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the toronto purchase

vasile v. poenaru | the toronto purchase

Wie Indianerland für ein bisschen Geld und allerlei Kram den Besitzer wechselte

Im Rahmen des intensiv mediatisierten Staatsbegräbnisses, das am 27.08.2011 in der Roy Thomson Hall in Toronto zu Ehren des an Krebs verstorbenen Oppositionsführers Jack Layton (New Democratic Party/NDP) begangenen wurde, ergriff gleich am Anfang der Oberhäuptling aller Ureinwohner Kanadas, Shawn Atleo, das Wort. Chief Atleo, genauer gesagt, the National Chief of the Assembly of First Nations, bediente sich dabei sowohl seiner Muttersprache als auch des Englischen (um die an die zweitausend in der Roy Thomson Hall anwesenden Gäste wie die Millionen Fernsehzuschauer wissen zu lassen, was er da in einer Sprache formuliert, die er „my language“ nannte).

Vorerst konnte man nur ein Wort verstehen. „Mississauga“, den Namen der schnell wachsenden Nachbarstadt, nach dem alten Stamm der Mississaugas benannt. Warum der Häuptling nicht Toronto, sondern Mississauga sagte, verwunderte die Zuhörer zumindest ein bisschen, denn schließlich befand man sich ja in Toronto, und nicht etwa im westlich gelegenen Mississauga. Und auch Oberhäuptling Atleo stammt keineswegs etwa aus Mississauga, sondern aus dem fernen kanadischen Westen. Er ist bekanntlich auf Vancouver Island zu Hause.

„Ich kam hierher, zu diesem Begräbnis, das auf dem Gebiet der Mississaugas stattfindet“, erklärte der Chief alsdann auf Englisch, und fügte beiläufig hinzu: „As Jack would know.“ Und dann rühmte er – kurz und bündig, stilvoll und ehrerbietig, auf Englisch und in der Sprache des Stammes der Ahousaht – die Eigenschaften des Verstorbenen, wandte sich ganz in der Tradition seines Stammes auch direkt an Jack Laytons Seele, die nun die große Reise, the spirit journey, antrat, erinnerte die Anwesenden an Laytons Engagement für den kleinen Mann (und für die in Armut lebenden Indianer), für die Leute am Tellerrand, für die Ausgestoßenen, bot der trauernden Witwe, Olivia Chow, eine Adlerfeder an: das allerhöchste symbol für „respect for leadership“.

As Jack would know: Die gewinnende Art und Weise des kanadischen Oberhäuptlings, seine besonnene Sprache und vor allem auch seine angemessene Körpersprache, sein Selbstbewusstsein und seine überzeugend veranschaulichte Andacht, all dies hinterließ bei den Zuschauern einen angenehmen Eindruck – und brachte in einer beim oberflächlicheren Hinhören leicht übersehenen Standortbemerkung im wörtlichen Sinne die immer noch nicht völlig gelöste territoriale Frage des zweitgrößten Landes auf Erden aus unwahrscheinlicher Perspektive in den Vordergrund der Betrachtungen. Der NDP-Chef, a man of the people, wie Atleo mit Nachdruck feststellte, hatte ein offenes Ohr für das, was früher mal war, und für das, was noch werden sollte. Als sich die kanadischen Häuptlinge 2008 nach Ottawa begaben, um von Seiten des Regierungschefs und der Vorsitzenden der wichtigsten Parteien förmliche Entschuldigungen für die systematische Misshandlung der Kinder in den bis tief ins 20. Jahrhundert hinein betriebenen sogenannten Residential Schools (Zwangs-Internate für Indianer; Motto: Killing the Indian in the child) entgegenzunehmen, war es, so Prime Minister Stephen Harper im August 2011, Laytons Verdienst gewesen, die offizielle Anerkennung der historischen Schuld des kanadischen Staates in die Wege geleitet zu haben.

Standort Toronto = Mississauga Territories? Was auf Anhieb ein kleiner Fehler im Fach Geografie zu sein scheint, erweist sich bei gründlicherer Erwägung als kategorische Berichtigung der Schulbücher, der Landkarten, der Vermessungen des weißen Bruders, als ethisch-moralisch wie rechtlich freilich vielseitig zur Debatte stehende Zurechtweisung gängiger Konstrukte der Territorialherrschaft und als ein Anspruch darauf, endlich einmal mitzumischen, wenn die Verortung der Frage unserer Ersten Nationen (first nations) im Kontext des heutigen Kanada gestellt wird. Die einleitende Standortbestimmung des Häuptlings bindet den Anspruch der Ureinwohner auf den größten kanadischen Ballungsraum in eine landesweite Reihe von Ansprüchen ein, darunter diejenigen in British Columbia, um die sich Atleo auch persönlich sehr bemüht hat.

Die Mississaugas of New Credit, so der offizielle Name des Stammes (es gibt mehrere Abzweigungen der Mississaugas), hatten sich 1787 zu einem Vertrag mit den Briten überreden lassen. The Toronto Purchase: ein bisschen Geld, 2.000 Flinten und allerlei Kram, darunter zwei Dutzend Spiegel, zwei Dutzend Hüte und 96 Gallonen Rum – schnellstens gegen die City of Toronto ausgetauscht, die es damals freilich noch gar nicht gab, also sagen wir dann: gegen ein gutes Stück Land am Ontario-See, heute als Großraum Toronto bekannt. 1805 ließen es die Briten dann noch auf eine zusätzliche Abfindung ankommen: zehn weitere Schillinge, and it’s a deal!

Im ursprünglichen Vertrag wurde anscheinend nicht klar festgelegt, wie weit sich die Jagdgründe erstreckten, die an the crown, die britische Krone, fallen sollten. Unscharfe Ausmessung? Das nimmt nicht Wunder. Schließlich flossen ja 96 Gallonen Rum. Bitte hier, hier und hier unterschreiben. Und jetzt heißt’s mal Bruderschaft. Da kommt einem der österreichische Bundeskanzler Leopold Figl in den Sinn, der den Russen seinerzeit den Staatsvertrag abgeschwatzt haben soll, weil er so trinkfest war und „als Letzter noch stehen konnte“, wie Walter Lendl in Darum nerven Österreicher schreibt (Piper, 2009).

Vergangenheitsbewältigung ist auch in Kanada ein kompliziertes Wort. Die zuerst da waren, wollen die Dinge beim Namen nennen – in ihrer Sprache. Kann man es ihnen verdenken? Sogar wir, die zuletzt Zugewanderten, erklären Kanada (um mit Robert Menasse zu sprechen) in unserer Muttersprache, wenn wir es denn wollen. Also dann eben Mississauga territories – was zwar recht Englisch klingt, jedoch anscheinend den Gesichtspunkt der Ureinwohner besser wiedergibt als Toronto (wiewohl auch dieser Name wie Mississauga von den Ureinwohnern stammt). 

In jüngerer Zeit kam es zu weiteren Entschädigungen: 145 Milllionen steckte die kanadische Regierung 2010 in das historische land-claim settlement. Und die erneuten Ansprüche, die die Mississaugas of New Credit auf das Gebiet der wirtschaftlich, finanziell und sonstwie maßgebenden kanadischen Metropole geltend machen, werden wohl wiederum zu weiteren Entschädigungen führen. Und nach all den Wiedergutmachungen sind wir dann bis zuletzt hoffentlich wieder gut. Im heutigen Kanada wird Vielfalt positiv bewertet (und sogar förmlich gefördert), und die Schläge, die in den Residential Schools als Strafe für die (ganztäglich unter jedweden Umständen absolut verbotene) Verwendung der Muttersprache verabreicht wurden, sind nun eine Sache der Vergangenheit. Wie diese Vergangenheit aufgearbeitet wird, diese Frage stellt sich seit mehreren Jahren mit zunehmender Dringlichkeit, da erst seit den 1990er-Jahren das volle Ausmaß der von Staat und Kirche zu verantwortenden langjährigen, systematischen Misshandlungen der Indian children öffentlich zur Debatte steht. An die anderthalb Milliarden Dollar erhielten die Opfer in den letzten Jahren als finanzielle Entschädigung. Angesichts der überlieferten Zeugnisse ist es ein Wunder, das die Opfer dieses „Zivilisierungsauftrags“ nicht völlig ausgerottet wurden.

Mississaugas of New Credit, dieser Name ist übrigens für den Durchschnittskanadier keineswegs ohne Weiteres verständlich. Es ist ja nicht etwa so, dass der Stamm jetzt einen neuen Kredit will. New Credit ist der Name ihrer Siedlung – und der Name eines kleinen Flusses, an dem Ende des 19. Jahrhunderts ein Trading Post (Handelsposten) eingerichtet wurde: Da gab’s für die Indianer Waren auf Kredit, und die Felle brachten diese dann im Frühling. Aha, entkommt es da sozusagen dem gesunden Menschenverstand: Also doch eine neue Akkreditiv-Geschichte!

Um die Geschichte zu verstehen, muss man ein paar Jahrhunderte zurückwandern. Die Handelsposten waren früher mal wichtige Verwaltungszentren. Kanada entstand nämlich mehr oder weniger als Land der Biberfelle. Die schon 1670 durch ein Royal Charter (Königliche Satzung) handelsgerichtlich eingetragene, mächtige Hudson’s Bay Company (HBC), die dann lange als Kanadas de facto Regierung fungieren sollte, erschloss das Land dem internationalen Handel. Für die Ureinwohner ergaben sich daraus zeitweilige, relative Gewinne und nachhaltige, absolute Verluste. Das bessere, gerechtere Kanada, für das sich der verstorbene Leader of the Official Opposition, Jack Layton, stets voller Energie einsetzte, sollte auch für sie, die Anderen (und das heißt hier: die ersten Einwohner) auf der inwendigen kanadischen Landkarte Platz machen. Gut über 600 Häuptlinge und rund 700.000 Indianer gibt es derzeit in Kanada. Einen asozialen Vertrag, ja wenn es sowas gäbe, dann könnte man wohl sagen, dass er im Land der Großen Seen in der Vergangenheit vielfach geschlossen wurde. Und jetzt geht es darum, den Leuten, deren Vorfahren einst auf die ausgeklügelten Paragraphen der Monarchie reingefallen sind, das Leben erträglicher zu machen. „It is time to let the people know that the traditional landholders are home and we are here to stay,“ so Mississaugas-Häuptling Bryan LaForme im Juni 2010.

Wir sind da, sind immer da gewesen: Dies ist auch der Standpunkt des Oberhäuptlings. Atleo selbst gehört freilich – wie die meisten Ureinwohner von der West Coast – keineswegs zu den Treaty Indians (die einen der nummerierten Verträge mit den Unterhändlern der britischen Monarchie unterzeichnet haben), versteht jedoch sein Mandat nichtsdestoweniger im weitesten Sinne als Wahrnehmung der Interessen aller Ureinwohner – und zwar über Kanadas Grenzen hinweg. Irgendwie geht es hier auch um die Frage, wer wann wo der Gastgeber ist.

Kurzum, der Oberhäuptling legte im August 2011 an die fünftausend Kilometer zurück, um am Staatsbegräbnis des Mannes teilzunehmen, der seinerzeit ebenfalls fünftausend Kilometer zurück gelegt hatte, um Atleo auf Vancouver Island zu besuchen – vor allem auch, weil sich Layton eben immer um die Ränder gekümmert hat. Der Leader der Neuen Demokraten starb auf dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere, gerade als seine Zeit gekommen war, zum ersten Mal im Namen der offiziellen kanadischen Opposition im House of Commons zu sprechen. In seinem unmittelbar nach seinem Tod veröffentlichten Brief an die Kanadier verlangt Layton ein besseres Kanada, ein großzügigeres Kanada, a country of greater equality, justice, and opportunity. It’s our time! So lautete auch Shawn Atleos Botschaft an die über 600 Häuptlinge, die ihn 2009 zum Oberhaupt wählten. Ein zivilisierteres Kanada verlangte Atleo, viele Anwesende klatschen Beifall, aber nicht Kanadas Generalgouverneur. Und des Oberhäuptlings August-Botschaft an alle Kanadier? – „Ich bin hier bei mir zu Hause.“