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precious‘ apfelstrudel

eva reithofer-haidacher | precious‘ apfelstrudel

Reisenotizen aus Nigeria

50 bis 250 Naira kostet eine Busfahrt in Lagos, 1.000 Naira zahlt der Chauffeur in Benin City Schutzgeld an Polizei und Mafia pro Tag. Ein Liter Benzin kostet 65 Naira, also umgerechnet 35 Cent, im Land des Öls. In der katholischen Missionsschule beträgt das Schulgeld 75.000 Naira pro Trimester. Eine Packung Zigaretten kostet 200 Naira. Und so weiter und so fort. Geldbeträge sind hier aufgeschrieben, einer nach dem anderen, mindestens fünf pro Seite. Ich erschrecke beim Durchblättern. Zahlen waren mir immer ein Gräuel, nicht nur in der Schule. Woher kommt plötzlich meine buchhalterische Genauigkeit? War das Nigeria für mich? Zahlen, Zahlen, Zahlen. Oder ist das das Resümee der vielen Gespräche über den Alltag, das Leben der Nigerianer: Naira zählen, kalkulieren, rechnen, ob genug da ist fürs Essen, die Schule, den Bus, die Kleidung? 

Ach ja, da steht noch was: Die Stoffe für sechs Kleidungsstücke kosten am Markt 8.000 Naira, die Schneiderin bekommt für ihre Arbeit 6.000. Und: Die Köchin im Haus unserer Gastgeberin verdient 33.500 Naira, 145 Euro, im Monat, ein Wächter 30.000. Jetzt bekommen die Geldbeträge ein Gesicht, der Alltag dringt ein in die trockenen Zahlen. 

Die freundliche Precious, die uns Gulasch und Apfelstrudel kredenzt, die für zehn Personen einkauft und kocht, die einen Sohn allein großgezogen hat. Ich weiß es nicht, aber ich stelle mir vor, sie wollte eine besonders gute Ausbildung für ihr Kind und hat es in eine katholische Privatschule geschickt. Dann hat sie die Hälfte ihres Verdienstes in das Schulgeld investiert. Gut, für die Unterkunft, ein einfaches Zimmer in einem Nebengebäude der Villa, muss sie nichts bezahlen. Auch für das Essen, von dem im Haushalt genug übrig bleibt, müsste sie kaum etwas ausgeben. Aber: Precious hat in den 15 Jahren bei österreichischen Arbeitgebern in Lagos gelernt, wie Salate, Lasagne und Suppen zubereitet werden. Gegessen hat sie nie davon. „Ich bin Nigerianerin“, sagt sie stolz. Nach der Arbeit kocht sie also für sich und ihren Sohn Jollof-Reis, bereitet pounded Yam und scharfe Fischsoße, frittierte Kochbananen und Suya zu. In Ländern, in denen die Arbeitskraft nichts wert ist, sind Lebensmittel kaum erschwinglich. Precious also bleiben trotz ihres privilegierten Arbeitsplatzes im bürgerlichen Viertel Ikoyi nur wenig Ersparnisse übrig. Wie erst muss es dann den tausenden und abertausenden Straßenhändlern gehen, die im permanenten Stau von Lagos versuchen, ein paar Naira von den Autofahrern zu bekommen? 

Es sind Buben und junge Männer, die den Abgasen trotzen und Telefonkarten, Scheibenwischblätter, Nüsse, Pannendreiecke, Schuhregale, Zigaretten, Früchte und vieles mehr anbieten. Wenn der Fahrer aufs Gas steigt, nachdem er die Ware durchs Seitenfenster entgegengenommen hat, bleibt statt der erhofften Einnahme Frust, Seufzen, Schimpfen. Wenn aber der Straßenjunge davonläuft, ohne das Wechselgeld herauszurücken, geht das Donnerwetter auf der anderen Seite der Windschutzscheibe los. Das Auto stehen lassen und dem Verkäufer nachlaufen ist nicht drin, dazu ist jede Sekunde, in der sich die Verkehrsschlange weiter bewegt, zu kostbar. Und auf die Polizisten zählt hier ohnehin niemand. Die sind nämlich damit beschäftigt, ihr eigenes karges Gehalt aufzubessern. 

Zehn Polizeisperren auf 100 Kilometern sind keine Seltenheit. Ein vergessener Führerschein? Das Auto überbelegt? Die Bremsen nicht in Ordnung? Irgendetwas findet sich immer, um munter in die eigene Tasche zu kassieren. Und wenn nichts zu finden ist, sagt der Polizist lachend zum Chauffeur: „Ich geb dir 100 Naira. Dafür gibst du mir 200, o. k.?“ Die charmante Variante.

Geld hat auch eine Hautfarbe – und die ist weiß. Deshalb hat unsere Gastgeberin zwei Wachhunde, fünf Wächter und einen Elektrozaun ums Haus. Deshalb wird uns eindringlich geraten, nach 19 Uhr zu Hause zu bleiben. Deshalb, aber nicht nur deshalb, rufen Kinder und Erwachsene „Oyibo!“ – „Weiße!“ – hinter uns her. Deshalb bittet uns eine Studentin um Geld für den Bus und wird das Geldwechseln für unsere nigerianischen Begleiter zur Tortur. Der Loyalitätskonflikt. „Willst du das Geld der Oyibos allein essen?“, fragt der Wechsler in seiner Muttersprache. Von Bruder zu Bruder. Es wird geschrien, gefeilscht, gestritten, bis alle zufrieden sind. Dann ist auch die Stimmung von einer Sekunde auf die andere wie ausgewechselt. Es wird gelacht, umarmt, herzlich verabschiedet. Das hart ausverhandelte Ergebnis: 231,50 Naira für einen Euro. 

Das Geld und die Hautfarbe sind DIE Themen dieser Reise. Hochzeit in Benin City: Mein Mann und ich werden an den Ehrentisch gebeten – die Hautfarbe gilt als Referenz. Und als Verpflichtung, mehr zu geben als die anderen. Denn hier wird mit Geld im wahrsten Sinne des Wortes um sich geworfen. Das Brautpaar tanzt, der Moderator ruft Gäste auf die Bühne, die am Ehrentisch besonders oft. Ihre Aufgabe ist es, das Brautpaar mit Geldscheinen zu bekleben und zu bewerfen – solange die Musik spielt, von allen beobachtet. Geht der Vorrat an 20- und 50-Naira-Scheinen frühzeitig zu Ende, ist die Blamage perfekt. Also wird vorher in kleine Scheine gewechselt, was die Taschen an Platz hergeben. Die Schwestern des Bräutigams sammeln das Geld hektisch in große Plastiksäcke, denn die Gefahr, dass andere die im Raum flatternden Scheine einheimsen, ist groß. Das, was die Familie des Paares für das große Fest ausgegeben hat, kommt ohnehin bei weitem nicht herein: 500 Leute sind zu Livemusik, Trinken und Essen geladen – einen ganzen Ochsen haben die 40 Köche dafür zubereitet. In strömendem Regen unter einem fragilen Partyzelt.

Das Leben ist beschwerlich hierzulande, jeder Naira hart verdient. Und das Geld ist Dauerthema, sogar in der Kirche. Ich finde eine Notiz in meinem Reisetagebuch: Der Pfarrer hat dem Bräutigam eine 10.000-Naira-Strafe angedroht, falls die Gesellschaft zu spät zur Kirche kommt. Der Weg durch die Millionen-Stadt über verschlammte Straßen, übersät von Kratern, ist beschwerlich. Voller Schuldgefühle verspäten wir uns um eine halbe Stunde. Wer noch nicht da ist, ist der Pfarrer. Er kommt 40 Minuten zu spät. 

In Oshogbo begleitet uns ein junger Mann ungefragt durch den heiligen Hain mit den Skulpturen der österreichischen Künstlerin Susanne Wenger. Abends wollen wir ihm zum Dank ein Bier spendieren. „Ich kann es mir selber kaufen“, sagt er und streckt die Hand aus. Er will Geld für den unverlangten Dienst. Die Szene ist eher bedrückend als ärgerlich. Wo Geld so knapp ist, wird eben ungeniert danach gefragt. Ein Schlepper bekommt für die Route von Nigeria nach Europa 40.000 Euro. Aber davon steht nichts in meinen Reisenotizen.