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abgeschlaffter modus

mieze medusa | abgeschlaffter modus

Es muss am Licht liegen. An der Stadt und am Licht. Weit und breit kein Mehrblick. Ich mein den Blick mit h, den, der mit dem Meer mit ee nur die Weite gemein hat. Den Blick mit h, den ich jetzt bräuchte, weil ich mehr brauch. Mehr Geld, mehr Liebe, mehr freundliches Gegrüßtwerden auf der Straße. Vielleicht doch aufs Land ziehen. Aber nein, da muss man ja selber auch grüßen. Wie gesagt, es muss am Licht liegen. Nur Krise und Grant und Mangelerscheinungen und Wien im Dezember und kein Wunder, dass Falco sich umgebracht hat … Nach einer Jugend in Wien reißt dich Mallorca auch nicht mehr raus oder das bisschen Bühnenlicht und Billboard-Charts und mehr Geld, als man sich durch die Nase ziehen oder autovertotalschadenfahren kann, das kann nichts mehr gut machen, wenn du deine Jugend im nebelsuppenbedingten Wiener Alltagswahnsinn verbracht hast. Und in Lettland stehen die Menschen Schlange vor dem Bankomaten, weil sie Angst haben vor DEM CRASH. Und DAS MARMELADEGLAS im Küchenschrank und DIE SOCKE unter der Matratze sind plötzlich sichere Anlageformen. Wenn man den ganzen Tag davor sitzt. Mit einer Pumpgun. 

Die sollen sich nicht anscheißen. Da könnt ja jeder kommen und sich anscheißen. Ich krieg auch schon lang kein Triple A mehr von irgendwem. Aber lass ich mich davon fertig machen? Es geht weiter. Wir wursteln uns so durch. Selbst bau ich jetzt in der Freizeit Tomaten am Balkon an. So als Hobby. Und weil man ja doch ein bisschen etwas sparen kann. Und nein, sie wachsen nicht, danke der Nachfrage. Ja, warum heißt denn sowas Nachtschattengewächs, wenn der Scheiß dann Licht braucht und Wärme? Kann man ja nicht wissen, dass dieses rote Schlampengewächs auf Gedeih und Verderb der Sonne ausgeliefert ist. Ich mein, so wie die Früchtchen monatelang auf der Küchenkredenz rumliegen können, ohne ein einziges Fältchen zu bekommen, da müssten die doch eigentlich auch auf dem Uranus gedeihen. Wahrscheinlich wird Botox aus Tomaten gewonnen. Wahrscheinlich werden Banktresore mit Tomatenmark verstärkt, wegen der Unzerstörbarkeit. Und was soll der Scheiß überhaupt. Auf meinem Fensterbrett haben die Tomatensetzlinge doch alles was sie brauchen: Sauerstoff und Feinstaub und Abendunterhaltung.

Wahrscheinlich hab ich zu wenig mit ihnen geredet. Wie mit der alten Oma, einen Stock über mir. Die ist jetzt tot. Aber die Erbenkel waren zu früh da. Die waren da, bevor ich einen Blick ins Küchenkastl werfen konnte, bevor ich das Prinzessin-auf-der-Erbse-Spiel mit der Oma-Matratze machen konnte. Egal. Roch dort eh immer so muffig. Da wird sich jetzt ändern, jetzt wo die Erbenkel einen frischen Wind in die Wohnung und Licht in die Vermögensverhältnisse bringen werden. Kann mir egal sein. Aber einen Fleck hab ich jetzt an der Decke. Weil die Erbenkel zwar schneller waren als ich, aber nicht schnell genug. Weiß jetzt nicht so genau, was für ein Fleck das sein kann. Ein Tomatenfleck oder ein Omafleck. Der Oma wurde ja so ein grauer Ganzkörperplastiksack angezogen, bevor sie runter transportiert wurde. Konnte man nicht so gut begutachten, in welchem Zustand sie war. Wobei Bestimmungsversuche des Todeszeitpunkts von Laien erst ab dem Wurmstadium halbwegs vernünftige Ergebnisse bringen. Da kann man dann auf die Frage, wie lang die Leiche denn schon eine sei, „naja, scho ziemlich lang“ antworten. 

Vier Stockwerke ohne Lift wurde die alte Lady runtergetragen. Kein Wunder, dass die nicht mehr viel zu sehen war in letzter Zeit. Essen ließ sie sich bringen und die Unterhaltung, die auf der Straße zu finden ist, naja, da kann man ja auch gleich das TV-Gerät einschalten. Manchmal kam Besuch. Meistens kam keiner. Vielleicht hätt‘ ich doch mal läuten sollen. So um vier in der Früh, wenn es endlich mal halbwegs still wird im Haus, außer bei der Omi über mir, die immer noch fern schaut. Schwerhörig, aber ohne Kopfhörer. Tag und Nacht liegen wir wach, im Kopf nur Ach und Krach. Hätten wir ja eins, zwo Jägermeister kippen können und dann gemeinsam in die Nacht leben. Dafür ist es jetzt zu spät. Wie bei den Tomaten. Eigentlich hab ich sie schon länger nicht mehr fernschauen hörn. Das könnte ein Indiz sein für den Todeszeitpunkt. Der Assinger hat geredet. Und länger, war also eher keine Werbung. Millionenshow. Jetzt wenn ich ein Smartphone dabei hätt. Könnt ich sofort nachschauen, wann das war. Und den Erbenkeln erhobenen Haupts entgegentreten und sagen: Ehrlich, jetzt kommt‘s, ihr Saubartln? Also, als ich neulich bei der werten Oma beim Kaffee gesessen bin, der Assinger war grad im Fernsehen, da hat sie ein bisschen traurig geschaut, wie sie von euch gredet hat. Schon so lang war er nicht mehr da, der Burli. Wer von euch ist denn der Burli? Und hat der Burli eh das Geld aus dem Einweckglas brav mit den anderen geteilt? Oder hat er das eher so gemacht wie früher mit der Schokolade?

Es muss an der Luft liegen. Oder in der Luft. Nachsatznachlass. Krisenfeinstaub. Erbekel. Transtomatenallergie. Eine Gesellschaft stellt auf Standby. Wir verlangen das Unmögliche nicht mehr. Wir verlangen eine Auszahlung der Einlagen. Aber was will man denn mit den ganzen eingelegten Hoffnungen machen. Ausquetschen? Das funktioniert schon bei Tomaten nur mit ordentlich Verlust. Das geht mit Sicherheit ans Eingemachte. Und was das Einmachen gesamtwirtschaftlich ausmacht, davon kann zur Zeit sogar der Burli ein Liedchen singen.

Die Ex-Oma von oben hat schon recht gehabt. Ob Spar-, Netz- oder Stützstrumpf ist am Ende der Nacht nur eine Frage des Lichtschalterfindens.
Wie gesagt. Es muss am Licht liegen. Und das hat die Oma von oben jetzt für immer unter einen Scheffel gestellt. Die hat sich die Kerze ausblasen lassen und schaut sich jetzt die Tomaten-, ja was eigentlich? Wurzeln? Knollen? Jedenfalls schaut sie sich die Tomaten vor meinem Fensterbrett jetzt von unten an. Die Oma ist auf Standby. Das ist zwar auch keine Lösung. Aber eine langfristige keine Lösung.