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nach umba! zum gebet!

thomas ernst brunnsteiner | nach umba! zum gebet!

Mit Pfingstlern ans Weiße Meer – eine Pilgerfahrt

1. Teil – Von Lappland nach Russland
Das ist der erste Satz. Kolari ist ein finnisches Wort und ein Bezirk in Finnland. Das Wort bedeutet auf Deutsch „Autounfall“. Im Bezirk liegt seit zehn Jahren mein Heimatdorf Vaattojärvi – als wäre es dort hingefahren und verunfallt. In der Bezirkshauptstadt gibt es einen Flohmarkt, der von Pfingstlern betrieben wird. Pfingstler sind die am schnellsten wachsende christliche Gemeinschaft der Welt. Ab und zu besuchen schwarze Pfingstler aus Afrika die Länder des Nordens und finden viele Ungläubige vor. Sie halten uns Weiße für primitive und gottlose Heiden. Wie recht sie haben, ist eine andere Geschichte.

Im Kirchdorf von Kolari führen also ortsansässige Pfingstler einen Flohmarkt. Dort werden Altkleider gesammelt, zum Teil verkauft. Nur das Beste und Anwendbarste des Alten und Fortwerfbaren – es sind Kleider dabei, aus denen Leute hinausgestorben sind – geht zwei- bis dreimal im Jahr über die Grenze hinüber nach Russland, nach Umba. Dort warten Pfingstler und andere Arme darauf und ziehen das Gewebe an. Im Flohmarkt hängt eine Landkarte, A0, und darauf sind Bilder geklebt, von Kindern, Familien, Lastwagen im Frühlingsdreck, sogar von einem Häftling, einem jungen Mann mit Katze am Arm und nächtlich leerem Blick – er hat wen abgekragelt und wird dafür an den Galgen kommen. Das sind die Empfänger. Mich ließ die Idee der Gewandlieferung nicht los. Es wird dabei auch bekehrt. Missionare sind die letzten wahren Entdecker in Zeiten der allgemeinen Angstkultur. Zeitgenössische Reisende ergeilen sich wohlbestallt an der eigenen Furcht, am Nordpol und am Balkan, in Feuerland und am Himalaja. Missionare dagegen haben etwas Zeitüberschreitendes und Zahlloses. Sie sind eine Kirche aus Fleisch, die reist. Ihr Entdecken und gnadenloses, selbstvergessenes Vordringen nahm mich für sie ein. Mit Pfingstlern brach ich auf. Wann?

10. November 2006. Der erste Tag im Auto. In einer eingelullten Stimmung, wo alles an der Lächerlichkeit kratzt, verkürzt der Reiseleiter, ein ganz erstaunlicher Mann und Prediger namens Jorma Lappalainen, uns die Fahrt mit unmöglichen Anekdoten, mit tragischen auch. Vor dem Auto: Eiswind und Schlaglöcher wie Fußbälle und Krüppelbirken am Wegrand und verfallene Katen in verlassenen Dörfern, das Bühnenbild muss schöner sein, wenn lange niemand auftritt. Im Auto: fast nur samtenes Dunkel. Nach Umba geht es, an die Ufer des Weißen Meeres! Lappland ist zu durchqueren, Hilfe ist zu bringen den Russen und das Wort Gottes, eine Grenze ist zu überqueren, dann die Kola-Halbinsel an ihrer Schulter zu durchfahren und noch in der Nacht die Bruderstadt zu erreichen. Jormas Silhouette vor dem bleichen Widerschein der scheinwerferbeleuchteten, rasend verschwimmenden Straße vor uns wie ein Scherenschnitt. Die spitze Nase, einfältig rundgeschliffene Brillen, am Haupt eine voluminöse Pelzkappe, sein schwarzes Profil wie der Scherenschnitt eines vifen jüdischen Gelehrten. Doch schon wenige Kilometer nach Kolari … stirbt ein Kind. Sein Sohn.

Weil ein Lastwagenfahrer und das Grauen sich zu dem verheddern, was wir Ungläubigen Schicksal nennen. Es stirbt nicht vor unseren Augen, es stirbt in der Erinnerung, zum hundertsten und tausendsten Mal. Im Kopf und auf der Zunge des Jorma Lappalainen stirbt sein Kind, das zehn Jahre alt ist und ein laufender, wunderschöner Junge, auf die Straße, vor jenem Haus der Freunde, an jenem Tag in Helsinki. Zurückgekehrt von einer Reise nach Israel, mit seiner Familie war Jorma im gelobten Land gewesen und aus Verhängnis gleich zu Freunden in Helsinkis Vorstadt weitergereist. Der kleine und vermeintlich starke Mann, der vor mir redet, laut nachdenkt in trauriger Trance, achtzehn Jahre nach dem Tag, da sein Sohn zerbrach vor seinen Augen. Er sagt alles, als wollte er sich ins eigene Fleisch schneiden, sich geißeln, weil anders ist sein Reden nicht erklärlich. Vom Todeskampf, der seinem Buben sechzehn Stunden dauert im doch allernächsten Hospital und dann verloren ging, der zerschmetterte Leib rang noch um Leben, fast wörtlich sagt er so, entblößt sich uns am Beifahrersitz, und wir sind keine 50 Kilometer weit gekommen: „Er hat jetzt seinen Platz bei Gott.“ Im Jahr darauf, zwei seiner Söhne leben noch, der Tote hatte einen Zwilling, ist Jorma Lappalainen nicht mehr Vorarbeiter jener Fabrik in Helsinki, deren Namen er erwähnt wie in nostalgischem Stolz einen fern verwandten, adeligen Ahnen. Nein, er lebt jetzt in Sieppijärvi, einem Dorf hoch oben, nördlich des Polarkreises, von wo die Menschen für gewöhnlich und seit Generationen eher fortgehen, weil trostlos. Und er ist Prediger der Pfingstler geworden und er ist jetzt, wie endlich: das Gefäß von Gott.

Fast zeitgleich mit dem Tageslicht kommen wir in Rovaniemi an, am Heim eines blutarmen Ehepaares. Im selben Hause hat der Priester Pavel übernachtet, Pfingstler von jenseits der Grenze. Eine feiste Gestalt, war mir gleich klar, was es geschlagen hat. Dann holen wir eine gebrauchte Waschmaschine vom Flohmarkt, zum größeren Wohlergehen der Armen in Umba, und Jorma bezahlt centmünzenweise aus den Erträgen des Flohmarktes. Vorgreifend dem nächsten Tag: Wir werden sie in Pavels Wohnung tragen, in Umba. Andererseits wird er uns dorthin fahren und zwei Tage einquartieren, worauf wir seiner Frau Geld geben werden. Ein großes Ungleichgewicht zwischen Gläubigern. Von Anfang an.

Die ganze wache, also taghelle Zeit verbringen wir an der Grenze bei Salla, in jener tauben Aufgeregtheit des Grenzübertritts. Es gibt nur zwei Möglichkeiten – hinein oder eben nicht. Beides hat seinen Charme, nur tritt in der Regel letzteres nie ein. Überhaupt niemals ist den meisten Europäern der Neuzeit der Eintritt in ein anderes Land verweigert worden, einer kokettiert nur mit der Möglichkeit. Es ist dunkel, als wir drüben weiterfahren, durch einen Korridor. Dort ist sogar die Benutzung eines Mobiltelefones verboten und sowieso unmöglich, da passt jetzt der Ausdruck Niemandsland, weil einer kann nicht einmal angerufen und gefragt werden: ‚Wo bist du?‘ Dann kommen wir aus dem Korridor heraus und stoppen zum Auftanken in Alakurtti, erster russischer Ort nach der Grenze. Die kennen aber keine Farben. Alakurtti ist schwarz-weiß.

In Alakurtti keine Farben: nur Grautöne. Ganz wenig eigene Laute oder Hintergrundrauschen, also die Leute und Maschinen auch sehr still und Hunde ohne Gebell. Ich vermute etwas Militärisches, dass der Staat dort also keine Farben und nur wenig Streulärm zulässt. Wir stechen heraus mit unseren mitgebrachten Farben. Der Priester Pavel aus Umba hat wohl ein weißes Auto, aber Veikko Flink, von dem ich später mehr erzählen kann, ein Autoverkäufer, Ex-Häftling und Halb-Zigeuner aus Raahe am Bottnischen Meerbusen, chauffiert einen roten Ford Transit, mit Gottesvolk vollgepackt. Veikko hat viele Farben mit. Es wird allerdings auch nach Alakurtti nicht viel besser, und mir blieb der Eindruck, dass ohne die jungen und oft bildschönen Frauen das Land Russland nördlich des Polarkreises weitgehend farbfrei gedacht ist. Sie sind aber da, arm-elegante Geschöpfe in Mänteln und Mützen und Paletots, und gehen entlang vereister Hohlwege und von Laternen beschienenen Straßen wie Netzhautfehler. In Alakurtti dann getankt, farblosen Treibstoff, manche wollen auch Rauchen und dann das kollektive Urinieren. Beim Weiterfahren sitze ich dann vorn am Kutschbock bei Pavel, während unser Reiseführer Jorma das Wort führt im anderen Bus. Wir sprechen über Zahlen und Geld, ich und Pavel, und … Wir verdächtigen einander von Anfang an, und meinen, den anderen zu durchschauen.

Wir blieben noch einmal stehen in Kantalahti, das ist eine riesengroße Stadt an der Eisenbahn nach Murmansk, an einer Tankstelle. Einer der Betbrüder sagte mir, er habe den Schnaps eingetauscht für Jesus vor ein paar Monaten, und in der Tankstelle gab es viel Schnaps zu kaufen. Russland natürlich für einen Tschecheranten das gelobte Land. Aber in der Tankstelle kein Jesus. Er stand also mit mir draußen, in der Nähe der Zapfsäulen, rauchend und friedlich, sein Name wird mir einfallen, und seine Bibel nicht viel größer als ein Tschickpaket. Er rauchte sehr hektisch und verheimlichend vor seinen Genossen – irgendwie hatte ihn der rote Bus des Veikko Flink sicher bis hierher gebracht und dann doch vor meinen, den Füßen des Verführers, ausgespien. Er würde auch Zeit der Reise immer wieder am inbrünstigsten mit dem Branntwein-Teufel ringen. Wie ich halt. Ich stellte mir vor, wie er seine Bibel von hinten aufrauchte, mit der Offenbarung des Johannes angefangen, Blatt für Blatt, und wie er wohl am ehesten dem alten Jesus glich in unserer ganzen reisenden Sippe. Dann stiegen wir ein und fuhren weiter. Eine ungewöhnlich steile Straße erst, und Jorma, jetzt wieder vorne neben dem unermüdlichen Pavel am Beifahrersitz, beschwor die Aussicht in samtener Finsternis. Hier sei es schön, wenn es schön sei. Ich nur mehr ganz hinten wie ein taubes Kalb, und dachte nur mehr Umba – es wurden Gospels gespielt im Autoradio, Massenversionen eines Amerikaners vor schreienden ,Worshippers‘ in Stadien der Neuen Welt, es klang recht fürchterlich, ich wollte schlafen. Umba dann, Umba. Und Schlaf.

11. November 2006. Wir standen auf. Gingen zu Fuß zum Statthalter des Twersker Rayons. Saßen dort die obligatorische Stunde des Interessiertseins ab. Zwei Dinge tat man zu meinem Gedächtnis: Erstens gab Jorma Lappalainen gegen Ende des offiziellen Besuchstermins seinen Segen in finnischer Sprache, und zwar dem Gemeindehaus von Umba, das aus Holz war – ein Bau wie abgepaust dem Gemeindehaus der Trabantenstadt von Uderzo/Goscinny, erwartete einer jederzeit blitzschnelle Pygmäen, die im Eillauf Botschaften von Tisch zu Tisch weiterbrächten, durch die Flure sausend, barfüßig auf kalten Linoleumböden ihr Tagwerk verrichtend, ehe sie sich wieder in massiven Schreibtischen von Männern wie dem Gouverneur verbargen, nur: Gesehen habe ich keinen einzigen Laufneger – also Jorma stellte sich auf, die Bibel ausgebreitet vor sich auf dem Tisch in all ihrer psalmodierenden Pracht im Ledereinband, und er hielt eine Hand auf den elektrischen Wasserkocher vor sich gestützt, während er mit der anderen, frei gebliebenen, segnend tätig war. Zweitens der Gouverneur selbst, der eine Fotografie zum Vorschein brachte, die ihn mit Boris Jelzin nach dem Fischen zeigte. Der Präses war bedient, saß nicht mehr aufrecht, sondern lehnte steif und verdreht im Fauteuil. Dann drehte der Gouverneur das Bild um, und in Kleinkinderschrift stand da eine Widmung des ehemaligen Präsidenten der eurasischen Weltmacht – krakeeltes Wirrwarr. Zeugnis, wie die mächtigsten Männer der Welt gar nicht schreiben können. Da schnippte sich unser Gastgeber auch noch mit dem Zeigefinger an die Gurgel, das russische Signalement für einen Grenzrausch … Dann aber kam der Abend, der Abend von Veikko Flink.

Stattlich ist er, mit einer Hand sorgfältig seine Gitarre tragend, die andere im Hosensack einer etwas weiten Jeans. Ein Sakko, eher ein Rock über blühendem Hemd, und eine buntgoldene Halskette mit Kreuz. Hat das Gesicht eines lachend jungen Weisen, mit schwarz geränderten, feinen Brillen. Kurzes, starkes Haar und schma­le, freche Lippen und die Nase einst sanft gebrochen. An jenem Abend gehen wir in eine Lagerhalle am Meer, aus der die Pfingstler von Umba ein Gebetshaus gemacht hatten, eine willige Menschengarage ohne Antlitz. Es ist schon dunkel, als wir gehend davor ankommen, Nachtgrenze. Eine Schule alter Weibsbilder steht schon vor Seinem Haus, mit Falsettstimmen machen sie sich über die Ankommenden lustig und traurig. Da auch Jugend: Zwei besoffene Buben in Bomberjacken und ein dazugedroschenes Mädchen, flickernd im Suff, grüßen die Prediger mit beschlagenen Zungen, unterlegt vom hochgezogenen Kreischen der Weiber. Braune Holzhäuser ringsum kommen näher mit weichendem Licht. Nein, die Jugend hier draußen hat es mehr mit den Minibussen als dem anstehenden Gebete! In hastiger Handschrift, in den Dreck der Rückseite auf dem weißen VW-Transporter, hat sich einer erleichtert: „SKIИ“ steht da geschrieben, aber groß und in haltloser Deppenschrift. Tragische Karikatur, weil wenn das Schimpfen in die Hose geht, dann geht sogar das Scheißen in die Hose, und da hilft auch das daneben gekritzelte Hakenkreuz nichts mehr, weil aufrecht, mit zu kurzen Balken und wieder verkehrt herum gemalt – wie ein Kunstwerk fast schon, als müsste man die Rune im Rückspiegel lesen können. Diese Jungen von Umba, derweil Namenlose mit fortgetrunkenen und löchrig geschnüffelten Erinnerungen an die schwere Kindheit, im hau- und hackfähigen Alter, sind beim Gerichte anhängig: Drei Autos hatten sie aufgebrochen im vergangenen Jahr, als die Karawane der Prediger wieder einmal keinen Bogen um Umba gemacht und mit voll beladenen Kleinbussen angetanzt war. Während man drinnen laut und inbrünstig sang. Und Säcke voller Essen und Taschen voller Gewand hatten sie gestohlen, bevor sie sie geschenkt hätten nehmen müssen – sich auf diesem Wege dem mitgeschenkten Segen entziehend, daher auch heuer wieder da. Zur Polizei gehen tat Not für die Pfingstler damals, eine Anzeige aufgrund des Auf- und Einbruchs, eine Zurechtweisung wenigstens, dass es so nicht geht, wollten die Pfingstler da erwirken, weil nur Sauerei die ganze Zeit ist auch nicht Sein Reich. Zu Fuß gingen sie, allen voran Jorma, und ich glaube Veikko irgendwo hinten nachwandernd zu sehen damals mit der Gitarre, als Bänkelsänger die noch ungefangenen Ratten auch noch beklagend, zur Polizeistation. Indes. Die Milizionäre, drei an der Zahl, hatten Journaldienst in jener Oktobernacht vor Umba, hatten gerade von der Schwarzbrennerei nicht weit vom Gebetshaus ihr Deputat bezogen. Stockbesoffen war einer, im Aufstehen und sich vorstellen wollend war er seitwärts zu Boden gefallen vor Jormas Augen und einige Zeit so liegen geblieben, sehr lange sogar, nicht einmal gerührt hat sich der Polizist. Die anderen, trinkfester offenbar, nahmen die Anzeige entgegen. Ließen sich wohl segnen. (Dass dieser Diebstahl eine Handvoll Schuldige später ins Gefängnis bringen würde, war ebenso unerwartet wie pointiert: Bei einem Häftlingsbesuch wird Jorma Lappalainen später einem der damaligen Frechdachse gegenübertreten. Und er wird ihm vergeben, und zwar auch in Gottes Namen. Im Häfen muss der Junge trotzdem bleiben. Aber Vergebung frisst sich fest.)

Die Männer Gottes – wir sind jetzt wieder zurück am nämlichen Abend, wo ich auch dabei sein darf – die Männer Gottes also treten heuer eins und eins in den Hof, wo die Autos still und unschuldig wie Schafe in die sternenklare Nacht atmen. Das Gefahrenwerden ist noch nicht lange her. Dann gehen die Männer zurück hinein. Von den Verfassern von „SKIИ“ geht ihnen heute nicht genug Gefahr aus, einen ganzen Psalm zu versäumen. Ich gehe mit hinein. Erste Fotografien im Foyer: Sie zeigen die Pfingstler und Adventisten ganz in weißen wallenden Röcken, auch die Männer. Auf sommerlichen Wiesen, ins Wasser zu gehen schicken sie sich an, barfuß und weiß wie Milch mit Käppchen aus Schlagobers, beseelt und unscharf vor einem schwarzen Milchwald auf dem Weg in den grünen Milchsee. Bilder vom Taufen. Aber dann muss ich weiter, das Raunen zieht den Gekommenen wie alte Luft hinein inmitten die Versammlung. Brünftiges Raunen. Gottes Dienst. Eine Traube glücklich Verlorener steht um den Altar und singt an. Pavel betet vor, ist vom Ungeschlacht zur Vase geworden in der Predigt, und beschwört die Gottheit mit geschlossenen Augen. Die gleichspäte Gottheit, der jemand eine Uhr aus Zellophan und Alufolie an die Wand geklebt hat, immer die gleiche Zeit weisend: fünf vor zwölf. In dieser kleinen, von Neonröhren ausgeleuchteten Hütte am Weißen Meer, so nahe einem Gefühl sibirischer Exklusivität, werden sie alle Ihn gleich anrufen. Und dann anschreien. Die Augen werden sie schließen voller Ingrimm, oder sie werden den brüchigen Innenlack der Decken enthoben betrachten. Schönheit ist hier in den Stimmen und nirgends sonst. Kakophonisch zerhackt in Russisch und Finnisch und Mischformen, wird bald ein stromverstärkter Lautteppich aus Jesus und Gott und Bosche und Jumala, ein beständiges Mensch-Tier-Summen alle umhüllen, die da sind. Nur sitzen können. Nur zuhören. Es ist, um 20.30 Uhr des zweiten Tages, mir nun klar, weshalb keiner ausgenommen bleiben darf. Weil der Nüchterne, der da sitzt, berechnend mit seinen kalten braunen Augen, ich, er erinnert die Gottesanbeter daran, dass es nur ein Rausch ist, den sie haben. Stärker muss der Rausch werden und dann lauter die Rufe nach Ihm, wenn sich abgewandt Habende auch da sind. Schwer, jene zu ertragen, die sich nicht berauschen. Jorma ist vorne, er lebt jetzt mehr und er lebt intensiver, er wird schöner, körperlich schöner. Er spielt mit der Sprache in Gottes Namen, mit seinen Händen spielt er, er schreit, er schreit laut auf, und wenn es sein muss, dann haucht er auch. Die Welt soll jetzt bitte kleiner werden und übersichtlich stantepede, einander berühren tut not, es ist so kalt draußen. Wir seien, wo wir wollen, auch der Schnaps ist ganz vergessen. Alles raunt und wiegt sich stehend, wir seien, was wir wollen, nur jetzt sind wir hier, mit Ihm. Die erste Eruption dann unvermutet, ansatzlos. Ein chaotisches und unsortiertes Wandeln im Raum hebt an, den auch die zwei jungen Männer aus Umba betreten haben, zum ersten Mal im Licht, unter Mützen, in Rüstungen aus geblähten Daunenjacken. Wie schwer angeschlagene Boxer sehen sie aus, die aus ihren Ecken in die Mitte des Ringes taumeln, auf Gott, auf den Schiedsrichter zu, den wir nicht sehen. Mit ihnen auch drei Frauen verschiedener Generationen, also würdige Weibsleute dabei, im Stillen einverstanden mit dem bemerkenswert Affenhaften dieser Buben, ihrer Söhne, Brüder, ihrer Männer. Derweil hat der Prediger Jorma Lappalainen eines der aus Finnland mitgebrachten Mädchen zu besprechen und zu beschwören begonnen, und sie wird sich gleich unter nicht nachvollziehbaren Schmerzen krümmen, mit dem Gleichgewicht und den Tränen wird sie kämpfen, ehe mehr Anbeter herankommen und ihr die Fassung ganz nehmen, mit Worten, dem eucharistischen Gemurmel aus Eigenem und Eingegebenem, mit einem Schrei werden sie das groß gewachsene, rothaarige Mädchen, das namenlos bleibt, zu Boden stoßen. Nur um sie aufzufangen. Niederzulegen sanft, auf dass Er ihr einfährt. Und ich werde denken, dass jetzt Pause ist. Dass jetzt bekehrt wird. Dass jetzt der Heilige Geist kommt und Leitungen verlegt. Aus einem Mund singen alle in der Seelengarage von Umba, wo gleich ein Teufel ausgetrieben wird, und Weiber zu Boden gehen, und es ist fünf vor zwölf …

Als Veikko mit seinem Bericht beginnt. Zeugnis ablegt mitten in den Sturm, lächelnd, sich umsehend hat er sich ans Pult gestellt, und aufgehört mit dem tiefstimmigen Gelalle wie aus tierischen Worten, in welches er verfallen war vor einigen Minuten, als nur mehr die Gottrufe herausstachen als verständlich. Die Gitarre zärtlich schlagend, ist er nun in seinem Element und steht vor der flackernden, zitternden Herde und erinnert sie im Singen, im reinen Gesang vom Berge Golgatha – dem Knochenberg – an ihr Menschsein. Sodass sie wieder still werden können. Zeugnis abgelegt, ja, das hat Veikko Flink vor diesen Wildfremden, und so viele sind es ja nicht, vier, fünf vielleicht, mich eingerechnet, die zum ersten Mal Zeugen sein dürfen. Ordnungslos war sein Weg, aus Schlagen und sich betrinken und dann vollkoksen und eventuell das Messerstechen als Fortsetzung des Redens mit schärferen Mitteln, und ins Gefängnis hatten ihn diese Fassonen gebracht Mitte seiner Zwanziger – im Umsehen, alle sind auf ihre Plätze zurückgekehrt, fallen mir jetzt die Tätowierungen der meisten Mannsbilder auf, bis an die Fingergelenke und die Halsschlagadern sind sie mit schlampigen schwarzen Tuschestrichen verziert, drei Punkte in der Daumenspanne – und immer wieder ins Gefängnis, sagt Veikko. Er ist dann in einer Zelle, alleine, ich sehe ihn in diesen walfischgrauen Wänden einer sonst ganz komfortlosen Wartezelle, weil er bald erfahren soll, ob seinem Gnadengesuch stattgegeben werden wird, und aus Tagen sind Jahre geworden. Es ist ein Verlies, wo das Licht nur hereinstreicht, und er weiß jetzt, dass sie ihn nicht erhören werden, nicht einmal zuhören werden sie ihm, diese Gefängniskommission, an jenem achten Dezember vor – einundzwanzig Jahren? Und er könnte genauso gut aufhören mit sich selber nun und hier. Weil besser wird es nicht werden für Dich, Veikko, und nicht einmal wesentlich schlechter, zum Stillsein bist Du verurteilt, ändere Dein Urteil doch, Du hast es in der Hand! Leg sie an Dich! Leg Hand an Dich! Lass es gut sein, weil eine Klinge hast Du mitgenommen hier herein …

Sagte die eine Stimme. Die andere war dann von Gott. Der will das Menschenopfer jetzt nicht nehmen, der nimmt sanft Veikkos Hand und macht sie schlaff, der macht ihn weinen wie ein Kind zwischen den steinernen Wänden. Und Veikko hat Mitleid mit sich selbst, und es ist nicht nur Selbstmitleid. So überlebt er. Bis hier. (Wenn ich dürfte, es müsste heißen: Er überlob.) Und deshalb glaubt Veikko seit damals nicht mehr an Gott, nein, seither weiß er Ihn. Ich glaube diesem Bänkelsänger rückhaltlos. Und fühle mich dabei wie ein räudiger Hund, dem sie antrainiert haben, Mensch zu sein. Nur wer macht so was? Weshalb ist mir die Läuterung verwehrt? Bin ich nicht liederlich genug?

Umba, das war unser Gefäß für den Abend – obwohl nicht gerade klein als Ortschaft –, und fette Spatzen siedelten auf den Trottoiren von Umba und es gab jede Menge Leben außerhalb dieser Mauern – wir füllten das Gefäß mit Lobpreisungen so weit und laut, dass es eine Freude war, und hinausdrang durch die Türen und Fenster dieser Garage, und draußen gingen die Mütterchen vorbei mit ihren letzten Wasserkübeln vor der Nacht, und die Väterchen tänzelten hinunter die zwei Häuserblöcke zur Eismeerbucht, mit ihren Wasserkübeln sie auch, aber sie gingen nicht Wasser holen, sondern Wässerchen. Moonshine in der sternenklaren Nacht, Mondschein in die Kübel und die Kehlen. Sie gingen zu der Schwarzbrennerei, deren Drecksmaische man bei gutem Wind auch im Gotteshaus riechen mochte. Von wo die Polizei ein Deputat bezieht, regelmäßig, die bekam dann den doppelt Gebrannten, damit sie bei den Ausfahrten im Streifenwagen nicht plötzlich ohne Augenlicht in den Straßengraben ablenkten und dort verendeten, weil dann käme neue Polizei, und die wäre womöglich nicht einverstanden. Mit Schnapsrationen. Die wollten dann wahrscheinlich schon Geld.

Ende des ersten Teils