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allein vinyl hat bestand

michael helming | allein vinyl hat bestand

Kroatische Sturmgewehre: Sicher wie Milch

"The only certain thing in life is death."
Truth hits everybody - The Police

Ein ruheloser Geist bringt Shiva zum Tanzen, erklärte angeblich einst gelassen der Guru Sri Nisargadatta Maharaj. Demnach hat der große Zerstörer definitiv den Groove, wenn ein Menschlein sich plagt, mit Leid und Begehren, mit Zwängen, Zweifeln und Ängsten; Seele und Gottheit geraten gleichermaßen in aufgewühlte Bewegung, solang grundlegende – oder als grundlegend empfundene – Umstände unseres Lebens eher vage in der Schwebe sind. Derweil die Menschheit mit Zufall und Schicksal hadert, in der Zwickmühle des Fiftyfifty steckend, von Dualismen mustergültig gespalten, hin und her gerissen zwischen Für und Wider, Ja und Nein, wummern dort aus dem Tanzpalast des Hindu-Himmels krasse Beats.

Meine Großtante ist inzwischen siebenundachtzig, zwar keine erleuchtete Inderin, aber trotzdem zumeist die Ruhe selbst. Vor allem ist sie ein Mastermind des Mühlespiels, von dem sie immer wieder bei passender Gelegenheit behauptet, es sei das gerechteste Spiel überhaupt: Kein Spieler hätte einen Informationsvorsprung, für den Sieg sei es völlig unerheblich, ob Schwarz oder Weiß den ersten Stein lege, und theoretisch müsse jede Partie unentschieden enden, es sei denn – und diesen Zusatz macht sie gern mit einem verschmitzten Lächeln – ein Spieler begehe einen Fehler. Sogleich verschiebt sie einen ihrer Steine und nimmt mir einen weiteren ab, bis ich irgendwann springen darf, was mir dann jedoch garantiert nichts mehr nutzt. Schon als Kind habe ich gegen sie verloren, und auch heute noch lässt sie mich in mancher Partie wahrhaftig alt aussehen, was meine Spielfreude über die Dekaden nicht gemindert hat, denn auch in der Niederlage lernt man ja oft etwas. Überdies kann man sich ganz auf das zu Lernende konzentrieren, wenn man die Niederlage seelisch vorher bereits fest eingeplant hat.

Dieser Tante verdanke ich, neben meinem Wissen um die Regeln des Spiels, einige Kniffe aus erster Hand und generell den Spaß an vorausschauendem wie skeptischem Denken. Für ihr Alter ist sie fraglos fit. Nach wie vor versorgt sie sich in ihrer kleinen Wohnung selbst, wobei ihr nicht einmal regelmäßiges Gardinenwaschen auszureden ist. Zum Auf- und Abhängen steigt sie auf ein wackeliges Treppchen, und die Bitte, zumindest bei solch akrobatischen Einlagen möge sie Hilfe in Anspruch nehmen, sie könne sich bei einem möglichen Sturz schließlich „sonstwas“ brechen, kontert sie mit dem Wunsch, wenn schon, dann möge es am besten gleich das Genick sein. Mein Einwand, statistisch betrachtet würde es wahrscheinlicher die Hüfte oder ein Lendenwirbel werden, obendrein sei eine Fraktur des Dens axis heutzutage nicht mehr zwangsläufig ein kurzes und schmerzloses Todesurteil, quittiert sie mit überhöht-robustem Achselzucken. Für eine Frau ihres Jahrgangs sind gewisse Risiken einfach ausgereizt, zu viele Zufälle ihr schlicht nicht zugefallen. Sie überlebte einen Weltkrieg und vier Währungsreformen. Mancher Euro-Skeptiker dürfte sie deutlich lebensfähiger einschätzen als unsere Gemeinschaftswährung, ihr somit in Bälde die fünfte prophezeien. Zwei Mal im Leben verlor sie all ihr Hab und Gut, zudem die Jugendliebe in den Weiten Russlands. Ihren Mann sah sie nach über einem Vierteljahrhundert solider Ehe dahinsiechen und sterben. Ein Leben mit ausgeprägten Höhen und Tiefen bietet über kurz oder lang kaum mehr Situationen, in denen man auch nur annähernd die Contenance verlieren könnte. Falls überhaupt noch Dinge am inneren Gleichgewicht meiner Großtante rütteln, dann sind es bezeichnenderweise nicht die großen Katastrophen, sondern vermeintliche Kleinigkeiten. Beispielsweise ist der lieben Tante partout nicht zu vermitteln, dass ihre Menstruation (also, als sie vor vielen, vielen Jahren noch eine hatte) höchstwahrscheinlich nichts, aber auch gar nichts, mit dem Mond zu tun hat. Jedes Mal, wenn ich davon anfange, würgt sie mich energisch ab, ihre ansonsten eher lockeren Mundwinkel werden straff und all meine Argumente laufen perfekt ins Leere.

Die Mondregel
Einen echten Menstruationszyklus haben bekanntlich nur höhere Primaten. Da jede Art dabei allerdings einem etwas anderen Rhythmus folgt, dürfte wohl zu Recht fragwürdig sein, wie eine im Vergleich regelmäßige Lunation für das Phänomen verantwortlich sein soll. Menschenweibchen menstruieren im Schnitt alle 28 (genauer alle 25 bis 31) Tage, Gorilladamen alle 26 bis 32 Tage, Anubispaviane kommen auf 31 bis 35 und Schimpansen sogar auf 36 Tage. Damit hinken sie der mittleren synodischen Periode (29,5 d) deutlich hinterher. Der Fettschwanzmaki menstruiert dagegen mit 20 Tagen flink vorne weg. Leider können wir unmöglich eine Vergleichsgruppe ohne Mond leben lassen, um zu beobachten, wie sich das Thema Blutung dann regelt, weshalb eindeutige, empirische Beweise in dieser Angelegenheit weiterhin ausstehen. Bleibt anzumerken: Eine Regel steht immer auch für Verlässlichkeit. In einer Sache, in der ein Mann mangels eigener Erfahrung nur begrenzt mitreden kann, lässt die Tante meine an sich hieb- und stichfesten Fakten nicht zu und hält stattdessen eisern an einem Mythos fest, der dem Menschengeschlecht über Jahrtausende zuverlässige Dienste geleistet hat, wenn es darum ging, „wissend“ (meint: vertrauend) im Einklang mit der Welt zu leben. Sie wird ihn zweifellos glücklich mit ins Grab nehmen.

Ohne Vertrauen in Beständigkeit und Fortdauer seiner Umgebung ist der Mensch nicht lebensfähig. Es muss Bilder, Gleichnisse und Geschichten geben, die um jeden Preis weiter bestehen, allen Widersprüchen standhalten und niemals aufgegeben werden, andernfalls würde tief in uns alles zerfallen, woran wir unsere Existenz knüpfen. Jeglicher Schutz und alle Geborgenheit wären dahin. Klarheit, Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit würden von uns abfallen. Unsere Robustheit gegenüber den Widrigkeiten des Lebens müsste unweigerlich verpuffen. Selbst kluge Köpfe verweigern sich mitunter einer logischen Beweisführung, gern eben auch in vermeintlich banalen Situationen. Steht das gewohnte Ideenraster der Welt, mit all seinen Möglichkeiten, als Gesamtheit im Fokus unvermittelten Zweifels – gerät der Status quo also ins Schussfeld, der an sich absurd oder sogar schlecht sein könnte, eine Modulation (und/oder Überwindung) weckte aber gleichsam verheerende oder noch schlimmere Assoziationen – dann sind mehr oder weniger beglaubigte Mythen, Religionen oder ausgemachter Aberglaube schnell bei der Hand, quasi als Seelenstütze. Nur dafür sind sie vielleicht da. 50,000,000 Elvis Fans Can’t Be Wrong – Können sie nicht? Schon Kant wusste nur zu gut, warum Glaube und Wissen strikt getrennt gehören, weshalb er den klassischen Gottesbeweisen eine Absage erteilte.

Analoge Drehung
Was meiner Großtante der Umlauf des Mondes um die Erde, ist mir die Drehung einer analogen Schallplatte auf meinem alten Dual-Plattenspieler. Ich brauche die schwarzen Scheiben mit ihrem warmen Klang, Compact Disc hin, MP3 her. Viele Bekannte haben ihre Alben einstweilen digitalisiert und hören Musik nur noch am Rechner. Für mich ein Sakrileg! Ich brauche Gatefold-Cover, schweres Vinyl und großformatige Booklets. Zwar benötigen meine inzwischen knapp viertausend Alben vergleichsweise viel Platz, aber ich bin froh, der LP stets die Treue gehalten zu haben, auch, weil diverse Perlen nach einer schlechten Phase in den Neunzigerjahren wieder stabilen Sammlerwert besitzen. In Sachen Musik also bislang alles richtig gemacht! Findet Paul auch. Wer stattdessen auf die CD gesetzt hat, erlebte in der letzten Dekade eine galoppierende Inflation, in der gebrauchte Silberlinge über neunzig Prozent ihres Wertes einbüßten. Paul kann das hundertprozentig bestätigen.

Einige nennen ihn Platten-Paul. Er ist nicht mehr der Allerjüngste, aber natürlich längst noch nicht so alt wie meine Großtante. Sein Laden ist nach wie vor an der Ecke, an der er schon war, als ich mit vierzehn Lenzen anfing, eine solide Schallplattenkollektion zusammenzutragen. Seitdem ist Paul der Tonträger-Dealer meines Vertrauens und in über fünfundzwanzig Jahren hat sich in seinem Record-Shop nur wenig verändert. Immer noch geht eine schrille Ladenklingel, wenn man zur schlecht schließenden Tür hereinkommt. Rechts sind die Neuheiten, links der Secondhandbereich. Gegenüber der Tür ein Tresen, der seit ehedem verratzt aussieht, darauf eine in Reichsmark ausweisende Registrierkasse, daneben die Rotkreuz-Pfennigdose, ein immerzu rotierender Turntable und im Hintergrund das heilige Regal mit den Raritäten. Selbstredend stand Paul schon unzählige Male kurz vor der vermeintlich endgültigen Pleite. Spätestens seit Musik fast nur noch im Internet gehandelt wird, meint man, sollte er sich eigentlich aufhängen müssen, doch es gibt ihn und seinen Laden weiterhin. Fast alles hier ist original: Patina, Tourplakate, Picture-Discs und Konzertkarten an den Wänden. Dazwischen hängen echt seltsame, pseudofernöstliche Hippie-Teppiche mit bunten Mandalas, geometrischen Rastern und Figuren. Auf einem sind vier menschenähnliche Wesen dargestellt, die hohe, pagodenartige Mützen tragen. Üppig mit goldenen Ketten und Schlangen behängt, machen sie kauzige Twist-Contest-Verrenkungen vor einem sichelförmigen Mond. (Wer das Ding zum ersten Mal sieht, denkt vielleicht, Buddha sei Moslem.) Die Typen dürften einer wirren Kifferphantasie der frühen Siebzigerjahre entsprungen sein. Kein Motiv erweckt stichhaltig den Eindruck, eine authentische Glaubensrichtung zu vertreten. Die Figur ganz links hat blaue Haut, eine andere acht Arme. Paul nennt sie die vier höchsten Allväter des Business: Metal, Punk, Prog und Elektro. Ich könnte schwören, Elektro hätte früher mal anders geheißen, doch wenn ich Paul darauf anspreche, dementiert er dies ebenso standhaft wie alle Gerüchte über seine baldige Geschäftsaufgabe.

Porno-Paul
Um zu überleben, entwickelt Platten-Paul anscheinend permanent neue Strategien, wobei mir der Grad seines Durchdenkens meist verborgen bleibt. So gewiss wie den nächsten Vollmond, muss man gleichwohl einen seiner „genialen“ Züge auf der Agenda haben. Da gab es beispielsweise mal eine Weile Comics im Sortiment, dann (allerdings nur für kurze Zeit) Münzen und Ü-Eier-Figuren, später Stimmungs-Steine; alles längst wieder verschwunden, genau wie die CD. Allein Vinyl hat hier Bestand. Eine seiner jüngsten und drastischsten Ideen verwirrt sogar Stammkunden, zudem bringt sie ihm wohl einen neuen Spitznamen ein. Auf den ersten Blick betreibt Paul immer noch seinen klassischen Plattenladen. Im eindeutig ungeputzten Schaufenster hängen auch weiterhin die alten Scheiben von Abba bis Zappa. Kaum zu übersehen ist jedoch das eminente Schild an der Tür, auf dem in fetten, roten Lettern steht, der Zutritt sei erst ab dem vollendeten achtzehnten Lebensjahr gestattet. (Mein Gott! Wenn ich erst mit achtzehn einen Plattenladen hätte betreten dürfen! Wo hätte ich meine Pubertät verbracht? Was wäre ich heute für ein Mensch?) Um sich einmal mehr vor dem heraufziehenden Bankrott zu retten, richtete Porno-Paul nämlich im hinteren Teil seines Ladens (getrennte Eingänge waren baulich leider nicht machbar: tragende Wände, Brandschutz, Trallala …) eine sogenannte „Märchenecke“ ein. Nun freut er sich über endlich aufs Neue steigende Umsatzanteile traditioneller Rock- und Popscheiben, den Löwenanteil der Kohle sichern ihm aber derzeit harte Ruckelfilme. 

Kürzlich, als ich eine gut erhaltene Undercover von 1983 in Händen halte, auf deren Cover-Rückseite die auch zensierend zu denkende Zunge über dem nackten Frauenhintern bedeutend kleiner ist als auf späteren Pressungen, haben wir ein wenig Diskurs, Paul und ich. Unterhaltungen begreifen wir, wenn wir allein sind, gern als „Besitz von Diskurs“, was selbstredend Unsinn ist, da Diskurse ja stets in Bewegung und selten greifbar sind. Da das Internet den schnellsten Zugang zu Pornografie darstellt, prophezeie ich Paul baldige Gewinneinbrüche, rege deshalb weitere Umstrukturierungen seines Warenspektrums an, mit dem Hintergedanken, musikliebenden Minderjährigen wieder Zugang zu seinen Geschäftsräumen zu ermöglichen. (Man nötigt die Jugend ja sonst geradezu ins Filesharing-Milieu!) Doch Paul winkt ab und lässt mich an jener Philosophie teilhaben, die ihm und seinem Laden seit Dekaden Zukunft schenkt: Es gibt nämlich gar keine Zukunft; sie ist lediglich ein Konstrukt in unseren Köpfen, das darauf abzielt, mit einer an sich zeitlosen Gegenwart in Deckung gebracht zu werden. Besonders unzufrieden mit unserer (ebenfalls fiktiven) Vergangenheit sind wir dann, wenn diese Kongruenz nicht zustande kommt. Natürlich fliegen die DVDs und Blu-rays umgehend wieder raus, sobald sie keinen Umsatz mehr bringen, was sich allerdings bislang nicht ankündigt. Obendrein ist Pauls Nachfolgeidee auch nicht jugendfrei, dafür aber bombensicher.

10.000 Stunden nacktes Fleisch

Freilich sei der eigentliche Boom mit dem Verkauf von „Märchenfilmen“ schon wieder vorbei. Paul hat sich jedoch auf Kunden mit besonderen Wünschen eingestellt und bietet seit Kurzem einen ganz neuen Service. Er winkt mich ins Lager, und was ich dort erblicke, könnte man vielleicht als Pauls Wissen um die nackte Bedeutung von VHS als krisenfester Wertanlage bezeichnen. Gegen eine kleine Gebühr digitalisiert er jedem, der das will, alte Pornovideos und brennt sie auf DVD. Fragen nach dem Sinn stellen sich nicht, denn die Leute bringen ihm massenhaft historische Wichsvorlagen. Bis unter die Decke stapeln sich VHS-Videokassetten. Schätzungsweise zehntausend Stunden bewegtes, nacktes Fleisch auf zurzeit zirka fünftausend Tapes. Großteils Material aus den Achtzigerjahren. Einige Herren schleppen riesige Sammlungen an. Damals, als das System Homevideo noch neu war, gab es Männer, die das Zeug tatsächlich als Wertanlage horteten, wie andere Leute Briefmarken oder Schallplatten. Mit dem Internet verpuffte der Wert ähnlich wie bei der Musik-CD, aber die Leute hängen nun einmal weiterhin an ihren Arsenalen. 

Im Prinzip ist egal, was du machst, meint Paul, wenn du zu deinen Entscheidungen stehst.

Wie man’s macht, macht man’s eh verkehrt, doch das macht nichts. Man muss nicht immer schon vorher einen Plan B haben, solange man beim Ausfall von Plan A nicht an alten Denkmustern festhält. Wenn man nicht durch irgendwas gehemmt ist, denkt man sich spontan einen Plan B, C, D oder Z aus. Und dann guckt man, was daraus wird. David Bowie steht beim Komponieren bekanntlich auf Zufälle und kleine Fehler, die den Prozess zwar unsicherer, das Ergebnis dafür jedoch umso interessanter machen. Ach, die Musikwelt liefert endlos Exempel. Als Captain Beefheart beispielsweise 1967 sein Album nach einem Erdnussbutterkernriegel Abba Zabba nennen wollte und der Hersteller ihm dies untersagte, behielt er die an besagten Riegel erinnernde Cover Artwork teilweise bei und dachte sich einen anderen Albumtitel aus: Safe as Milk. Echte Künstler bleiben immerzu gelassen. Sie sind abgeklärt und wissen bei allen Unsicherheiten instinktiv, was sie in der Substanz erreichen wollen. Gewöhnliche Leute wollen dagegen schon vorher alles ganz genau wissen, und deshalb wissen sie oft gar nichts mehr; ja nicht einmal, was die Abkürzung VHS bedeutet. Ist ja auch schwierig geworden. Während die drei Buchstaben in den Achtzigerjahren eigentlich nur eine Bedeutung hatten, nämlich Video Home System, müssen sie mittlerweile für eine Vielzahl von Bedeutungen herhalten, wobei oft nur der Kontext zeigt, was VHS meint. Bildungshungrige haben die Volkshochschule im Sinn oder den Verband der Hochschullehrer für Slawistik. Sportfischer denken an die Virale Hämorrhagische Septikämie (am Anglerstammtisch Forellen-Aids genannt!), Museumsfreaks und Eidgenossen ans Verkehrshaus der Schweiz, Waffennarren schließlich an den Verband Hannoverscher Schützenvereine oder gar an das Višenamjenska Hrvatska Strojnica, ein angeblich preisgünstiges Sturmgewehr aus kroatischer Produktion.

Im Endeffekt ist Unsicherheit stets ein Spiel mit unseren Möglichkeiten. Die Regeln modifizieren sich ständig, die Spieler auch und streng genommen gibt es nicht einmal etwas zu gewinnen; ein Umstand, der beruhigt, wenn man sich auf ihn einlassen kann. Offensichtlich geht zahlreichen Menschen diese Fähigkeit ab. Ergebnisoffenheit wird oft mit Unzuverlässigkeit gleichgesetzt. Fundiert sollen die Dinge sein, unanfechtbar, kalkulierbar. Der Wunsch nach totaler Sicherheit ist nicht unproblematisch, jedoch trotzdem allgegenwärtig, „weil doch sonst alles den Bach runtergeht“. Man muss hier nicht einmal an Hysterie und Panik im sogenannten Kampf gegen den Terror denken, oder generell daran, wie Medien wirtschaftliche oder politische Ängste schüren. Bereits 1982 war die US-Plattenfirma von Peter Gabriel in einer ungefährlicheren, aber ähnlichen Situation. Der Künstler wollte seiner Linie folgen und zum vierten Mal in Folge ein Selftitled-Album herausbringen. Die Verantwortlichen machten sich Gedanken, ob Musikkäufer da noch durchblicken würden, also bekam das Album für den amerikanischen Markt einen winzigen Untertitel, der im Nachhinein Bände spricht: Security.

Dogma oder Prinzip
Am Ende jenes Tages erstehe ich bei Paul ein paar eher untypische Updates für meinen Back-Katalog, darunter Sex Pistols Live At Chelmsford Top Security Prison und die Nothing Safe von Alice in Chains. Als Paul meine Neuerwerbungen eintütet, erkundigt er sich, ob ich eigentlich wüsste, was der Unterschied sei zwischen einem Dogma und einem Prinzip? – Gibt es da einen? Vielen Begriffen ist ja eine gewisse Unschärfe eigen. Paul schiebt die Tüte über den Tresen. „Mach die Sache genau so, wie ich es dir sage, weil ich dein Vater/Hauptmann/Superintendent (VHS) bin.“ So befiehlt ein Dogma. Gehorsam steht im Vordergrund, nicht das logische Verhältnis von angeordnetem Procedere und Erfolg. Ein Prinzip hingegen sagt: „Wenn du es so machst, wie ich vorschlage, dann wird es mit großer Wahrscheinlichkeit funktionieren.“ Keine Erfolgsgarantie, doch der größtmögliche Halt, den man in Vorbereitung einer Aktion bekommen kann: die Aussicht auf Gelingen. Paul gibt als handelndes Wesen zu Protokoll, ihm seien Prinzip und Dogma genau genommen gleichermaßen schnurz. Er tut einfach mal was. Und er will wissen, ob ich glaube, dass Gott würfelt. Ich glaube an gar keinen Gott. Falls es trotzdem einen gibt, möge er fair sein und Mühle spielen. Wie sich die großen Dinge in Unendlichkeit und Ewigkeit genau verhalten, kann ein Mensch ohnehin niemals wissen, weshalb sein Geist ständig ein bisschen ruhelos sein muss. Die Hindus glauben sogar, die Welt gehe unter, wenn Shiva mit dem Tanzen aufhört.