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open house in wien acht

Die Lebensreise von Ilse Kilic und Fritz Widhalm, 7. Teil


Ilse Kilic, Fritz Widhalm: Alles, was lange währt, ist leise. Des Verwicklungsromans siebenter Teil

open house in wien acht

edition ch: Wien 2011

Rezensiert von: werner schandor


Wann ist das Private von öffentlichem Interesse? Und wo fängt die Öffentlichkeit an? – Wenn es nach Ilse Kilic und Fritz Widhalm geht, dann beginnt die Öffentlichkeit im eigenen Wohnzimmer, das nach eigenen Angaben ein fröhliches ist, und zwar seit 1986, also jenem Jahr, in dem das Wiener Autorenpaar einen Kleinverlag namens Das fröhliche Wohnzimmer ins Leben rief. Kilic und Widhalm und ihr Wohnzimmer gehören seither zu den Fixpunkten im literarischen „Underground“ von Wien, aber weil es so etwas vermutlich gar nicht gibt, zumindest nicht in Wien, nennen wir das Ganze besser Off-Szene. Das ist die, wo das Feuilleton der größeren Blätter immer freundlich über die rege Produktion hinwegschaut, weil man das Ganze für nicht publikumstauglich hält und lieber den siebzigtausendsten konventionellen Roman breit abhandelt. Das „fröhliche Wohnzimmer“ aber ist eine ziemlich unkonventionelle Angelegenheit, die ihre Anfänge in den fröhlichen Wohngemeinschaften der ausgehenden 1970er- und frühen 1980er-Jahre nahm.

In Alles, was lange währt, ist leise – dem mittlerweile siebenten Band ihres 1999 begonnenen, autobiografischen „Verwicklungsromans“ – erinnern sich Kilic und Widhalm bzw. ihre schreibenden Alter egos, die Jana und der Naz, an die Zeit damals, als man mit wechselnden Partnern und unter Zuhilfename diverser Narkotika althergebrachte und alternative Formen des Lebens und Zusammenlebens ausprobierte.

Naz aka Fritz Widhalm hat bereits eine Karriere als niederösterreichischer Landbürgerschreck hinter sich, als er – tuntiger Fan von T. Rex, Dada, Glam und Punk – im Alter von zarten zwanzig oder so in die Donaumetropole übersiedelt. Bis er die eingeborene Wienerin Jana alias Ilse kennenlernt, die aus der Wohnung ihrer Eltern – die Mutter bereits verstorben, der Vater im Altersheim – ein Open House gemacht hat, sollte noch ein bisschen Wasser die Donau hinunterrinnen. Naz vertreibt sich die Zeit mit „haben und gehabt haben“, wie Sex im Buch umschrieben wird, also mit diversen Gefährten und Gefährtinnen; als echter Glamfan ist er „beidseitig bespielbar“ (© Wolfi Bauer). Nebenbei wohnt er in besetzten Häusern bzw. in der Arena und schaltet unter Speed eine Gangart zu.

Das klingt dann so:
hille und der naz. der naz und hille. montag, dienstag, mittwoch, donnerstag, freitag, samstag und sonntag.
[…] der naz entdeckte zu dieser zeit und gemeinsam mit hille auch die droge speed für sein wohlergehen.
wow.
hille und der naz wurden immer schneller. der naz und hille wurden immer schneller. modiemi, dofresam und so.

Die Jana dagegen zieht ihr Studium in die Länge, kutschiert mit ihrem 2CV Leute durch die Gegend, klärt diverse Beziehungsfragen, entdeckt die Musik von Kevin Coyne und experimentiert in ihrer zur WG umfunktionierten Wohnung mit diversen Drogen, was nicht allen Freunden gut tut. Zum Beispiel: „heribert alias anselm brach wiederholt in tränen aus und begann am ganzen körper zu zittern. wir wussten nicht recht, wie in einem solchen fall vorzugehen wäre, sagte die jana, jedenfalls gab es einige versuche, heribert alias anselm auf den boden der realität zurückzubringen, versuche, die aber alle nicht besonders viel brachten, sodass schließlich der psychosoziale dienst der stadt wien zu rate gezogen wurde, der eine einweisung in ein psychiatrisches krankenhaus veranlasste.“

Kilic und Widhalm erzählen ihr Leben in Rückblicken, die von Jana und Naz auch kommentiert und interpretiert werden. Ausgangspunkt ist das Jahr 2009, in dem das Duo auf fast 25 Wohnzimmerjahre zurückblicken konnte – als zusammen lebendes, schreibendes, zeichnendes und musizierendes Paar, das seine fröhlichen (der Naz steht auf Popoversohlen) und weniger fröhlichen (Janas Brustkrebs anno 2005) Eigenheiten augenzwinkernd bis lakonisch zur Sprache bringt.

Womit wir bei der Eingangsfrage wären: Wann ist das Private von öffentlichem Interesse? Haben wir es mit den Richard und Mausi-Katzi Lugners der Wiener Subkultur zu tun? Oder warum sollte uns das Leben von Jana und Naz interessieren?

In diesem Fall lassen sich mehrere Gründe dafür anführen, sich die Verwicklungen des Romans zu Gemüte zu führen:

1. Weil es um zwei Menschen geht, die Kunst und Privates so sehr vermischen, dass sich das Private völlig aufhebt – und das bereits zu einer Zeit, wo Mark „The age of privacy is over“ Zuckerlberg buchstäblich noch in die Windeln gemacht hat. Auch ein Wort vom Naz sei noch angeführt, das die größeren Zusammenhänge hinter den Selbstauskünften von Janaz erahnen lässt: „zweierbeziehung ist irgendwie pfuigack, also sehe ich es [unsere beziehung] mehr als ein kleines universum, das großes vollbringen kann, und durch unser entspanntes verhältnis, das fast so etwas wie eine ursuppe ist, ist es uns möglich, viele stimmen zu hören, zu denken, zu sagen.“

2. Weil Kilic und Widhalm ein Leben schildern, das nicht glamourös, oberflächlich und verlogen ist wie jenes der meisten TV-Existenzen, sondern fröhlich, prekär und aufrichtig menschenfreundlich. Die kleinen Jobs zum Beispiel, die Kilic und Widhalm vor ihrem ersten Literaturstipendium ergreifen mussten, um sich über Wasser zu halten – Maisfahnen zupfen, Wohnungen renovieren, Holzstöße schlichten, Taxi fahren usw. usf. – sind Gegenstand des sechsseitigen Comics in der Mitte des Buches, das in keinem guten Verwicklungsroman fehlen darf. Dieser Comic über die Jobs verdeutlicht, dass die Kunst, zumal die Off-Szene, in Sachen prekäre Lebensverhältnisse ein echter Vorreiter der gesellschaftlichen Entwicklung war und ist.

Und 3. Weil sie den Titel ihres Buches dem sanft absurden Gedicht Ich habe dich so lieb von Joachim Ringelnatz entnommen haben, und weil insgesamt der fröhlich-flockige Ton und das unkonstruierte Nebeneinander von Jetzt und Damals Alles, was lange währt, ist leise zu einem unterhaltsamen Buch macht – zumindest für jene, die nicht dem Zwang unterliegen, nur Bestsellerromane aus Großverlagen gut finden zu können.