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und noch "ein buch"

Die Ästhetik von Sitzbeinhöckern im öffentlichen Raum und Fritz Widhalms Liebe zum Glam


Fritz Widhalm (with a little help from my friends) : Ein Buch

und noch "ein buch"

Das fröhliche Wohnzimmer: Wien 2011

Rezensiert von: werner schandor


In der Textsammlung Ein Buch plaudert „der schöne Fritz“ aus der Lebensschule und erklärt unter anderem, was er dem Glam alles zu verdanken hat, nämlich so ziemlich alles. In 29 Kapiteln und 126 Seiten lädt Fritz Widhalm die Leser unter seine Decke ein, um zu sehen, was da so steckt: T. Rex und Bowie, „Lust for life“ und 500 wichtigste Songs seit Widhalms Geburtsjahr 1956 – von Screamin’ Jay Hawkins’ I put a spell on you 1956 bis Antony and the Johnsons’ For today I am a boy aus dem Jahr 2005.

ein buch ist der versuch, mein leben, meine begeisterung zu sammeln, in einem buch zu versammeln. ich voll leben und voll begeisterung wie ein buch. ein teil meines lebens, ein teil meiner begeisterung gehört der musik, der popmusik. […] es gibt noch andere dinge im leben außer der musik. ich weiß zwar nicht mehr, welche das sind, aber es gibt sie, sagt hoagy carmichael. ich mag diese zwei sätze von hoagy carmichael.


Im Gegensatz zum entspannten Erzählton, der sich durch den Verwicklungsroman von Kilic und Widhalm zieht, ist Ein Buch stilistisch heterogener. Manche Kapitel, wie etwa das über „Glam“, in dem Widhalm den Bogen von Pop zur Genderfrage spannt, sind Texte, die von Widhalm für Lesungen oder Veranstaltungen geschrieben wurden. An diesen Kapiteln wurde merklich intensiver gearbeitet als an den übrigen, teils tagebuchartigen, teils fragmentarischen Texteinschüben. Zwischendurch greift Widhalm auf Cut-up-Techniken und andere poetische Verfahren von Beat und Dada zurück. Auch Verweise auf Widhalms hypochondrische Anwandlungen und Rückblicke in die Historie des „fröhlichen Wohnzimmers“ dürfen nicht fehlen, zum Beispiel ein Bild von Kilic und Widhalm, die als Yoko Ono und John Lennon posieren und das Cover von Two Virgins nachstellen.

Die Vielfalt der Inhalte, Stile und Materialien verleiht dem Buch eine etwas heterogene Anmutung, wo vielleicht für jeden, der es aufschlägt, etwas dabei ist. Ich persönlich fand Widhalms Fotosammlung von Statuen mit nackten Ärschen samt Notizen zur Aufnahme der Bilder sehr bereichernd. Da merkt man erst, wie viele nackte Sitzbeinhöcker (© meine Yogalehrerin) im öffentlichen Raum eigentlich so herumstehen. Wie auch immer: Den Lesern die Augen für die Tatsachen des Alltags zu öffnen, ist eine Leistung, die so ein Buch auf jeden Fall auszeichnet.