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rosemarie pilz | sechs grad unter dem mittleren horizont

Da hört sich alles auf. Schon länger nicht. Habe ich das gehört, meine ich. Diesen Satz. Obwohl ja schon länger allerhand dafür spräche; es sich ja grad in Wien traditionell leichter aussprechen lässt. Man würde meinen: am Würstelstand zum Beispiel. Wird nicht dort der Begriff des Hautgout laufend aktualisiert und erweitert? Man würde doch meinen, dass an diesen paar Quadratmetern Öffentlichkeit noch hörbar sei, was tags davor durch U-Bahn-Zeitungen in kleinen Rationen aufbereitet worden ist, das, was nicht länger schmecken soll, das, was der sprichwörtliche Bauer längst durchschaut hat und nicht mehr zu „fressen“ bereit ist. Dort, wo die Wurst am Dampfen ist. Dort, wo das auf 3 Euro 99 gebändigte Hessel-Bändchen zum Empörungs-Imperativ lächerlich verspätet ankommt, weil doch hier das verbale Haudrauf seinen Platz hat?

Dort stand ich, bei der Albertina, mein Debreziner und ich von den Scheinwerfern hell beleuchtet. Der Wind blies mir den Schal vors Gesicht; dieser breitete sich mit dem Abschwächen des Windes flach über dem Pappteller auf Wurst, Senf und Ketchup aus. Dort lag er und ich musste an Veronikas Schweißtuch denken. Ich reinigte den Schal und hörte nichts, was ich mir vom öffentlichen „Da hört sich alles auf!“ erwartet hatte. Gut, der Albertina-Würstler ist auch nicht mehr das, was ein „Wiener Würstelstand“ von sich behaupten würde. Aber: Ich mein ja nur, man könnte doch meinen, dass man es dort – oder beim Kebap-, Pizza- und Noodlesstand – mit etwas schärferer Meinung zu tun hätte, schärfer als ein „na schau sich einer an“ und etwas Kopfschütteln, bissiger als ein „wen wundert’s“ und jenes Mundwinkelziehen, das vorgibt, Resignation und persönlicher Kleintriumph seien einerlei.

Ich ging nachhause. Zugegeben: Nachts- wie tagsüber dauert eine Wurst nicht länger als eine Wurst dauern kann, da tut Alkohol nichts zur Sache. Das Schweigen um den Würstelstand ist eben nicht durch sloganierte Sätzchen wie „Nach jedem bissigen Bisschen das große Schlucken“ oder durch die Gratiszeitung am Folgetag erklärbar. Nein, ich war einfach nicht lange genug dort. Wer ist denn schon öffentlich lange mit und unter Fremden an einem Ort. Meistens ist man doch mit diesem weißen Hasen unterwegs. Dieser entlaufene, gestresste weiße Hase mit seinem Wunderland-Zuspät-Zuspät, der es mit der Zeit nicht so hat, es aber irgendwie die meisten auch nicht so haben, mit der Zeit. Selbst der Infoscreen taugt nicht zum Konversieren, vielmehr zum Verschnaufen und Kauen. Weil so viel Zeit reichen muss und Dauer fast immer nach Anmaßung und Luxus klingt. Wie viel Zeit reicht zum Einpacken und Mitnehmen? Wie wären 39 Minuten?

Etwa 39 Minuten. 39 Minuten für die zivile Dämmerung. Nein, kein Teleshopping-Angebot: astronomische Gewissheit. Zivile oder bürgerliche Dämmerung, beide Formulierungen sind geläufig; mir erst seit einem Jahr. Zunächst muss ich konkretisieren: 39 Minuten dauert diese nur in Mitteleuropa. Sie beginnt als „BCMT“ und endet als „ECET“, wenn: „der Mittelpunkt der Sonnenscheibe 6 Grad unter dem mittleren Horizont steht“. In anderen Quellen ist vom „wahren Horizont“ die Rede. Zur zivilen Dämmerung gibt es eine wunderbar pragmatische Zusatz-Erklärung. Die zivile Dämmerung nämlich: „gestattet noch das Zeitungslesen im Freien“. Oder etwas ausführlicher: „Es ist dann draußen noch so hell, das man Zeitung lesen kann, obwohl die Sonne bereits untergegangen ist.“ Toll!, dachte ich damals. Und es wurde toller: „Während die Himmelshelligkeit langsam abnimmt, werden zunächst die hellen Planeten sichtbar. Am Ende der bürgerlichen Dämmerung kann ein gutes Auge auch schon Sterne der hellsten Klassen erkennen.“ 

Die hellen Planeten, ja die hellsten Klassen! Des Bürgertums! Im Dämmerzustand erkennbar! Am Zeitungslesen im Freien! Einen ganzen Countdown lang. 39 Minuten für alle! Im freien, öffentlichen Raum! Denn dort also muss sie stattfinden. An Bus- oder Bimstationen, in Parks und Gastrogärten. Als bildungsbürgerliches Highlight, für Anfänger und Fortgeschrittene, Arme wie Neureiche, bestimmt auch für Migranten und für Humboldt-Maturanten alle Male. Also immer noch hellere Klassen für alle, trotz abgeschaffter Klassen! Mit gutem Auge erkennbar! Mit gutem Auge? Hieße das – denn ich wollte mich ja anthropologisch ins Feld begeben – ich würde, mit gutem Auge, den Zeitungsleser erkennen oder würde ich das gute Auge des Lesers wahrnehmen können, während dieser, während des Zeitungslesens, die hellen Planeten und hellsten Klassen erkennen würde? Woran wäre die Erhellung ablesbar? Der Hinweis „mit gutem Auge“ ist doch in beiden Fällen eine Frage des Trainings, da man doch meinen würde: Je öfter zivil-dämmriges Zeitungslesen, desto besser die Sehkraft, desto einprägsamer Fakten und Inhalte, Journalistennamen und -stile; desto allgemeiner: leuchtendere Klassen, blendendere Vorbilder, das Ferne startümlicher, aber zum Greifen scharf, die gute Aussicht als Fleißbeweis; ja der Fleiß sogar etwas, wie es eine Frau Fekter im Februar im Radio beschrieb: „Wir fürchten uns nicht vor dem Volk; ich begrüße, dass sich auch die jungen Männer mit Migrationshintergrund ein paar Monate für Österreich zur Verfügung stellen müssen, sich zu Österreich bekennen müssen.“ Wer zwei Mal „müssen“ sagt, wo einmal reicht, weiß wovon sie spricht. Etwas zwangloser erschien mir da die Aussicht jenes Angebots, das ich beim Spazieren durch die Westbahnstraße in der Auslage eines asiatischen Allerlei-Geschäfts entdeckte: Um 4 Euro gab es eine Wahrsager-Kugel „Für mehr Bildungsglück“. Das stand handschriftlich auf dem Schildchen daneben. Und ein paar Häuser weiter wurden in einer Süßwarenhandlung auf Wunsch „Engelszungen mit Firmenlogo“ angefertigt. Auch nicht schlecht.

Ich war bereit für die Erforschung dieser zivil-dämmrigen und viel versprechenden 39 Minuten. Mit Jack London und seinem Lockruf des Goldes versuchte ich mich auf das Vorhaben einzustimmen: „Ich sage euch, Leute, das Gold liegt da und wartet nur, dass man es holt. Niemand kann den Gang der Dinge aufhalten. Es liegt flussaufwärts, und dort müsst ihr mich suchen, wenn ihr mich in der nächsten Zeit finden wollt.“

Die nächste Zeit? Gut, Jack London traf die Situation nicht ganz. Aber die nächste Zeit lag vor mir. Mit gutem Auge in die nächste Zeit: eine richtige Devise! Komme, was kommen mag; zunächst müsste ich den Zeitraum erfassen lernen, das „BCMT“ und das „ECET“, den Beginn und das Ende – Aufstieg und Fall – der 39 Minuten, um sie später im besten Fall mit freiem Auge zu erkennen, mit freiem Auge. Weiters müsste ich die Relationen untersuchen: von welchen ausgehen, in welchen denken? Wie miteinander in Beziehung setzen: Zeitungen, hellere Klassen, Leser und mich? Inmitten dieser gedanklichen Vorbereitung schaltete sich ein Herr Keuner ein, der sagte: „Es leuchtet mir auch nicht ein, dass von allen Geschöpfen nur die Menschen von den Konstellationen der Gestirne beeinflusst werden sollen.“

Oje, dachte ich, und: ja, ja. Dann sprach ich aus, was sich dieser Herr Keuner schon immer gefragt hatte: „Was geschieht, wenn ein bestimmter Mensch etwa ein Wassermann ist, aber einen Floh hat, der ein Stier ist, und in einem Fluss ertrinkt? Der Floh ertrinkt dann vielleicht mit ihm, obwohl er eine sehr günstige Konstellation haben mag.“ Ja, ja, und oje, dachte ich wieder. Und: dass ich mich schließlich nicht um alles kümmern kann.

Ich ging zum Augenarzt um mir mein gutes Auge bestätigen zu lassen. „Beschreiben Sie, was vor Ihnen liegt, was kommt, was immer auch kommen mag!“ – genau das gleiche hatte ich mir gesagt und jetzt sagte er es? „Welche Farben können Sie wo und woran erkennen?“, fragte er weiter, „welche Chakren, in welchen Schwingungen, mit welchen Vorzeichen? Lassen Sie sich einfach gehen!“. „Wohin?“, fragte ich – Herr Keuner hatte die Gegebenheiten etwas durcheinander gebracht, nur der Augenarzt schien ganz bei der Sache. Die Sicht sei gut, sagte er. Ich war beruhigt. Im nächsten Kaffehaus wollte ich den Rahmen meiner Untersuchung festlegen, wurde aber abgelenkt. Der Mann neben mir sagte zu seinem Sitznachbarn: „Normalerweise habe ich eine so leise Stimme, dass mich kaum einer hört. Ich bin so etwas wie der Bruder von niemanden.“ Wie denn da noch in Relationen denken können. Auch nicht besser erging es mir in der Hauptbücherei: Ein hörbar schwerhöriger Pensionist sprach mit einem anderen, als zwei junge Mädchen die Treppen hinunter eilten und kicherten. Der schwerhörige Alte empörte sich laut: „Schreit doch nicht so!“ – „Wir haben nicht geschrien“, sagten die Mädchen. – „Doch, ich habe es genau gehört!“, sagte der Mann.

Irritationen dieser Art verzögerten den Beginn meiner Untersuchung. Es handelte sich um geistige Jet-Lags, die Koordinaten und Bezugspunkte durcheinander brachten und womöglich die Prognosen verfälschen würden. Überall war so viel Bedeutsames, ja Beeinflussendes. Zum Beispiel zwei vierzig Jahre alt gewordene DJs, die ihrem Abend das Motto „Death or Despair“ gaben und mir vom Vorteil der Margarine gegenüber der Butter predigten. Oder zwei Frauen, die eines Mittags im Volksgarten aus ihren Tupperwares aßen und eine der anderen von ihrem morgendlichen Arbeitsweg zum Ministerium berichtete. Zur selben Zeit ging auch die Ministerin in die Arbeit, hatte den gleichen Weg, ging aber viel langsamer. „Nie weiß ich“, sagte die Frau, „ob ich sie überholen soll oder nicht, ob man eine Ministerin überhaupt überholen sollte. Und jedes Mal überhole ich sie schließlich.“ Kurz darauf erzählte die andere Frau von ihren sich im Sterben befindlichen Zimmerpflanzen und der Überlegung, ob eine Zurechtstutzung die Pflanzen retten würde, das Feng Shui jedoch anderer Meinung sei, woraufhin die – die Ministerin überholende – Frau sagte: „Jeder muss Haare lassen.“

Die Frauen gingen und ich blieb hinter meinem Buch sitzen, wartete so den Einbruch der zivilen Dämmerung ab. Ein paar Touristen fotografierten die Brunnen und vor allem die hervorlugende Spitze des Rathauses. Die mir gegenüber sitzenden alten Frauen nickten zustimmend. Es wurde später. Ein beschwingter weißhaariger Mann in beigem 1970er- Anorak mit Kopfhörern im Ohr ging mit seinen Händen unkontrolliert gestikulierend an mir vorbei, eine Melodie summend, winkte dabei mit einer Hand Fremden zu, dann formte er die Melodie zu einer Liedzeile, laut und deutlich sang er: „ … die Sehnsucht von heute Morgen …“ Das gefiel mir. Solche Begebenheiten setzen Suggestivkräfte frei. Ein Hauch von süßer, intimer Subversion lag in der Luft; darauf schien ich große Lust zu haben. Ich stand auf und bewegte mich fort. Ich war ja auf der Suche nach etwas, von dem man sagt: Es hat es in sich. Um dann zu sagen: Da geht noch einiges. Und das zu sagen, während der 39 Minuten.

Zum Burggarten hinaus gingen zwei Alkis vor mir, der eine erzählte von seinem Silvester-Ritual: „Z’erst immer ins Puff, dann zum Friedhof zu meine Leit!“ Und rechts von mir echauffierte sich ein älterer Herr über ein auf der Bank sitzendes, SMS-schreibendes Mädchen: „Sie vertippen Ihr ganzes Leben!“ Neben der Oper portraitierte ein japanischer Zeichner eine japanische Familie und ein Augustin-Verkäufer beim U-Bahn-Abgang wiederholte laut: „Natürlich ist so eine Jahreskarte eine echte Investition, das versteh ich!“ Unten in der Karlsplatzpassage stupsten Securities der „Wiener Linien“ Herumlungernde an den Schultern, „Auf, auf ihr Hasen, hört ihr nicht die Jäger blasen?“ Ich befürchtete, gerade den Beginn der zivilen Dämmerung zu verpassen. Menschenströme: Rushhour-Zeit und Zeit bevor die Supermärkte schließen. Ein Punk fragte nach „’n bisschen Kleingeld“ während ein Pensionistenpärchen unabsichtlich seinen am Boden stehenden Becher umstieß. Die Münzen rollten in alle Richtungen; der Punk und das Pensionistenpärchen knieten sich nieder und sammelten gemeinsam die Münzen ein. Schön war das; ganz still wurde die Umgebung in Anbetrachtung der Knieenden, so dass ich mich an meinen Installateur erinnerte, der, als er und ich darauf warteten, dass die Therme wieder anspringen würde, andächtig sagte: „Diese Stille, oh diese heilige Stille.“

Am Karlsplatz schien die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Niemand las hier Zeitung. Nach ein paar Runden beschloss ich Tag 1 zu beenden und fuhr in meine Richtung. Am Stephansplatz zwischen U1 und U3 stand in der von Beamern weiß beleuchteten Ecke wieder der große schlaksige Mann in seinem weißem Gewand, den weißen Turnschuhen, mit seinem weißem „Zanoni“-Papiersackerl in der Hand; seine langen, dünnen grauen Haare wie immer zu einem Zopf gebunden, die rote Stoffnelke in der Sakko-Tasche. Das Beamer-Licht, das sonst Werbung projizierte, gab ihm diesmal eine Bühne: weiß in weiß mit rotem Brustfleck schaute er durch die Passanten hindurch.

Am Bahnsteig zeigte eine junge Junkie-Frau ihrem Junkie-Freund anhand der Bahnsteigtiefe die Breite ihres neuen Wandregals, er sah nicht hin. Wir stiegen ein und die junge Frau stupste mich an, „Entschuldigen Sie, Ihre Tasche ist offen.“ – Das war mir nicht zum ersten Mal passiert, dass mich Junkies auf meine offene Tasche aufmerksam machten, ohne mich dabei anzusehen. Ihre Vorsicht scheint wie einprogrammiert; eine Höflichkeit wie ein Gesellschaftsvertrag, gesichterlos dem Schließen von offenen Taschen verpflichtet. Im Waggon rutschten die beiden an der Abtrennwand in die Hocke und verkeilten sich dort ineinander, hielten das Gleichgewicht, als wäre nichts leichter als das. Gute Oberschenkelmuskel mussten sie haben und obwohl einige Passagiere stierten, nahm sich niemand heraus, ihnen ein „Könnt ihr das nicht zuhause machen“ zuzurufen. Ihnen zuzusprechen wäre gar überfürsorglich und irritierend gewesen. Aber daran hatte ich mich ja schon gewöhnt. Verwunderung wäre der zivilen Dämmerung inbegriffen; so hatte ich sie mir immerhin prophezeit.

Tag 2 der Untersuchung sollte erfolgreicher sein. Ich müsste die 39 Minuten besser fokussieren. Nicht jeder war beim Fokussieren so frei, wie der Junge, den ich oft in der Hauptbibliothek am Urban-Loritz-Platz sitzen sah, die Seiten eines Buches mit dem Daumen blätternd, konzentriert, alles aufsaugend, ein Buch nach dem anderen, den ganzen Stapel, den er sich neben sich gestellt hatte. Genie und Wahnsinn.

Der Urban-Loritz-Platz war ein guter Ort für die zivile Dämmerung. Bim-Stationen, Würstel-, Kebap- und Noodlesstände, Bänke und hohe, steinerne Grünflächenverkleidungen, die sich zum Sitzen eigneten. Seit dem EU-Beitritt der Ost-Nachbarn wurden die Sitzplätze vermehrt genutzt, auch wenn laut Nachrichten der Gastarbeiterstrom ausgeblieben war.

Ich setzte mich in die Spätnachmittagssonne. Gegenüber saß ein Mann, vielmehr ein Männchen, ausgezehrt und sein Gewand heruntergekommen, drei Dosen Bier zu seinen Füßen, in seinen Händen zwei Semmeln. Er musste hungrig sein und trotzdem riss er die Semmeln in Stückchen und warf sie den Tauben zu, lächelte dabei, obwohl er doch so hungrig sein musste.

Oder so hilfsbedürftig, wie jene zwei Männer, die ich dort einmal sah, Wein aus dem Tetrapack trinkend, als zwei junge brünette Frauen in roten Overalls der Kampagne Soziales Wien auf sie zukamen. Sie fragten die Männer, ob sie nicht Hilfe bräuchten. Die schauten sich verwundert an, lachten, schüttelten den Kopf und sagten „Nein.“ Die Engagierten – Psychologie als Haupt- oder Nebenfach ziemlich wahrscheinlich – schienen mit dem „Nein“ nicht gerechnet zu haben. Schüchtern, in ihren bügelfixierten Verkleidungen, sahen sie auf den Tetrapack-Wein. Eine deutete mit dem Finger darauf, zögerlich sagte sie: „Keine Hilfe? Sicher? Weil. Also wir würden Ihnen schon gerne helfen!“, und weder ich noch die Beteiligten zweifelten daran.

Nicht weit von dort saß jetzt die gebisslose Obdachlose mit den vielen prallen Plastiksackerln. Das Eck ist ihr Revier, hier sehe ich sie fast täglich. Eilig hatte sie einen großen Brotlaib hervorgezogen, legte ihn auf ihren Schoß und schnitt, wie ich es von Alten am Land kenne, mit dem Messer in Richtung Brust, setzte mehrmals von Neuem an, presste das Brot stärker gegen ihre Brust. Dabei sagte sie laut und energisch, den Blick starr auf das Brot: „Bestätigungsverweigerung, das ist Gesetz!“

Wie auch immer sie das gemeint hatte, ich versuchte, sie nicht zu lange zu beobachten, was mich noch mehr verunsicherte. Welche Bestätigung wird ihr verweigert und welchem Gesetz folge ich denn? Wäre ich lieber Stier oder Floh?

Bald käme das BCMT, bald wäre die Zeit reif – als könnte die Zeit selbst auch nur irgendwie reif sein – wäre da nicht Tomas, ein tschechischer Freund, auf mich zugekommen. Ich hatte ihn Monate nicht gesehen, winkte ihn herbei. Je näher er kam desto blasser sah er aus. „Es gibt schönere Plätzchen“, sagte er. „Du siehst erschöpft aus“, sagte ich. „Eigentlich unmöglich“, antwortete er. Mit seinem Sohn war er zwei Wochen in Griechenland gewesen, gut für die Beziehung, gut für ihn als Wochenendvater, und das Meer und die Landschaft; aber als Architekt hatte er da so einen Tick: Überall musste er die Schrauben festdrehen, in jeder Pension, in der sie sich aufhielten. „Die haben ihre Schrauben nirgends fest reingedreht!“, sagte er mit seinem noch immer starken Akzent, „wirklich, überall hängt und steht etwas heraus. Okay, ist ja nicht nur dort so, ist ja alles am Verrotten zurzeit. Aber das war eben mein Urlaub. Jetzt zurück in der anderen Welt muss man wieder ‚nach Geld machen gehen’.“ Dabei kratzte er in die Luft, die Pfoten weit nach vorne gekrallt. Er lachte und sagte dann nüchtern, er sei gestern gekündigt worden: Einsparung. „Na gut!“, setzte er fort, „dann geh’ ich halt vom Westbahnhof zu Wien Mitte und lass mich dort ein Jahr lang ficken. Mir soll’s recht sein.“ Von blutleeren Zombie-Workaholics erzählte er noch, Gesichter wie aus Gips. Oder Elfenbein. Je nach Grad des Vampirismus. „Voll leere Typen“, wiederholte er mehrmals, bis wir uns verabschiedeten.

Am Urban-Loritz-Platz wurde das Licht weniger. Die Obdachlose kaute noch immer an ihrem Brot und schüttelte regelmäßig den Kopf zur großen Verneinung, zu ihrer großen Verwunderung; wer hätte sich sonst noch gewundert? Der Taubenfütterer von gegenüber hatte die vierte Bierdose geöffnet und schaute ins Narrenkasterl. Eine Heute-Zeitung lag am Boden, er hatte sie nicht aufgehoben und würde wohl auch nicht mehr. Gute Probanden sind eben schwierig zu finden. Aber bestimmt war er dabei, sich die Leviten zu lesen, ganz bestimmt: dachten das viele. Dem Glanz seiner Augen nach hatten ihn bereits mehrmals hellere Klassen erleuchtet, und ich ganz zivil, 6 Grad unterm mittleren Horizont sitzend, wusste nicht viel mehr als vorher, aber noch war all das mit gutem Auge erkennbar.