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out of kumberg

Ein Roadmovie kann auch zwei Kneipen als Eckpunkte haben.


Oliver Podesser: Twelve Bars oder Warum Bob Dylan niemals in Kumberg lebte

out of kumberg

Edition Keiper: Graz 2012

Rezensiert von: karl mellacher


Wenn man sich mit einem Laib Bauernbrot, 10 Semmeln, 5 Dosen Tunfisch, einer Stange Dauerwurst und anderen Vorräten, darunter 5 Kisten Bier, Schnaps und Zigaretten, zu einer einmonatigen Klausur in die eigene Wohnung zurückzieht, können eigenartige Dinge passieren. Beispielsweise kann man Besuch von Sigmund Freud, Allan Ginsberg, Adolf Hitler und Heimito von Doderer, alle eigentlich schon länger verstorben, erhalten. Zuerst veranstalten besagte Herren ein Gelage der besonderen Art, wobei sich Ginsberg hemmungslos über die kargen Vorräte des unfreiwilligen Gastgebers hermacht, der vornehme Doderer ein ansprechendes Buffet herbeischafft und der Gröfaz sich erwartungsgemäß mit dem Vater der Psychoanalyse anlegt, dann stellen sie sich als jenseitige Talentescouts heraus, die auf alternative Retroacts, sprich Folkies, spezialisiert sind.

Zugegeben, ein solcher Handlungsverlauf fordert unser Bedürfnis nach Wahrscheinlichkeit ziemlich heraus. Dabei habe ich Oliver Podessers Romanerstling Twelve Bars zuerst als Autobiografie gelesen: Ein Sohn aus gutem Haus kommt durch im Café Schlössl und im Schallplattenladen Mecky verschwänzte Schulstunden zu Bob Dylan, zum Folk, zur Gitarre, zum Banjo, zum irischen Bouzuki und zu anderen seltenen Blas- und Saiteninstrumenten. 

Musiker hatten in den 80ern noch einen Startvorteil im Kampf um die Frauen, wobei sich Podessers Alter Ego als Folkie gegenüber den Vertretern der Rock und Popszene im Nachteil sieht. (Viel besser ist es – oder besser war es –, wie ich von einem Chilenen gelernt habe, wenn man 2, 3 Songs gut konnte, die Gitarre dem Nächsten weiterreichte, und sich dann voll und ganz den Mädels widmete. Aber das ist eben ein etwas pragmatischerer Zugang zum Leben.) 

Besagter junger Mann bricht also sein Psychologiestudium ab, um Künstler zu werden und sich mit den üblichen Widrigkeiten herumzuschlagen: Bruch mit dem Elternhaus, ständiger Geldmangel, zu hoher Alkoholkonsum, ein gespanntes Verhältnis zu den Mächtigen des Kulturbetriebs und den Erfolgreichen, die allesamt Protektionskinder und talentlos sind. Die vier aus dem Jenseits auftauchenden Talentescouts stecken auch den Kontext ab, in dem sich die österreichische Szene entwickelt und bewegt hat: die amerikanische Beat- und Hippiekultur, die Psychologie als Gesellschaftsspiel, die Tradition des österreichischen Sprachartisterei und der Faschismus als gesellschaftlicher Bodensatz, der immer wieder hochgewirbelt wird.

Podesser hat schon recht: Es ist an der Zeit, die Geschichte und die Geschichten von der alternativen Subkultur der 80er zu schreiben, vom beharrlichen Festhalten an verstaubten Traditionen, von durchzechten und durchspielten Nächten in Wirtsstuben und auf Almhütten, der fast fetischistischen Beziehung zu Instrumenten, vom rauen Leben auf Tour in der kulturellen Provinz, vom Untergang auf hohem Niveau des steirischen Kraftgenies. Das lesen wir auch gerne, weil es ja auch unsere eigene Geschichte ist. 

Oliver Podesser ist übrigens auch ein feiner Musiker.