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wie wir reisen werden

harald a. friedl | wie wir reisen werden

Der Tourismus, die verlässliche Wachstumslokomotive

Tourismus zählt zu den wichtigsten Branchen der Weltwirtschaft. Allein in Österreich, einem der am stärksten bereisten Länder der Welt, arbeiten rund 10 % aller Erwerbstätigen in diesem Geschäft mit genussorientierter Mobilität und erwirtschaften mit ca. 125 Mio. Nächtigungen von 33 Mio. Gästen über 22 Mrd. Euro oder 7,5 % der österreichischen Wirtschaftsleistung. Bei genauer Betrachtung ist die Reisebranche sogar noch wichtiger, denn sie bewirkt in Branchen wie Verkehr, Medien, Bau- und Landwirtschaft oder Lebensmittelindustrie zahlreiche Ausgaben. Darum wird die gesamte Wertschöpfung des Tourismus in Österreich auf Basis des „Tourismus Satellit Kontos“ berechnet, welches alle durch Tourismus ausgelösten Wertschöpfungen umfasst: 2010 waren dies 43 Mrd. Euro oder 15 % des BIP, rund doppelt so viel wie vor vierzig Jahren. Trotz dieser konsequenten Erfolgsgeschichte fürchtet sich die Branche alle Jahre wieder vor dem großen Niedergang, um letztlich doch wieder Besucherrekorde zu bejubeln … und vor der nächsten Talsohle zu zittern. Mittlerweile mehren sich tatsächlich die Indizien dafür, dass dieses ständige, lediglich durch 9/11 oder die Finanzkrise kurz unterbrochene Wachstum nicht ewig andauern kann.

Der internationale Tourismus vermittelte bislang ein analoges Bild: Seit vier Dekaden wuchsen alljährlich die internationalen Ankünfte um durchschnittlich vier Prozent. Die erstmaligen Schrumpfungen in der Geschichte des modernen Tourismus im Irak-Kriegsjahr 2002 und im Rezessionsjahr 2009 wurden in den nachfolgenden Jahren sogar überkompensiert, als hätten die kurzfristig behinderten Reiselustigen einen Triebstau erlitten. Diesen Eindruck vermitteln auch die aktuell am stärksten boomenden Volkswirtschaften der BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China), deren Wachstum der internationalen Ankünfte derzeit zwischen astronomischen 20 und 50 % pendelt. Kann dies ewig so weiterwachsen? 

Ja, natürlich, ginge es nach den Auguren der Welttourismusorganisation (UNWTO), welche für 2030 rund zwei Milliarden internationale Ankünfte erwartet, wobei sie erstmals von einem leicht verlangsamten Jahreswachstum von 3,3 % ausgeht. In den „reiferen“ Volkswirtschaften des „Westens“ werde bereits auf hohem Niveau durch die Welt gekurvt, so die UNWTO, während die boomenden Schwellenländer erst am Anfang ihrer Reisekultivierung stehen. Darum werde Europa auch weiterhin die weltweit führende Tourismusdestination der Welt bleiben … Fazit: Alles bleibt gut!
Ob wir in 30 Jahren alle permanent auf Achse sein und – wie die pensionierten „Silver Ager“ schon heute – mit wohldotierten Pensions- und Zeitbudgets mit einer Erlebnisreise nach der anderen die Traumziele der Kontinente abklappern werden, ist höchst fraglich. Doch lässt sich das überhaupt seriös voraussagen?

Der Blick in die Zukunft

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“, sollen prominente Köpfe wie Karl Valentin und Winston Churchill erkannt haben. Lässt sich jenseits von Tarot-Karten- und Kaffeesud-Lektüre Sinnvolles über die Zukunft aussagen? Wissenschaft war stets der Versuch, die vielfältigen „Wirk-Kräfte“ der erlebten Welt zu erkennen, deren Zusammenhänge zu verstehen und daraus künftige Entwicklungen zu „errechnen“. In diesem Sinn ist jede Forschung begrenzte Zukunftsforschung. 

Freilich ist die Geschichte der Forschung geprägt durch Irrtümer und neue Erkenntnisse, was auch für Grundannahmen gilt. Die Soziologie etwa wurde anfangs als die „Physik der menschlichen Gesellschaft“ verstanden, wonach diese wie eine Maschine betrachtet wurde, deren physikalische Gesetzmäßigkeiten man erkennen wollte, um sie richtig zu steuern. Heute werden Gesellschaften als hoch komplexe und dynamische Systeme verstanden, die miteinander in vielschichtigen, nicht-linearen Wechselbeziehungen stehen. Darum können auch Einzelereignisse – wie der Anschlag von 9/11 – das gesamte Weltsystem spürbar beeinflussen. 

Zukunft ist somit niemals vorhersagbar, wohl aber lassen sich plausible Zukunftsentwicklungen abschätzen. Ziel der heute anerkannten Zukunftsforschung ist es, große Trends zu identifizieren, in die Zukunft zu projizieren, ihre gegenseitigen Wechselwirkungen einzuschätzen und auf dieser Basis Gesamtszenarien mit unterschiedlicher Eintrittswahrscheinlichkeit zu skizzieren. Vor diesem Hintergrund kam etwa die Finanzkrise von 2007/08 keinesfalls unerwartet, nur findet vorhergesehenes Unheil selten Gehör, weil es die Alltagspolitik empfindlich stört. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel der gescheiterten Klima-Weltkonferenz in Durban trotz der einvernehmlichen Prognosen für den Klimawandel mit Auswirkungen wie Wetterextreme, Wasserknappheit und grassierende Tropenkrankheiten. Was sind nun die wichtigsten gegenwärtigen Entwicklungen im Tourismus?

1. Wer bin ich und wie viele davon? In Reaktion auf die Angebotsvielfalt der „Multioptionsgesellschaft“ passt sich der Kunde mit seinen Bedürfnissen zunehmend an und fragt individuellere Urlaubsprodukte nach. Reisen wird so zum Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und zugleich auch zum Vehikel für deren Weiterentwicklung. Darum boomen Special-Interest-Reisen – wie Golf-, Gourmet-, Literatur- oder Wissenschaftsreisen, auf denen Hobbys bei besserem Wetter vor exotischen Kulissen mit Gleichgesinnten vertieft werden. Dagegen sterben klassische Standardangebote wie der kulturelle „Trümmer-Tourismus“ aus.

2. Geiz ist geil: Günstige Massenangebote von der Stange zu den Sonnenstränden der Welt bleiben weiterhin attraktiv, ob aufgrund des steigenden wirtschaftlichen Drucks zum Sparen oder der zunehmenden Mündigkeit und Kompetenz der Kunden, günstige und attraktive Reisen im Internet eigenständig zusammenzustellen.

3. Nur das Beste ist gut genug: Billig heißt nicht mehr minderwertig, denn der Gast wird medienkompetenter und gebildeter, ist somit informiert und kritisch. Darum steigen die Ansprüche an die Standards der Unterkünfte, weshalb sich in den Hofer- und Billa-Angeboten Top-Häuser zu Dumpingpreisen finden. Ein- und Zweistern- sowie Privat-Unterkünfte hingegen, in Österreich vor vierzig Jahren noch die wichtigste Kategorie, werden bedeutungslos.

4. Schneller, öfter, intensiver: Im Gegensatz zu medial vermittelten Erfahrungen gelten jene des Reisens als Inbegriff eines unmittelbaren und echten Erlebnisses. Darum – sowie infolge der zunehmenden Vernetzung über Social Media in Verbindung mit zunehmender Reiseerfahrung – steigt der Prestigewert von Reisen. Dies vermittelt etwa die boomende Nachfrage nach Auslandssemestern und -praktika unter Studierenden. Im Bereich der kommerziellen Reisen hingegen geht der Trend deutlich in Richtung kürzere, dafür aber häufigere Reisen, hat sich doch in den letzten 40 Jahren die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von Österreichs Gästen auf drei Tage halbiert. Anstelle der vertrauten Idylle der einstigen Sommerfrische streben die Urlauber von heute nach der Maximierung von Reiseerlebnissen in möglichst vielen interessanten Reisezielen innerhalb ihrer begrenzten Lebenszeit. Ein Grund für den Trend zum Kurzurlaub ist auch die Angst von Mitarbeitern vor Kündigungen, falls sie zu lange als entbehrlich erscheinen.

5. Absolute Sicherheit bei vollem Risiko: Während angesichts der Entwicklungen in Reisedestinationen wie Nordafrika und Arabien unter Reisenden das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität zunimmt, steigt gleichzeitig deren Lust an extrem riskanten Freizeitaktivitäten – wie Hai-Tauchen oder Speed-Inlineskating. Vom Kunden nachgefragt wird dabei jedoch nur die Illusion der Gefahr angesichts eines westlichen Lebensstils, der von Berechenbarkeit geprägt ist. Tatsächlich wird auch für den Adrenalin-Kick im Angesicht des Todes vom Reiseveranstalter absolute Sicherheit bei perfekter Ausrüstung erwartet.

6. Rundumvollschutzbefriedigung: Gleichzeitig boomen auch Reiseangebote, die ein Höchstmaß an Komfort, Erlebnisvielfalt und Sicherheit verbinden: All-inclusive-Resorts! Deren Weiterentwicklung führt über die Verschmelzung von gigantischen Shopping-Malls, künstlichen Erlebniswelten und architektonisch visionären Unterkünften zu immer größeren und exotischeren Kunstgebilden wie in Las Vegas oder Dubai, aber auch wie auf den Ozeanen die Kreuzfahrtschiffe.

7. Zurück zum Ursprung: Dieser inszenierten Glitterwelt entgegengesetzt ist die wachsende Nachfrage nach „Wahrem, Gutem und Schönem“: der Traum vom „Natürlichen“ in Gestalt von Begegnungen mit charismatischen Biobauern in Schladming, Besuchen von fair bewirtschafteten Kakaoplantagen im geschützten Regenwald von Costa Rica oder im Umweltzeichen-zertifizierten Zirbenhotel im Lesachtal. Die Leitmotive dieser Klientel sind Werte wie Achtsamkeit, Authentizität, Solidarität und Umweltschutz. Der Erlebniswert solcher Reiseprodukte liegt hier angesichts grassierender Weltuntergangsstimmungen durch drohende Klima-, Armuts- und Ausbeutungskatastrophen in deren Beitrag zur Rettung der Welt und somit der eigenen Seele.

8. Gesund bis zum Umfallen: Ein wichtiger Trend und zugleich Ausdruck der alternden Gesellschaft sowie des Vertrauensverlustes in das staatliche „Körper-Reparatursystem“ ist der Gesundheitstourismus, der die angeschlagene „Maschine“ für das Bestehen am immer härteren Arbeitsmarkt stärken soll. Weil aber Gesundheitsförderung vom individuellen, wohlhabenden Bedürfnis abhängt, explodiert die Vielfalt an Angebotsformen, vom klassischen Medical Wellness in Bad Gleichenberg oder Ayurveda in Indien über Selbstfindung im Benediktinerkloster bis zum Meditationstrekking mit den Tuareg in der Sahara.

9. Pioniere der Exklusivität: Einer sozialen Elite ist ihre gesellschaftliche Abgrenzung von zentraler Bedeutung, weil Geld, Macht und Privilegien sonst vergebens wären. So hatte der Adel als Pionier des Tourismus seit dessen Anbeginn im 19. Jahrhundert stets das Problem sich an seinen „neu entdeckten“ Reisegestaden infolge des wachsenden Wohlstands durch nacheifernde Reisende aus der „Unterschicht“ behelligt zu fühlen. Diese Not motiviert auch heute privilegierte Reisekunden zur Eroberung von außergewöhnlichen, weil kaum erschlossenen und damit teuren, exklusiven Reiseformen – wie Weltraumtourismus, Expeditionen auf Achttausender, U-Boot-Fahrten in den Marianengraben oder Heli-Skiing auf Kamtschatka. Hier gilt: Gut ist, was – noch – nicht jeder haben kann. Galt etwa „Dark Tourism“ wie der Besuch der Favelas von Rio oder der Killing Fields von Kambodscha vor zehn Jahren als riskantes und darum exklusives Vergnügen von exzentrischen Abenteurern, wird dergleichen heute als Pauschalreise angeboten.

Bedrohte Reiseparadiese

Die genannten Trends gelten jedoch nur unter der Bedingung, dass die derzeit noch stabilen Rahmenbedingungen bestehen bleiben. Denn Tourismuswachstum hängt wesentlich ab von hohem Wohlstand und ausreichend Urlaubszeit in den Ländern der Reisekunden, von politischer, sozialer und Umwelt-Sicherheit in den Reisedestinationen sowie von adäquaten Verkehrsverbindungen zu moderaten Preisen. Doch eben diese Bedingungen erscheinen gefährdet, was die Zukunft des Tourismus bedroht. 

Denn der historische Erfolg der globalen Tourismusentwicklung ist Resultat einer bislang einmaligen wirtschaftlichen, medialen, politischen, kommunikativen und technischen Globalisierung. Diese hatte lange Zeit nur in den industrialisierten Kolonialstaaten und seit Kurzem erst auch in den Schwellenländern zu sagenhaftem Wirtschaftswachstum geführt. Tourismus ist insofern zu verstehen als eine Kultur des Konsums von Exotik, was frei verfügbares Einkommen für breite soziale Schichten voraussetzt. Dies wurde historisch ermöglicht durch die ungleiche Verteilung von ökonomischem Reichtum und damit verknüpfter politischer Macht zwischen den Industriestaaten einerseits und der übrigen Welt andererseits, die als bescheidener Rohstofflieferant dient. So ist es kein Zufall, dass die ersten, von Thomas Cook organisierten Fernreisen vor 150 Jahren ausschließlich in die von der britischen Krone kontrollierten und verkehrstechnisch erschlossenen Kolonialgebiete führten. Auch heute stammen die „Reiseweltmeister“ stets aus den reichen Ländern der Welt oder aus wohlhabenden sozialen Schichten und reisen nur in politisch abhängige und somit kontrollierbare Regionen. Ob man als Tourist Sehenswürdigkeiten und Einheimische besichtigen kann, war somit stets eine Frage des Glücks in der „richtigen Gegend“ geboren worden zu sein, etwa in Österreich anstatt in der Sahara. 

Ein weiterer wesentlicher Antriebsfaktor dieses historischen Wachstums-prozesses und in der Folge auch des Tourismusbooms war der Bezug der billigen Energieträger Öl, Gas und Uran, die von Regimen geliefert werden, die mit den Einnahmen ihre politische und militärische Vorherrschaft finanzieren können. Dieser Umstand sowie die übrigen genannten, historisch seit Langem herrschenden Gegebenheiten unterliegen derzeit einem folgenschweren Wandel. Die wirtschaftlich dominanten Staaten befinden sich in einer gravierenden Finanzkrise infolge einer generellen Staatsüberschuldung, deren Lösung nicht absehbar ist. Denn noch wächst der Finanzbedarf der alternden Gesellschaften des Westens – aufgrund der politisch reformresistenten Pensionssysteme, massiv ansteigender Pflegekosten sowie explodierender Kosten für die Gesundheitsversorgung der jungen, produktiven Bevölkerung, die immer häufiger an chronischen Zivilisationskrankheiten wie Adipositas und ihren Folgen leidet. Angesichts dieser Herausforderungen ist es rechnerisch nicht plausibel erklärbar, wie die mittelfristige Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Reiseintensität sowohl von privater als auch von staatlicher Seite finanziert werden könnte. 

Hinzu kommt, dass eine tendenzielle Wohlstandsverschiebung von den klassischen Industriestaaten hin zu den Schwellenländern zu erwarten ist, die auch zu den wichtigen Gläubigern der USA zählen. Dies wiederum würde zu einer Verschärfung der Verteilungskonflikte innerhalb der „westlichen“ Staaten und damit zu einer schrittweisen Auflösung der Mittelschicht hin zu einer Zweiklassen-Gesellschaft führen. Dies würde jedoch das Rückgrat des Tourismuswachstums empfindlich schwächen. Ein Alternativszenario wäre jedoch, dass sich die westlichen Staaten, insbesondere Europa, als Reiseziele der „neuen Reichen“ aus den BRIC-Staaten halten und so den Wohlstandsverlust abfedern könnten. Voraussetzung dafür wäre aber die Lösung der Verteilungskonflikte durch möglichst friedliche Mittel, denn Unruhen sind schlechte Werbestrategien für Idylle-verliebte Urlauber. 

Weitere massive Belastungen der westlichen Wirtschaft und besonders des energieintensiven Ferntourismus werden die Preise für Energie und andere Rohstoffe sein, die infolge des Booms der Schwellenländer spürbar steigen werden. Und dies ist erst der Anfang vom Ende einer Ära der billigen Rohstoffe. Denn die Überschreitung von „Peak Oil“, der maximalen Förderrate der weltweiten Erdölproduktion, und somit die zunehmend auseinanderklaffende Schere zwischen Ölnachfrage und -angebot gilt bereits als gewiss. Doch betrifft dieses Problem bald auch Gas, Uran, seltene Erden und viele andere wichtige Rohstoffe. Damit steigt wiederum der Druck auf die westlichen Demokratien, denn Wähler hassen nichts mehr als steigende Preise für Treibstoff und Konsumgüter. Das wiederum zwingt westliche Demokratien zur militärischen Sicherung der Zugänge zu Rohstoffen. Beispiele dafür sind der Krieg im Irak und in Libyen sowie die Militarisierung Nord- und Westafrikas durch die USA im Namen des Anti-Terror-Kriegs gegen Al-Khaida.

Diese Strategie des militärisch gestützten Exports von Verteilungskonflikten aus dem eigenen Land in Rohstoff-Länder, die, wie im Fall Nordafrikas, meist auch wichtige Reisedestinationen sind, hat den Nebeneffekt, genau das zu schüren, was die Kriege zu bekämpfen vorgeben: radikale Bewegungen und Terrorismus infolge aussichtsloser Lebensperspektiven. Dadurch bricht aber der regionale Tourismus vollends zusammen, was den Verteilungskonflikt weiter anfacht und was letztlich erst wieder zu gesteigerten Rohstoffpreisen führt. Für den globalen Ferntourismus bedeutet dies zusammenfassend, dass die Zahl der sicher zu bereisenden Destinationen schrumpfen und die Kosten für Fernreisen spürbar steigen werden. Davon könnte immerhin der regionale Tourismus in Europa profitieren, vorausgesetzt, dass die wohlhabenden Bürger der Schwellenländer nicht ihrerseits aufgrund von Wirtschaftskrisen und Verteilungskonflikten als unsere Gäste wegfallen.

Ein weiterer beträchtlicher, mittelfristig wirksamer Kostenfaktor wird schließlich der Klimawandel sein. Durch die zunehmenden Wetterextreme werden die regelmäßigen Sanierungskosten für Infrastruktur und Landwirtschaft in die Höhe schnellen. Am ärgsten betroffen von Dürren und Überschwemmungen werden jene Destinationen sein, die schon heute unter Problemen wie Überbevölkerung und Unterernährung leiden. Dadurch steigt das dortige Risiko von Ressourcenkonflikten um Böden und Wasser – und damit der Migrationsdruck in Richtung Westen … während wir „nur“ mit dem Ende des alpinen Schitourismus zu kämpfen haben werden.

Ende der gebuchten Träume?
Das eben skizzierte Szenario einer spürbaren wirtschaftlichen Schrumpfung in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren ist zweifellos eine pessimistische Annahme, aber angesichts der bisher praktizierten Lösungskultur der herrschenden Regierungen nicht unwahrscheinlich. In diesem Fall würde der Tourismus in Österreich wie auch weltweit massive, schmerzhafte Verluste, verbunden mit gravierenden strukturellen Veränderungen hinnehmen müssen, deren Details schwer abzuschätzen sind. Wahrscheinlich sind aber eine regionale Renaissance der einstigen Sommerfrische auf bescheidenem Niveau sowie das ewige Privileg der Reichen und Schönen zu exklusiven Reisen.

Ein rosigeres Szenario erscheint plausibel unter den Bedingungen einer gelingenden Wende weg von fossilen hin zu nachhaltigen Energieträgern sowie unter Verzicht auf Gewinnmaximierung und dauerhaftes Wohlstandswachstum zugunsten einer „Postwachstumsgesellschaft“. Dies gilt auch als Bedingung für die Bewältigung der Klimabedrohung. Anzeichen für das Gelingen einer solchen Reform unserer Wirtschaftskultur sind das wachsende Bedürfnis von merklichen Teilen der Bevölkerung nach Entschleunigung und Konsumreduktion sowie beträchtliche Nachfragepotenziale im Bereich der alternativen Energieproduktion und -effizienz, der Bio-Produktion, der Gesundheitsförderung, aber auch gewisse Trends zur Regionalisierung von Produktion, Konsum und auch Tourismus. Dies gilt besonders für einen ganzheitlichen, ressourcenschonenden Gesundheitstourismus, dessen Entwicklung heute noch in den Kinderschuhen steckt. Plausibel erscheint derzeit lediglich die Annahme, dass der Wert dieses „Tourismus der Zukunft“ nicht mehr in der klassischen Erlebnismaximierung, sondern im konstruktiven Beitrag zum zwischenmenschlichen Verständnis und damit zum gemeinschaftlichen Wohlbefinden liegen wird. 

Das Gelingen der Entwicklung hin zu mehr Kooperation und Gemeinwohl anstelle von bloß individuellen Vorteilen wird die größte Herausforderung darstellen, denn sie bedeutet den Abschied von einer Kultur der allumfassenden Gier, ob nach Erlebnissen, nach Völlerei, nach Sex, Geltung oder Leidenschaft. Es wird ein Abschied von den „Sieben Todsünden“ sein, die im Zuge der modernen Freizeit- und Tourismuskultur zur höchsten Blüte kultiviert wurden, ein Abschied aber, der – wie alle Lernprozesse – Resultat einer Notlage und weniger hehrer Einsicht entspringen wird. Denn partizipative Nachhaltigkeit ist anstrengend, energieaufwendig und lästig. Lästiger und teurer allerdings ist Krieg.