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one car racing through the night

david staretz | one car racing through the night

Der anzunehmende Wagen sei schwarz wie ein Lamborghini Gallardo

Spätabends unter Freunden, wenn die Pizzaschachteln zur Tischmitte geschoben sind und die Feuerzeuge klicken (die Mädchen haben die Knie hochgezogen und schaukelnd umfasst), sagt einer mitten im Binnenland: „Leute, wär das nicht eine gelungene Aktion, den Kaffee am Meer zu nehmen?“ „Sowieso, und Tramezzini und Crossini und Paganini und wie die Teile alle heißen, und draußen steigt die Sonne des Südens hoch, denn das wär doch endlich einmal genau das, was man sich jetzt wirklich verdient hätte. Einmal raus aus der Soße.“ „Müsste man.“
„Ja, Kinder, worauf wartet ihr dann noch? Draußen steht mein Bully, in neun Stunden können wir zum Frühstück vor Ort sein, wenn wir uns die Nacht durch abwechseln. Hauptsache, die Benzinkasse stimmt.“ „Presto, presto, das Geschirr kann warten!“ („Welches Geschirr?“) „Holt die Landkarte. Sidonie übernimmt die erste Etappe.“

***

So beginnen die schönsten Reisen: spontan, leidenschaftlich, unfrisiert und mit wenig mehr, als man gerade am Leibe trägt. Das Auto als temperierte Traummaschine, ansatzlos, unmittelbar, bodenverhaftet. Soweit die Räder rollen: bis zur Küste, Freund, das Ziel der Ziele!
Oder. Du seiest mit einer Frau verabredet. Nämlich – mit DIESER Frau. Du hast sie heute zur Vorstellung gebracht, sie gibt die junge Freiluft-Verführerin im Sommertheater. Danach hat sie drei Tage lang spielfrei –
und sie hat den Vorschlag gebracht. Also keine Minute zu verschenken. Eine halbe Stunde vor Mitternacht ist das Stück zu Ende, Vorhang, Vorhang, Vorhang, das Provinzpublikum klatscht halt noch richtig gerne, rein in die Abschminke, raus aus der Abschminke. Und dann erfüllt ihr Duft die Kabine des Autos, ihr feines Profil zeichnet sich weich ab im Licht der Instrumente. Ein scheuer Kuss zwischen Keuschheit und Verheißung, zwischen Spielhaftigkeit und Spiel. Sie lächelt matt, sagt wenig, muss sich erst langsam runterbringen von der Bühne, und die Bewegtheit einer lauen Sommernacht fächelt durch den Fensterspalt, während sie mit selbstvergessener Miene einen Sender sucht. Im metrischen Takt der Blinker gewinnt der alte Sportwagen die Autobahn, vollmundig nimmt der Motor Gas an, du spürst eine gute Kraft, als hätte dir jemand ein angewandtes Geheimnis verraten, eine ungeahnte Verheißung des Erwachsenseins eröffnet, als ihr Feuerzeug aufblitzt und Bruce Cockburn sein sparsam instrumentiertes Charity of Night in eure ungeübte Zweisamkeit entsendet.
Ein scheuer Blick, ein halbes Lächeln – worauf habt ihr euch eingelassen? Ihr sucht Gewissheit im Testbildflimmern des Asphalts, im scheuernden Greinen eines übermüdeten Getrieberades, in der Glut amerikanischen Tabaks. Erst einmal ans Meer. Und dann weitersehen.

***

So und so nachdenklich sitze ich heute Nacht in diesem galaktischen Feuerwagen, tief am Schwerpunkt verankert, Arme vorgestreckt, und die weißen Schraffuren der Autobahn morsen sich heran wie ein Meteoritenschwarm.
Innig unterwegs. Der Lamborghini Gallardo ist das Prinzip Fahren pur – nur wenige Tempomaschinen bringen diese Verdichtung zustande, die dich völlig mit einbezieht in das Ereignis Bewegung, als finites Element eines harschen Vorganges nach allen Regeln der angewandten Technik – trocken, enthusiastisch, zielgelenkt. Der Gallardo ist kein Auto für Träumer und gerade deshalb ist er so voller Poesie, wie sie aus Deklinationen der Bewegung entsteht.

Die Wissenschaft hat erst vor kurzem eine Amöbenart entdeckt, deren Lebenswelt sich in vulkanisch kochendem Tiefseewasser befindet, das sich aufgrund besonderer Druckverhältnisse über hundert Grad erhitzt. So einer seltenen Art von Daseinsform entspricht der Gallardofahrer in der Nacht, auf einsamer Umlaufbahn dahinglühend, und ich genieße das Schlackern meiner Ellbogen, wenn sie nachpendeln, wo das Fahrwerk längst trocken abgefedert hat und unter meinem Rist spüre ich die bedingungslose Bereitschaft der Maschine, auf zarteste Kommandos zu reagieren. Ähnlich ist das Gefühl beim Reiten, wenn man den Trab des Pferdes mit dem Körper aufnimmt, die Bewegung des versammelten Tieres in die eigene Lockerheit durchlässt. Dann und wann lasse ich die Hand um den Schaft der Aluminiumkugel sinken, um die Temperatur der Schaltkulisse zu spüren – eine wahre, metallische Wärme, die aus den Tiefen des Getriebes zu mir dringt, unmittelbar animalisch und voller Geheimnis. 

Zwei Bibeljünger haben mich vor der Abreise in dieser meerfremden Mittelstadt begrüßt und gefragt, ob ich wüsste, wo Gott wohnt, wenn nicht in uns, aber das klang ein wenig abgenudelt und der kleinere schielte immerzu nach dem Auto, jedenfalls hatten sie ihren Sermon sehr schnell durch, drückten mir noch ein Faltblatt in die Hand und waren ganz davon angetan, neben dem Gallardo zu posieren für ein Erinnerungsfoto. Auch das rothaarige Mädchen an der Fernfahrer-Raststelle hatte so seine gewissen Vorstellungen über Glaubensfragen, aber dieses war eine Reise zwischen Man and Machine, völlig unmittelbar, durch die Nacht, durch den Morgen, bis ans Meer.
Es lohnt sich, keinen Polster, keine Ablenkung zu haben; die Direktheit, mit der das Auto die Fahrbahn abscannt, ist eine Form von Wachheit, wie sie kein Taurinsaft herstellen kann, die Sensation, sich selbst im Abgeschossenwerden zu beobachten, hat etwas lustvoll Körperfernes. Manche erzählen in Para-Shows, wie sie an der Decke klebten und sich selbst auf dem Bett liegen sahen. Ich erzähle euch, wie ich im Schalensitz klebte und den im Dunkel verglühenden Hecklichtern meines eigenen Autos nachblickte.

Dazu muss man sagen, dass der Gallardo seine eigene Art von Geschwindigkeit kreiert, die wenig mit Schnellfahren zu tun hat, sondern eine Art Aggregatzustand des wohltuenden Schmerzes herstellt, in dem man wohnt wie in einer Zuggarnitur mit Speisewagen, Schlafabteil und Aquarium. Bitte, präziser kann man das nicht beschreiben, denn hohes Tempo ist nicht aus dem Stillsitzen heraus zu erklären, obwohl man genau genommen nichts anderes tut, nur in einem anderen Universum. Ich glaube, man nimmt dabei ab und verjüngt sich, aber nur unmerklich.

Doch im Grunde läuft alles darauf hinaus, dass man dank der magnetoiden Brembo-Bremszangen das Gefühl hat, jederzeit, wenn es haarig werden sollte, stehenbleiben zu können. Einfach stehenbleiben und weggehen. Denn das Bremsen ist paradoxerweise das eigentliche Ding des Gallardo, der dank seiner wasserläuferhaften Masselosigkeit an den Schuhsohlen hängt wie ein Jojo. Während der linke Fuß auf dem starren Karosseriepedal praktisch den ganzen Wagen als solchen bedient, steht der rechte in ständiger Bremsbereitschaft. Das bisschen Gasgeben, das nötig ist, um auf die Umlaufbahn zu kommen, wird mit wenigen Impulsen erledigt. Insofern und weil die gestreckten Arme mit dem Lenkradkranz die gesamte Fahrbahnbreite zu umfassen scheinen, hat man den Wagen und die Situationen völlig im Griff at any speed. 

Der Rest ist Aufblenden, Abblenden und dann und wann ein Blinkertasten. Einmal Tippen reicht für drei Mal automatisches Blinken, das ist wie Servo und entlastet den Fahrer für wichtigere Aufgaben: das Lenkrad zu halten, den dicken Lederkranz mit der gnädig abgeflachten Unterseite. Nach dem Tacho zu schielen, dessen Nadel hinterm Lenkradhorizont gerade wieder sichtbar wird auf dem Weg nach Westen. Die Reichweitenanzeige zu beäugen, die so schöne Meldungen macht wie: 480 Kilometer (freilich nur wenn vollgetankt). 

Einsam ist die Nacht, frei von allen Schreckensmeldungen überhitzter Urlauberstoßtage; das übliche Geschiebe und Geräche zwischen rivalisierenden Marken verliert sich zu Lichtpunkten, und als ich einmal auf einen Ferrari F40 aufschließe, freut sich dessen Fahrer wie ein Kind über die Gesellschaft, zelebriert Gasstöße, um auf meiner Reiseflughöhe anzudocken, winkt, lacht, empfiehlt sich dann zur Tankstelle.

Einsam ist die Nacht, doch es liegt Sicherheit in der Bewegung, die Flucht und Ankommen in sich trägt, und das vertrauenerweckende Glimmen der Instrumente, das Raunen eines Nachtradiosprechers und das sonore Tönen des Motors wiegen dich voran. Tunnels mit ihrer hellwarmen Beleuchtung interpunktieren das Wesen von Tag und Nacht, und von weitem leuchten die Tankstellen und Rasthäuser, umschwärmt von nomadischen Wohnmobilen und gestaffelten Transportern, die Schutz und Ruhe suchen auf den geräumigen Parkplätzen. 

Der langsam an den Parknischen vorbeigrollende Gallardo stört die Nachtruhe wie ein Rudel Hunde, so rechne ich selbst hier in Slowenien jederzeit mit dem Wasserguss aus deutschen Fenstern. 

Ein junger Autostopper nimmt sich ein Herz – ja, klar kann ich ihn mitnehmen, aber was ist mit seiner Freundin und den Rucksäcken dort hinten? Naja, sagt er, das ist bloß so eine Reisebekanntschaft, nichts Ernstes – „die kommt schon irgendwie nach, es fahren ja noch genug andere“ beschreibt er mit der großartigen Geste eines Fuhrparkleiters. „Aber sowas wie diesen Lambo findet man nicht alle Tage.“ Es stellt sich aber dann heraus, dass er nach Norden muss, wo ich nach Süden steche. Somit erledigt sich die Sache von selbst.

Ich habe die Nacht falsch berechnet – viel zu früh treffe ich in der gravitätischen Küstenstadt ein, es ist die Stunde der Wölfe, zwischen drei und vier Uhr morgens, und das Meer leckt mit schwerer Zunge an den Piers und in den Kanälen, die dicht an die Marktplätze der alten Handelsstadt heranreichen. Vor dem geschlossenen Bahnhof warten Nachtasylanten auf die Toröffnung. Ein wildgewordenes Porsche Cabrio mit unbestimmbarer Anzahl von Passagieren dröhnt vorbei, wendet, um meine Spur aufzunehmen. Mit abgeschaltetem Licht trolle ich mich hinter das Gebäude der Lloyd, parke zwischen Gemüselastern und Piaggio-Kleintransportern, aus denen Schnarchgeräusche dringen. Hier bette ich mein Haupt in gelbes Leder und unmerklich aus der Fahrposition verschoben, schlafe ich dem Morgen entgegen.

Wie immer in solchen Fällen wird man von Polizei geweckt. Ich meine, als Polizist würde ich mir auch als Erstes einen Gallardo vornehmen, keinen stinkenden Rübenlaster. Die Herren sind höflich, telefonieren ein wenig nach dem Rechten und entlassen mich in den goldenen Morgen. 

Als wäre der Traum nur durch kurzes Wachsein unterbrochen, setze ich meinen Weg ansatzlos fort. Graublaue Lichtflecke schneiden die Dächer der Stadt zu Scherenschnittprofilen. Der frühe Morgen, eine zu selten geübte Disziplin. 

Und hier das Meer. Es ist immer wieder ein verblüffender Endpunkt. Aus geübter Rastlosigkeit sumst man noch ein wenig die Küste rauf und runter, aber irgendwann kommt das unruhige Herz zur Einsicht, dass es am Ziel angelangt ist. Ich öffne das, was der Mensch völlig ausreichend als Kofferraum akzeptiert, hole Zahnbürste und Kamera heraus (mein komplettes Reiseset für einen Touchdown an der Adriaküste) und benütze die Gegenstände adäquat. 

Im Übrigen ist das Ein- und Aussteigen beim Gallardo eine erstaunlich einfache Übung, gemessen daran, wie gagarinmäßig verpackt man in der Fahrposition nistet. Mein Leichtfußstativ diente allerdings einem Museum besser als mir, denn es kippt beim leisesten Windstoß und meine Elektrokamera, jetzt mit Ducktape bandagiert, sieht aus wie das Grigri eines alten Medizinmannes.
Weil man auch die Hektik nicht ablegen mag! 

Endlich, der Ort ist gründlich erwacht, gelingt mir der Idealfall von Frühstücksterrasse, mit dem Gallardo zwischen Macchiato, Croissant und Meer; weil aber noch jemand auf mich wartet, richte ich den Wagen in nördliche Position aus und hole Schwung für den großen Homerun, denn Reisen ist Unterwegssein – und Ziele? Ziele sind nur brauchbar, solange sie noch nicht erreicht sind.