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paartherapien ohne grenzüberschreitungen

Über Irene Pruggers erzählerische Ökonomie mit Pointen


Irene Prugger: Letzte Ausfahrt vor der Grenze. Erzählungen.

paartherapien ohne grenzüberschreitungen

Haymon Verlag: Innsbruck-Wien 2011

Rezensiert von: heimo mürzl


Letzte Ausfahrt vor der Grenze ist eine Sammlung von 18 unterschiedlich langen Erzählungen der Tiroler Schriftstellerin Irene Prugger. Scharfsinnig und ironisch, ehrlich und entwaffnend, mitunter sentimental und auch einmal erotisch geben Pruggers Erzählungen tieferen Einblick in den Lebensalltag zwischen Geburt, Midlife-Crisis und Tod, vermitteln, dass wir alle in Geschichten verstrickt sind und uns individuelle Lebensgeschichten zulegen, um uns das Leben zurechtzubiegen und all das Schmerzhafte, Peinliche, Lächerliche, Lustvolle und Glücklichmachende in den Griff zu bekommen.

Irene Prugger ist eine Meisterin der erzählerischen Ökonomie, der Aussparung, der Zuspitzung und des hintergründigen Humors und ironischen Augenzwinkerns. In ihren Erzählungen verhandelt sie das Thema Beziehungen. Prugger schreibt von enttäuschten Hoffnungen und letzten Möglichkeiten, von in Routine erstarrtem (Beziehungs-)Leben und dem hypothetischen Leben, das man ersehnt, vom Ausbrechen aus den Schablonen und Zwängen des Alltags, vom Glück auf Zeit und dem haushälterischen Umgang mit Gefühlen.

In der titelgebenden Erzählung Letzte Ausfahrt vor der Grenze – einer der besten Geschichten des Bandes – kratzt eine Frau im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal die Kurve. Ihr Mann ist Politiker und hat keine Zeit. Sie ist Ehefrau und hat einen Liebhaber. Jenseits der Grenze. Als Wellness-Urlaub getarnt ist sie unterwegs zu ihm, als ihr einfällt, dass sie zu Hause das ausgedruckte Mail ihres Liebhabers vergessen hat. Spontan nimmt sie die letzte Ausfahrt vor der Grenze und entgeht so einem katastrophalen Unfall. Ihr schlechtes Gewissen hat ihr quasi das Leben gerettet. Diese hintergründig-sarkastische Pointe ist bezeichnend für den unbestechlichen Blick, den Prugger auf halbgelebte Gefühle und die Jagd nach dem Glück wirft.

Die sogenannte Moral spielt den Protagonisten in Pruggers Erzählungen nicht selten einen Streich. So auch in der Erzählung Natur, in der sich Ines im Wald verläuft, wie auch in ihrer Ehe mit Josef. Der angestrebte Seitensprung mit dem feschen Förster bleibt jedoch Wunschdenken, als sie den mit Grippe im Bett liegenden Josef nicht allein zurücklassen will.

Prugger betrachtet die alltäglichen Beziehungsfallen wie durch ein Vergrößerungsglas, bevorzugt Paarbeziehungen werden von ihr unter die Lupe genommen – die Charaktere sind aus dem Alltag gegriffen, man erkennt diesen oder jene aus dem eigenen Leben wieder, und manchmal auch sich selber. Die Tiroler Autorin schreibt mit leichter Hand und erzählt mit feiner Ironie, und so sind die meisten der achtzehn Erzählungen eine sehr gescheite und außerordentlich vergnügliche Lektüre. Die Erzählstimme, meist aus einer weiblichen Perspektive, ist den Figuren sehr nah, und die Menschen in Pruggers Erzählungen sind auf der Suche nach dem Beziehungsglück. So auch das Paar, das sich in der ersten Erzählung in Paartherapie begibt, weil es mehr Zeit füreinander haben will. Am Ende stellt sich heraus, das Paar ist zwar verheiratet, aber nicht miteinander: „Und welche Beziehung wollen sie nun retten?“ – „Alle drei“, sagten die beiden unisono, fassten sich wieder an der Hand und sahen Barbara erwartungsvoll an.“