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von nah und fern

andreas r. peternell , hannes luxbacher | von nah und fern

„Ich besitze kein Auto und besuche keine Tankstellen. Ich vermeide, so gut es geht, zu reisen.“ Ein wenig apodiktisch pocht der isländische Autor Gyrdir Elíasson auf sein Recht auf Sesshaftigkeit. Damit vertritt er eine heutzutage beinahe vom Aussterben bedrohte Position, denn das Reisen in seinen unterschiedlichen Spielarten erfreut sich größter Popularität. Ohne Rücksicht auf ökologische Fußabdrücke oder streikendes Flugpersonal, ohne Angst vor Sprach-barrieren, ohne Respekt vor eigenwilligen Gerichten wie Schneckenleber (Wien) oder im Wok gebrutzelten Kaulquappen (Thailand), der moderne Mensch reist. Er reist, um zu sehen. Er reist, um zu lernen. Er reist, um sich zu amüsieren und „über den Tellerrand zu blicken“ (Copyright: diverse Reisebüro-Kataloge), auch wenn das Urlaubsziel in seiner Duplikat-Heimeligkeit nur mehr das reinste Klischee abbildet (file under: Hallstatt in China). Wer über ausreichend finanzielle oder – wahlweise – zeitliche Ressourcen verfügt, verlässt Haus und Familie, um sich mit dem Verkehrsmittel seiner Wahl in die Ferne zu begeben.

Ob das nun der knallrote Autobus ist oder die deutlich weniger luxuriöse dritte Wagenklasse der transsibirischen Eisenbahn, die sich Evelyn Peternel mit zahlreichen menschlichen und tierischen Reisegefährten gleichberechtigt teilen musste, liegt im Ermessen des Reisenden. Oft steht auch nicht mehr das Fortkommen per se im Vordergrund, sondern etwa Selbstfindung oder religiös-esoterische Beweggründe. Dann werden schon mal die Bereisten die zu Bekehrenden, wie Thomas Ernst Brunnsteiner in seinem Beitrag zeigt. Warum aber reist der Mensch? Warum bleibt er nicht einfach zu Hause, wo doch schon Blaise Pascal festgestellt hat, dass es das größte Übel des Menschen sei, nicht still im Zimmer sitzen bleiben zu können. Die schreibkraft begibt sich auf die Suche nach möglichen Beweggründen: Martin Gasser etwa entdeckt das Phänomen des Wanderns als kulturindustriell verwaltetes Glücksversprechen, Harald A. Friedl analysiert die Wachstumslokomotive Tourismus und die unterschiedlichen Motive des Reisens, während Martin Amanshauser bereits über ein solches verfügt, ein hervorragendes noch dazu: Er ist unter anderem Reisejournalist und reist konsequenterweise von Berufs wegen.

Ein französischer Autoproduzent erklärte uns vor Jahren philosophisch verbrämt, dass der Weg das Ziel sei, ein Ansatz, den David Staretz unter Umständen bejahen würde, nachdem er in einem Lamborghini Gallardo gen Süden düste. Stefan Kaegi schlich sich undercover in eine der sagenumwobenen Rheumadeckenwerbebusfahrten und wurde prompt als vermeintlicher Sensationsjournalist des Saals verwiesen, während sich Roland Steiner bei seinen Recherchen im römischen autonomen Milieu als Schreibkraft („Wichtiger Beruf … deklassiert … Subproletariat!“) den Respekt seiner Gesprächspartner erarbeitete. Eva Reithofer-Haidacher berichtet in Ihren Reisenotizen von Abgrenzung und Vereinnahmung, vom Bewahren kultureller Identität im Rahmen moderner Kolonialisierung, wohingegen Klaus Knoll von einer ganz persönlichen Finanzkatastrophe zu erzählen weiß, die ihn abseits der großen Finanzmärkte kalt zu treffen verstand.

Darüber hinaus finden Sie Rezensionen zu aktuellen literarischen Neuerscheinungen sowie literarische Texte von Ann Cotten, Rosemarie Pilz, Monika Rinck und Katharina Seidlitz, die Kunstseiten schließlich gestaltete Isa Riedl.