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martin gasser | lauter bestseller

Das Wandern als kulturindustriell verwaltetes Glücksversprechen

Das kann kein rechter Müller sein, dem niemals fiel das Wandern ein. - Wilhelm Müller

Manchmal geht es nicht mehr weiter. Paradoxerweise ist gerade das der Zeitpunkt, an dem man aufsteht und losgeht. Im buchstäblichen Sinne. Als ein Studienfreund mitten in einer mittelschweren Lebens- und Beziehungskrise steckte, packte er kurzentschlossen das Allernotwendigste zusammen und setzte sich in einen Zug nach Südfrankreich. Wir schrieben Anfang der Neunziger und sein Ziel war damals bei weitem nicht so bekannt wie heute. Er reiste an die spanisch-französische Grenze, um sich dort auf den Camino de Santiago, den Jakobsweg, nach der galicischen Stadt Santiago de Compostela zu begeben. Er versuchte, sich aus einer auswegslosen Situation zu befreien, indem er drauf loswanderte, allein, auf sich gestellt. Die Pilgerfahrt verhieß ihm primär keinerlei religiöses Erweckungserlebnis (von dem den katholischen Pilgern in Santiago gewährten Ablass ganz zu schweigen), sondern Einkehr, Besinnung, Selbsterkenntnis, das Lösen eines inneren gordischen Knotens. 

Gehen, wenn nichts mehr geht. Vor knapp 20 Jahren war ein solches Vorhaben noch einigermaßen exotisch. Die Popularität des Camino ist in den vergangenen Jahren explosionsartig angestiegen. Pilgerten 1978 gerade einmal 13 Wanderer durch Nordspanien, erreichten 2011 immerhin 183.502 die Kathedrale, den Endpunkt des berühmt gewordenen Wegs. 2010, in einem sogenannten compostelanischen Jahr, waren es sogar 270.000 gewesen. Mitverantwortlich für die Popularisierung des Pilgerwegs war im englischsprachigen Raum ein Buch Shirley MacLaines, in dem die Hollywood-Doyenne den Weg als spirituelle Reise beschrieb, der die mit einem, nun ja, Hang zur Esoterik gesegnete Autorin bis an die Ursprünge der Menschheit zurückbrachte.

In Deutschland sorgte das Buch eines anderen Prominenten für ähnliches Aufsehen. Das 2006 erschienene Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling hielt sich dank insgesamt zwei Millionen verkaufter Exemplare zwei Jahre lang auf dem ersten Platz der Bestsellerliste. Kerkeling war zuvor als omnipräsenter Humorist aufgefallen, der einmal mehr, einmal weniger originell, einen schrillen Adepten des bürgerlichen Anarchos Loriot gab. Ausgerechnet der Witzbold der Nation schilderte hier seine persönlichen Erlebnisse, seine Zweifel, seine Suche nach Gott und ein halbes Land hörte ihm zu. 

Auch für Kerkeling markierte die Wanderung eine Zäsur. Der Entertainer machte sich, so lässt er seine Leser wissen, nach gröberen gesundheitlichen Problemen, die jahrelanger Stress und sukzessive berufliche Überforderung hervorquellen hatten lassen, auf den Weg. Der Wunsch nach Um- und Einkehr, nach Erkenntnis und letztlich nach einer Transformation ist das Thema des Buches. Kerkeling notiert nach einigen Tagen auf dem Camino: „Ich habe keine Lust, mich irgendwelchen anderen Pilgern anzuschließen. Die meisten wirken erzkatholisch und scheinen sich ihrer Sache so sicher zu sein, dass ich mich frage, warum sie überhaupt pilgern. Die werden als die gleichen Menschen die Reise beenden, als die sie sie begonnen haben.“ Als er später doch Bekanntschaften schließt, entdeckt er Pilger mit ganz ähnlichen Anliegen: „Für die Holländerin gibt es auf diesem Weg auch nur ein Thema. Sei du selbst! Und die entscheidende Frage für sie ist: ,Wer bin ich wirklich?'“

Der enorme Verkaufserfolg von Kerkelings als charmanter, manchmal auch geschwätziger Reisebericht daherkommender Sinnsuche ist nur die Spitze eines Eisbergs. Wanderliteratur drängt sich heute in den Regalen, vom historischen Bericht über essayhafte Hommagen bis zu und simpleren Wanderführern und Ratgebern. Immerhin 10.751 Treffer in der Kategorie Bücher listet Amazon.de für den Begriff „wandern“ auf. Hunderttausende scheinen lesen zu wollen, warum, wie und wo man wandert. Wobei das Wandern als Weg zu sich selbst, als Entdeckung des Inneren via Durchmessung des Naturraums ein zentrales Motiv darstellt. Diese Vorstellung, von der auch Kerkelings Millionenerfolg durchtränkt ist, steht in der Tradition der Romantik, die die Landschaft als Spiegel der Seele entdeckte, und das Wandern als Tor zur Selbsterkenntnis propagierte. Bei Franz Schubert konnte sich diese Vorstellung zum düsteren Topos für menschliche Unbehaustheit und Vergänglichkeit ins Negative ausformen. In älteren Epochen dagegen hat der zweckfreie Fußmarsch wenig Spuren hinterlassen. Johann Sebastian Bach ist 1705 die 450 Kilometer von Arnstadt nach Lübeck gegangen, nicht, weil er die Landschaft interessant fand, oder zu sich selbst finden wollte, sondern um seinen Kollegen Buxtehude Orgel spielen zu hören. Und die Aufklärer, die eigentlichen Entdecker des Wanderns, waren fußgehende Anthropologen. Der berühmteste unter ihnen war Johann Gottfried Seume. Der Journalist Hanjo Kesting hielt den feinen Unterschied in der Begrifflichkeit fest: „Die Romantiker wanderten, Seume ging. Das Wort ,wandern' kommt bei ihm nur ganz beiläufig vor. Gehen war für Seume die intensivste Form von Wirklichkeitserfahrung.“ 1801 brach Seume von Dresden nach Sizilien auf, ein Marsch von 3.000 Kilometern, der amüsanterweise als Spaziergang nach Syrakus in die Literaturgeschichte einging. „Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropolgisch und kosmisch mehr, als wenn er fährt“, erklärt Seume. Und erteilt der Selbstfindung durch geistige Anstrengung eine buddhistisch anmutende Absage: „ (…) ich dachte so wenig als möglich, denn viel Denken ist bei einer solchen Unternehmung sehr unbequem, und setzte gemächlich einen Fuß vor den anderen immer weiter fort.“ Die enormen Strapazen seines zu jener Zeit ganz sicher noch beschwerlicheren Vorhabens (unter anderem wurde Seume zwei Mal überfallen) erwähnt der „berühmte Wanderer“, wie Goethe ihn nannte, jedoch nur am Rande, nahm sie als unvermeidbare Nebenerscheinung seines Vorhabens stoisch hin. 

Seume ist Pate einer literarisch fundierten modernen Wanderliteratur, die durch Wolfgang Büscher ebenfalls ihren aktuellen Bestseller-Autor vorzuweisen hat. Auch Büscher unternimmt Extremwanderungen, oft durch widerborstiges, touristisch völlig uninteressantes Gebiet, etwa von Berlin nach Moskau und durch die USA, um soziale, kulturelle und historische Beschreibungen und Naturbeobachtung in einer atemberaubenden Gesamtschau zu bündeln. Der Vorgang des Wanderns selbst spielt in einem Buch wie Hartland nur eine untergeordnete Rolle. Während Kerkeling den Wanderweg als Psychoanalytiker interpretiert, („der Weg stellt jedem nur eine Frage: wer bist du?“), steht der wesentlich erfahrenere Berufswanderer Büscher den Weg skeptischer gegenüber und beschreibt Straße und Wind in einer Passage Hartlands als Verbündete gegen den Wanderer. Feinde, gegen die man angeht. Aähnlich wie bei Seume ist dennoch auch bei Büscher die Beschwerlichkeit der Wanderung meist nebenher geschilderte Randerscheinung. 

Der Wille zum Wandern ist, wie bereits angedeutet, historischen Veränderungen unterworfen. Die Verlaufsform reicht von den sich die Welt ergehendenHumanisten und Aufklärern über die nach innen und hinten schauenden Romantiker und ihren weniger geistigen Nachfolgern, den in f. f. f. f.-Mentalität dahinziehenden Naturburschen und -mädeln, bis hin zu der darauf fußenden kleinbürgerlichen, weil kostengünstigen Freizeitgestaltung des 20. Jahrhunderts.

In der Gegenwart trifft das Wandern wieder einen Nerv. Es stellt ein perfektes Training für Arbeitswelt und Alltagsanforderungen dar, das Eigenschaften wie Durchhaltevermögen, Orientierungssinn, d. h. Fähigkeit zur Übersicht, Improvisationsgabe und Belastbarkeit zu verbessern hilft. Jenseits dieser unmittelbar nützlichen Dimension ist Wandern auch für den gesellschaftlichen Gegenpart zuständig. Für die Sehnsucht nach der Erfahrung der Langsamkeit in der Ära des Geschwindigkeitsrauschs, nach individueller Erfahrung und Selbstbestimmung in Zeiten der neuen Unübersichtlichkeit, es stillt den Durst nach Eigentlichkeit in einer technisierten Welt, ist ein analoges Gegenstück zum allgegenwärtig Digitalen, bei dem sich das Dasein wieder auf „normale“ menschliche Maße reduzieren darf. Die romantische Vorstellung des Wanderns wird von der Moderne der Selbstfindung und -verwirklichung neu befeuert. Vielleicht kann man das Wandern als Teil der seit Jahren distinguiert grassierenden neobürgerlichen Bewegung interpretieren. Die Rückbesinnung auf alte Kulturtechniken und einen konservativen Wertekanon reicht aktuell von der Wiederentdeckung von Tracht, Tanzkurs und guten Manieren bis zum neuen Massenprodukt Bioware und ist hier um das vernünftige Naturerlebnis Wandern ergänzt. In Abgrenzung zur unauthentischen Moderne, gehen hier das Alte und das Natürliche, das Wahre, Gute, Schöne und Gesunde zusammen.

Beide Motive, die Perfektionierung und Adaptierung des Ichs für die Anforderungen der Moderne und die scheinbare Abkehr von ihr, spiegeln sich in der Wanderliteratur wider. Als ein Teil jener Kulturindustrie, die sich über Ratgeber-, Lebenshilfe- und Unterhaltungsliteratur längst den meisten menschlichen Lebenssphären bemächtigt hat, sei es nun Privates, Berufliches oder eben das höchst anspruchsvolle Feld des Freizeitmanagements. Auch das Wandern zählt zu den vielen von der Kulturindustrie penibel ökonomisch verwalteten Glücksversprechungen.

Dass Wanderliteratur, wenn auch oft nicht offen oder überhaupt bewusst, ideologisch großteils einem Bereich angehörig ist, der solchen Mechanismen kritisch (egal von links oder von rechts) gegenübersteht, ist ein Symptom für die generelle Widersprüchlichkeit des Lebens im postfordistischen, postmodernen Zeitalter. Wandern wird als Verweigerung, als Ausstieg verkauft. Die kommerzielle Verwertung des individuellen Lebens hat auch den einst so harmlosen, neugierigen, natur- und menschenfreundlichen Spaziergang erreicht. Affirmation und Ablehnung sind so übereinandergelegt, dass der arglose Einzelne den Unterschied nicht mehr zu erkennen vermag. Und der Prozess, in dem ein Individuum in Eigenregie dafür sorgt, seine menschliche Ressource zu perfektionieren, indem es sich freiwillig auf eine Wanderung begibt, wird diesem Menschen noch einmal gewinnbringend verkauft. Darüber kann man jedoch wenigstens nachdenken, idealerweise auf einer Wanderung