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katja grach | weggespült

Über das Verhältnis zwischen Tod und Tourismus

Am 26. Dezember 2004 sterben 230.000 Menschen. 850 davon auf Koh Phi Phi Don. 1.300 werden noch vermisst – steht auf wikitravel.org zu lesen. Das Alter des Artikels unbestimmt. Ist auch egal. Wer interessiert sich 2011 noch dafür? Die Filmvorlage The Beach spült nach wie vor mehr Touristen an, als eine Naturgewalt verhindern mag. In ihrer Zerstörungskraft halten sie sich die Waage. Jedem die eigene Waffe. Beide raffen die Kultur eines Landes dahin. In den jeweiligen Statistiken zählt für uns nur der Österreicher.

Vor mir ist eines dieser blau-weißen Schilder aufgebaut. „Tsunami Evacuation Route“ steht drauf. Der Pfeil verweist auf eine asphaltierte Straße, die den Berg hinaufführt. Was mache ich hier? Ich will den Strand aus The Beach sehen. Was sonst?! Die zahlreichen Verweise darauf, dass die Filmcrew das ökologische Gleichgewicht von Koh Phi Phi Lee massiv gestört hätte, und dass ich meinen ökologischen Fußabdruck ebenfalls hier lassen werde, können mich nicht aufhalten. Der Coolness-Faktor ist stärker. Die Naturgewalt Urlaub hat mich hierher gebracht. Es scheint fast so als wäre die Flutwelle einer politischen Unruhe gleichgesetzt worden. „Ist alles aufgeräumt jetzt, nichts zu befürchten, Sie können ruhig einreisen.“ Trotzdem, das Gefühl bleibt mulmig. 

Ich drehe mich um und werfe einen Blick aufs Meer. Da drüben ist sie, die ersehnte Trauminsel. Wir müssen bloß den Ozean bis dorthin überqueren. Eine halbe Stunde ungefähr, das wird schon klappen. Gänsehaut. Noch immer suche ich den Horizont nach weißen Schaumkronen ab und Hinweisen, dass sich das Meer zurückzieht.

Having fun at the Beach
Die anderen TouristInnen scheint das nicht zu kümmern. Es ist zwar erst November, aber ich bekomme langsam einen Eindruck davon, was sich in der Hauptsaison abspielt. Im Inselhospital klebt am Informationsschalter eine Preisliste für Bluttests: HIV … Tripper … Syphilis … Hepatitis B … interkultureller Austausch. Noch ist es nur eine Bar, die es schafft, die Nachtschwärmer zu sammeln und bis in die frühen Morgenstunden an sich zu binden. In wenigen Wochen werden es Dutzende sein. Die Matten und Pölster am Strand, billiger Alkohol in Form von Buckets, Tanzflächen direkt am Meer, Charthits und Feuershows sind es, die das Backpacker-Herz erwärmen. Dann wird es nicht lange dauern, bis die Tophits der Geschlechtskrankheitstests im Hospital abgearbeitet sind. 

Die Thais kommen von überall her, um hier zu arbeiten. Ich unterhalte mich mit einem Feuerschlucker nach der Show. Er stammt aus Nordthailand. Die Trockenzeit verbringt er auf Koh Phi Phi. Seine Unterkunft ist nicht mehr als eine kleine Koje, in der eine Matratze Platz findet. Strohmatten grenzen die einzelnen „Zimmer“ der Saisonarbeiter ab. Sie übernachten direkt über der Bar, in der sie beschäftigt sind. Ohne Ausbildung sichert so zumindest das Springen über brennende Seile und Jonglieren von Feuerkeulen das Überleben. Da verwundert auch nicht weiter, wenn auf Speisekarten mal von „friend fried“ und „international flavorities“ die Rede ist. Urlauber als Sprachlehrer, als geographisches Kulturbild des Westens. Konstruktion des Anderen – auf beiden Seiten.

Schließlich treten wir unsere Fahrt an den legendären Maya Beach an und grüßen Leonardo DiCaprio im Geiste. Wieder halte ich Ausschau nach dem Tsunami. Unser Fahrer steuert das Schiffchen souverän auf die Felsinsel zu, doch die Andamanensee wehrt sich meiner Ansicht nach etwas dagegen. Auf und ab, auf und ab. Ständig klatscht das Boot aufs Wasser. Ich kralle mich an allen verfügbaren Balken fest und behalte das Meer fest im Blick. Wir nähern uns der Insel; immerhin. Und obwohl wir uns eigentlich für eines der frühen Wassertaxis entschieden haben, ist es zu spät. Wir sind nicht die Einzigen mit dieser Idee.

Vor dem „Eingang“ der hufförmigen Insel tummeln sich bereits die Taucher und deren Boote. In der Bucht selbst zähle ich 25. Einige davon typische Wassertaxis, andere sind luxuriöse Yachten oder Tauchpartyboote. „The Beach“ ist nicht weiß und einsam, sondern knallbunt und überbevölkert. Die Kombination aus neonfärbigen Bikinis, Sonnenbränden und abwechselnden Hautfarben machen aus dem Strandparadies ein Überwasser-Korallenriff. Heerscharen von Menschen watscheln mit ihren Spiegelreflexkameras hektisch den Strand entlang, zoomen jeden Millimeter Kalkfelsen in ihre Linse, begeben sich im Wasser in „I’m having so much fun – and look, I am at THE BEACH“-Pose, um sich ablichten zu lassen, oder vergraben sich und ihre Familienmitglieder im Strand. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. 

Akribisch studiere ich das riesige Schild, auf dem der Sinn von Mülltrennung erklärt wird, sowie die Halbwertszeiten von „Verwesung“ im Falle von Plastik und Co. Anschließend versuche ich die Bucht so zu fotografieren, wie sie im Hollywoodkino gezeigt wird – nämlich ohne „Schlupfloch“ für Boote – und folge schließlich der Tsunami-Evacuation-Route. Sie bringt mich allerdings nicht in Sicherheit, sondern nur zur anderen Naturkatastrophe: einer kleinen Bucht, in der Touristen emsig eine Leiter auf und ab klettern, um Fotos zu schießen.

Tsunami Village

Am nächsten Tag folgen wir der Tsunami Evacuation Route auf unserer Insel. Die Schilder werden begleitet von einem zweiten Hinweis „Tsunami Village“. Wir wissen nicht so recht, was wir uns darunter vorstellen sollen und marschieren los. Ich persönlich rechne mit einem Gedenkstein oder einem „Museum“, irgendetwas, das von der verheerenden Auswirkung auf die thailändische Bevölkerung zeugt. Schnell befinden wir uns am Ende des touristischen Dörfchens mit Verkaufsständen, Internet-Cafés, Tauchschulen und Imbissbuden. Es geht bergauf. Vereinzelt säumen kleine Hütten aus Strohmatten und Bambus unseren Weg. Hier wohnen also die Bediensteten unseres Inselparadieses. Selbst die schlechteste Backpacker-Unterkunft auf Koh Phi Phi ist um Klassen besser ausgestattet. 

Plötzlich taucht links von uns ein riesiges ausgehobenes Becken, mit einer schwarzen Folie bedeckt, auf. Drumherum einzelne kleine Bungalows. Ob für Bewohner oder Touristen ist nicht ersichtlich. Ein Auffangbecken für … Regenwasser? Wir führen unseren schweißtreibenden Aufstieg fort. Ringsum ist nun alles mit Wald bedeckt. Als die Straße langsam flacher wird, lichtet sich der Wald, und betonierte Pfahlbauten kommen zum Vorschein. Die Häuser sind recht groß angelegt und machen einen stabilen und modernen Eindruck. Allerdings ist niemand zu sehen. Hie und da lugt eine Wäscheleine hervor, aber nicht sehr überzeugend. Der Grundtenor: ausgestorben. Hier wohnt niemand. Merkwürdig. Weiter auf unserem Weg geht es talabwärts. Einige Höhenmeter tiefer befinden wir uns wieder im Wald. Ein paar Kinder tollen herum. Irgendwo versteckt müssen Einheimische wohnen. Noch ein paar Meter tiefer sehen wir das Paradies. Wunderschöne luxuriöse Bungalows, ein türkisblauer Pool: eine Hotelanlage. Sackgasse. Der einzige Weg führt über den Strand. Arbeiter und Urlauber kommen mit dem Boot hierher. Wir setzen unseren Weg über den Strand fort und freuen uns über ein Wiedersehen mit dem vermissten Badetuch meines Reisegefährten. Es stinkt ziemlich nach Fisch und liegt ausgestreckt und klitschnass auf einem Felsen zum Trocknen. Die kleinen Sorgen des touristischen Alltags.

Zwei Jahre später erfahre ich auf arte, Tsunami Village sei von der amerikanischen Hilfsorganisation World Vision errichtet worden. Nach der Flutkatastrophe waren 80 % der Gebäude auf der Insel zerstört. Allen voran die der Einheimischen. 160 Häuschen sollen nun diesen Menschen Unterkunft bieten. Allerdings verfügten diese weder über Strom- noch Wasseranschluss. Was bleibt, ist ein menschenleeres, nagelneues Dorf und Thais, die genauso schutzlos wie 2004 in Bambushütten wohnen. Die wiederaufgebauten Hotels wurden verstärkt. Die edlen Spender von World Vision haben ihre Schuldigkeit getan. Die 23.000 Toten und 1.300 Vermissten sind längst weggespült aus unseren Gedanken. Der 26. Dezember ist wieder Stephanitag: Koh Phi Phi – jetzt minus 55 % bei reisegeier.at