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werbung vom herzen

stefan kaegi | werbung vom herzen

Erinnerungen an eine Rheumadeckenwerbebusfahrt ins Münsterland

An meiner Uni gab es immer wieder seltsame Flyer für Performances: japanischer Kung-Fu, Cyber-Soaps oder Pyrotechnik auf der Studiobühne. Gießen wäre ja sonst eine langweilige Stadt gewesen. Doch dieser Flyer hier war an Farbe nicht zu überbieten: Streichelzoo im Münsterland. Busreise in den Prickingshof von Bauer Ewald, nur 19,90 DM! Hauptattraktion: Prinz Elegant von Kolumbien, größter Zuchtbulle Deutschlands! Inkl. gratis 10 Kilo Wurstwaren! – So viel Wurst hatte ich bisher nur bei meiner gutbürgerlichen Nachbarin Schmidt gesehen, die bei ihrem Geburtstagsfest auch mal einen ganzen Schweinekopf auf einer schier uferlosen Wurstplatte servierte.
Also nichts wie hin. 

Erst als der Bus sich morgens um 7 Uhr füllte und wir sahen, dass zwischen uns und dem nächstjüngsten Mitreisenden ein Abgrund von 50 Jahren klaffte, wurde uns ein wenig blümerant. Doch schließlich waren wir aufgebrochen, eine Reise auf die andere Seite der Gesellschaft zu unternehmen, also kein Zaudern jetzt. Als Student der angewandten Theaterwissenschaften verstand ich es als meine Pflicht, vor keiner Peinlichkeit zurückzuschrecken.
Der Bus fuhr los.

Ich weiß noch, dass der Reiseleiter nicht nur hervorragend geföhntes Haar, sondern auch eine Krawatte mit pastellfarbig gemalten Geldscheinen trug. Ich erinnere mich, dass er sich unterwegs an einem Mikrofon ohne Bassfrequenzen als Rolf vorstellte: „Rolf, der keine Fernsehspots, sondern direkte Werbung vom Herzen macht.“ Und ich sehe noch eine Art Bauernhof vor mir, der nach 3 Stunden Fahrt am Eingang des Streichelzoos stand.
Aber bevor auch nur ein Tier gestreichelt werden konnte, wurden wir in den „Festsaal“ geführt. Hier versteckte ich schnell mein Mikrofon auf dem Tisch. Und Rolf legte mit der Show los, indem er Bilder seiner Feinde an die Wand projizierte: Läuse, Milben, Spinnentiere, Parasiten! Zu heimtückisch klein, um vom bloßem Auge erkannt zu werden! In der Mikroskopaufnahme sahen sie aus wie eine Mischung aus Godzilla und modernster Robotik. „10.000 Insekten leben in Ihrem Bett!“, rief Rolf. Er spielte mit schmerzverzerrtem Gesicht vor, was es für 60-Jährige mit Rheumaschmerzen bedeutete, von einem solchen Bett aufzustehen. Links und rechts von mir erkannten sich meine Mitreisenden im darstellenden Spiel wieder. Alles wegen der falschen Matratze, so Rolf. Auch die Damen und Herren am Tisch gegenüber hingen an Rolfs Lippen. Nur einige Männer warnten in kluger Voraussicht vor den Preisen der Rheumadecken. 

„Körpernahe Punktelastizität vermeidet Druckgeschwüre!“, sagte Rolf und hielt direkt neben meinen Ohren an, denn er hatte einen neuen Feind gesichtet. Keinen Käfer, sondern das Mikrofon unter meiner Serviette. Und im Nu war ich als Sensations-Journalist denunziert und des Saals verwiesen. Keine Aufnahmen! Rolf ließ mir nicht einmal Zeit, ihm die Adelung durch den theaterwissenschaftlichen Blick zu erklären, die seine Performance in meinen Augen dank Kontextverschiebung erfuhr.

Das war ein Schlag. 3 Stunden Busreise für nichts? Keine Minidisc-Aufnahme als Trophäe aus dem Skurrilitätenkabinett des Münsterlandes?

Vor der Tür, bei den Wurstverkaufsständen, versank ich in Selbstmitleid. Untröstlich ging ich ums Haus herum, wollte Rolfs Performance wenigstens nahe sein, etwa so, wie Opernfans an der Garderobentüre auf Star-Sänger warten. Und tatsächlich war im Gebüsch hinter dem Bauernhof plötzlich wieder seine Stimme zu hören: „Druckschmerzlindernde Weichlagerung“ hörte ich aus dem Busch und „Lammfell-Komfort im Unterbett“. Durch die entlaubten Äste sah ich jetzt ein schräggestelltes Fenster. Hier konnte ich Rolf über die Schulter kucken. Eine Perspektive wie jenes berühmte Schwarz-Weiß-Foto von Therese Giehse, das ein Bühnenarbeiter in der Uraufführung von Dürrenmatts Besuch der alten Dame Ende der 1950er-Jahre von der Bühne aus über ihre Schultern ins Publikum geknipst hatte. Theater halt. Nur spielte sich der Besuch der alten Damen hier eher im Zuschauerraum ab.
Ich witterte die Möglichkeit, doch noch meine Mission erfüllen zu können, steckte mein Mikrofon schnell in den Spalt zwischen Fenster und Rahmen, deckte den Minidisc-Rekorder mit ein paar Blättern Herbstlaub zu und trat aus dem Gebüsch. Niemand hatte mich gesehen. 

Zufrieden machte ich mich auf den Weg zu Prinz Elegant von Kolumbien. Der stand zwar in unwirtlichem Schlamm, aber er war tatsächlich groß. Insbesondere sein Zuchthoden. Der war schwer, dass das Schnauben des Bullen dem Druckablassen eines Überlandbusses in der Lautstärke nahekam. Ich kraulte ihn über den Zaun hinter den Ohren, wo allerlei Mücken summten, ohne dass das den Prinzen zu stören schien. Und ich fühlte mich in meinem Durchhaltewillen seiner Manneskraft nahe.

Erst als ich – einige Ponys und Schafe später – wieder bei meinem Rolf-Gebüsch vorbeischaute, endete meine Manneskraft: Zu meinem Entsetzen waren Minidisc-Rekorder und Mikrofon weg und das Fenster geschlossen.
Hatte jemand das Gerät entdeckt und geklaut? Wie konnte ich die Diebe im Streichelzoo melden, wo ich doch ungebetenerweise das Mikrofon in anderer Leute Stuben gesteckt hatte?
Als sich nach einer bangen Stunde der Saal öffnete, schauten die älteren Damen und Herren recht böse zu mir. Rolf dagegen hielt mir strahlend das Mikrofon und den Minidisc-Rekorder entgegen. Die Verkaufszahlen heute seien so gut wie noch nie, zwinkerte er mir zu. Ob ich nicht öfters mitfahren wolle. 

So richtig verstand ich erst, was er meinte, als ich wieder zuhause war, die 10kg Wurst meiner Nachbarin geschenkt hatte, und die Aufnahme abhörte: Auf der Minidisc war zu vernehmen, wie Rolf mitten in seiner blumigen Schilderung der schädlichen Milben fragt: „Ist euch zu kalt? Soll ich das Fenster schließen?“

Darauf ist ein Klappern zu hören, das Mikrofon muss gegen den Fensterrahmen gedrückt worden sein. Dann hört man „Was ist denn das?“

Und dann nahm mein Mikrofon auf, wie Rolf in aller Wucht gegen Sensations-Journalisten loswettert, die gegen ihn ankämpfen würden mit hinterlistigsten Methoden. „Die stecken doch mit den geldgierigen Verkäufern von Fernsehwerbung unter einer Decke. Genau wie die Milben in euren Daunen.“ Und so schaffte Rolf den Bogen: Im Angesicht des Feindes avancierte er zum Wunschschwiegersohn der Seniorinnen im Saal. Die Zahlen des Rheumadeckenverkaufs schossen in die Höhe! 

Werbung vom Herzen eben.