbeiten kann. Ich mache fünfzehn Pressereisen im Jahr. Daher darf ich nicht für mich beanspruchen, das jeweilige Thema perfekt zu beherrschen. Die Längen meiner Aufenthalte, oft zwischen zwei und sechs Tagen, helfen auch nicht gerade, allzu tief in die Materie einzutauchen. Das Wichtigste beim Verfassen der Texte scheint mir, diesen Mangel an genuinen Erfahrungen mitzubedenken. Die eigene Position beim Beobachten einzuberechnen ist mindestens so wichtig wie das Beobachten selbst. Wer den Mund aufreißt, als würde er sich auskennen, hat schon verloren.

Ich versuche, meine Geschichten über Orte, die ich oberflächlich kenne, so konzentriert zu verfassen, dass zunächst die Fehlerquellen minimiert werden. Keine Verallgemeinerungen, keine Behauptungen, kein „Wissen“, und nur nichts nachplappern. Außerdem wird die Schreibweise jedes Fremdwortes nachgeprüft. Ich scheue keine Anstrengung, um mir die Kritik der Spezialisten zu ersparen. Die echten Alleswisser sind übrigens die zweite Lesergruppe von Reiseartikeln.

Erst die dritte Lesergruppe, sicherlich die kleinste, ist jene, die den Veranstaltern vorschwebt. Es sind die potentiellen Reisenden, die im Idealfall durch den Text auf eine derart unwiderstehliche Art angesprochen werden, dass sie (einst) aufstehen und ins Reisebüro gehen, oder sich (heute) hinsetzen und im Internet einen Flug buchen. Wenn ich in der Presse-Freitagsbeilage Schaufenster eine 6-seitige Geschichte mache, so ist es äußerst unwahrscheinlich, dass im Monat darauf eine ganze Horde der ehrwürdigen Leser aufbricht, um auf meinen Fußspuren nachzuerleben, was ich vorgeschrieben habe. In Wahrheit sind Folgebuchungen die Ausnahme. Neulich hat mir ein Leser erzählt: „Vor acht Jahren habe ich Ihren netten Usbekistan-Artikel ausgeschnitten und beiseitegelegt. Es war immer in meinem Hinterkopf. Und dieses Jahr bin ich wirklich dorthin gefahren.“

Zwischen Tradition und Moderne

Nur in Boulevardzeitungen setzt Reisejournalismus wegen der schieren Menge der Leser auf direkte Ergebnisse. Die Destination wird in primitiven Worten beschrieben, und in der Info-Box stehen die Preise. Vielleicht gibt es noch eine Kooperation zwischen Zeitung und Veranstalter. Die Texte im Boulevardsegment funktionieren immer nach dem gleichen Strickmuster: „XY Land: Zwischen Tradition und Moderne.“ Ein solcher Stil setzt sich aus Sprachtools zusammen, die sich beliebig variieren lassen. Um ihn zu produzieren, müsste sich kein Journalist auf eine Reise begeben haben. In zwei bis drei Stunden ließen sich solche Texte zusammenkopieren. (Das Bittere ist jedoch, dass sich sehr wohl Menschen auf Pressereisen begeben, die sich dann auch von der Spannung zwischen Tradition und Moderne verführen lassen.)

Für ein abschreckendes Beispiel nehme ich eine beliebige Sonntagskrone zur Hand, die vom 27.11.11:

"Zäh und feucht drückt der Nebel auf Wien, als ich bei Bibberwetter mit Temperaturen um den Gefrierpunkt ins Flugzeug steige. Ein paar Stunden später ersetze ich im Club Magic Life Imperial Kalawy den dicken Daunenanorak durch ein Sommerkleid, nippe bei 24 Grad am Prosecco und schaue aufs Meer. Entspannung pur – aber auch Action: Tanzen ist angesagt – und ich kann es selbst kaum glauben: Ich habe mitgemacht und werde es wieder tun."

Hier endet der Spaß. Das Schreckliche ist nicht nur die inkonsequente Zeitenfolge, das Schreckliche ist genau genommen alles. Es beginnt bei der Erwähnung des heimischen Wetters, geht über die Erwähnung des Flugzeugs und die sprachlichen und inhaltlichen Klischees bis zur Perspektive. Rudolf Augstein hat einmal sinngemäß gesagt, er werde sich erschießen, wenn er in einem Artikel im Spiegel das erste Mal das Wort „ich“ lesen würde.
Es geht um die Erzählhaltung: Ganz egal, wie ich gereist bin, das erzählerische „Wir“ kommt mir nicht in den Text, das „Ich“ nur in Ausnahmefällen. Meine Kunst als Reiseautor soll darin bestehen, das Ego und die lächerlichen Kleinerlebnisse ebenso im Hintergrund zu halten wie die vorgefertigten Klischees über Land und Leute. Ohne das „ich“ muss es mir gelingen, den Lesern doch die feste Gewissheit zu geben: Hier schreibt einer, der vor Ort war und persönliche Erfahrungen gemacht hat. Das ist mein Hauptkriterium für einen guten Reisetext.

Pressereise, klassisch
Bei der klassischen österreichischen Pressereise verlässt eine 3- bis 8-köpfige Gruppe das Land via Airport Wien Schwechat. Einige übliche Verdächtige trifft man immer wieder. Sie bestreiten ihr Leben auf diesen Fahrten. Es ist atemberaubend, wie viele Wellness-, Golf- und Reisemagazine in einem kleinen Land betrieben werden. Diese Redaktionen sind fest in der Hand einer etablierten Pressereise-Schicht von Menschen, die sich aus dem Reisen einen persönlichen Lebensstil fabriziert haben. Dazu kommen die Kolleginnen und Kollegen von der Fachpresse, also von Magazinen, die der Branche zuarbeiten – und die Tageszeitungsjournalisten. Tageszeitungen vergeben die Pressereise teilweise als Incentive, wodurch Leute mitfahren, die sonst nie Reisegeschichten schreiben. Das sind die dankbarsten Menschen. Sie sehen die Reise als Urlaub, sind für gratis Orangensaft dankbar, finden Destination und Programm super, und wollen sich am Abend mit der Kollegenschaft an der Hotelbar besaufen. „Was, du kommst nicht mit? Geh komm, nur auf ein Bier!“ (Ich nicke zögernd.) Zwischen ihnen entstehen gerne nahe Beziehungen, so manche Paare haben sich so gebildet. Gelegentlich ist die wichtigste Info auf einer Pressereise jene der Zimmernummer der Mitreisenden. Wie die Geschichten dann klingen, die solcherart Begeisterte schreiben? Je nach Geschick und Talent der Journalistinnen und Journalisten. Wer nie „Reise macht“, tut sich dann manchmal beim Artikel schwer.

Ich kann Kolleginnen und Kollegen, denen die Reisegeschichte selbst egal ist, weil sie aus einem anderen Ressort (nicht Resort) kommen und eine Pressereise als Urlaub sehen, ihr Desinteresse am Text nicht verübeln – da herrscht eine völlig andere Interessenslage. Eines meiner großen Ziele bei der Pressereise ist zum Beispiel, kein überflüssiges Souvenir nach Hause zu bringen. Würde ich in jedem Land etwas gekauft haben, müsste ich mir für den Ramsch beide Nachbarwohnungen dazumieten.

Die Gruppe schlendert
Nichts ist mir daher beschwerlicher als Märkte oder Fußgängerzonen, durch die „unsere“ Gruppe schlendert. Haben Sie schon einmal erlebt, wie das ist, wenn eine Gruppe schlendert? Die Geschwindigkeit nähert sich dem Nullwert an. Das ist für mich schwer erträglich. Ich kriege dann diesen unentspannten Gesichtsausdruck, der mich manchmal zum nicht so extrem beliebten Mitreisenden macht. Um meine Laune nicht auf den Rücken der anderen zu packen, deren Souvenirkaufwunsch ja legitim ist, bemühe ich mich, innerhalb des Möglichen, eigene Wege gehen zu dürfen.

Manchmal gebietet die Höflichkeit, dabei zu sein. Der Veranstalter hat Wünsche, die ich nicht ganz ignorieren kann und will. Aber kaum sehe ich eine Möglichkeit, bitte ich um Freigang. Auf Museumsbesuche oder Stadtrundgänge mit lokalen Führerinnen verzichte ich meistens und setze mich währenddessen in ein Café. Das ist nicht Desinteresse oder Faulheit! Es hat sich nur einfach herausgestellt, dass keine Reisegeschichte im Nationalmuseum von Damaskus oder in der Kathedrale von Reims entsteht. Sie entsteht an jenen Orten, wo sich Menschen aufhalten, Einheimische! Da Pressereisen oft nur wenige Tage dauern, ist jede Minute, die ich in der richtigen (und fern der touristischen) Welt verbringe, von allergrößter Bedeutung. Manchmal gelingt es mir, einen halben oder ganzen Tag des offiziellen Programms auszulassen und meine eigenen Wege zu gehen. Fast immer bin ich am Abend glücklich.

Es ist nicht leicht, den Schritt in die Fremde zu tun – auch für mich nicht. Nur: Es ist der Job. Ich mache es, weil ich sonst nicht ich selbst sein könnte, und weil es mir sonst schwerfällt, Themen zu finden. Deshalb trenne ich mich, zumindest kurzfristig, ohne Abschiedsschmerz von der Gruppe. Ich bemerke oft, wie auch intelligente, selbstständige Kolleginnen und Kollegen sich gerne führen lassen und keine eigenen Erlebnisse anstreben. Aber ich frage mich, was schreiben sie dann? Schreibt jeder das gleiche?

Nach einigen Stunden Alleingang treffe ich die anderen wieder. „Mensch, da hast du heute aber was Tolles versäumt“, raunen mir die Kolleginnen und Kollegen mit leichtem Vorwurf in der Stimme zu. Vor Jahren dachte ich noch bestürzt: oje, Tolles versäumt! Doch der Satz kommt immer, und der Tonfall ist immer gleich. Inzwischen weiß ich, dass dieser Stehsatz die psychologische Reaktion auf das Ausscheren eines Gruppenmitglieds ist. Denn es gibt sie ja, die Gruppenpsyche, und sie ist eine gleichermaßen zarte wie harte Pflanze. Ich bin kein ungeselliger Mensch, und es fällt mir nicht schwer, die meisten Mitreisenden zu mögen und von ihnen gemocht zu werden. Trotzdem ist mein Spiel ein riskantes. Das eine oder andere Mal, wenn ich nicht gut drauf oder unkonzentriert war, ging es auch daneben. Ich wurde als arrogant empfunden. Solche Urteile bilden sich nicht bei Einzelnen, sie werden von der Gruppe bei einem Mittagessen, wo der Delinquent nicht dabei ist (z. B. weil zu arrogant), beschlossen. Gruppen sind grausam.

In neun von zehn Fällen schaffe ich es jedoch, unter den Kolleginnen und Kollegen einen Platz einzunehmen, der mir gefällt, und von den anderen akzeptiert zu werden.

Der Typ mit der Tasche
Ende der Neunziger Jahre war ich auf Pressereisen der junge, coole Typ mit der Reisetasche, der die älteren Kollegen mit ihren klobigen Koffern belächelte. Letztes Jahr fiel mir erstmals ein junger Kollege auf, der jetzt plötzlich der Typ mit der Reisetasche war. Ich bin es nicht mehr. Ich wähle inzwischen, auch wenn die Reise kurz ist, einen großen, prall gefüllten Koffer. Es gehört zu meiner Lebensqualität, ausreichend Gepäck bei mir zu haben.

Manchmal mischen sich bei Pressereisen deutsche und österreichische Journalisten (aus irgendeinem eventuell rassistischen Grund sind Schweizer nur ganz selten dabei), was mir persönlich sehr behagt. Reisejournalismus läuft in Deutschland, einem Land mit sehr vielen großen Regionalzeitungen, anders. Diese Kollegen, so sie „frei“ sind, verkaufen ihren Text an mehrere, bis zu zwanzig, deutsche (und auch österreichische) Zeitungen und ernähren sich vom niedrigen Zeilenhonorar, das zusammengenommen einen ordentlichen Batzen Geld ergeben soll. Das natürlich nur vergleichsweise mit dem minimalen Batzen Geld, den ein Zeilenhonorar-Artikel in einer einzigen Zeitung für einen „Freien“ bringt. Deshalb gibt es immer weniger Freie. Ich habe für mich eine Methode gefunden, Zeilenhonorar zu vermeiden. Zeilenhonorar macht den Reisejournalismus zu einem teuren Hobby.

König Alfonso V.

Mit der Ausweitung meiner Tätigkeit ging einher, dass ich meine eigenen Kontakte zu Agenturen und Veranstaltern pflegte und es so schaffte, allmählich ein bisschen weniger abhängig zu werden von den Pressereise-Einladungen an die Reiseredaktion. Der Idealfall einer Pressereise ist für mich die „individuelle Pressereise“, in der ich ohne Gruppe in ein Land fahre, womöglich einen Mietwagen zur Verfügung gestellt bekomme und machen kann, was ich will. Bei den Verhandlungen habe ich ein As im Ärmel: Ich benötige ja nur Flug und Hotel und will ansonsten möglichst keine Betreuung. Die Mittag- und Abendessen zahle ich mir am liebsten selber, denn so kann ich Freiheit in einem Eckcafé genießen und spare mir die mühselige, gehobene Küche, die nichts über das Land aussagt. Und was mir ein Guide in einer Stunde erzählen würde, kann ich auf Wikipedia in fünf Minuten nachlesen.

Der Tourismus hat die üble Angewohnheit, die Reisenden mit historischen Fakten zu überschütten. This Cathedral was built in the 16th century by King Alfonso V., who was the son of Carlos VII. Um Himmels willen! Als ausgebildeter Historiker interessiere ich mich für fast alles, aber wie soll ich mir solche Details merken, wenn mir ein Fremdenführer, meist noch mit groteskem Akzent oder in lokalem Englisch, irgendwelches Zeug einbläut, das womöglich gar nicht stimmt? Es ist Nullwissen, das die Leere auffüllt, mit der sich der zeitgenössische Tourismus bewaffnet.

Wieso läuft Tourismus so historisch ab? Es liegt, fürchte ich, am Bildungsdünkel eines Bürgertums, das es unverzagt den vereinzelten, universal gebildeten Reisenden aus früheren Jahrhunderten nachmacht. Es gibt aber auch einen anderen Grund, wieso wir uns so sehr an die Geschichte des fremden Landes halten wollen. Weil wir große Angst vor dem Fremden an sich haben. Ich nehme mich nicht aus, auch mir sind fremde Städte zunächst unheimlich. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass die Gefahren mehr im eigenen Kopf als an der nächsten Straßenecke lauern. Ich bin nie überfallen worden. Und nur einmal in zwanzig Jahren wurde ich bestohlen. Es geschah an einem Ort, wo ich Diebstahlgefahr voraussetzte, meine Vorkehrungen traf, aber den Halunken einfach aufgrund mangelnder Ortskenntnis unterlegen war (Lima).

Das unsympathische Land
„Aha, du bist Reisejournalist? Du reist, und anschließend musst du darüber schreiben?“ So höre ich das oft. Und ich sage immer: Nein, ich muss nicht darüber schreiben. Muss existiert keines. Ich werde eingeladen, reise, und im Normalfall schreibe ich. Es gibt keine Sanktionen von wem auch immer, wenn ich es nicht tue. „Du darfst ja nur Positives schreiben, oder?“ Nein, antworte ich, ich schreibe immer, was ich will, und denk doch nach, wenn das ausschließlich positiv wäre, wäre das doch peinlich. „Wenn das dann nicht positiv genug ist, was sagen dann deine Auftraggeber?“ (Ich nenne sie nicht Auftraggeber, könnte ich gleich sagen, denn ich habe keinen Auftrag angenommen. Der Austausch ist etwas subtiler.) Wenn jene, die mich einladen, intelligent sind, freuen sie sich über eine ausgewogene Berichterstattung. Sie schlucken Seitenhiebe und ehrliche Kritik. Leser lesen ungern Werbung und Promotion, und einem durchgehend werblichen Stil haftet immer etwas Unglaubwürdiges an. Das wissen Agenturen und Veranstalter. „Wieso gehen sie dieses Risiko ein?“ Weil sie keine Wahl haben. Sie würden natürlich nicht Leute wie mich einladen, wenn sie fähig wären, ihre Texte selbst zu schreiben und zu platzieren.

„Aber wenn ein Land so richtig unsympathisch ist, darfst du das dann auch schreiben?“ Naja – sage ich darauf – ich kenne ehrlich gesagt kein Land, das mir so richtig unsympathisch ist. Ich mag die Welt. An einem Ort ist mir die Politik suspekt, am anderen das Klima, am dritten schätze ich das Essen weniger – aber das sind alles Dinge, die ich in meiner Geschichte thematisieren kann. Ein Land, das ganz und gar schlecht oder uninteressant ist, wäre für mich schwer konstruierbar. Ich warte immer noch auf dieses Land – denn es ergäbe eine großartige Reisegeschichte.

„Sind das alles bezahlte Artikel, bist du nicht der verlängerte Arm der Werbewirtschaft?“ Natürlich sind es bezahlte Artikel, auch insofern, als ich für die Flüge und Hotels nicht selbst aufkomme. Aber mein Endprodukt versucht das ja nicht zu verbergen. Unter meinem Artikel steht in der Info-Box unter anderem, dass der Autor mit Iberia oder KLM flog – ich schreibe ja nicht als ersten Satz „Wir umkreisten Madrid mit einer wunderbar brummenden Iberia-Maschine, nachdem wir von der Airline ein tolles Mittagessen geschenkt bekamen. Der Flughafen ist einer der modernsten Europas etc.“ (Die Sonntagskrone macht das schon.) Im Text vermeide ich die Nennung von Fluglinien, Hotels und so weiter – außer, eine solche Information wäre von so allgemeinem Interesse, dass sie gut hineinpasst. Mein Thema ist nie ein touristisches Feature, sondern handelt von der Destination.

Eines stimmt jedoch, die Luft wird dünner. Inzwischen steigt die Anzahl der Veranstalter oder Tourism Boards, die gerne vertraglich festlegen würden, dass sich der Journalist „zur Publikation eines Artikels verpflichtet“, womöglich mit bereits fixiertem Erscheinungsdatum. Abgesehen von der unmöglichen juristischen Durchsetzbarkeit einer vertraglichen Vereinbarung über das Erscheinen eines Artikels endet hier wieder der Spaß. Natürlich könnte ich solche „Verträge“ mit geschlossenen Augen unterschreiben und die Reise antreten – aber an diesem Punkt stoße ich an die Grenze. Wenn solche Verträge kursieren, sage ich kurz und bündig „nein danke, das ist unseriös“ und verzichte. Oft nehmen die Veranstalter dann überstürzt von ihrem Ansinnen Abstand. Manchmal kassiere ich aber auch eine scharfe Antwort, die in den Raum stellt, ob ich überhaupt ein vertragsfähiger Partner sei.

Italien im August
„Was ist dein Lieblingsland?“ Das ist die Frage, die ich am öftesten höre. Ich antworte immer wieder anders. Das liegt nicht an meinem Wankelmut, sondern daran, dass es so viele Reisearten gibt. Spontan am wohlsten fühle ich mich auf der Nordinsel von Neuseeland, was ich darauf zurückführe, dass es dort wie im Alpenvorland aussieht und trotzdem keine Nazivergangenheit zur Debatte steht. Was große Städte anbelangt, so bin ich am liebsten in Hongkong, weil es die Vorteile von China und jene einer westlichen Großstadt ideal vereint – wenn auch das Wetter nicht unbedingt dafür spricht. Ich mag den Regenwald in Peru oder die Leere von Namibia und ich fürchte und bewundere die unheimliche Skelettküste dort. Am besten kenne ich Lissabon, und ich möchte dort immer wieder hin. Die schönste Insel ist für mich Dominica in der Karibik, weithin unbekannt, regenwaldbewachsen, ex-britisch. Aber wenn mich jemand fragt, wo ich mich am wohlsten fühle, würde ich doch wieder Italien im August sagen.

„Nimm mich doch mit auf eine solche Pressereise. Ich könnte fotografieren!“ Beruflich Reisen hat – meiner Ansicht nach völlig zu Unrecht – diesen merkwürdigen übersteigert positiven Nimbus. Interessanterweise bieten sich mir dauernd Hobby-Fotografen an, diese Kunst glaubt offenbar jeder zu beherrschen Die Angebote, mich auf dem „Traumjob“ zu begleiten, werden schnell spärlicher, wenn sich die Leute durchüberlegen, was der Job bedeutet: 15 Mal jährlich Reisen an Orte, die man meist nicht selbst gewählt hat, Reiseformen und eine Reisedauer zu akzeptieren, die man sich nicht aussucht, und vor allem, nicht mit Freunden oder Familie zu fahren, sondern mit irgendwem, den man erst kennenlernen wird. Ich mache den Job noch immer gerne, aber es ist ein Job – mit Vor- und Nachteilen. Wenn ich an einem fremden Ort ankomme, spüre ich noch immer die gleiche aufgeregte Neugier wie vor vielen Jahren. Doch wenn ich wieder einmal um 5 Uhr früh mit dem Taxi zum Flughafen Wien-Schwechat fahre, denke ich mir: Wieso jetzt? Wieso dorthin? Wieso ich?