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aber sicher | ausgabe 24


24 - aber sicher

sowieso

Vor nur 30 Jahren betrachteten geschäftstüchtige Herren Pornovideos als Wertanlage. Die gehorteten Schätze überdauerten den Übergang ins Digitalzeitalter in Schränken und bereiteten den Kerlen beim Anschauen gewiss einen ähnlich wohligen Schauer, wie ihn andere empfinden mögen, wenn sie ihr Wertpapierdepot im Online-Banking-Bereich abrufen. Auch wenn der Marktwert von VHS-Pornos mittlerweile in den Keller gerasselt ist, s... lesen



Feuilleton

hermann götz | gut verunsichert

Wir leben in unsicheren Zeiten. Aber wir leben noch.

Das erste Elternauto, an das ich mich erinnere, hatte bereits Nackenstützen. Für die beiden Vordersitze wohlgemerkt, auf der Rückbank gab es natürlich keine. Und auch keine Gurte. In Wohnung und Wochenendhaus gab es keine Kindersicherungen. Weder bei Stiegenaufgängen noch für Herdplatten oder Steckdosen. Mein erster Fahrradsitz war auf Vaters Herrenrad an der Stange montiert, in Ermangelung einer Schutzvorrichtung wurde ich regelm... lesen


michael helming | allein vinyl hat bestand

Kroatische Sturmgewehre: Sicher wie Milch

"The only certain thing in life is death." Truth hits everybody - The Police Ein ruheloser Geist bringt Shiva zum Tanzen, erklärte angeblich einst gelassen der Guru Sri Nisargadatta Maharaj. Demnach hat der große Zerstörer definitiv den Groove, wenn ein Menschlein sich plagt, mit Leid und Begehren, mit Zwängen, Zweifeln und Ängsten; Seele und Gottheit geraten gleichermaßen in aufgewühlte Bewegung, solang grundlegende – oder als grun... lesen


harald a. friedl | alles ist so kompliziert

Heilswege aus der postmodernen Erbsünde – und deren notwendiges Scheitern

Dank seiner pointierten Beschreibung der modernen Lebenswelt („Alles ist so kompliziert“) wurde der glücklose österreichische Bundeskanzler aus dem Burgenland, Fred Sinowatz, berühmt. Denn tatsächlich nimmt die Komplexität der Welt exponentiell zu: Je besser und schneller die Menschen und ihre Sichtweisen miteinander vernetzt sind, desto rascher verändern sich die sozialen Systeme – eben weil sich die Individuen an die sich verän... lesen


bernhard horwatitsch | die kakerlakenbutterbreze

Ob Mäusekot, ACTA oder Bio: Wir finden Trost in Koprolithen.

Als ich neulich wieder einmal über einen Lebensmittelskandal in der Zeitung las, wollte ich es etwas genauer wissen. Nach Gammelfleisch, Dioxin-Eiern oder Antibiotika-Hühnchen waren es diesmal Kakerlakenbrötchen. In Neufahrn, Nahe Freising, musste man eine Bäckerei-Fabrik von Müller-Brot schließen, weil man dort Mäusekot und Kakerlaken in nicht mehr tolerierbaren Mengen vorfand. Man hatte die Firma ja schon öfter darum gebeten, sauber... lesen


doris claudia mandel | die legende vom dritten geschlecht

Die Geschlechtergrenzen sind dabei, sich aufzulösen? – Mitnichten!

Vor kurzem schwärmte meine beste Freundin, während wir uns eine Flasche Chardonnay genehmigten, sie halte mich für eine der eigentlichen Revolutionärinnen unserer Zeit. Ausdrücklich meinte sie mich als Transsexuelle. Angesichts der vielen revolutionären Erhebungen rings um uns war ich baff und fühlte mich natürlich auch ein bisschen gebauchpinselt. Doch nach und nach ätzte ihre Bemerkung mein Selbstverständnis wie mit Salpetersäure... lesen


hermann götz | die beschnittene debatte

Warum soll eigentlich nur der Körper vor religiös motivierten Eingriffen sicher sein?

Es war das Thema des Sommers 2012. Das Landesgericht Köln brachte mit seinem Urteil vom 7. Mai, das die Beschneidung von Kindern – oder fachgerecht ausgedruckt die Zirkumzision Minderjähriger – als grundrechtswidrig erklärte, eine Bombe zum Platzen. Wäre tatsächlich nur ein Konflikt zwischen dem Recht auf körperliche Unversehrtheit und jenem der Religionsfreiheit zur Debatte gestanden, hätte es wohl weit weniger Aufregung gegeben... lesen


ernst kilian | mind the gap

Wir wollen Social Security und Safe Sex und sicheres Surfen.

Aber sicher hätte ich vor etlichen Jahren, als viele Hausbewohner das taten, mir ebenfalls eine einbruchshemmende Wohnungstür einbauen lassen sollen. Während ich diesen Satz niederschreibe, bin ich übrigens durch einen gebrochenen Finger an der rechten Hand leicht behindert. Ob und wie das zusammenhängt, werden wir noch sehen.  Es gibt Menschen, die das Englische für die Präzision bewundern, mit der es zwischen zwei Sicherheits... lesen


andreas r. peternell , evelyn peternel | zum grenzenlosen grenzenlos vertrauen

Aus Nichts Wertschöpfung schaffen? Kein Problem – wir müssen nur fest daran glauben.

„Geben Sie uns Ihr Geld, wir lassen es für Sie arbeiten!“, rät der Finanzberater dem Kunden. Wie konkret allerdings unbelebtes Papier arbeiten soll, wissen sowohl Kunde als auch Berater oft nicht so genau: „Ja, ich habe eine Pensionsvorsorge. Wie viel ich da am Ende rausbekomme? Keine Ahnung. Ich weiß eigentlich nur, was ich einzahle“, antwortet die junge Dame im Kaffeehaus auf die Frage, ob sie eigentlich wisse, was mit ihrem Geld... lesen


evelyn seidl | die hochzeit meiner besten freundin

Alarm im Kosovo

Im hinteren Eck meines Bades, zwischen Duschkabine und Toilette, warten zwölf mit Leitungswasser gefüllte Eineinhalb-Liter-PET-Flaschen auf ihren Einsatz. Ein Flascheninhalt reicht für eine Klospülung, zwei zum Duschen, weitere zwei zum Haarewaschen – zwei Mal schamponieren inklusive.  Um die gewünschte Duschtemperatur zu erreichen, erhitze ich einen Teil des Wassers auf meinen beiden Campinggaskochern und fülle es zurück zum... lesen


dominika meindl | sicherheit …

… auch an den schwächeren Tagen

Immer wenn sie mir entgegenkommen, sticht’s in meinem Herzen. Hier in Linz werden sie nicht gerne geduldet, in ihren roten Uniformimitaten und in ihrem sehr festen Schuhwerk. Und so kommt es, dass sich die neuen Stadtwachen mit misstrauischem Blick und nur zu zweit durch die Stadt wagen. Sehr nachvollziehbar. Da schaut ein Migrationshintergrund aufsässig, dort zischt ein Gutmensch, hier lässt ein Kleinkind das Eisstanitzel insubordinant a... lesen


roland steiner | roma, roma

Wir reden über Freiwild.

Monte Mario „Roma, Roma, Roma, core de ‚sta città, unico grande amore, de tanta e tanta gente, che fai sospira‘…“ Antonello Vendittis Refrain hallt nach, als ich aufwache in der psychiatrischen Praxis, die mir im Norden der italienischen Kapitale als Wohnstatt dient. Mit den Oppositionellen des öffentlich-rechtlichen Senders RAI Radio 3 wohnte ich einem Training des AS Roma bei, in dem die erworbenen Fußballer vorgeführt wurden... lesen


martina ernst | sicher dat!

Von fliegenden Schlangen, psychopathischen Wachhunden, neugierigen Nachbarn und anderen Gefahren.

Sicherheit schlägt Kapriolen und ist für jeden Spaß zu haben. Unter „Sicher dat“ verbergen sich ein Blog, Forum, YouTube Filmchen, man kann mit wer weiß wem auf Facebook kommunizieren oder lustig drauflos twittern. Wer nicht nutzlose, witzige Fakten durchstöbern möchte, schaut einfach mal bei den Tieren vorbei. Wildtiere zum Beispiel sind im Frühling genauso von der Rolle wie wir Menschen. Dummerweise rennen sie dabei auf die Stra... lesen


dirk werner | hölderlin patt

oder: Das Sichere im Fiktiven suchen.

Vervierfacht man die Zeit, die die Turmuhr vorhin vom ersten Dröhnen bis zum leisesten akustischen Schatten des letzten Schlags brauchte, nimmt man jene Momente hinzu, die ich für sechzehn – oder sagen wir: fünfzehn – Zeilen meiner Notizen benötige, kommt er schließlich ganz notwendig hier vorbei. Eilt er, hetzt er, schlendert, springt oder schleicht er niedergedrückt – je nachdem. Nie sehe ich ihn von vorn, nie von der Seite. Weg... lesen



Literarische Texte

mieze medusa | abgeschlaffter modus

Es muss am Licht liegen. An der Stadt und am Licht. Weit und breit kein Mehrblick. Ich mein den Blick mit h, den, der mit dem Meer mit ee nur die Weite gemein hat. Den Blick mit h, den ich jetzt bräuchte, weil ich mehr brauch. Mehr Geld, mehr Liebe, mehr freundliches Gegrüßtwerden auf der Straße. Vielleicht doch aufs Land ziehen. Aber nein, da muss man ja selber auch grüßen. Wie gesagt, es muss am Licht liegen. Nur Krise und Grant und M... lesen


amber rusalka reh | heimatfront

Von uns Dreien ist Miriam der Strahlung am stärksten ausgesetzt, weil sie im Dachgeschoss wohnt, aber sie lehnt es ab, das gefährlich zu finden. Sie setzt Amethysten ein, hinübergerettet aus der Vorkriegszeit. Sie stehen an jedem ihrer schrägen Fenster, Kristallseite Richtung Himmel und neutralisieren ihrer Meinung nach „Smog aller Art“. Miriam sagt das so, weil sie weiß, dass Ruth, die Pianistin vom Parterre, und ich, der Sandwich-B... lesen


tanja paar | das affenhaus

Das Zimmer im Erdgeschoß hatten sie abgelehnt. Einhellig da noch. Zu dunkel, zu miefig, fensterlos! Die abgestandene Luft nur durch einen großen Deckenventilator verrührt, eine Zumutung. Nur widerwillig stimmt das Management dem Zimmerwechsel zu, eine große Hochzeitsgesellschaft wird erwartet. Missmutig schleppt der Boy die schweren Koffer über die schmale Holztreppe in den ersten Stock – wo es doch hier viel schöner ist und die ei... lesen


christoph dolgan | ein badezimmer für sich allein

Fiction ist wie ein Spinnennetz, wenn auch nur ganz leicht befestigt, so doch an allen vier Enden dem Leben verbunden. (Virginia Woolf) Als er das Badezimmer zum ersten Mal benützte, ohne die Tür hinter sich abzuschließen, wusste er, dass er die Wohnung in Besitz genommen hatte: „Ich bin angekommen.“ (Und die Falten im Toilettenpapier, dachte er, wenn die Rolle zu Ende geht, haben kein Alter.) (Raum, den man hinter sich abschließe... lesen


roman marchel | ein sterbender schneemann

Es war Samstag, die Kirchenglocken würden bald Mittag läuten, am Himmel trat die weiß-glosende Scheibe der Februarsonne über ihre Ränder. Es war jener Glanz, den auch der Quecksilberbalken des Fieberthermometers zeigte, vor dem die Großmutter seit Monaten die Augen zusammenkniff. Als sie jetzt das zum Lüften geöffnete Fenster wieder schloss, bemerkte sie, dass die grünen und roten Tupfen des Vorhangmusters den kahlen Kirschbaum in di... lesen



Rezensionen

vermessung eines verbrechens

Von der Identität des Verbrechers zum Warum.

A. G. Bianchi: Der Roman eines geborenen Verbrechers. Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M…

1894 erschien der Roman eines geborenen Verbrechers – Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M… erstmals in deutscher Übersetzung. Das Motiv des damaligen Herausgebers Augusto Guido Bianchi war es, in Zusammenarbeit mit dem Nervenarzt Silvio Venturi am Beispiel des Antonino M. eine Vermessung und Ableitung des allgemeinen Verbrechertypus zu versuchen. Die Edition Krill versucht mehr als ein Jahrhundert nach der ersten deutschen Au... lesen


martha und der nazi

Ein Roman über Ewiggestrige, der literarisch nicht überzeugt.

Manfred Rumpl: Ein Echo jener Zeit. Roman.

Ein SS-Mann, der für die Deportation von Hunderttausenden Juden in Wien, Paris, Griechenland und der Slowakei verantwortlich zeichnete und nach dem Krieg unbehelligt in Syrien lebte, und ihm gegenüber eine junge, naive Journalistin aus Wien, die von ihrem Chefredakteur auf die Spuren der Vergangenheit geschickt wird – das sind die Protagonisten in Manfred Rumpls jüngstem Roman Ein Echo jener Zeit. Der Nazi, der tatsächlich lebte, ist de... lesen


schöne bilder, ganz ohne kamera

Ein Urlaubsalbum à la Andreas Unterweger.

Andreas Unterweger: Du bist mein Meer. Novelle (in 3 x 77 Bildern)

Nach seinem vielbeachteten Debüt­roman Wie im Siebenten (2009) bleibt der 1978 in Graz geborene Autor Andreas Unterweher auch auf der literarischen Kurzstrecke seinen Themen Liebe, Glück und Schreiben treu. Dabei schöpft Unterweger erneut kräftig aus der eigenen Biographie: Kann das erste Buch als Liebeserklärung an die Freundin gelesen werden, stellt die Novelle Du bist mein Meer eine Liebeserklärung an (mittlerweile) Frau und (das im... lesen


treiben und reiben

Zu den Zopfmustern einer Steinbacher‘schen Rede.

Christian Steinbacher: Untersteh dich! Ein Gemenge.

„Was pochet an? / (Vor lauter Flusen vorm Morgenrock)“ – soweit eine Art Vorsatz, den Christian Steinbacher mit keck unschuldiger Geste einem Kapitel in „Untersteh dich!“ vorstellt. Aber was ist da nicht alles drin! Diese zwei Zeilchen sollten den Lesenden tunlichst eine Warnung sein – jedenfalls bezüglich der Lesegeschwindigkeit, die diesen Texten angemessen ist. Schon die beiden Zeilen schießen ihre Widerhäkchen in alle Richt... lesen


ziemlich dunkel, die furunkel

Andrea Stifts sezierende Kurzgeschichten.

Andrea Stift: Elfriede Jelinek spielt Gameboy

Geschichten aus den Jahren 2005 bis 2011 versammelt der Band mit dem irreführenden Titel Elfriede Jelinek spielt Gameboy. Die steirische Autorin Andrea Stift führt die Leserschaft in drei Kategorien (Dunkel, Furunkel, Schunkel) durch die Abgründe der österreichischen Seele. Scheinbare Familienidyllen voller Fremd- und Selbstzwänge, ausgebeutete behinderte Menschen auf dem Bauernhof, ein kleiner Mann, dem sein nettes Häuschen nichts als... lesen


sinnliches in wort und bild

Rasch und doch gut überlegt hingeworfene Farbspritzer.

Marianne Jungmaier: Die Farbe des Herbstholzes. Prosa.

Mit dem Band Die Farbe des Herbstholzes ist der Linzer Autorin Marianne Jungmaier eine Art Gesamtkunstwerk gelungen. Der Prosatext Herbstzeitlos beginnt mit den Worten: „Schwarz sind meine Finger. Von der Druckerschwärze, die nach jedem Umblättern auf den Händen bleibt. Kriecht in die feinen Rillen.“ Das ist nicht nur eine Beobachtung, nein, hier schwingt sehr viel Sinnlichkeit mit und eine Einfühlsamkeit, die das gesamte Buch charakt... lesen


wir deuten sprech

Barbara Köhlers Forschungsreisen in die Länder der Sprache.

Barbara Köhler: Neufundland

Der Band Neufundland von Barbar Köhler versammelt, wie die Autorin es nennt, „Schriften, teils bestimmt“ aus den Jahren 2004 bis 2011, Auftragsarbeiten, Übertragungen, Reflexionen, immer jedoch Poesie – Poesie mit einer spannenden essayistischen Färbung, die diesen fein gemachten, vom Verlag ebenso fein verpackten Arbeiten eignet; und Essay kommt da exakt von „essayer“, vom Versuchen: Das Versuchende dieser Sprachbehandlung ist e... lesen


moment!

Ein Plädoyer für den Neustart.

Dieter Sperl: Von hier aus. Diary Samples.

„Das Gehirn lernt die Regel hinter den Ereignissen. Aber wer oder was ist das Gehirn eigentlich?“, fragt sich – sage ich jetzt einmal – der Text ziemlich gleich zu Beginn in Von hier aus, dem neuesten Buchs von Dieter Sperl. – Ja, ist denn das nun Prosa, ist denn das so ein „geradeheraus Geäußertes“, wie es „im Buche steht“? Nun ja, die Sache könnte doch irgendwie, wenn man weiterliest, auch wenn sie schon eher nach Gebra... lesen


österreich, du wahlheimat!

Die Geschichte einer West-West-Migration.

Emily Walton: Mein Leben ist ein Senfglas. Roman

Acht Jahre alt ist Poppy Simmons, als ihre Eltern beschließen, von England nach Österreich zu ziehen. Aber nicht genug, dass sie unvorbereitet neu(e) Wurzeln schlagen muss, pflegen ihre Eltern darüber hinaus auch einen für 80er-Jahre-Verhältnisse noch nicht etablierten Lebensstil, der in der heutigen Zeit, in der das Prekariat um jede Ecke guckt und zeitlich gefestigte Tagesabläufe in den Patchworkfamilien allgemein noch als oktroyierte... lesen